Ortenau
Dossier: 

Die Hofweierer Schweden: Wenn die Zeit den Atem anhält

Autor: 
Klaus Krüger
Lesezeit 6 Minuten
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02. Juli 2020

©Iris Rothe

In unserer Serie „Ortenauer Originale“ tauchen wir heute tief in die Vergangenheit, den 30-Jährigen Krieg. Heute (3): Gerd Bauert und Klaus Riehle aus Hofweier lassen die Geschichte der Region lebendig und erfahrbar werden.

Die Schweden. Ein abenteuerlicher Haufen, der im 30-jährigen Krieg (1618 bis 1648) als evangelische Macht unser Land verwüstete. Ähnlich wild, wie die katholischen Kaiserlichen, die unser Land verwüsteten.

Das ist lange her, aber es wirkt nach. Denn es gibt sie noch, die wilden Schweden; zumindest in Hofweier. Wenn sie auftauchen, scheint die Zeit den Atem anzuhalten. Die Hofweierer Schweden versuchen, die Zeit so authentisch wie möglich darzustellen (ohne Mord und Brandschatzung allerdings). Und sie sind fasziniert von der Schlichtheit, manchmal Kargheit des Lagerlebens; und der Wildheit und Freiheit, die Schweden damals ausstrahlten.

Hofweierer Schweden

Geburtshelfer und Impulsgeber der Schwedentruppe sind zwei Männer aus Hofweier: Klaus Riehle („Der kleine Offizier“), der die Idee hatte. Und Gerd Bauert, der als Generalissimus den Haufen leitet. 

Die Hofweierer Schweden gibt es seit 2007 – und dieses Jahr ist für Diersburg, ein anderer Hohberger Ortsteil, von besondereer Bedeutung. Da feierte das Dorf 750 Jahre Bestehen, die Hofweierer überlegten, als was sie am Fest teilnehmen könnten. Beim Jubiläum in Hofweier (2001) waren die Diersburger Römer gewesen; Römer waren also belegt, das fiel flach. Aber die Schweden wüteten ja nun auch in der Region. Sie waren in Wittenweier und Friesenheim, es gab große Schlachten mit Tausenden von Toten. Also schuf man diese Truppe, so historisch verbürgt wie möglich, mit Liebe zum Detail. Um bei Diersburg zu bleiben: Das Dorf hatte 1648, zum Ende des Krieges, noch 12 Einwohner. 
Gründlich recherchiert

Gerd Bauert: „Wir haben erst einmal gründlich recherchiert. Und Informationen von Stefani Roeder von Diersburg geholt“ – um zu wissen, wie das damals war mit den Schweden rund um Hohberg.
Zunächst brauchten die Schweden Kleidung und Ausrüstungsgegenstände. Es gab Workshops, gemeinsame Aktionen, und am Ende war das meiste selbst gebastelt, nach historischem Vorbild.

Authentische Kleidung ist Pflicht

Die Frauen nähten, die Männer fertigten die Waffen – die Hellebarden und die Schwerter, zusammen mit der Patenzunft der Beiabsäger, den Wildsaue vom Klingelberg. Die Landsknechttrommeln entstanden gemeinsam mit dem Fanfarenzug Bohlsbach. Herbert Bauer, (82) der Vater von Gerd, baute sechs Musketen. Herbert Bauers Motto: „Zeichnet es auf, ich baue es.“ In den Lagern gibt es Zelte und dreibeinige Feuerkessel. Authentische Kleidung ist Pflicht; Turnschuhe dazu sind verboten – auch für Kinder.

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Die Schweden starteten gleich richtig durch: Im Gründungsjahr waren sie 83 Erwachsene und 13 Kinder stark. Die Männer als Musketiere oder Landsknechte, die Frauen als Heilerinnen oder Marketenderinnen. Und die Kinder durften beim Umzug schon mal auf der Kanone mitfahren. Ergänzt wird alles mit Trompetern und Trommlern vom Musikverein. So viele Schweden sind sie übrigens bis heute geblieben. Personell überschneidet sich vieles mit der Narrenzunft der Beiabsäger Hofier, die Gerd Bauert leitet – die Schweden aber sind eine eigenständige Gruppe.

Drei Tage braucht es, bis ein Schwedenlager auf- und wieder abgebaut ist. Kein Wunder, dass so etwas nicht jedes Jahr vorkommen sollte. Das erste gab es 2007 in Diersburg, dann folgen 2013 Oberschopfheim und 2018 Schutterwald (immer zu Jubiläen der Orte). 

