Ortenauer Original
Dossier: 

Für Sven Götz aus dem Kinzigtal ist das Leben ohne Tofu sinnlos

Autor: 
Claudia Ramsteiner
Lesezeit 6 Minuten
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30. Juli 2020

Das Schnibbeln, die Farben, die Gerüche: Das Kochen ist für Sven Götz ein sinnliches Erlebnis. Und das Kochen ohne Tierprodukte eine tiefe Überzeugung, mit seiner Ernährung keinem Tier Leid zuzufügen. ©Claudia Ramsteiner (kleines Foto: Privat)

In unserer Serie „Ortenauer Originale“ porträtieren wir Menschen mit einem gewissen Etwas. Heute (7): Sven Götz lebt seit fünf Jahren aus Überzeugung vegan. Vor vier Jahren gründete er den Kinzigtäler Veggietreff und anschließend den Verein „Kinzigtal goes vegan“.

Es müsste schon ein sehr stressiger Arbeitstag gewesen sein, wenn Sven Götz nicht anschließend noch Lust verspüren würde, eine Stunde in der Küche zu stehen und für seine Familie zu kochen. Das Schnibbeln, die Gerüche, die Farben, dieses sinnliche Erlebnis möchte er nicht mehr missen. Die Zutaten kommen vorwiegend aus der Gemüsekiste eines Biohofs, aus der Box eines Gemüseretters, und den Rest kauft er sich nach Lust und Laune auf dem Wochenmarkt. Alles, nur nichts von Tieren. Der 47-Jährige lebt seit fünf Jahren vegan. 
Er ist kein Rezepte-, sondern ein Prinzipienkocher. Der Hobbykoch hat sich einige wichtige Prinzipien angeeignet – zum Beispiel, alle fünf Geschmacksrichtungen einzubauen – und dann schaut er in den Vorratsschrank, was da ist, und legt los. Natürlich brauchte es einige Lernprozesse. „In der Biokiste waren anfangs Dinge drin, die mussten wir erst einmal googeln. Und dann bei der Mutter anrufen, was man daraus machen kann.“ Am Kochen fasziniert ihn das Gleiche wie an Karate (doch dazu später): Dass man es nie zu Ende können kann. 
Vegan ist die Steigerung von vegetarisch. Nicht nur kein Fleisch und keine Wurst, sondern auch keine Tierprodukte wie Eier, Milch, Joghurt, Käse. Und das hat durchaus seinen Grund. Als Sven Götz und seine Frau Annette Eltern wurden, setzte ein Denkprozess ein: „Welche Werte möchten wir unseren Kindern mitgeben?“ Und plötzlich haben sie da Unterschiede festgestellt zwischen der Welt, die sie sich für ihre Kinder wünschten, und wie sie selbst lebten. 2005 kam das zweite Kind zur Welt. Die Eltern beschäftigten sich mit alternativer Medizin, mit Achtsamkeit. Und 2015 folgte die nächste Stufe: Sven Götz wurde innerhalb weniger Wochen vom „begeisterten Blutwurst-Brutzler zum kompletten Veganer“, und mit ihm die ganze Familie. 
Denn es bringt überhaupt nichts, seine Kinder zu erziehen, „sie machen einem eh alles nach“. Und es sind mindestens zwei Gründe, die die Ernährungsgewohnheiten der Familie stützen. Zum einen sei die vegane Ernährung kein „Tal der Tränen“. Es bedeute höchstens kurzfristig ein Verzicht auf Liebgewonnenes – nach dieser Phase sei das Leben „besser als zuvor“. Seither sagt der Medientechniker mit einem Augenzwinkern: „Ein Leben ohne Tofu ist möglich, aber es ist sinnlos!“

„Themen sind kugelförmig“

Und zudem sei es heute einfach nicht mehr möglich, „etwas nicht wissen zu wollen“. Zum Beispiel, wie viel unendliches Leid Tieren zugefügt wird. Dabei liegt es Sven Götz fern, auf Menschen herunterzuschauen, weil sie nicht wissen, dass Milchkühe auch Fleisch produzieren. Weil eine Kuh eben keine Milch mehr gibt, wenn sie nicht jedes Jahr ein Kalb bekommt. „Das habe ich ja vor zehn Jahren auch noch nicht gewusst.“ Aber es gebe sehr schöne Momente, wenn Leute fragen: „Im Ernst?“ Und möglicherweise habe er da gerade einen Schalter umgelegt für ein achtsameres Leben.
Für ihn ist jedes Thema kugelförmig – mit unendlich vielen Möglichkeiten, es von verschiedenen Seiten anzuschauen. Über Veganerwitze kann Sven Götz locker mitlachen. Über Witze kommt man auch ins Gespräch. Und wenn einem jemand sympathisch ist, sind Ansichten zweitrangig. Wenn auch die jüngsten Fleischskandale viele zum Nachdenken bringen: Nachdenken und das Verhalten ändern sind zwei paar Stiefel. Es ist eigentlich nur die völlige Gleichgültigkeit, die ihn aus dem Konzept bringt.
Eine Frage musste ja kommen, die hat er auch erwartet: „Nein, die Bücher von Attila Hildmann werden nicht verbrannt!“ Auch wenn sich der Hausacher ganz entschieden von den letzten Aktionen des „Veganerpapstes“ distanziert: „Mit diesen Büchern sind wir eingestiegen, sie sind gut und sie sind praktikabel.“ Seinen Wunsch, auch andere Menschen auf diesem Weg mitzunehmen, verwirklichte Sven Götz 2016 mit einem ersten „Veggietreff“.

