Ortenau

»Die Tage der Eisbären sind gezählt«

Autor: 
Iunia Mihu
Lesezeit 9 Minuten
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27. August 2009
Treffpunkt Burda-Medien-Park: Schauspieler Hannes Jaenicke im Interview mit Iunia Mihu von der Mittelbadischen Presse.

(Bild 1/2) Treffpunkt Burda-Medien-Park: Schauspieler Hannes Jaenicke im Interview mit Iunia Mihu von der Mittelbadischen Presse.

Der bekannte Schauspieler Hannes Jaenicke (»Tatort«, »Jenseits der Stille«) hat eine große Leidenschaft: Dokumentarfilme – nicht nur zum Anschauen, sondern er dreht auch selbst. Nachdem er sich im vergangenen Jahr für bedrohte Orang-Utans engagiert hat, will er in seinem neuen Dokumentarfilm »Im Einsatz für Eisbären« (zu sehen am Dienstag, 8. September, 20.15 Uhr im ZDF) zeigen, wie bedrohlich die Lage der Eisbären ist. Gestern war Jaenicke bei »Starvisit« im Offenburger Burda-Medien-Park zu Gast. Im Interview mit der Mittelbadischen Presse erzählte er von seiner Begegnung mit den »weißen Riesen« und verrät, was ihn richtig wütend macht.

