Neujahrsschwimmen
Dossier: 

Hans-Dieter Rahner ist der Meister des Anbadens

Autor: 
Ellen Matzat
Lesezeit 7 Minuten
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21. Januar 2021

(Bild 1/3) Hans-Dieter Rahner hat bereits 33 Neujahrsschwimmen in der Region organisiert. Weitere 17 hat sich der 61-Jährige vorgenommen. ©Ellen Matzat

In unserer Serie „Ortenauer Originale“ porträtieren wir Menschen mit dem gewissen Etwas. Heute (31): Hans-Dieter Rahner. Der Wahl-Gengenbacher organisiert seit Jahrzehnten das traditionelle Neujahrsschwimmen. Der 61-Jährige blickt auf ein bewegtes Leben zurück.

Hans-Dieter Rahner (61) aus Gengenbach ist der Initiator des nicht mehr aus dem Ortenauer Jahreskalender wegzudenkenden Neujahrsschwimmen. Seit 1988 findet es jährlich Anfang Januar im Erlenparksee der World of Living von Weber Haus in Rheinau-Linx statt – und ist der Abschluss der „Leser helfen“-Spendenaktion der Mittelbadischen Presse. Für jeden Schwimmer spendet die Firma Weber Haus einen festen Betrag. 

„Ich schwimme schon immer jedes Jahr an Neujahr alleine in einem See, um das neue Jahr zu begrüßen und dem inneren Schweinehund gleich richtig zu zeigen, wo es lang geht“, sagt Rahner. Kaltes Wasser sei für ihn einfach nur furchtbar, gibt er schmunzelnd zu. Er habe null Spaß daran und gehe überhaupt nur einmal pro Jahr ins Wasser – und das am ersten Januar. Aber alle guten Vorsätze ließen sich mit so einer Aktion prima untermauern, meint er. 

Der See wurde zu klein für die Veranstaltung

Bei jedem Badegang sah Rahner andere „Bekloppte“, die dasselbe taten und ihn auf die Idee brachten, die Verrückten an einem See zu bündeln. Sein erstes Neujahrsschwimmen fand mit fünf Schwimmern am Badesee in Lichtenau-Graulsbaum statt. Es folgten sechs Neujahrsschwimmen am Badesee in Helmlingen bis die Veranstaltung mit über 60 Teilnehmern zu groß wurde.

Die nächsten sechs Jahre fand das Neujahrsschwimmen beim Oberrhein-Center in Stollhofen statt. 2001 war nochmals eines in Graulsbaum mit 170 Teilnehmern. Nach dem Umzug zu Weber Haus startete dort 2002 das erste Neujahrsschwimmen mit rund 70 Schwimmern und findet heute traditionell immer am zweiten Sonntag im Jahr statt. 2020 ging das 33. Neujahrsschwimmen sowie das 19. in Linx über die Bühne. Der Rekord lag bei 412 Schwimmern.

Auch Millionäre sind dabei

Da sich Rahner von Beginn an 50 Neujahrsschwimmen vornahm, hat er jetzt noch 17 vor sich, so dass er sich erst mit 77 Jahren zur Ruhe setzen wird. „Die ersten Jahre stand ich immer da und hoffte, dass überhaupt jemand kommt“, lacht er. Heute sei alles in trockenen Tüchern. „Ab 250 Spendenschwimmern sind wir Organisatoren sehr zufrieden“, sagt Rahner. Vom Sozialhilfeempfänger bis zum Millionär sind alle am Start und in der Badehose sind sie alle gleich.

Die Teilnehmerzahlen seien natürlich auch vom Wetter abhängig, meint er. Zu große Kälte oder Regen seien nicht so beliebt. Das Schlimmste fürs Neujahrsschwimmen sei allerdings schönes, mildes Wetter, weil man dann vom kalten Wasser überrascht wird, außerdem nasses, windiges Wetter. Er selbst besuchte bisher in jedem europäischen Land im Umkreis von 800 Kilometern eine Neujahrschwimm-Veranstaltung, um mitzuschwimmen. Dabei lernte er die unterschiedlichsten Neujahrschwimm-Kulturen kennen.

Am Europaparlament angeschwemmt

Legendär war sein Auftritt am 1. Januar 2002, als er zur Euroeinführung bei Hochwasser mit dem deutschen Euro Starter Kit über den Rhein schwamm um ihn in Straßburg umzutauschen. Mit dem französischen Euro Starter Kit machte er sich auf den Rückweg Richtung Kehler Yachthafen. „Es gibt viele Geschichten, aber die von Straßburg waren speziell“, schmunzelt Rahner. 2006 war er in der Ill unterwegs, als ihn die Strömung vor dem Europaparlament anschwemmte. Die Sicherheitsleute staunten nicht schlecht und Rahner, in Badehose ohne Ausweispapiere, kam in Erklärungsnot. 

