Ortenau-Reportage

Diese Zeitungszustellerin ist eine echte Heldin der Nacht

Autor: 
Dominik Kaltenbrunn
Lesezeit 7 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
20. September 2018
Video starten
Verknüpfte Galerie ansehen

Maria Matt trägt sechsmal die Woche die Mittelbadische Presse in Haslach im Kinzigtal aus. ©Ulrich Marx

Zeitungaustragen ist ein ruhiger, aber auch selbstständiger und ausgewogener Job. Volontär Dominik Kaltenbrunn hat eine Zustellerin in Haslach im Kinzigtal auf ihrer Tour begleitet – und eine zugleich erfrischende und beruhigende Erfahrung gemacht.

Es herrscht fast absolute Stille, Haslach ist menschenleer. Es ist kurz vor 2.30 Uhr am Dienstagmorgen, ich stehe mitten auf dem Marktplatz in Haslach, dem Herzen der Stadt. Vor einem Modehaus liegen bereits zwei in durchsichtige Folie verpackte Zeitungsstapel bereit. Nur das monotone Plätschern des Brunnens ist zu hören. Straßenlaternen beleuchten den Marktplatz matt. Der Kirchturm St. Arbogast ist in der Schwärze der Nacht nur schemenhaft auszumachen, nur die große runde Turmuhr strahlt hell beleuchtet in der Dunkelheit.

Punkt 2.30 Uhr biegt Maria Matt mit ihrem Fahrrad auf den Marktplatz ein. Sie trägt eine Mütze, an deren Schild sie eine kleine Taschenlampe geklemmt hat. Das wird sich als äußerst nützlich erweisen, um mitten in der Nacht die Namensschilder auf den Briefkästen lesen zu können. Sechsmal die Woche, nur sonntags nicht, trägt Matt rund 90 Exemplare der Kinzigtalausgabe der Mittelbadischen Presse aus. Gleichzeitig liefert sie einige Briefe und wenige Exemplare überregionaler Blätter wie etwa die Süddeutsche Zeitung aus. Sie braucht mit den zusätzlichen Briefen bis zu 1,5 Stunden für eine Tour durch ihr Verteilungsgebiet: »Das kommt auch auf die Tagesform an. Manchmal ist man schnell unterwegs, es gibt aber auch Tage, an denen es einfach mal nicht so läuft und man sich aufraffen muss», so die Frühaufsteherin. Seit 17 Jahren macht die Haslacherin bereits die Arbeit in den frühen Morgenstunden. 

 

Ihre Route läuft sie automatisiert ab, ohne darüber nachdenken zu müssen.

Matt schläft zweimal pro Tag, einmal vor dem Zeitungsaustragen und einmal danach. »Ich gehe gegen halb zehn ins  Bett und trage dann ab 2.30 Uhr die Zeitungen aus. Danach lese ich das aktuelle Exemplar, um runterzukommen, und kann dann jeweils sofort einschlafen. Den Tag über habe ich dadurch frei und kann mir meine Zeit selbst einteilen«, beschreibt Matt ihren Tagesrhythmus. Zu ihrem Beruf ist sie durch ihren Schwager gekommen. »Vor 17 Jahren hat er mit dem Zeitungsaustragen begonnen, nach einem Vierteljahr aber abgebrochen, es war ihm zu anstrengend. Da habe ich mir gedacht, das ist doch der ideale Job für mich«, sagt die langjährige Zustellerin.

Als Erstes sortiert Matt die Briefe passend zu ihrer Laufroute durch Haslach. In dem Gepäckkorb auf dem Sattel ihres Rads hat sie eine Fahrradtasche, die sie ebenso wie eine seitlich am Hinterrad angebrachte Gepäcktasche und einen Tragekorb vor dem Lenker mit Zeitungsexemplaren befüllt. Das Offenburger Tageblatt muss sie dabei nach zwei Ausgaben sortieren, eine für das Obere Kinzigtal und eine für Offenburg. Alle Abonnenten der Mittelbadischen Presse haben kleine, viereckige blaue Sticker auf ihren Briefkästen, anhand derer Matt zuordnen kann, wer welche Ausgabe bezieht. Nach 17 Jahren weiß sie das aber schon längst auswendig. Auch ihre Route läuft sie automatisiert ab, ohne darüber nachdenken zu müssen. Am Lenker ihres Fahrrads baumelt ein Regenschirm, den sie heute aber nicht brauchen wird.

 

Passenderweise erhält das Stadtoberhaupt Haslachs, Bürgermeister Philipp Saar, die Kinzigtalausgabe als Erster.

