„Leser helfen“-Benefizaktion

Mehr als Körperzittern: Chefarzt zur Arbeit im Epilepsiezentrum

Christiane Agüera Oliver
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
08. November 2021
Chefarzt Thomas Bast bei der Untersuchung von Kindern in der Epilepsieklinik in Kork.

Chefarzt Thomas Bast bei der Untersuchung von Kindern in der Epilepsieklinik in Kork. ©Patrick Werner - PWP

„Leser helfen“-Benefizaktion kommt dem Epilepsiezentrum zugute. Chefarzt Thomas Bast gibt Einblicke in die hochspezialisierte Arbeit der Kinder- und Jugendklinik.

Ortenau/Kehl-Kork. Das Epilepsiezentrum der Diakonie im Kehler Stadtteil Kork ist eine international renommierte Spezialklinik für Hochleistungsmedizin und der größte Klinikstandort dieser Disziplin in Deutschland. Und doch fehlt Geld, um die Therapie für die vielen betroffenen Kinder und Jugendlichen besonders effektiv zu unterstützen. Deshalb ruft die Mittelbadische Presse im Rahmen ihrer mittlerweile 25. „Leser helfen“-Aktion zu Spenden auf. „Je mehr, desto besser“, sagt Redaktionsleiter Wolfgang Kollmer, der auch als Vorsitzender des Fördervereins „Leser helfen“ garantiert, dass das Geld sinnvoll verwendet wird.

Seit fast 130 Jahren wird epilepsiekranken Menschen in Kehl-Kork geholfen. 1892 gründete sich die „Heil- und Pflegeanstalt für epileptische Kinder“. 1967 wurde die Klinik für epilepsiekranke Kinder und Jugendliche gegründet. Die Klinik für Erwachsene gibt es seit 1976. Eine neurologische Spezialklinik für Erwachsene mit schwerer geistiger Behinderung kam 2001 hinzu.

Seit 2009 leitet der Kinderneurologe Thomas Bast die Kinder- und Jugendklinik. Dort gibt es 46 stationäre Plätze. Die jungen Patienten kommen aus ganz Deutschland und dem benachbarten Ausland. Meistens, nachdem eine Epilepsie zum ersten Mal aufgetreten ist, werden sie von Kinderärzten, Schwerpunktpraxen oder Kliniken geschickt.

Das Behandlungskonzept unterscheide sich von „typischen Akutkliniken“. Das liege unter anderem daran, dass in Kork nicht nach dem Fallpauschalensystem abgerechnet werde. „Das heißt, es gibt keine bestimmte Verweildauer, der Patient bleibt so lange wie nötig“, erklärt Thomas Bast. Im Durchschnitt sind das zwölf Tage, manche Patienten sind jedoch mehrere Wochen oder gar Monate in stationärer Behandlung.

Mehr als Körperzittern

Epilepsie ist eine Erkrankung des Gehirns. Eine Überregung der Nervenzellen im Gehirn kann zu Anfällen führen. „Die Symptome, wie sich eine Überregung äußert, sind unterschiedlich. Das erkennt ein Laie oft nicht“, erklärt Bast. Einen Epilepsieanfall bringe man stets mit einer Versteifung des gesamten Körpers, Zittern oder Bewusstlosigkeit in Verbindung. Doch ein Anfall kann laut Bast auch zu einer bloßen Bewusstseinsstörung führen oder zu allen Phänomenen, die das Gehirn leiste. „Den Arm heben, eine aufsteigende Übelkeit, ein Déjà Vu, das Gefühl zu fallen – eben das, was das Gehirn an der Stelle des Anfalls normalerweise macht“, erklärt der Epileptologe.

- Anzeige -

Diagnostisch werde unter anderem mit Langzeit-„Hirnstrommessungen“ (EEG) und Kernspintomographie festgestellt, weshalb die Anfälle vom Gehirn ausgehen. Auch genetische Untersuchungen können eine wichtige Rolle spielen. „Es gibt sehr viele Formen und Konstellationen von Epilepsie, die unterschiedlich behandelt werden“, so Bast. Epilepsie, wenn durch einen Tumor, Narben oder Fehlbildungen des Gehirns verursacht, kann durch einen chirurgischen Eingriff, wie im Rahmen der Kooperation mit der Uniklinik Freiburg, geheilt werden. „Viele Operierte sind geheilt und leben ohne Medikamente.“

Unbeeinträchtigt können auch die meisten anderen Patienten mit entsprechender Medikation leben. Von medizinischer Seite gibt es rund 30 Substanzen, „darunter auch selten eingesetzte Medikamente“, die angewendet werden können, um eine Epilepsie unter Kontrolle und den Patienten anfalls- und beschwerdefrei zu machen. „Bei etwa 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen hilft diese Pharmakotherapie“, so Thomas Bast. Das heißt aber auch, dass 20 Prozent nicht auf Arzneimittel ansprechen. „Und gerade diese schweren Fälle kommen zu uns.“ Ein hoher Anteil von etwa 60 Prozent der jungen Patienten in Kork hat zusätzliche Beeinträchtigungen, wie beispielsweise eine geistige Behinderung oder Autismus.