Komparse beim Südwestfunk

Nach der Bundeswehr arbeitete Rahner in der Teppichabteilung eines Böblinger Ausstattungshauses. In dieser Zeit kreuzte ihn der Weg eines Vertreters, der ihm einen Staubsauger verkaufen wollte. „Der stellte sich so dämlich an, dass ich dachte, den hätte ich schon zwei Mal verkauft“, erinnert er sich. Er schaute sich den Job an und verkaufte fortan drei Jahre lang Staubsauger. Ebenfalls viel Spaß hatte Rahner viele Jahre als Komparse beim Südwestfunk. In der Security-Szene sorgte er in den 1990er-Jahren unter anderem für die Sicherheit von Hannelore Kohl, David Copperfield und so manchem Star aus der Musikszene. Außerdem war er in den 1980er-Jahren Boxer und Kraftdreikämpfer. In einer Diskothek in Baden-Baden war Rahner drei Jahre Geschäftsführer, bis ihn einige Infarkte zu mehr Ruhe zwangen.

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Zwei schwere Verkehrsunfälle

1985 setzte ihn ein schwerer Verkehrsunfall zwei Jahre völlig außer Gefecht. Bis heute musste er über drei Dutzend Operationen über sich ergehen lassen und hat bis heute erhebliche gesundheitliche Probleme. Sein 25. Neujahrsschwimmen in Linx erlebte Rahner vom Krankenbett aus.

In der Reha begann er mit leichtem Gerätetraining, um wieder in die Spur zu kommen. Einen Behindertenarbeitsplatz lehnte er ab und eröffnete mit seinem Schmerzensgeld ein Fitnessstudio in Rheinau-Helmlingen, das er 30 Jahre lang führte, bis ihn die Liebe nach Gengenbach-Reichenbach führte. 2009 folgte der zweite schwere Verkehrsunfall in Lichtenau-Ulm, der ihn endgültig in Rente schickte.

Große Leidenschaft Motorradfahren

Bis zum Motorradsturz vor zwei Jahren, den er als Wink mit dem Zaunpfahl empfand, zählte das Motorradfahren mit 627 Pferdestärken zu Rahners großen Leidenschaften. Seine Maschine, eine „Boss Hoss“ mit 570 Kilo Leergewicht, benötigte ab 30 Liter Benzin auf 100 Kilometer. Er kaufte sie auf einem Dragster-Rennen in North Carolina (USA), durfte aber die Lachgaseinspritzung in Deutschland nicht benutzen.

Den Osterhasen mimt er heute noch gerne. Da in seinem ersten Gengenbacher Jahr Ostern ohne spezielles Event stattfand, langweilte ihn das. „Die leuchtenden Kinderaugen sind so etwas Schönes“, erklärt er. Das aus Helmlingen bekannte Ostereiersuchen, das er zehn Jahre veranstaltete, wollte er nun in der neuen Heimat anbieten. Am See in Berghaupten führte er 2019 das erste Suchen in kleinem Rahmen mit 500 Ostereiern ohne Sponsoren durch.

Großer Garten mit viel Obst und Blumen

2020 fiel das Suchen leider Corona zum Opfer und sollte am 6. Dezember unter dem Motto „Osterhase trifft Nikolaus“ nachgeholt werden. Aber auch dies ließ sich wegen Covid-19 nicht realisieren. Als geliebte Nebenbeschäftigung mimt Rahner auch gerne den Weihnachtsmann in einem Offenburger Kaufhaus. Wenn der 61-Jährige nicht auf dem Neujahrsschwimmen ist oder im Osterhasen- oder Weihnachtsmannkostüm steckt, sieht man ihn häufig in seinem großen Garten mit viel Obst und Blumen für die Bienen. Fünf Mal die Woche ist außerdem Sport im Fitness-Center in Offenburg angesagt.

Nahtoderfahrungen

Da das Studio während der Coronazeit geschlossen ist, hält er sich mit täglichem Cardio-Training fit – und schaufelt bei jedem Wetter einige Kubikmeter Erde von A nach B. 2011 absolvierte er eine Geistheilerausbildung, die ihn sehr positiv prägte. „Vielleicht habe ich aufgrund meiner Nahtoderfahrungen dafür eine besondere Begabung“, sagt er. Sein Talent machte schnell die Runde und er bekam Einladungen von Estland bis nach Jordanien. Dieses Jahr wollte er eigentlich endlich mit der seit langem anvisierten fundierten Hypnoseausbildung beginnen. 

Alternativprogrmam organisiert

Nicht unerwartet musste das 34. Neujahrsschwimmen in Rheinau-Linx 2021 coronabedingt abgesagt werden. Um dennoch soziale Projekte zu unterstützen hat sich der Erfinder des Neujahrsschwimmens  etwas ausgedacht. Er und sein Team riefen das Projekt „Cold water helps children“ ins Leben. Dieses Projekt soll 2021 den Förderverein für krebskranke Kinder in Freiburg unterstützen. Bei dieser aus der Not geborenen Aktion wird zum selber Anbaden aufgerufen. Den Austragungsort kann jeder Teilnehmer selbst bestimmen. Die Aktion endet am 31. Januar.

Zur Person

Hans-Dieter Rahner

Hans-Dieter Rahner wurde am 23. Juli 1959 in Gaggenau geboren, besuchte das Wirtschaftsgymnasium und machte eine Ausbildung zum Raumausstatter. Rahner ist zweifacher Vater von Tochter Eva (40) und Sohn Yannick (28) sowie Opa von Enkelin Lynn (4), die auch schon beim Neujahrsschwimmen mit dabei war. Er ist wieder verheiratet und wohnt in seiner Wahlheimat Gengenbach-Reichenbach.

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