Das erste Zeitungsexemplar werfe ich im Rathaus direkt am Marktplatz ein. Passenderweise erhält das Stadtoberhaupt Haslachs, Bürgermeister Philipp Saar, die Kinzigtalausgabe der Mittelbadischen Presse als Erster. Weiter geht es auf der westlichen Seite der Hauptstraße, als Nächstes erhält das Backhaus Dreher eine Zeitung. Später laufen wir unter anderem durch sehr enge Gassen, zum größten Teil auf Kopfsteinpflaster, durch die Innenstadt. Viele Gebäude in diesem Verteilgebiet sind alte Fachwerkhäuser. Die Erbauungsjahre und Namen der Wohnungen sind in die Fassaden gemeißelt oder aufgeschrieben. 

»Jeder hat seine Vorlieben, bei jedem Haus weiß ich genau, wer eine Zeitung bekommt und wie er sie geliefert haben will«, sagt Matt. Sie erklärt mir verschiedene Einwurf-Techniken. Sind die Briefkästen groß genug, kann sie die Zeitungsexemplare ungeknickt einwerfen, meistens muss sie sie aber einmal quer falten. Mit etwas Übung geht das problemlos mit einer Hand. Wenn unter den Briefkästen zusätzlich eine Zeitungsrolle vorhanden ist, kann sie die Zeitungen länglich knicken, das ist umständlicher und dauert etwas länger. »An öffentlich gut zugänglichen Stellen geht das nicht, sonst können die Zeitungen aus den unverschlossenen Rollen geklaut werden. Das kommt leider auch in Haslach regelmäßig vor«, sagt die Zeitungsausträgerin.

- Anzeige -

Oftmals muss ich Treppenaufgänge hinaufsteigen oder um Häuser herum in Hinterhöfe laufen, um die Zeitungen zuzustellen. Besonders in letzteren Fällen ist es teilweise stockdunkel vor den Briefkästen. Die Taschenlampe an Matts Mütze, die sie dauerhaft eingeschaltet lässt, ist hier nützlich. Manche wollen ihre Zeitung einfach vor die Haustüre gelegt, andere nur halb in den Briefkastenschlitz gesteckt haben. In einem Fall werfe ich die Kinzigtalausgabe auf Anweisung meiner heutigen Ausbilderin einfach durch ein Gitter-Tor auf einen kleinen Schemel. Trotz der gleichmäßigen Bewegungsabläufe ist das Zeitungsaustragen so doch abwechslungsreich. 

 

Wir sind nicht die einzigen, die so früh arbeiten.

Am Ende einer Zustell-Tour müssen die Gepäcktaschen an Matts Rad leer sein, kein Zeitungsexemplar – außer ihrem eigenen – darf übrig sein. »Sonst weiß man, dass man irgendwo ein Haus vergessen hat, und muss nochmal los«, sagt die routinierte Zeitungsausträgerin.

»Am schlimmsten ist es, wenn man verschläft. Denn alle Zeitungen müssen bis sechs Uhr verteilt sein, dann pressiert es also«, so Matt in ihrem badischen Dialekt. Auf unserer gesamten Tour begegnen wir nicht einem einzigen Menschen auf der Straße, wir arbeiten in der Stille und Einsamkeit. Samstagsmorgens aber sei immer mehr los, vor allem junge Leute, die am Freitagabend feierten, wären dann unterwegs. »Wenn im Dezember die Weihnachtsfeiern losgehen, wird es auch deutlich voller«, berichtet Matt.

Gegen 3.30 Uhr kommen wir an einer schon beleuchteten Bäckerei vorbei, Geräusche geschäftigen Treibens dringen aus dem Fenster. Der Geruch frisch gebackenen Brots steigt in meine Nase. Wir sind also nicht die einzigen, die so früh arbeiten. »Wenn man will, kann man in der Bäckerei schon etwas kaufen. Ich mache das meist, wenn ich verspätet bin«, berichtet Matt. Im beschaulichen Haslach im Kinzigtal sei ihr, wenn sie als Frau alleine im Dunklen unterwegs ist, noch nie etwas passiert.

 

»Ich kann mir die Zeit selbst einteilen, niemand steht neben mir und sagt, was ich zu tun habe.

