Ortenauer Original
Dossier: 

Felix Neumann aus Kehl macht deutsch-französischen Hiphop

Autor: 
Nina Saam
Lesezeit 6 Minuten
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06. August 2020

Felix Neumann im Garten der Zwei Ufer in Kehl bei der grenzüberschreitenden Passerelle des Deux Rives. Der 37-Jährige findet es spannend, in der Grenzstadt am Rhein zu leben – auch wegen der „vielen coolen Leute, die hier wegen Europa leben“. ©Peter Heck

In unserer Serie „Ortenauer Originale“ porträtieren wir Menschen mit einem gewissen Etwas. Heute (8): Der Kehler Felix Neumann, der deutsch-französischen Hiphop macht, sozial engagiert ist und mit Schulklassen beidseits des Rheins arbeitet.

Als am 14. Juni 2020, dem 35. Jahrestag der Unterzeichnung der Schengener Verträge, etwa 200 Menschen im Nieselregen auf der Plattform der Passerelle des Deux Rives – der Brücke, die Deutschland mit Frankreich verbindet – zusammenkamen, war deutsch-französischer Rap zu hören: „Grenzgänger – Frontalier“ ist einer der bekanntesten Songs der siebenköpfigen World-Hiphop-Formation „Zweierpasch“. Frontmänner der Band sind die Zwillingsbrüder Till und Felix Neumann. Einer davon, Felix, lebt seit 2013 in Kehl. Er ist überzeugter Europäer und hat einen Bachelor in Sozialpädagogik und den Master in Politikwissenschaften – und kam in die Ortenau als Referent für deutsch-französische Bildungsangebote beim Zentrum für Europäischen Verbraucherschutz in Kehl. 
„Es gibt so viele coole Leute, die hier wegen Europa leben“, sagt er. „Ich finde es unglaublich spannend, hier zu wohnen.“ Er schätzt das Beschauliche und Ländliche, aber auch den pulsierenden Input der Großstadt Straßburg, der für ihn als Musiker so wichtig ist. Und er setzt sich aktiv gegen Rassismus und latente Ressentiments ein: „Zweierpasch“ stehen in Frankreich und Deutschland auf der Bühne, spielen aber auch in instabileren Regionen der Welt, um ihre Botschaft von Demokratie und Toleranz zu verbreiten. Sie waren in Kasachstan, in Mauretanien und in der Ukraine, wo sie in einem Hotel direkt am Majdan-Platz untergebracht waren und in einem alten Gemäuer in der Nähe probten – das den Aufständischen ein Jahr zuvor während der Bürgerrevolution als Lazarett gedient hatte.
„Wir werden halt nicht nach Ibiza oder Malle eingeladen“, sagt Felix Neumann. „Unsere Musik ist politisch – und ein Thema für Länder, in denen die Demokratie auf die Probe gestellt wird.“ Eingeladen werden sie vom Auswärtigen Amt, dem Goethe-Institut oder einer entsprechenden französischen Organisation, denn dank ihrer Zweisprachigkeit können sie als Botschafter für beide Länder fungieren. Im letzten Jahr waren sie in Mali: „Natürlich wussten wir, dass es dort nicht sehr sicher ist“, sagt er. „Es sind ja auch Bundeswehrsoldaten dort stationiert. Aber nach dem Sicherheitsbriefing in der Botschaft hatten wir schon ein bisschen weiche Knie.“ So sollten sie große Menschenmengen meiden – spielten aber auf dem Hiphop-Festival Rapou Dôgô Kûn vor 10 000 Leuten und machten Workshops mit einheimischen Musikern. Die dort übrigens eine ganz andere Wertschätzung erfahren: „Wenn du in Mali erzählst, dass du Musiker bist, erntest du Respekt“, sagt er. „Bei uns heißt es: Und mit was verdienst du dein Geld?“

Hiphop seit der Teenagerzeit

Mit Hiphop-Musik haben die eineiigen Zwillingsbrüder aus der Kleinstadt Sennfeld im Raum Heidelberg als Teenager angefangen, besonders die französische Szene hatte es ihnen angetan. „Wir haben beide den Französisch-Leistungskurs gewählt, weil wir verstehen wollten, was die Musiker von sich geben“, sagt Felix Neumann. Nach dem Abi verbrachte er ein Jahr im Jura, in Offenburgs Partnerstadt Lons-le-Saunier. Vermittelt hatte ihm das ein Freund der Familie – Lehrer Gerd Bär vom „Grimmels“, der damals für den Schüleraustausch verantwortlich war. „Das war vielleicht mein erster Anknüpfungspunkt an die Ortenau“, so Felix Neumann.

 Ich finde es toll, dass mein Sohn hier zweisprachig aufwachsen kann.