Wie bedroht sind die Eisbären?
Hannes Jaenicke: Das kann man gut an Zahlen benennen: Es gibt noch ungefähr 23 000 Stück, 19 Populationen, von denen sind wahrscheinlich fünf schon so reduziert, dass sie sich genetisch nicht mehr gesund fortpflanzen können und sich über Inzucht selbst erledigen werden. Wobei das Problem gar nicht die bescheidene Anzahl ist, sondern das Tempo, in dem die Nordpolkappe wegschmilzt.
Gibt es konkrete Zeitrechnungen?
Jaenicke: Ja, es gibt Rechnungen, die variieren zwischen 20 und maximal 40 Jahren, bis das Eis ganz weg ist, und dann haben die Eisbären nicht mehr das, was ihren Namen ausmacht – nämlich Eis. Und ohne Eis können die nicht leben. Ich wusste vorher auch nicht, dass sich Eisbären während des Sommers gar nicht ernähren, sondern sich im Winter bis zu 60 Prozent Fettdepots anfressen, von denen sie dann im Sommer leben. Jetzt ist der Winter aber so kurz geworden, dass die Tiere immer dünner, immer schwächer geworden sind, die Weibchen immer weniger Junge kriegen. Und vor allem: 50 Prozent der Babys überleben das zweite Lebensjahr nicht, einfach aus Mangel­ernährung. Die Tage der Eisbären sind gezählt.
Sie erwähnen in Ihrem Film »Im Einsatz für Eisbären« die Jagd – inwieweit sind wir am Aussterben der Tiere beteiligt?
Jaenicke: Die Jagd ist natürlich ein Skandal. Es werden offiziell in Kanada zwischen fünf und 25 Stück geschossen. In Russland gibt’s gar keine Zahlen, in Grönland auch nicht. Aber das ist auch nicht das wirkliche Problem. Das wirkliche Problem ist der Energiekonsum und vor allem der Verbrauch von fossilen Brennstoffen. Solange es so weitergeht, wird der Eisbär, egal ob er gejagt wird oder nicht, aussterben.
In knapp einem Monat ist Bundestagswahl – was wünschen Sie sich von der neuen Regierung?
Jaenicke: Die Liste wär’ aber lang. Wie lange wollen Sie das Interview jetzt führen?
Bleiben wir einfach mal beim Tierschutz.
Jaenicke: Also Tierschutz ist für mich immer ein Teil von Umweltschutz. Tierschutz alleine macht keinen Sinn. Weil alle Tiere, die aussterben, sterben aus einem einzigen, sehr einfachen Grund aus: Habitatverlust. Der Orang-Utan stirbt aus, weil der Regenwald verschwindet, der Eisbär stirbt aus, weil das Eis verschwindet. Und dann können wir Tierschutz nicht getrennt betreiben. Natürlich wär’s schön, wenn wir endlich ein Importverbot von Tropenholz bekämen, ein Verbot für den Import von Eisbärenfellen, die immer noch als Haushaltswaren und Schmuckobjekt munter weiter importiert werden. Deutschland ist der größte Importeur von Eisbärenfellen in Europa – keine Ahnung warum.
Gibt es eine Aussage von einem Politiker zum Thema Tier- und Umweltschutz, die Sie so richtig wütend gemacht hat?
Jaenicke: Was mich am allerwütendsten gemacht hat, waren so Herren wie Söder oder Seehofer, die sagten, jetzt haben wir ’ne Wirtschaftskrise, jetzt muss der Umweltschutz hintenan stehen. Das ist so wahnsinnig dämlich und kurzsichtig, das macht mich ganz sprachlos.
Im Film sieht man Sie an Eisbären vorbeilaufen...
Jaenicke: Das waren zehn, 15 Meter Entfernung.
...und Sie versuchen auch mit versteckter Kamera zu filmen. Wurde es während den Dreharbeiten auch gefährlich?
Jaenicke: Nein. Wir gehen da auch keine unnötigen Risiken ein. Ich habe einen großartigen Kameramann und Produktionspartner, Markus Strobl, der ist Familienvater. Wir machen das so, dass uns da jetzt nicht wirklich was passieren kann. Und ganz ehrlich, Kanada ist ein zivilisiertes Land, da wird man nicht erschossen, nur weil man mit versteckter Kamera durch die Gegend läuft. Das Schlimmste, was passieren kann, ist dass das Filmmaterial abgenommen wird. Das war sicherlich in Indonesien anders, als wir da auf dem Tiermarkt in Jakarta waren. Da mussten wir schon mehr aufpassen, weil da schon Leute umgebracht wurden, die versuchten aufzudecken, was da aufzudecken ist.
Bei den Eisbären waren wir mit dem deutschen Biologen Matthias Breiter unterwegs. Er betreibt seit 20 Jahren Eisbärenforschung, hat immer eine Waffe dabei, die er noch nie abgefeuert hat. Wir sind da gelaufen, die Bären heben vielleicht mal kurz den Kopf, schnuppern in unsere Richtung und drehen sich dann gelangweilt wieder ab. Also wir stehen definitiv nicht auf dem Speisezettel der Eisbären.
Der Film ist Teil einer Doku-Reihe. War es von Anfang an so geplant?
Jaenicke: Nein. Der Pilotfilm über Orang-Utans, den haben wir als Testballon steigen lassen. Das ZDF war mutig und engagiert genug zu sagen: Das hat uns gefallen, das hatte eine gute Quote, das machen wir jetzt weiter.
Warum war das ZDF mutig?
Jaenicke: Also, mein Kameramann und ich haben den Film über Orang-Utans erst mal vorfinanziert und haben zunächst einen Teaser gedreht und sind mit diesen 15 Minuten von Sender zu Sender gegangen. Ganz ehrlich, ich war bei jedem Sender. Ich war sogar bei Sendern, von denen ich gar nicht wusste, dass es die überhaupt gibt. Der einzige Programmchef, der den Mumm hatte zu sagen, wir probieren das jetzt, war der ZDF-Programmdirektor Thomas Bellut. Ich war unendlich dankbar und ich bin da wirklich in guten Händen.
