Ortenau

Hausach: Kitze trotz Warnung totgemäht

Autor: 
Claudia Ramsteiner
Lesezeit 6 Minuten
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07. Juni 2013
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Deutsche Wildtier Stiftung

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Rehkitze leben in diesem Sommer besonders gefährlich: Die Landwirte mähen nach dem nasskalten Mai sehr spät, viele Rehe haben jetzt ihre Kitze »gesetzt«, und das Gras ist bereits sehr hoch. Ein Fall in Hausach sorgte nun für Aufsehen: Hier hat ein Landwirt wissentlich zwei Kitze umgemäht.

Hausach. Endlich geht das Wetter auf: Für die Landwirte heißt das, nichts wie raus auf die Felder und mähen, was das Zeug hält. Die Silos müssen dringend gefüllt werden, wer weiß, wie lang die Schönwetterperiode anhält. Das ist die eine Seite. Die andere Seite ist, dass das Gras bereits sehr hoch ist und viele Rehe ihre Kitze in die Wiesen »gesetzt« haben. Selbst dem sehr umsichtigen Landwirten passiert es immer wieder, dass sie ein Kitz »vermähen«.

Fassungslos berichten Anwohner nun aber von einem Fall in Hausach, der sich am vergangenen Dienstagnachmittag zugetragen hat. Seit zwölf Tagen beobachten die Anwohner ein Reh mit zwei Jungen auf einer benachbarten Wiese. Eine Nachbarin hatte den Landwirt, der das Gelände gepachtet hat, schon vor einer Woche gewarnt, dass er beim Mähen dringend darauf Rücksicht nehmen möge. Was dann an jenem Dienstag geschah, trieb ihr am Tag danach noch die Zornesröte ins Gesicht.

Warnungen ignoriert

Sie habe am Morgen die beiden Kitze noch gesehen und den Landwirt, als er zum Mähen kam, gebeten, zunächst den Jäger zu benachrichtigen und zu warten, bis die beiden Jungen gefunden sind. »Er hat den Traktor nicht einmal abgestellt und hat sofort mit Mähen begonnen«, berichtet sie. Er habe keine Zeit, den Jäger zu benachrichtigen, sie könne das doch erledigen.

Jäger Werner Stehle hatte sich sofort ins Auto gesetzt. »Der Landwirt hat mich vor einer Woche angerufen, aber das bringt ja nichts. Ich hatte ihn darum gebeten, dass er mir kurz vor dem Mähtermin noch einmal Bescheid gibt«, sagt er. Auch er habe ihn nicht aufhalten können und habe versucht, den Rest der Wiese noch abzusuchen – bei dem hohen Gras und allein jedoch ein schier unmögliches Unterfangen. Spätestens als die Geiß davongesprungen sei, hätte man sicher davon ausgehen müssen, dass sich die beiden Kitze irgendwo ins Gras ducken.

Was zwei Nachbarinnen und der Jäger dann übereinstimmend erzählen, sorgte in der ganzen Nachbarschaft für helle Aufregung: Der Landwirt sei mit unverminderter Geschwindigkeit weitergefahren, und kurze Zeit später lag das erste Kitz vor Schmerz kläglich schreiend auf der abgemähten Wiese. Er habe kurz gehupt, dem Jäger mit der Handkante am Hals ein Zeichen gegeben, dass das erste Kitz wohl tot sei – und habe weiter Gas gegeben. Kurze Zeit später lag auch das zweite gemetzelte Kitz im Gras.

Mit dem Messer erlöst

»Die armen Teufel haben noch gelebt«, sagt der Jäger. Eine der Frauen, die das schlimme Schauspiel entsetzt mit angeschaut hatten, habe ihn noch gefragt, ob man das nicht wieder hochpäppeln könnte. »Der ganze Körper war aufgerissen, das gibt es nur eins: mit einem Messerstich erlösen«. Was ihn vor allem ärgert: Hätte er wenigstens zwei Stunden vor der Mähabsicht gewusst, hätte er noch ein paar Leute zusammentrommeln können, um die Wiese abzusuchen.

