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Johanna Kuhnt liest mit 95 täglich das Offenburger Tageblatt

Autor: 
Bettina Kühne
Lesezeit 4 Minuten
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20. November 2020

Schon als Jugendliche hat Johanna Kuhnt, geborene Keller, aus Diersburg gerne die Zeitung gelesen. Auch im Pflegeheim Emmaus in Friesenheim-Oberweier freut sich die 95-Jährige täglich auf ihre Zeitung. ©Ulrich Marx

Die tägliche Lektür der Mittelbadischen Presse gehört für Johanna Kuhnt dazu: Die 95-Jährige, die im Seniorenheim Emmaus lebt, schickt auch ihrer Tochter immer wieder Ausschnitte mit Infos aus der Heimat.

„Ich habe schon immer gerne Zeitung gelesen“, sagt Johanna Kuhnt, die als Johanna Keller vor 95 Jahren in Diersburg geboren worden ist. Viel Geld, erinnert sich die Seniorin, hatte die Familie nicht. Aber das Abonnement der Zeitung, das musste sein. Freilich hat man die Zeitung damals nicht beim Frühstück gelesen, erst ging jeder seiner Arbeit nach und dann, am Nachmittag oder Abend, saß die Familie zusammen – beim Zeitungslesen. Jeder bekam einen Teil, und die junge Johanna schätzte diese Momente sehr: „Diese Tradition habe ich dann mit meinem Mann und meinen Kindern so beibehalten.“

Interesse am Regionalen

„Ich habe mich immer fürs Regionale interessiert“, sagt die Seniorin, die inzwischen im Haus Emmaus in Friesenheim-Oberweier lebt. Die Zeitung liest sie von hinten her, fügt mit einem Lachen hinzu: „Aber das machen viele.“ Wahrscheinlich liegt es daran, dass dort die für sie interessantesten Beiträge stehen. Sie liest alles rund um Friesenheim und Hohberg, Offenburg und Lahr – und natürlich die Todesanzeigen. 

Da hat sie selbst tragische Verluste erlebt: Ihr Sohn ist vor gut 20 Jahren auf dem Weg zur Arbeit in Freiburg tödlich verunglückt. Der Arzt hinterließ zwei kleine Kinder. Ein Trost für die geistig fitte Seniorin: „Meine Schwiegertochter hat unseren Kontakt weiterhin sehr gepflegt.“ Jetzt sind die Enkel längst erwachsen, aber sie schauen gerne bei ihrer Oma vorbei und halten telefonisch Kontakt.

Ausschnitte gesammelt

Schon als Jugendliche hat sie Ausschnitte aus der Zeitung gesammelt – „mit allem, was mir interessant und wichtig erschien“. Das alles wurde ordentlich archiviert und abgeheftet. Mehrere Ordner waren gefüllt, als die junge Frau heiratete – 2014 nach 65 Ehejahren hat sie ihren Mann verloren – und von zuhause auszog. „Irgendwann hat sie wohl jemand weggeschmissen“, bedauert sie. 

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Die 95-Jährige macht aus ihrem Abo-Exemplar weiterhin Ausschnitte, mit denen sie ihre Tochter über die Geschehnisse in Friesenheim, Hohberg und der Ortenau auf dem Laufenden hält. „Ich schicke das Wichtigste und Interessanteste an meine Tochter in Hannover“, berichtet sie. Besonders freut sie sich, wenn über Schulkameraden ihrer Tochter berichtet wird, und schöne Fotos aus der Region sollen ein Stück Heimat nach Hannover bringen. „Das kommt dann alles gesammelt in einen Umschlag“, verrät die Seniorin, deren Leidenschaft das Briefe- schreiben ist.

Jetzt, zu Weihnachten, gibt es besonders viel zu tun: Rund 60 selbst geschriebene Weihnachtsgrußkarten bringt sie dann auf den Weg. „Und letzte Woche habe ich zwei Geburtstagskarten verschickt“, berichtet sie.

Spezielle Verwendung

In dieser Phase stehen auch Erinnerungen an früher im Fokus, an damals, als man die Zeitung dann auch noch zum Anfeuern verwendet hat. Kuhnt amüsiert sich ein bisschen, denn nicht nur für ihr Archiv hat sie, Jahrgang 1925, die Zeitung früher kleingeschnitten. Sie stammt aus einer Zeit, als der Abort über den Hof lag. „Wir saßen dann im Freien und haben die Zeitung zu Toilettenpapier geschnitten“, denkt sie an ihre Jugend mit Bruder und Schwester zurück. Damals war das üblich.
Gemüse einwickeln

Für viele andere Sachen taugte die Zeitung, nachdem sie gelesen war. „Für den Winter haben wir Salat und Gemüse darin eingeschlagen“, sagt Kuhnt. Eisbergsalat hielt sich so monatelang frisch, „zudem die Karotten aus dem eigenen Garten in Pfund abgepackt“.

Ihr Abo, das mit ihr ins Seniorenheim umgezogen ist, hat nach der Lektüre noch einen Nutzen. Ein freundlicher Mitbewohner holt ihr die Zeitung aus dem Briefkasten, „ich selbst sitze im Rollstuhl und bin nicht mehr mobil“. Wenn sie ihre Lektüre beendet hat, reicht sie ihm ihr Exemplar am Abendtisch weiter: „Es ist schön, wenn man jemandem damit eine Freude machen kann.“

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