Ortenau-Reportage

Ein Schritt voran zurück ans Feuer

Autor: 
Bettina Kühne
Lesezeit 6 Minuten
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09. Juli 2015
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©Peter Heck

Am Neuenbachhäusle in Hausach-Einbach duftet und dampft es: Beim VHS-Kurs »Wilde Küche« werden mit Wildkräutern verfeinerte Gerichte auf offenem Feuer gekocht. Was zunächst wie Grillen aussieht, soll aber nicht nur schmecken, sondern eine »heilsame Begegnung mit der Natur« möglich machen.

Hüten muss sein. Ohne geht es nicht, das wussten schon die alten Römer: Die Vestalinnen waren in ihrem Tempel dafür zuständig, dass das Herdfeuer niemals erlosch. Doch am Neuenbachhäusle wurden die Rollen getauscht: Karl-Heinz Kasper legt Holz nach. Gut 50 Scheid gemischter Holzarten trägt er an diesem Abend  zur Feuerschale, die in einem Zinken in Hausach-Einbach am Boden steht. Und wenn das knisternde Holz zu glühender Kohle geworden ist, verfrachtet er es in eine irdene Schale mit Stehfuß.

Während man zuhause am Herd bequem an ein paar Knöpfen dreht, ist die richtige Hitze beim Auszeit-Seminar von »Naturfühlungen« eine Mischung aus Augenmaß und Erfahrung. Schwarzwald-Guide Simone Kasper und Gesundheitspädagogin Sabine Güllert haben sie: Die beiden sind zudem Landschaftstherapeutinnen und leiten eine kleine Gruppe an, die beim VHS-Seminar das »Kochen am Feuer« kennenlernen will.

Grillen kann jeder, und eine Teilnehmerin weiß sogar schon, wie man am Feuer eine Suppe warm bekommt: Ina Barteler aus Villingen-Schwenningen ist Erzieherin in einem Waldkindergarten und wärmt ihre Schützlinge in der kalten Jahreszeit öfter mit Eintopf, den sie auf dem Feuer erhitzt. Als sie den Flyer von Kasper und Güllert bei einer Freundin entdeckt hatte, fand sie »die Idee, etwas umfangreicher am Feuer zu kochen, sehr schön«. Es klang verführerisch, was da auf dem Feuer unter dem Titel »Wilde Küche« zubereitet werden sollte: Brennnesselchips und Beinwell-Cordon bleu etwa.

Kräuter sammeln – wie eigentlich geplant – müssen die acht Teilnehmerinnen an diesem Sommerabend nicht mehr. Die beiden Kursleiterinnen hatten das erledigt; der Tag war zu heiß gewesen, um mit der Gruppe abends noch lange durch die Flur am Waldrand zu pilgern. Zunächst kämpfen die Damen gegen die Härchen. Die Brennnesselblätter müssen sehr vorsichtig in die Pfanne: Feuer, Rauch, heißer Butterschmalz und Brennhärchen heißen die Herausforderungen. »Wenn sie etwas kraus sind, sind sie fertig«, sagt Kasper. Dann werden sie auf Küchenpapier gelegt und mit einer Mischung aus Salz und Paprika betreut.

Vielleicht zögern die Hände ein kleines bisschen, bis der erste Chips in den Mund geschoben wird. Doch die Vorsicht ist schnell vorüber: Schneller als eine konventionelle Packung Chips sind die leckeren Pflanzen aufgegessen. »Ich werde sie zu Hause nachmachen, aber wahrscheinlich nicht auf dem offenen Feuer«, sagt Annette Götz aus Hausach. Christine Isenmann aus Steinach hat ihrer kleinen Tochter schon versprochen, dass sie die Rezepte auch mit ihr zusammen einmal zubereiten wird.