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„Kinzigtal goes vegan“

Daraus ist mittlerweile der als gemeinnützig anerkannte Verein „Kinzigtal goes vegan“ geworden, dessen Vorsitzender er ist, und der nun schon mehr als 100 Mitglieder hat. Und über den Gengenbacher Studenten in einer Studie herausgefunden haben, dass er als „sympathischer Verein wahrgenommen wird, weil es nicht nur um Tiere, sondern auch um Menschen geht“. 
Es gibt aber noch einen zweiten Verein, in den der sportliche Mittvierziger viel Herzblut steckt: Das Okami-Dojo in seinem Heimatdorf Oberwolfach. Okinawa-Karate sei kein Kampfsport, sondern eher Kampfkunst. Sven Götz hat den dritten Dan in Okinawa-Karate und den ersten Dan in Jiu-Jitsu. Es war Anfang der 1990er-Jahre, als bei einem Polterabend ein Taekwondo-Künstler mit etwas zu viel Bier im Blut aus dem Stand mit dem Fuß an der Lichterkette über dem Kopf eine Birne nach der anderen weggeschossen hat. Boah! Das wollte er auch können.
Mittlerweile haben sich die Ziele längst verschoben. Früher war es eher die Selbstverteidigung, die ihn an den beiden Sportarten reizte. Auch wenn er diese im friedlichen Kinzigtal niemals brauchte. Heute ist es die Erhaltung der Gesundheit. Karate und Jiu-Jitsu seien echte Ganzkörpersportarten, die vom Scheitel bis zu den Zehenspitzen Kraft, Ausdauer und Koordination trainieren. Und es habe auch etwas damit zu tun, wie Karatekas durchs Leben gehen. Die Analogien zwischen Kampfkunst und Alltag versucht der Trainer auch seinen Schülern zu vermitteln. Dass es Technik braucht, nicht Muskelkraft. Dass man alle Übungen damit locker bewältigen kann und die Spannung erst aufbaut, wenn man sie braucht, dann aber „mit aller Konsequenz“. Genau diese Haltung bewähre sich auch im Leben. Außer Schach fällt ihm keine Sportart ein, in der es Großmeister gibt. „In allen anderen Sportarten arbeitet die Zeit gegen dich.“ 

Nur noch barfuß unterwegs

Und wenn er dann noch etwas Zeit für sich hat, findet er Entspannung beim Laufen. Am liebsten barfuß. Überhaupt sieht man den Hausacher selbst im Winter höchst selten mit Schuhen. Bei Hochzeiten, Beerdigungen, Kommunionfeiern. „Immer, wenn ich meine, andere damit vor den Kopf zu stoßen. Ich setze meine Bedürfnisse nicht über den Ärger der anderen.“ Ein großes Bedürfnis ist es aber schon, das Barfußlaufen. Er joggt auch barfuß und trägt nur im Wald einen „Minimalschutz“. Barfuß auf den Spitzfelsen zu laufen, „das ist mein Motorradfahren, mein Cabriofahren, mein Sich-einen-hinter-die-Binde-Gießen, mein Rausch“. Barfußlaufen sei kostenlos, gesund und mache Spaß: „Es gibt wenig, was dies alles vereint“. Er schöpfe aus dem Kontakt zum Boden so viel raus. Auf einen Workshop „Barfuß gehen und Natural Running“ wird im nächsten Jahr ein Lehrgang zum Coach folgen. Und dann geht es ihm als Barfußläufer wie als Veganer: Er möchte noch mehr Menschen, die das wollen, an diesem Gefühl teilhaben lassen. 

Zur Person

Sven Götz...

… ist 1973 in Wolfach geboren und in Oberwolfach aufgewachsen. Nach dem Besuch der Realschule lernte er Kommunikationselektroniker, holte die Fachhochschulreife nach und studierte Medientechnik in Stuttgart-Vaihingen. Seit 2006 arbeitet er bei Hansgrohe in Schiltach als Informationstechniker für interne Kommunikation.
Sven Götz ist verheiratet mit Annette Götz und Vater von Maya (18) und Theo (15). Er ist seit vielen Jahren Trainer im Karateverein Okami-Dojo in Oberwolfach und gründete 2018 den Verein „Kinzigtal goes vegan“.

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