Ortenau

Exhibitionisten: "Das sind absolute Durchschnittsbürger"

Autor: 
Jens Sikeler
Lesezeit 8 Minuten
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05. Mai 2017
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(Bild 1/2) ©Shutterstock

In den vergangenen Woche hat die Mittelbadische Presse mehrfach über Exhibtionisten in der Ortenau berichtet.  Wir haben deshalb mit der Psychologin Anna Beckers über die Ursachen für dieses Verhalten  gesprochen, wie man diesen Männern am besten helfen kann und wie gefährlich sie sind.

Was ist Exhibitionismus? 

Anna Beckers: Exhibitionismus ist ein abweichendes Sexualverhalten. Es wird auch subsumiert unter den Störungen der Sexualpräferenz. Das kommt dadurch zum Ausdruck, dass die betroffene Person den oft auch zwanghaft erlebten Drang verspürt, sich in der Öffentlichkeit zu entblößen. Häufig handelt es sich dabei um eine versteckte Öffentlichkeit, das bedeutet, jemand springt vielleicht in einem Park hinter einem Busch hervor. Öffentlichkeit bezieht sich meistens darauf, dass es eben unbekannte Personen sind. Es ist selten so, dass sich jemand in einer großen Menschenmenge entblößt. 

Woher rührt der Exhibtionismus? 

Beckers: Wie bei fast allen Abweichungen im Sexualverhalten gibt es auch hier ganz unterschiedliche Erklärungsmuster und letzten Endes keine eindeutige Antwort, woher diese Störung kommt. Experten gehen davon, dass es eine Kombination aus erlerntem Verhalten und biologischen Anlagen ist. 

Erlerntes Verhalten? 

Beckers: Wie in allen Bereichen, lernen wir auch im Bereich der Sexualität, was später unsere Präferenzen ausmacht. Wir finden bei Personen, die von Exhibitionismus betroffen sind, häufig eine hohe soziale Ängstlichkeit und eine geringe Fähigkeiten im Aufbau von Kontakten zu anderen Personen, inbesondere auch zu potenziellen Partnern. Deshalb gehen manche Theorien davon aus, dass es sich um ein inadäquates Werbeverhalten im weitesten Sinne handelt. 

Was ist der typische Exhibtionist für ein Mensch? 

Beckers: Das ist der absolute Durchschnittsbürger. Er ist in ungefähr zwei Dritteln der Fälle verheiratet und hat dementsprechend manchmal auch Kinder. Auch was die berufliche Ausbildung und den sozialen Status angeht, bewegen sie sich im Durchschnitt. Umso überraschender ist es deshalb auch für die Angehörigen oder Kollegen, wenn es zu solchen Vorfällen kommt, weil es sich meistens um Personen handelt, von denen man das eben nicht gedacht hätte. 

Ist es denn ein Widerspruch, wenn diese Personen in Beziehungen leben und auf der anderen Seite eingeschränkt in ihren sozialen Interaktionen sind? 

Beckers: Auch sozial gehemmte Personen leben durchaus in Beziehungen, nur fühlen sie sich in diesen Beziehungen nicht sonderlich kompetent und sind dort nicht in der Lage Bedürfnisse kundzutun und etwa offen über Sexualität zu sprechen.

Kann man davon ausgehen, dass es sich meistens um Männer handelt? 

Beckers: In der ganz überwiegenden Anzahl der Fälle handelt es sich um Männer. Das Verhalten ist nur bei Männern strafbar. 

Gibt es dafür eine plausible Erklärung? 

Beckers: Es ist nicht unumstritten, weil es dem Gleichstellungsgebot widerspricht. Es wird darauf zurückgeführt, dass Exhibitionismuss so gut wie nie bei Frauen vorkommt. In der Literatur wird diskutiert, ob sich weiblicher Exhibitionismus auch durch sehr freizügige Kleidung zeigt, die eben bei Männern sowieso nicht angebracht ist. 

Wann tritt das Verhalten zum ersten Mal auf? 