Beim Beinwell sollen die rauen Haare ebenfalls weg. Auf einem Biertisch bearbeiten einige Frauen die ledrigen Blätter, bis sie sich geschmeidig um den Käse legen lassen. Dann werden die kleinen Päckchen noch in Tempura-Teig getaucht und dürfen ebenfalls aufs Feuer. Oder vielmehr in eine der gusseisernen Pfannen, die am Feuer platziert wurden. Am Tisch sind schon entspannte Gespräche im Gange. »Es ist einfach ein Abend zum Genießen«, sagt Ulrike Hansert aus Hausach. Und damit erlebt sie eigentlich genau das, was das junge Dozentinnen-Team – normalerweise gehört noch Lissy Mutschler dazu – vermitteln möchte: »Heilsame Begegnungen mit der Natur.«

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Wie weit sich der Mensch von dieser schon entfernt hat, macht eine kleine Warnung von Kasper klar: So gut die Wildkräuterküche schmeckt – man sollte sie genießen, und nicht in rauen Mengen essen. »Durch die Bitterstoffe verträgt der Mensch sie nicht mehr«, erklärt sie. Ein farbenprächtiger Salat erfreut die Besucher genauso wie das eigene Quellwasser, das ebenfalls bunt und geschmacklich reich daherkommt. Lavendel, Johannisbeeren, Himbeeren und Pfefferminze wurden hineingegeben – ein dezenter, aber erfrischender Geschmack. »Der Rahmen stimmt hier einfach«, freut sich Adelheid Schnurr aus Hausach. Beatrix Wurster pflichtet ihr bei: »Es macht einfach Spaß und der Alltag ist weit weg.«

Nach einer kleinen Ruhepause steht das Hauptgericht an. Der Gemüse-Bulgur wird dafür in einem sogenannten »Siedlertopf« zubereitet: Er wird direkt in die Glut geschoben. Im Campingbedarf könne man solche Töpfe erstehen, verrät Kasper. Der Deckel liegt oben drauf, und auch er wird mit Glut befüllt. Jetzt heißt es auf der Hut sein: Die direkte Hitze bringt den Topf zuverlässig in Wallung.

Während sich einige Augen auf den brodelnden Topf konzentrieren, helfen andere Hände, den Knoblauch zu schneiden und ihn mit Schafsgarbe zusammen anzubraten. Auch der Fisch kommt in die Pfanne. Das Feuer entfaltet seine Kraft. »Das Essen ist schneller fertig als beim konventionellen Kochen«, erklärt Kasper. Vorsichtig zieht sie den gusseisernen Topf mit einem Haken aus der Glut. Vorsichtig wird der Stab dann in den Deckel eingehängt, um ihn abzunehmen. Spezielle Topflappen verhindern, dass man sich verbrennt.

Es wird geschöpft und genossen: Neugierig folgen die Gäste zum letzten Mal zum Kochtisch. Bananen werden eingeritzt. In jede kommt ein Stückchen Schokolade. Dann heißt es: ab ins Feuer. Vorsichtig werden die Schiffchen platziert, die schon eine natürliche Schutzschicht mitbringen: ihre Schale. Die wird gleich unansehnlich, aber die köchelnde Banane beginnt, ihr Aroma zu entfalten. Indes: Fertig ist sie erst, wenn die Schokolade in ihrem Innern geschmolzen ist.

Die heitere Runde löffelt das Dessert aus. Und die eine oder andere Dame weiß sofort, dass sie das so einfache wie effektvolle Gericht auch zu Hause einmal zubereiten wird. Dann werden auch die Stimmen verstummen, die zunächst gespöttelt hatten. Eine war mit »Ach, ist dein Herd kaputt« humorvoll zum Kochen am offenen Feuer verabschiedet worden.

Doch davon hat sich niemand abschrecken lassen, mit der Natur auf neue Weise auf Tuchfühlung zu gehen. Die Frauen fragen noch nach dem aktuellen Kursangebot. Kasper holt den aktuellen Flyer – für »Faszination Bäume« gibt es schon weitere Extra-Termine. Auch damit verfolgen Kasper, Güllert und Mutschler ihr Konzept, Menschen eine Auszeit zu bieten. »Die Beziehung zu uns und zur Natur« würde in diesen kostbaren Stunden neu geordnet, weiß Kasper.

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