Das interdisziplinäre Zusammenwirken und Erfassen des Patienten und seiner Familie als Ganzes, habe in der Kinder- und Jugendklinik einen besonderen Stellenwert. „Das zeichnet uns aus“, unterstreicht Thomas Bast. Mit dem besonderen „Stay-In-Konzept“ ist stets ein Elternteil bei allen Therapien dabei. Die Eltern übernachten im Appartementzimmer auf dem Gelände oder im Hotel.

Interdisziplinär ist auch das Wirken unter anderem von Ärzten, Psychologen, Therapeuten, den Mitarbeitern in der Pflege und mit der Frühberatungsstelle, der Klinikschule und dem Sozialen Dienst. „Leider haben wir nicht die Möglichkeiten einer Rehabilitations-Klinik“, bedauert der Arzt. Ein breites Spektrum werde aber trotzdem abgedeckt. Ganzheitliche Ansatz-Leistungen werden buchstäblich aus den Rippen geschnitten.

„Die Finanzierung hängt überwiegend an Spenden, aus laufenden Mitteln ist es leider nicht möglich“, so Bast. Zu den unterschiedlichen Therapien gehören unter anderem Reit-, Musik-, Tanz- und Bewegungstherapie sowie Physio- und Ergotherapie. Auch für die sehr wichtige Epilepsie-Beratungsstelle gebe es keine Regelfinanzierung.

Neun weitere Ärzte, drei Psychologinnen, Mitarbeiter im Verwaltungs- und pflegerischen Bereich gehören zum Team des Chefarztes. Sie kümmern sich um rund 900 Patienten pro Jahr. In den Ambulanzen werden etwa 1400 Fälle behandelt. Einige der Kinder und Jugendlichen sind nur einmal in Kork, andere werden regelmäßig stationär behandelt. Mit der Schnittstelle vom Jugendlichen zum Erwachsenen sei das Epilepsiezentrum Kork privilegiert. „Durch die Erwachsenenkliniken können wir für das ganze Leben Angebote machen.“

Info

"Leser helfen" in den sozialen Medien

Folgen Sie unserer diesjährigen Spendenaktion in den sozialen Medien, um über aktuelle Spendenbeiträge und Hintergrundberichte auf dem Laufenden zu bleiben.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Ortenau