Beckers: Die Störung, die dahinter liegt, besteht meist ein Leben lang. Die Betroffenen merken ab der Pubertät, dass sie sexuelle Fantasien in dieser Richtung haben.  Diesem Drang wird nicht immer sofort nachgegeben.  

In welchen Situationen kommt es zu exhibitionistischen Handlungen?  

Beckers: Das kann sehr unterschiedlich sein. Man geht davon aus, dass Exhibitionismus als Handlung vor allem in stressreichen und mit Anspannung verbundenen Lebensphasen auftritt und in diesen Phasen zu einem Spannungsabbau und zu einer Stressreduktion führen kann. 

Ist das für die Männer die einzige Form der sexuellen Befriedigung?

Beckers: Das ist meistens nur eine von mehreren sexuellen Spielarten. Diese Personen leben zum überwiegenden Teil auch in Beziehungen, in denen Sexualität  gelebt wird. 

Woher rührt die Lust? 

Beckers: Das ist von Exhibitionist zu Exhibitionist unterschiedlich. Es geht häufig um Ekel, den derjenige bei seinem Gegenüber sieht. Es geht eben auch um das Erschrecken. Es ist sicher auch eine Kontrolle, die man in dieser Situation über andere hat. Das heißt, ICH bringe jemanden anderen dazu, dass er Ekel empfindet. Damit kontrolliere ich die Situation. Das sind die wichtigsten Wünsche, die ein Exhibitionist formuliert: Ekel, Überraschung, Erschrecken, selten Angst.

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Geht ein Exhibitionist, wenn er sich nackt zeigt, auf die Menschen zu? 

Beckers: Meistens wahrt er Abstand. Es kommt so gut wie nie zu körperlichem Kontakt und erst recht nicht zu irgendwelchen gewalttätigen Übergriffen.

Findet die Befriedigung nur im Kopf statt? 

Beckers: In der Situation kommt es meist nicht zu Selbstbefriedigung aber häufig danach. 

Ist das vor allem ein Phänomen, das bei warmen Temperaturen vorkommt? 

Beckers: Mir liegen dazu keine statistischen Daten vor. Diese Häufung wäre aber ganz sicher plausibel nachvollziehbar.

Wie gefährlich sind sie?

Beckers: Die Gefahr kann schon aus diesem Verhalten alleine resultieren. Statistiken sagen uns, dass jemand, der nicht vorbelastet ist, in aller Regel durch das Sehen eines Exhibitionisten nicht beeinträchtigt wird. Es gibt sehr viele Personen, die in der Vergangenheit das Opfer von Sexualdelikten geworden sind oder auch von sexuellem Missbrauch. Diese Personen können durch das Sehen eines Exhibitionisten in eine Krise gestürzt werden. 

Ist ein Exhibitionist ein potenzieller Vergewaltiger? 

Beckers: In aller Regel nicht. Es bleibt beim Zuschaustellen und sich zeigen. 

Gibt es einen Zusammenhang zwischen dieser und anderen sexuellen Störungen? 

Beckers: Exhibitionismus bezieht sich meistens auf Personen, die auch ansonsten der sexuellen Präferenz entsprechen. Wenn wir es mit einem Täter zu tun haben, dessen sexuelle Präferenz erwachsene Frauen sind, dann wird er sich am ehesten vor erwachsenen Frauen entkleiden. Wenn die sexuelle Präferenz sich auf Kinder bezieht, dann muss man damit rechnen, dass er sich auch vor Kindern entblößt. Dann sprechen wir allerdings nicht mehr von Exhibitionismus, sondern wegen der strafrechtlichen Perspektive von sexuellem Missbrauch.

Was raten Sie Menschen, die einem Exhibitionisten begegnet sind und die sich schwer tun, mit der Situation umzugehen? 

Beckers: Der erste Schritt ist es, sich an Familienangehörige und Freunde zu wenden. Sollte das nicht ausreichen, wäre es sinnvoll eine Beratungsstelle aufzusuchen und möglicherweise eine Therapie zu machen, weil dann davon auszugehen ist, dass auch andere  Traumatisierungen bei den Personen bestehen. 