»Einmal bin ich gegen einen Hund gefahren, der schlafend vor der Haustür lag. Der Hund hat aber nur kurz gebellt, das war schon alles«, erzählt die erfahrene Zeitungsausträgerin. Sie schätzt die Ruhe und Einsamkeit an ihrem Job: »Ich kann mir die Zeit selbst einteilen, niemand steht neben mir und sagt, was ich zu tun habe. Ich bin an der frischen Luft unterwegs, das ist gesund.« Auch ich spüre schon nach einer Stunde eine beruhigende Wirkung. Die immer selben Handbewegungen und Abläufe haben fast etwas Meditatives, das Arbeiten in Stille im Freien beruhigt meine Sinne.

Auch wenn es regnet, stürmt oder schneit muss Matt nachts raus, um ihre Arbeit zu machen. Vor Arbeitsbeginn überprüft sie stets die Außentemperatur. Heute sind es 13 Grad  Celsius: »Das ist perfekt, nicht zu warm und nicht zu kalt«, so Matt. Regnen würde es hier ohnehin nur selten. »Zur Not kann man einfach ein Unwetter abwarten, solange die Zeitungen bis sechs Uhr zugestellt sind.« Erkältet hätte sie sich bei der Arbeit noch nie: »Krank werde ich nur im Urlaub«, sagt die Austrägerin.

Es ist jetzt kurz vor vier Uhr morgens. Wir kehren, diesmal über die östliche Hauptstraßenseite, wo wir die letzten Zeitungsexemplare in die Briefkästen einwerfen, zum Ausgangspunkt zurück. Mein Smartphone zeigt an, dass wir etwa 5000 Schritte und 4,5 Kilometer gelaufen sind. Müde bin ich gar nicht, die frische Nachtluft und Bewegung haben gut getan. Auf dem Weg zu meinem Auto passieren mich inzwischen vereinzelt Autofahrer, ansonsten höre ich nur Naturgeräusche wie das Zirpen von Grillen oder das Rauschen des Windes in den Baumwipfeln. Ich genieße es, schon bald wird die Hektik des Alltags mich wieder einholen, Menschen eiligen Schritts die Straßen bevölkern. Matt wird jetzt Zeitung lesen und nochmals schlafen. Und dann wird sie wieder draußen unterwegs in Haslach sein: Nach dem Frühstück steht die Gassirunde mit ihrem Hund an.

Info

Zustellerinnen und Zusteller gesucht

Bei Interesse an einer bezahlten Tätigkeit als Zeitungsausträgerin oder Zeitungsausträger finden Sie Informationen unter www.zusteller-ortenau.de/jetzt-bewerben im Internet. Fragen können per E-Mail an logistik@reiff.de und an die WhatsApp Nummer 01 72 7 41 21 18 gerichtet werden. 

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeigen
Fachberatung aus Ortenberg
07.12.2018
Smart Home vernetzt das eigene Zuhause und spart Zeit und senkt Energiekosten. Es sorgt aber vor allem für mehr Sicherheit – wenn man die passende Ausrüstung hat. Der Einstieg ist mit dem richtigen Fachmann aber gar nicht schwierig.
Netzwerk Fortbildung
06.12.2018
Die Weiterbildung boomt – und immer mehr Arbeitgeber und Arbeitnehmer erkennen, wie wichtig es ist, sich durch eine Weiterqualifizierung sicher in der Welt zurecht zu finden. Wer eine geeignete Weiterbildung sucht, ist beim „Netzwerk Fortbildung“, dem Weiterbildungsportal des Landes Baden-...
Bodyscan bei Möbel Singler in Lahr
05.12.2018
Der Schlaf ist für den Menschen besonders wichtig. Wer nicht gut schläft, ist morgens müde und nicht fit für den Alltag. Im schlimmsten Fall entstehen sogar dauerhafte Rückenschmerzen. Matratzen mit dem Bodyscan-Liegesystem ändern das, denn sie sind perfekt auf den eigenen Körper abgestimmt.
Nachts Auto zu fahren strengt die Augen an – für Brillenträger kommen oft noch weitere Sichteinschränkungen dazu. Dagegen gibt es jetzt aber spezielle Gläser.
Dunkle Jahreszeit
15.11.2018
Im Herbst und Winter kann es für Autofahrer auch mal ungemütlich werden, denn Wetter- und Lichtverhältnisse sorgen für eine schlechte Sicht. Besonders für Brillenträger wird das unter Umständen zum Problem. Spezielle Autofahr-Brillengläser schaffen hier aber Abhilfe.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Ortenau

