1970 gegründet

Ein Rückblick: 50 Jahre Verein "Leben mit Behinderung Ortenau"

Dominik Kaltenbrunn
Lesezeit 3 Minuten
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07. Februar 2020

Gaben einen Rückblick auf 50 Jahre „Verein Leben mit Behinderung Ortenau“ (von links): Konrad Ritter, Mechthild Wiemann, Hans Mußler und Fides Köhne. ©Ulrich Marx

Der Verein „Leben mit Behinderung Ortenau“ feiert 2020 sein 50-jähriges Bestehen. Für die Zukunft wünschen sich die Verantwortlichen, dass die Innovationskraft des Vereins beibehalten wird und weiterhin streitbare Eltern gefunden werden, die sich für die Interessen ihrer behinderten Kinder einsetzen.

Aus den schwierigen Gründungsjahren des Vereins berichtete Urgestein und Ehrenmitglied Hans Mußler. Für seine 1966 geborene schwerstbehinderte Tochter war er auf der Suche nach Pflege- und Betreuungsmöglichkeiten. Mangels Alternativen in der Region fuhr er seine Tochter zur Krankengymnastik in die Uniklinik Freiburg. „Das war eine Schnapsidee, das bisschen Krankengymnastik hat nichts gebracht“, erzählt er. Die langen Fahrten seien für seine Tochter anstrengend gewesen.

Mußler fing an, in Offenburg und der Umgebung – den Landkreis Ortenau gab es damals noch nicht – nach engagierten Eltern zu suchen, um einen Verein für die Region zu gründen, der sich für die Interessen behinderter Kinder einsetzt. „Viele Eltern waren damals aber trostlos und wollten nicht, dass ihre behinderten Kinder erfasst werden. Die hatten noch die Euthanasie im Nationalsozialismus im Hinterkopf“, sagt Mußler.

„Schlimme Zustände“

Auch Beschäftigte in den Sozialämtern hätten häufig gegen die Gründung eines solchen Vereins argumentiert. „Das waren schlimme Zustände damals. Im Prinzip wollte jeder die behinderten Kinder nur wegschieben.“ 1970 war es geschafft: Mit zehn Mitgliedern wurde der „Spastiker-Verein Offenburg“ gegründet. 

Zwar gab es damals schon die „Lebenshilfe“, die aber nur für geistig, und nicht körperlich Behinderte zuständig war. Die Eltern seien damals auf sich alleine gestellt gewesen.

Beginn mit mobiler Krankengymnastik

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Erstes großes Projekt und Verdienst von Mußler war der Aufbau einer mobilen Krankengymnastik, berichtet Konrad Ritter, der seit 40 Jahren im Vereins-Vorstand tätig ist. „Barrierefreiheit, etwa bei Bussen und Zügen, gab es damals noch nicht. Daher war es wichtig, zu betroffenen Familien nach Hause zu kommen“, so Ritter. „Nicht jeder hatte damals ein Auto, um mobil zu sein“, ergänzt Mußler.

In den 1980er-Jahren lag der Schwerpunkt auf der Etablierung von „entlastenden Diensten“, sagt Ritter. Dafür wurde in Offenburg-Hildboltsweier ein Haus erworben und behindertengerecht umgebaut. Ab 1982 wurden dort Wochenendbetreuungen für behinderte Kinder organisiert. „So konnten betroffene Eltern wieder einmal ins Kino oder Schwimmbad gehen – das war ihnen jahrelang verwehrt gewesen.“ Das Angebot konnte bald ausgeweitet werden, etwa auf die Schulferien.

Ein weiterer großer Schritt war die Eröffnung des Servicehauses in Achern-Gamshurst mit fünf Plätzen 1992. „Dabei und bei vielem anderen hat uns Stefan Carolus, von 1975 bis 1997 Sozialdezernent des Ortenaukreises, ideell sehr unterstützt“, sagt Ritter. Im selben Jahr stieß Mechthild Wiemann zum parteipolitisch und religiös neutralen Verein. Sie wurde vor allem durch Walter Reiling, damals Leiter der Schule für Körperbehinderte in Offenburg, für das ehrenamtliche Engagement motiviert.

Vollstationäre Versorgung

Vollstationäre Versorgung konnte der Verein ab 2001 mit der Eröffnung des Hauses Damasina in Schutterwald anbieten, erzählt Ritter. 

Laut Statistischem Bundesamt wurden 2017 neun von 100 000 Babys mit Cerebralschäden geboren, sagt Ritter. „Das entspricht in der Ortenau 37-38 Fällen pro Jahr.“ Die Betreuung dieser Kinder sei eine „gewaltige Aufgabe“, die der Kreis in Zusammenarbeit mit dem Verein Leben mit Behinderung Ortenau bewältigen müsse.

Heute hat der Verein laut Wiemann knapp 300 Mitglieder und betreut etwa ebenso viele Familien. Ritter wünscht sich 50 Jahre nach der Vereinsgründung, dass die gute Arbeit fortgesetzt wird. „Das Pfund unseres Vereins ist, dass wir Verantwortlichen alle jahrezehntelange Erfahrung mit Behinderten haben.“ Er hofft, dass die bisherige Innovationskraft beibehalten wird und auch zukünftig streitbare Eltern gefunden werden, die sich im Verein engagieren.

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