»Wir wissen sehr wohl, dass das passieren kann, wir sind nicht naiv«, sagen die beiden Frauen, die gestern auch bei der Polizei Anzeige erstattet haben. Als der Besitzer die Wiese noch selbst gemäht habe, habe er immer alle ihm möglichen Vorkehrungen getroffen, um die Rehkitze zu schützen. »Niemals ist der mit dem Mähwerk gefahren, wenn wir ihm erzählt haben, dass Kitze drin liegen« sagen sie. Aber so eine brutale Ignoranz wie bei dem Pächter mache sie ohnmächtig vor Wut. Gestern sei die Geiß siebenmal auf der Wiese umhergeirrt, um ihre Kitze zu suchen.

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»Ich habe ja den Jäger angerufen und der war auch da, mehr kann ich nicht tun«, sagt der Landwirt selbst auf OT-Anfrage. Schließlich müssten die Wiesen dringend gemäht werden – er könne nicht stundenlang warten, »wer weiß, wann das Wetter wieder umschlägt«.

Zitate

Hans-Jürgen Schneider, Kreisjägermeister:

"Der Landwirt sollte in dieser Zeit dem zuständigen Jäger vorher den konketen Mähtermin mitteilen. Aber er trägt selbstverständlich auch eine Verantwortung dafür, dass er nicht ohne Vorkehrungen zu treffen Rehkitze vermäht. Ab Abend vorher Pfosten aufstellen mit knatternden Chipstüten könnte beispielsweise die Geißen dazu bringen, ihre Kitze aus der Wiese zu führen. In diesem Fall hat es der Landwirt wissentlich in Kauf genommen – das ist strafbar, da gibt es bereits höchstrichterliche Urteile.«

Bernhard Kohmann, Vorsitzender des BLHV:

»Dieses Jahr ist es ganz schlimm, weil wir erst sehr spät mähen können und das Gras schon so hoch ist. Mir ist es neulich auch passiert – ich hatte ein Kitz enteckt, gesucht und rausgescheucht, es war aber noch ein zweites drin. Die Landwirte sind da in der Regel durchaus sensibilisiert. In der Bauernzeitung standen neulich auch Tipps, wie man das möglichst vermeiden könnte. Zum Beispiel, indem man von innen nach außen mäht. Aber Kitze, die noch sehr klein sind, rennen nicht davon, sie ducken sich noch tiefer ins Gras – dann hat man keine Chance.«

Hintergrund: Tipps gegen den Mähtod

Der Landesjagdverband (LJV) appelliert an Landwirte, die Jäger rechtzeitig über Mähtermine zu informieren. So besteht die Möglichkeit, Jungwild in Sicherheit zu bringen. Eine Straftat nach dem Tierschutzgesetz liegt vor, wenn Verletzung und Tötung von Jungtieren durch den Kreiselmäher bewusst in Kauf genommen werden.

Laut aufgedrehte Radios und bunte Flatterplanen auf den Feldern sieht wie eine kuriose Party aus, hat aber Kalkül: So werden am Abend vor dem Mähtermin die Tiermütter so weit beunruhigt, dass sie ihre Jungen aus Wiese oder Acker an einen sicheren Ort führen. Am Morgen des eigentlichen Termins kann der Jäger mit Helfern und Hunden noch einmal Wiesenflächen nach Jungtieren absuchen und Tierkinder an den Rand tragen – wobei sie direkten Hautkontakt vermeiden, damit die Tiermutter ihre Jungen wieder annimmt. Sind die Tierkinder erfolgreich in Sicherheit gebracht, finden sie und ihre Eltern nach der Mahd schnell wieder zueinander.

Der LJV empfiehlt, grundsätzlich von innen nach außen zu mähen. So werden Tiere nicht in der Mitte des Feldes »gefangen«, sondern haben während der Mahd noch die Möglichkeit zur Flucht.

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