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Inzwischen hat er hier längst seine Heimat gefunden – die er auch vehement verteidigt. So hat er das ewige „Kehl-Bashing“ – Tabakläden, Spielhöllen, schwierige Grenzstadt – mächtig satt. Als er vor einem halben Jahr auf Facebook den Kommentar „In diesem Loch würde ich keine Kinder großziehen“ las, reichte es ihm: „Das war nur wenige Tage, bevor ich Vater wurde“, erzählt er. „Ich finde es toll, dass mein Sohn hier zweisprachig aufwachsen kann.“ Unter #KehlerAlsDuDenkst rief er auf Facebook dazu auf, zu posten, was Kehler an ihrer Stadt feiern – und bekam eine Flut von Kommentaren und Reaktionen.

Adenauer-de Gaulle-Preis

Den Gedanken des friedlichen Austauschs und der Toleranz gibt er mit „Zweierpasch“ nicht nur auf der Bühne weiter. Ein Markenzeichen der Band ist auch, dass sie in Klassenzimmer beidseits des Rheins gehen und mit den Schülern zweisprachig rappen – über Fake-News und Fessenheim, Klimawandel, Kultur und das, was Europa ausmacht. An ihrem jährlichen Kreativwettbewerb „École du Flow“ nahmen bereits 1500 junge Leute aus beiden Ländern teil. 2018 erhielten sie für ihr Engagement in Paris den Adenauer-de Gaulle-Preis für deutsch-französische Zusammenarbeit.
Auch wenn „Zweierpasch“ sein Herzensprojekt ist, an dem er Tag und Nacht werkelt, lebt er nicht nur von der Musik. Im Corona-Lockdown war er besonders froh um sein zweites berufliches Standbein, in dem er nicht minder aktiv ist: Seit 2015 arbeitet er beim Jugendmigrationsdienst des Diakonischen Werks Ortenau und hat dort das Projekt „Gemeinsam Stark“ aus der Taufe gehoben, bei dem es um politische und kulturelle Teilhabe junger Zuwanderer geht. Wichtigstes Kennzeichen ist, dass die Integrationsangebote von einem eigens gegründeten interkulturellen Beirat mit 13 Jugendlichen unterschiedlicher Herkunft initiiert werden. „Wir planen nicht etwas für unsere Zielgruppe, sondern entscheiden mit ihnen gemeinsam“, sagt Felix Neumann. „Es geht um Demokratiebildung und Partizipation. Sie sind das Parlament.“ Für ihre niederschwelligen Kulturevents und Workshops gehen sie in Schulen und Kulturvereine, um auf ihr Angebot aufmerksam zu machen. „Da kommt auch etwas zurück“, so Felix Neumann. „Wir haben Geflüchtete dabei, die sagen, ihr habt so viel für uns getan, was kann ich jetzt für euch tun?“

Aktivitäten im Internet

Während des Lockdowns wurden die Aktivitäten ins Netz verlegt: In „Corona-Talks“ konnten die Teilnehmer zu verschiedenen Themen wie den Schulschließungen, Ramadan zu Corona-Zeiten oder Alltagsrassismus diskutieren, teils mit prominenten Gästen wie dem albanischen Fußballnationalspieler Amir Abrashi, der beim SC Freiburg spielt, oder der ersten afrodeutschen Stadträtin Sylvie Nantcha aus Freiburg. „Das ist bei uns nicht so wie in den TV-Talkshows, wo fünf Weiße über Rassismus reden“, so Neumann. „Bei uns kann jeder berichten, was er bei Bewerbungen, Behörden oder im Alltag erlebt hat.“ Das Projekt ist auf drei Jahre angelegt und wird vom Bund gefördert. Neumann moderiert zudem in Kehl das Netzwerk Integration, den zentralen Arbeitskreis für Integrationsfragen der Stadt.
Und warum ist jetzt ein gebürtiger Nordbadener, der deutsch-französische Musik macht und sich für die Teilhabe aller einsetzt, ein Ortenauer Original? Weil die Ortenau nicht nur von der Tradition und der Schönheit der Natur lebt, sondern auch von Wandel und Weltoffenheit. Deshalb machen sich „Macher“-Typen wie Felix Neumann, die neue Impulse geben und sich mit ihrem Engagement dafür einsetzen, die Region noch lebens- und liebenswerter zu machen, um die Ortenau verdient.
So hat er im letzten Sommer auch die Aktion „Fill the bottle“ aus Paris in die Grenzregion gebracht: 33 000 Kippen haben er und seine Mitstreiter an drei Aktionstagen von Kehler Straßen aufgeklaubt: Einfach machen und andere zum Nachahmen animieren.
 

Zur Person

Im Grenzgebiet und darüber hinaus bekannt

Felix Neumann und sein Zwillingsbruder Till kamen 1983 in Sennfeld bei Heidelberg zur Welt. Er studierte in Freiburg Sozialwissenschaften und Sozialpädagogik und arbeitet im Jugendmigrationsdienst beim Diakonischen Werk Kehl. Mit ihrer siebenköpfigen Band Zweierpasch sind er und sein Bruder im Grenzgebiet und darüber hinaus bekannt.

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