Ortenau

Frisbee à la Golf

Bettina Kühne
Lesezeit 5 Minuten
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09. April 2015
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Christine Hellstern aus Oberkirch-Butschbach, Ortsteil Hesselbach, hat mit ihrem Mann Frank das Disc-Golfen in die Ortenau geholt. In den USA, Japan und Australien ist diese Sportart weitverbreitet. ©Ulrich Marx

Der Oberkirch-Butschbacher Ortsteil Hesselbach kann es mit Weltmetropolen in Australien, Japan und den USA aufnehmen – zumindest, wenn es um Disc-Golf geht. Die Scheune von Bauer Franz Nock ist in der Szene bekannt. Bei »Hellsterns Hesselbacher Hofturnier« trifft sich im Frühjahr die deutsche Elite. Und das seit 16 Jahren.

Die Scheune von Bauer Franz Nock aus Hesselbach kennt man auch in Japan oder Australien. Sie gehört wohl zu einer der ungewöhnlichsten Bahnen bei einem hierzulande unbekannteren Sport: dem Disc-Golf. Was in den USA oder Australien sehr verbreitet ist, führt in Deutschland immer noch ein Nischendasein, wenngleich Hellsterns Hesselbacher Hofturnier (HHH) zum 16. Mal steigt. Hesselbach ist ein Ortsteil von Oberkirch-Butschbach. Das Ehepaar hat Disc-Golf im Schwäbischen kennengelernt, in Berlin gespielt und schließlich in die Ortenau gebracht.

Jetzt trifft sich immer im Frühjahr die deutsche Spielerszene in Hesselbach. »Die Leute mögen das Turnier, weil es eines der ersten im Frühjahr ist«, sagt Frank Hellstern. Das klingt bescheiden, aber wenn er aufzählt, wer sich von den Spielern angemeldet hat, wird rasch klar: Die Bahnen nach seinem Design haben ebenso hohen Anspruch wie die hügelige Landschaft. Es ist also eher etwas für den amtierenden Junioren-Europameister oder alte Hasen wie German-Tour-Sieger oder amtierende Meister aus Deutschland und der Schweiz.

Junioren-Europameister Marvin Tetzel (18) ist zum ersten Mal dabei auf dem einzigen landwirtschaftlich genutzten Parcours, der immer wieder auf- und abgebaut wird. Er hat auch schon für sich ausgemacht, was hier die Herausforderung sein wird: »Dass es viel bergauf geht.« Das Laufen an steileren Hängen ist er nicht gewohnt, er stammt aus Berlin. Trotzdem lässt es sich gut für ihn an. Bei den Probeläufen bekommt er die Scheibe in zwei Würfen durch die legendäre Scheune: Schon rasselt die Kette am Korb – die Scheibe wird abgefangen und ist »eingelocht«. Besser geht es nicht, der Score liegt bei drei Würfen.

Seine Mitspieler setzen die Disc gegen die Bretterwand, eine kullert einen Absatz hinunter unter eine Mistkarre. Gerne würde er den Triumph genießen, doch ihm schwant etwas: »Kommt noch ein Fahrzeug in die Scheune?« Hellstern grinst ein bisschen: Nein. Aber der Hänger, der drinnen steht, wird fürs richtige Turnier noch ein bisschen erhöht. »Es soll ja nicht zu leicht sein.«

Insgesamt 18 Bahnen hat der Kursdesigner auf dem zehn Hektar großen Gelände eingerichtet. Auf dem direkten Weg bedeutet das rund 2000 Meter Wurfstrecke, aber auch die Disc-Golfer können das One-in-a-Hole nicht immer gleich schaffen. Dazu ist es, wie der Wurf durch die Scheune, oftmals zu kompliziert. Doch noch schwieriger, meint Hellstern, sei die Bahn auf der anderen Seite des Hofes. Dort führt sie nicht nur über eine Brücke, »sondern auch den Hang hinauf«. Es gilt also nicht nur, die Flugbahn abzuschätzen, sondern auch Windböen einzurechnen, die eventuell den Berg hinunterblasen. Außerdem beträgt die Strecke von der Abwurfmatte bis zum Zielkorb 250 Meter. »Der Weltrekord für den Wurf mit einer Disc beträgt 265 Meter«, sagt Hellstern.

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Es ist Anreisetag, das bedeutet, dass viele Hände geschüttelt werden. »Es ist wie in einer großen Familie«, sagt Hellstern. Tatsächlich gibt es in Deutschland nur rund 1500 auf Turnieren aktive Spieler – nicht mehr als in einem kleinen Dörfchen Einwohner. Doch anders als dort vielleicht ist man Neuen gegenüber aufgeschlossen: Wer hier auftaucht, wird in die herzliche Begrüßung eingeschlossen – auch wenn man sich noch nicht kennt.

»Eher Freaks« seien in dem Sport unterwegs, meint Hellstern. Sie schleppen schon mal rund acht Kilo mit sich herum, um immer die passende Scheibe dabei zu haben. Aus den Spezialrucksäcken leuchten sie heraus, gut 30 Stück trägt so manch einer über den Parcours. Man darf die Scheiben wechseln, auch innerhalb einer Bahn. Je nachdem, ob man weiter oder kürzer werfen will, haben sie flachere oder rundere Kanten, sind flexibler oder härter. Und natürlich sind sie alle quietschebunt. So kann man sie im Gras gut finden und eventuell gegen einen kleinen Button austauschen, der die künftige Abwurfstelle dann markiert. »Eine Scheibe kann mehr als ein Ball«, beschreibt Christine Hellstern die Faszination des Sports. Engere Kurven kann die Lokalmatadorin, die im normalen Leben als Tierärztin praktiziert, beispielsweise werfen. Und auch dass es keinen Dresscode gibt, empfindet sie als angenehm: Jeder kommt so, wie er mag.

Trainiert, nein, das hat sie nach den langen Jahren nicht mehr viel. Ein paar Abwürfe vielleicht. Und am nächsten Tag wird auch ihr Mann am Turnier teilnehmen, noch bleibt ihm dafür Zeit. Aber wenn das HHH weiter wächst, muss er sich irgendwann auf die Spielleitung konzentrieren.

Die Kattwinkels kommen sogar mit ihrem Hund in die Frühlingsfrische. Sie sind Stammspieler in Hesselbach – eine Rechnung mit irgendeiner Bahn hat Klaus Kattwinkel jedoch nicht offen. »Sie verändert sich ohnehin immer ein bisschen«, weiß der 48-Jährige aus Egelskirchen (Nähe Köln). Im Klartext bedeutet das: Es wird schwieriger, denn mit dem Turnier wird die German-Major-Tour, die anspruchsvollste Turnierserie Deutschlands, eröffnet. Dass eine der Bahnen nach ihm benannt wurde, zeigt nur, dass Kattwinkels treue Teilnehmer am Turnier sind.

Nach dem Turnier wird nichts mehr daran erinnern, dass hier gut gelaunte Vierer-Gruppen zwei Tage lang um den Sieg beim HHH spielten. Denn anders als im Norden gibt es in der Gegend hier keine dauerhaften Spielfelder. »Die Bahnen aufzubauen, ist kein Eingriff in die Natur«, freut sich Hellstern. Nur die Legende von der Bahn, bei der die Scheibe durch die Scheune bugsiert werden muss, die lebt fort. Weltweit.

◼ Nächsten Donnerstag lesen Sie: Heilig’s Blechle – wenn Offenburg zum Tunertreffpunkt wird.

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