Wie nehmen Exhibitionisten den Drang wahr, sich zu entblößen? 

Beckers: Sie sagen ganz richtig, dass es sich dabei um einen Drang handelt. Sie erleben es häufig sehr zwanghaft. Das heißt, sie haben das Gefühl, über sich selbst keine Kontrolle zu haben. Das ist für uns Menschen eines der unangenehmsten Gefühle überhaupt – dieser erlebte Kontrollverlust. Der Akt der Entblößung endet häufig mit einem Aufwachprozess, der dann auch mit sehr viel Scham einhergeht und natürlich auch mit der Angst, jemandem geschadet zu haben und auch vor den strafrechtlichen und sozialen Folgen. 

Kommen die Männer dann zu Ihnen, wenn ihnen ein Strafverfahren droht? 
Beckers: Ja, in den meisten Fällen ist das so. Wir sind sehr froh, dass oft auch die Polizisten wissen, dass es sich um eine Störung handelt und, dass es nichts ist, dem man nur mit Strafe begegnen kann, sodass häufig diese Personen von der Beamten zu uns geschickt werden und hier dann zum ersten Mal einen Ansprechpartner haben. 

Erleben diese Männer die Möglichkeit, darüber zu sprechen auch  als Befreiung? 

Beckers: Ja. Das liegt zum einen daran, dass sie zum ersten Mal darüber sprechen können. Viele tragen sich jahrelang mit Überlegungen, wo sie sich Hilfe holen können. Oft haben Sie das auch immer wieder versucht und sind daran gescheitert. Es ist eine große Erleichterung, die aus dem Wissen resultiert, jetzt einen Ansprechpartner gefunden zu haben. 

Lässt sich Exhibitionismus gut in einer Therapie behandeln? 

Beckers: Es handelt sich um eine der Störungen der Sexualpräferenz, die sich am besten therapieren lässt. Das liegt unter anderem auch daran, dass es sich häufig um eine von mehreren Spielarten der Sexualität handelt. Das heißt, es ist nichts Ausschließliches. Und es hängt eben häufig auch mit vielen Faktoren im Leben des Betroffenen zusammen. Wir haben damit ganz viele Anknüpfungspunkte für eine Therapie, die dann auch eine schnelle Wirksamkeit zeigt. 

Wie gehen Sie dabei vor? 

Beckers: Es ist eine Kombination aus Gesprächs- und Verhaltenstherapie. Für den Betroffenen ist es häufig schon der erste große Schritt, dass er sich überhaupt in Therapie begibt. Im weiteren Verlauf ist es wichtig, die auslösenden Situationen genau zu analysieren. Ein Exhibitionist entkleidet sich ja nicht jeden Tag. Das ist ein episodenhaftes Auftreten. Es wichtig herauszufinden, wann es zu diesem Verhalten kommt. Und dann ist es wichtig zu schauen, wie man diese Situation vermeiden kann. Vielleicht muss auch ein anderer Umgang mit Stress gelernt werden. 
 

Hintergrund

Das rät die Polizei

»Das Beste ist, den Exhibitionisten vollkommen zu ignorieren und einfach weiterzugehen. Man sollte kein Erschrecken zeigen, ihn nicht beschimpfen oder ansprechen«, rät Wolfgang Schmalbach vom Referat Prävention des Polizeipräsidiums Offenburg. Es sei auch sinnvoll einen öffentlichen Platz aufzusuchen, so Schmalbach weiter.
Wird ein Exhibtionist verurteilt, droht ihm eine Freiheitsstrafe von bis zu einem Jahr oder eine Geldbuße, teilt die Pressestelle des Polizeipräsidiums mit. Im Jahr 2016 kam es in der Ortenau zu 27 Fällen (2015: 26) von Exhibitionismus. Die Aufklärungsquote lag bei 55,6 Prozent.

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