„Es ist ein Riesenaufwand“, sagt Generalissimus Bauert, „wir müssen eine Menge Utensilien besorgen und sie aufbauen.“ Und dann gibt es noch die Feuerwehrverordnung zu beachten. Große Anspannung und einiges an Druck gehören demnach dazu. Außerdem wollen sich die Schweden in jedes Jubiläum einbringen und sind mit vielen Aktionen dabei, wie Klaus Riehle ergänzt. In Schutterwald war es der Auftritt mit der Heckertruppe (einschließlich Böllern), in Oberschopfheim war man quasi als Polizeitruppe unterwegs. Und in Diersburg? Als Garde von Bürgermeister Klaus Jehle, was zu jenem legendären wie feuchten Versuch führte, das Fass Festbier anzustechen. Die Qualität der Schweden spricht sich herum, nicht zuletzt wegen eines Beitrags des SWR-Fernsehens über ihr Lager. Und so werden sie eingeladen – in Schutterwald war das der Fall. Anderen Wünschen können sie gar nicht mehr nachkommen. 

Die Lager sind deshalb so attraktiv, weil alles Moderne fehlt. Feuer ja, elektrisches Licht nein, wilde Gesellen im Halbdunkel des Lagerfeuers, ebenso wilde Marketenderinnen, die alle aus Humpen ihr anregendes Getränk zu sich nehmen; dazu das Spanferkel, das per Hand über dem Feuer gedreht wird. Manchmal brüllt einer, das muss ein wilder Schwede auch mal tun. Aber das stört nicht die Romantik des ganzen Arrangements. „Es entschleunigt“, wie Bauert sagt. 
„Es ist ein Riesenspaß für uns und die Besucher“, weiß Riehle. Jeder denkt sich eine Figur aus und spielt sie während der Zeit – so stimmig wie möglich. Und so ist es kein Wunder, wenn sich alle „tierisch“ auf ein Lager gefreut haben. 

Genauso übrigens wie die Zuschauer. Riehle: „Als wir in Diersburg einmarschiert sind, kamen die Leute aus den Höfen und haben gejubelt.“ Der Abstand von fünf Jahren zwischen den Großereignissen bezeichnet Bauert als optimal. In den anderen Jahren machen die wilden Gesellen Kleinigkeiten – wie Auftritte zu runden Geburtstagen.

Höhepunkte außerhalb der Lager gab es auch. Etwa die Schlacht bei Nördlingen, einem historischen Nachspiel jenes Gemetzel im Jahr 1634, bei dem die schwedischen Truppen gewaltig einen auf den Hut bekommen hatten. Die Hofweierer kamen zu dem Spektakel zwar in voller Montur, wollten aber eigentlich nur zuschauen. Als die Veranstalter sie sahen, so imposant und authentisch, mussten sie sofort ran. „Es war gewaltig. Ein ganzer Hügel voller Landsknechte“, schwärmt Klaus Riehle heute noch. „1000 Mann“. Aber klar war auch, dass die Schweden das Kanonenfutter spielten und reihenweise sterben mussten. So wollte es das historische Drehbuch. Anschließend schleppten Marketenderinnen die Toten vom Schlachtfeld und plünderten sie aus.

„Manche waren so begeistert, dass sie dreimal mitmachten und dreimal gestorben sind“, lacht Riehle. Trotz Corona planen die Schweden weiter – ihr Narrengericht zum Beiabsäger-Jubiläum hat dem ONB so gefallen, dass sie jetzt zu anderen Anlässen gebucht werden sollen. Auch ein Schwedenlager in Hofweier wäre schick, an der Blockhütte oder im Ort. 

Die Schweden waren im 30-Jährigen Krieg wilde Gesellen, es waren Jahrzehnte voller Gemetzel auf deutschem Boden – „aber so war‘s“, sagt Klaus Riehle. Und Gerd Bauert weiß: „Das können wir nicht schönreden.“ Andere waren aber auch nicht besser.
Bleibt noch ein Wunsch zu erfüllen – wenn es die Pandemie geplagten Zeitläufe zulassen: Endlich mal nach Schweden zu reisen. Denn da waren die beiden bisher noch nicht.

Zur Person

Bauert, Riehle

Gerd Bauert (Hofweier) ist 48 Jahre alt, verheiratet, zwei Kinder. Er arbeitet als Groß- und Außenhandelskaufmann bei Elektrogroßhandlung Friedrich Streb in Offenburg. Ehrenämter: 1. Zunftmeister der Narrenzunft Beiabsäger Hofier (seit 1999), aktiver Beiabsäger seit 1987, im Zunftrat seit 1991. Vereinssprecher von Hofweier, Gemeinderat.
Klaus Riehle (Hofweier) ist verheiratet mit Elke, sie haben zwei Kinder. Er ist Versicherungsfachmann. Seit 2010 ist er IHK-Ausbilder. 2014 rückte er in den Hohberger Gemeinderat nach. Seine Hobbys sind Beiabsäger, Tennis und Fußball.

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