Bei Arztbesuchen sind Rollstuhlfahrer auf kräftige Angehörige oder sogenannte Patientenlifter angewiesen. Wenn es an beidem fehlt, ist die Versorgung erschwert, eingeschränkt oder gar nicht möglich. 
18.05.2024
Ortenau
In Arztpraxen fehlen Lifter, die Rollstuhl-Patienten auf Behandlungsliegen oder -stühle heben. Als pflegende Angehörige fühlt sich eine Leserin aus Berghaupten allein gelassen.
Die Befragten des Ortenau-Checks finden, in Sasbachwalden ist die Lebensqualität am besten.
18.05.2024
Die Heirats-Strategie
Beim Ortenau-Check hat Sasbachwalden den ersten Platz in der Kategorie Lebensqualität erzielt. Bürgermeisterin Sonja Schuchter weiß, warum.
17.05.2024
Ortenau
Ein rund 8,5 Kilometer langer Abschnitt der B500 zwischen der Abzweigung nach Seebach (L 87) und der Abzweigung nach Sasbachwalden (L 86) wird ab Montag, 27. Mai, saniert und dafür komplett gesperrt. Darüber informiert das Regierungspräsidium Freiburg.
17.05.2024
Ortenau
Auf der B28 Richtung Neumühl hat es am Freitagmittag einen Unfall gegeben. Ein Rettungswagen ist im Einsatz. Der Autofahrer sei nicht schwer verletzt.
17.05.2024
Ortenau
16 Männer sollen bundesweit Geldautomaten gesprengt und Beute in Millionenhöhe gemacht haben. Auch in der Ortenau soll die Bande zugeschlagen haben. Bereits am zweiten Tag wurde der Prozess gegen sie ausgesetzt. Nun geht es weiter - mit Terminen bis 2026.
Ein 57-Jähriger stürzte während der Arbeit von einem Dach und verletzte sich dabei schwer. 
17.05.2024
Hohberg - Niederschopfheim
In einer Werkstatt in Hohberg-Niederschopfheim ist es am Donnerstag zu einem Arbeitsunfall mit einem Schwerletzten gekommen. Der 57-Jährige stürzte 3,5 Meter von einem Dach auf den Boden.
Der 29-Jährige wurde in eine naheliegende Klinik gefahren.
17.05.2024
Ortenau
Bei einem Unfall auf der A5 bei Bühl ist ein 29-Jähriger am Freitag schwer verletzt worden. Seit Freitagmorgen häufen sich die Unfälle. Speziell zwischen Rastatt Süd und Bühl warnt die Polizei vor überfluteten Straßen für beide Fahrtrichtungen. 
Friedrich Sacherer (rechts), Vizepräsident der Freiburger Handwerkskammer, ehrte mit Kreishandwerksmeister Bernd Wölfle Rouven Horn und Maria Hund für ihre Leistungen mit der Urkunde der Handwerkskammer Freiburg. Die dritte Urkunde geht an den erkrankten Giulio Molignini.
17.05.2024
"Helden des Handwerks"
Kreishandwerksmeister Bernd Wölfle sprach bei einer Feier in der Reithalle 193 Gesellinnen und Gesellen frei. Er erwähnte dabei ihre Schlüsselrolle bei den künftigen Herausforderungen.
65 Prozent der Unternehmen gaben in einer Konjunkturumfrage der IHK Südlicher Oberrhein an, ihre Finanzlage sei unproblematisch. Es fehle aber zunehmend an Nachfrage aus dem Inland.
17.05.2024
Kein Aufschwung in Sicht
Die Wirtschaft in der Region stagniert. Die Gründe sieht die Industrie- und Handelskammer Südlicher Oberrhein in der unsicheren Wirtschaftspolitik und dem Mangel an Nachfrage im Inland.
Die Badischen Stahlwerke und die Koehler Gruppe prüfen den Bau von Windrädern im Kehler Hafen.
16.05.2024
Kehl
Mit eigenen Windrädern energieautark werden: Nach dem Rohrhersteller Fischer in Achern, wollen nun auch die Badischen Stahlwerke und die Koehler Gruppe im Kehler Hafen Windräder bauen.
Insgesamt werden nach der Wahl 720 Abgeordnete im EU-Parlament sitzen, mit 96 davon die meisten aus Deutschland. Aus den kleinen Ländern Malta, Zypern und Luxemburg kommen jeweils nur sechs.
16.05.2024
Serie zur EU-Wahl am 9. Juni
In der sechsten Folge unserer Serie zur Europawahl am 9. Juni geht es etwa darum, wie die Abgeordneten für das EU-Parlament gewählt werden. Deutschland stellt mit 96 die meisten davon.
16.05.2024
Zwei Festnahmen
Beamte der Kriminalpolizei Offenburg führen seit einigen Monaten ein Ermittlungsverfahren gegen mehrere Personen aus Offenburg, die im Verdacht stehen, mit Kokain, Amphetamin und Cannabis in größeren Mengen Handel zu treiben. Dabei wurden auch zwei Männer festgenommen.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Das Geheimnis des Erfolgs ist der große Zusammenhalt der Familie. Jeder bringt sich mit seinen Erfahrungen und Talenten ein (von links): Erika und Erhard, Brigitte und Hubert Benz sowie Anja Vetter und Alexander Benz mit ihrem kleinen Lukas. 
    29.04.2024
    Top-Life Gesundheitszentrum: Alle Altersgruppen willkommen!
    Das Top-Life Gesundheitszentrum in Berghaupten feiert in diesem Jahr ein außergewöhnliches Firmen-Jubiläum. Es basiert auf dem Alter aller sieben Familienmitglieder, die zum Erfolg des Unternehmens beitragen.
  • Physiotherapeutin Luise Wolf schätzt die Zusammenarbeit und innovativen Ansätze bei ihrem Arbeitgeber. 
    22.04.2024
    Top-Life Berghaupten: Hier steht der Mensch im Mittelpunkt
    Das Gesundheitszentrum Top-Life in Berghaupten bietet ein Komplettpaket rund um Gesunderhaltung, Rehabilitation, Prävention und Wellness. Physiotherapeutin Luise Wolf ist Teil des motivierten Teams und gibt im Interview Einblick in ihre abwechslungsreiche Arbeit.
  • Alles andere als ein Glücksspiel: die Geldanlage in Aktien. Den Beweis dafür tritt azemos in Offenburg seit mehr als 20 Jahren erfolgreich an.
    17.04.2024
    Mit den azemos-Anlagestrategien auf der sicheren Seite
    Die azemos Vermögensmanagement GmbH in Offenburg gewährt einen Einblick in die Arbeit der Analysten und die seit mehr als 20 Jahren erfolgreichen Anlagestrategien für Privat- sowie Geschäftskunden.
  • Auch das Handwerk zeigt bei der Berufsinfomesse (BIM), was es alles kann. Hier wird beispielsweise präsentiert, wie Pflaster fachmännisch verlegt wird. 
    13.04.2024
    432 Aussteller informieren bei der Berufsinfomesse Offenburg
    Die 23. Berufsinfomesse in der Messe Offenburg-Ortenau wird ein Event der Superlative. Am 19. und 20. April präsentieren 432 Aussteller Schulabsolventen und Fortbildungswilligen einen Querschnitt durch die Ortenauer Berufswelt. Rund 24.000 Besucher werden erwartet.