Streik hat Auswirkungen
vor 6 Minuten
Lange Wartezeiten waren des Ergebnis der Warnstreiks bei der Bahn für zahlreiche Ortenauer. Die Mittelbadische Presse hat sich am Bahnhof Offenburg unter den Reisenden umgehört.
Ortenau
vor 7 Stunden
Im Fernverkehr rollte wegen des Warnstreiks bei der Deutschen Bahn am Montagmorgen kein Zug mehr. Und auch im Regionalverkehr kam und kommt es zu Einschränkungen – der Südwesten bekommt das besonders hart zu spüren, Ausfälle gibt es auch zwischen Freiburg und Karlsruhe. Pendler in Offenburg müssen...
Der neunjährige Chillian Aliov (Zweiter von unten rechts) aus Offenburg hat viel erlebt in New York. Unter anderem durfte er bei der großen Abschlussshow des »Broadway Dreams Showcase« auftreten.
Von der Ortenau nach New York
vor 10 Stunden
Tanzen ist die Leidenschaft von Chillian Aliov. Der neunjährige Offenburger tanzt bei der Europa-Park-Talent-Akademie, durfte fünf Tage in New York trainieren und dort bei der Abschlussshow auftreten.
Die Gewerbeakademie Offenburg mit seinen drei Ausbildungsstätten erhält eine Förderung.
Ziel: Modernisierung der Ausstattung
09.12.2018
Die Modernisierung der Ausstattung der Gewerbeakademie Offenburg der Handwerkskammer Freiburg wird mit 380.935 Euro vom Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Wohnungsbau gefördert. Das geht aus einer Pressemitteilung des Ministeriums hervor. 
Landrat Frank Scherer begrüßt die rund 180 Gäste im Landratsamt und verkündet die Fortführung des PNO.
Trotz Ende der Bundesförderung
09.12.2018
Die Bundesförderung für das Präventionsnetzwerk Ortenaukreis (PNO) ist zu Ende. Dennoch wird das Projekt fortgesetzt. Das wurde auf der zweitägigen PNO-Projektabschlusstagung im Landratsamt bekanntgegeben. Das PNO fördert die Gesundheit von Drei- bis Zehnjährigen.
Ortenau
09.12.2018
Weil er versucht haben soll, zwei Männer von Frankreich nach Kehl zu schleusen, muss sich ein 40-Jähriger Ivorer dafür künftig verantworten. Die beiden Landsleute hatten bei der Kontrolle der Kehler Bundespolizei keinerlei Ausweispapier dabei. Für die drei dürfte es der letzte Deutschlandbesuch für...
Milena* hat nach einem mehrmonatigen Aufenthalt im Frauenhaus Ortenau Dank der Unterstützung wieder in ein geregeltes Leben zurückkehren.
Brief als Dankeschön
08.12.2018
Frauen, die Zuflucht im Frauenhaus gefunden haben, zeigen ihre Dankbarkeit oft mit Briefen. Sie machen den zahllosen anderen Hilfesuchenden Mut. Für die Aktion »Leser helfen« schildert Milena*, wie ihr der Verein Frauen helfen Frauen wieder auf die Beine geholfen hat. Für ein zweites Frauenhaus...
Mehr als 60.000 Euro aus der Ortenau
08.12.2018
Die Bundesweite Benefiz-Radttouraktion »Tour der Hoffnung« überweist 80 000 Euro Spendengelder für die Erforschung von Kinderkrebskrankheiten an die Kinderkrebsklinik der Uni Freiburg. Der Ortenberger Jo Schraeder sammelte davon 61 500 Euro in der Ortenau.
Ministerium gibt Startschuss
08.12.2018
Das Finanzministerium investiert mehr als 13 Millionen Euro in den Neubau des Finanzamts Offenburg. Die Bauarbeiten sollen noch in diesem Jahr beginnen. 
Förderung vom Land
08.12.2018
Der Ortenaukreis darf sich freuen. Das Land fördert den Breitbandausbau mit 1,14 Millionen Euro. 
Prozess könnte bald beginnen
07.12.2018
Redakteur Jens Sikeler setzt große Hoffnungen auf den Prozess um den Arztmord. Die Tat zu verstehen, helfe das Erlebte zu verarbeiten, ist er überzeugt. 
Falsche Versprechen soll ein 52-Jähriger wissentlich mehreren Ortenauer Anlegern gemacht haben. Der Schaden ist hoch.
Landgericht Offenburg
07.12.2018
Ein 52-Jähriger soll jahrelang private Anleger betrogen und so einen Schaden von rund 1,6 Millionen Euro verursacht haben. Der Mann habe seinen Opfern vorgegaukelt, das Geld in rentable Solaranlagen in Italien zu investieren – was jedoch nie geschehen sein soll. Jetzt muss er sich vor dem...