Welche Filme aus der Reihe folgen noch?
Jaenicke: Jetzt zeigen wir zunächst einmal die Eisbären und dann die Haie. Beide Filme sind fertig. Der Eisbären-Film wird am 8. September, die Haie am 3. November gezeigt. Dann drehen wir über den nächsten Winter verteilt einen Film über Gorillas, das Kongobecken, und zeigen, warum Gorillas ausgerottet werden.
Sie sind sehr engagiert – was ist Ihre Motivation?
Jaenicke: (überlegt) Hm, also ich bin mit größtem Vergnügen Schauspieler, mache mit größtem Vergnügen leichte Unterhaltung, habe überhaupt keine Berührungsangst mit Schmonzetten. Aber ich denke, man kann das auch noch ein bisschen anders nutzen. Ich finde, das deutsche Fernsehen bietet sehr viel an leichter Unterhaltung, zum Teil auch sehr gut, aber dann doch relativ wenig im ambitionierten Bereich. Und da hab’ ich mir immer gedacht, das kann man nutzen, um mal was ganz anderes zu machen. Ganz nebenbei, bin ich auch ein großer Fan von Dokumentationen. Eigentlich das Einzige im Fernsehen, was ich mit großem Vergnügen schaue, manchmal fast junkiemäßig gucke.
Haben Sie in dem Bereich Vorbilder?
Jaenicke: Ja. Also wenn ich die finanziellen Mittel eines Michael Moore hätte, würde ich so drehen wie der. Er hat das Dokumentationsgenre absolut revolutioniert. Das ist ein Mann, den bewunder’ ich zutiefst. Ich fand auch den Film von Al Gore »Eine unbequeme Wahrheit« fantastisch. Also, es gibt da jede Menge Vorbilder, denen ich sehr gerne nacheifern würde.
Sie kommen aus der Unterhaltungsbranche. Da sind Quoten das A und O, damit ein Film erfolgreich ist – wie wichtig sind hier Quoten?
Jaenicke: Genauso wichtig wie in der Unterhaltung. Und ganz ehrlich, wenn so ein Film keine Quote hat oder die Serie abschmiert, dann sollten wir das auch nicht weitermachen, denn ich arbeite für ein Publikum. Und wenn das, was man macht, kein Publikum findet, dann sollte man kurz nachdenken (lacht). Also ich hoffe natürlich sehr, dass wir eine gute Quote haben und ich wäre ehrlich gesagt traurig, wenn wir quotenmäßig abschmieren würden. Wir haben einen knallharten Sendeplatz. Wir laufen gegen RTL, C.S.I., wir laufen gegen Dieter Pfaffs »Dicken« in der ARD. Wir hätten nie gedacht, dass wir ins Hauptabendprogramm gehievt werden. Das ist eigentlich konzipiert für 22.15 Uhr. Aber das ist eine ZDF- Entscheidung und ich kann nur hoffen, dass sie sich nicht verheben.
Ihre Arbeit als Schauspieler und Ihr Einsatz für den Tierschutz – prallen diese zwei Welten auch mal aufeinander?
Jaenicke: Ja, natürlich. Ich konnte in den letzten anderthalb Jahren nicht so viele Filme drehen, wie ich normalerweise drehen würde. Einfach, weil wir viel unterwegs sind mit diesen Dokus. Wir waren für die Eisbären in der Arktis, für die Haie in Costa Rica. Ich war jetzt so viel unterwegs, dass ich gewisse Sachen absagen musste – was mir bei der Qualität des durchschnittlichen deutschen Drehbuchs nicht allzu schwer fällt. Ich musste leider einmal einen Film absagen mit Rosanna Arquette. Da hat mir das Herz ein bisschen geblutet. Aber da hab’ ich auch gesagt, das ist ein Zeichen. Dann kann ich viele Dokus machen. Vielleicht ist das auch mein Mini-Vermächtnis an die Fernsehbranche. Aber ich drehe jetzt wieder einen großen Zweiteiler und gehe doch ganz brav in meinen geliebten Job zurück.
ZDF-Moderator Markus Lanz hat Sie »Öko-Fundamentalist« genannt – sind Sie lieber Schauspieler oder Öko-Fundamentalist?
Jaenicke: Ich bin leider kein Öko-Fundamentalist. Dazu lebe ich zu inkonsequent. Ich fliege immer noch zu viel. Ich fahre Motorrad, habe ein Auto, das leider immer noch mit fossilen Brennstoffen fährt. Ich bin bei Gott kein Vorbild. Wir wissen auch, dass dieses Drehen einer Umweltdoku, mit einer vierköpfigen Crew und 400 Kilo Kamera-Equipment herumzufliegen, auch nicht gerade umweltfreundlich ist. Was wir da veranstalten, ist ein ganz großer fauler Kompromiss, das wissen wir. In meinem Privathaushalt bin ich dann schon eher fundamentalistisch.
Aber ich werd’ den Teufel tun, meinen Job an den Nagel zu hängen. Weil ich hab nun einmal den unterhaltsamsten Beruf der Welt, die Schauspielerei, und er macht mir selbst nach 30 Jahren immer noch so unglaublich viel Spaß, dass ich das doch bitte gerne weitermachen würde.

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Biografie
Hannes Jaenicke
Hannes Jaenicke wurde zwar am 26. Februar 1960 in Frankfurt am Main geboren, lebte aber bis zu seinem zehnten Lebensjahr in Pittsburgh, Pennsylvania / USA. Als er zehn Jahre alt war, ging die Familie zurück nach Deutschland. Nach seiner Schauspielausbildung in Wien und London spielte er lange Zeit Theater. 1984 entdeckte der Regisseur Carl Schenkel den jungen Mimen für seinen Kinofilm »Abwärts«, wo Jaenicke an der Seite von Götz George spielte. Das war der Beginn seiner Karriere. Für das Drehbuch für den Dreiteiler »Sardsch« (1997) bekam er den Adolf-Grimme-Preis.

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