Sasbachwalden
Dossier: 

Josef Decker verkörpert seit 1993 den Weingott Bacchus

Autor: 
Roland Spether
Lesezeit 7 Minuten
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17. September 2020

(Bild 1/2) Hoch oben auf einem mächtigen Weinfass thronte Josef Decker 2018 zur Feier von 25 Jahren als „Bacchus“. Begleitet wurde er von den Bacchantinnen Sophia Bruder (rechts) und Victoria Lorenz. ©Roland Spether

In unserer Serie „Ortenauer Originale“ porträtieren wir Menschen mit dem gewissen Etwas. Heute (14): Josef Decker aus Sasbachwalden verkörpert seit 1993 und auf Lebenszeit den Weingott „Bacchus“. Der 64-Jährige liebt es außerdem, in den Reben zu arbeiten.

Ein bunter Kranz mit Trauben auf dem Kopf, einen fünf Liter fassenden Weinrömer in der Hand und ein Strahlen im Gesicht wie die Sonne im „Goldenen Oktober“. Der „Weingott von Saschwalle“ alias Josef „Bacchus“ Decker gibt zum großen Erntedank- und Weinfest in Sasbachwalden wahrlich ein prächtiges Bild ab. Wenn er dann noch beim farbenprächtigen Festzug mit herrlichen Blumen- und Motivwagen auf einem drei Meter hohen Weinfass thront und mit seinen Bacchantinnen zu Füßen durch das Blumen- und Weindorf chauffiert wird, dann ist das weinselige Glück perfekt.

Den Wein repräsentieren

Josef Decker fühlt sich wie im Weinparadies und nimmt wie sein göttliches Original aus der Antike den stehenden Applaus und die Huldigungen der Zuschauer im Zeichen des edlen Rebensaftes entgegen. Der trägt in Sasbachwalden das Label „Alde Gott“ und Weingott „Bacchus“ darf mit den Weinhoheiten und Bacchantinnen den Wein repräsentieren, was eine ehrenvolle und wichtige Aufgabe für die traditionsreiche Weinbaugemeinde ist.

Doch in diesem Jahr ist alles anders als in den vergangenen Jahrzehnten seit Beginn der Weinfeste 1949. Denn dem Fest der Feste im Blumen- und Weindorf hat Corona einen kräftigen Strich durch die Rechnung gemacht, so dass das Erntedankfest im großen Stil mit einem 2000 Personen fassenden Festzelt, drei weinseligen Tagen und einem farbenfrohen Festzug nicht stattfindet. „Das ist für alle natürlich sehr schade, ich habe mich sehr auf das Erntedankfest gefreut“, so Josef Decker. Als waschechter „Saschwaller“ ist er von Kindesbeinen an mit dem Wein aufgewachsen, sein Elternhaus steht auf dem 320 Meter hohen Murberg und hier ist er mit neun Geschwistern in der elterlichen Landwirtschaft aufgewachsen. „Ich bin noch mit dem Pferd auf den Acker gefahren.“

Amt auf Lebenszeit

Josef „Bacchus“ Decker gehört zu Sasbachwalden wie der Alde Gott zum Wein – seit 27 Jahren verkörpert er mit Leib und Seele dieses ganz besondere Ehrenamt. Dieses Amt ist sogar perfekt auf ihn zugeschnitten, denn mit seinem verschmitzten Lächeln, der körperlichen Statur und seinem herzhaften Humor verkörpert er den Bacchus schlechthin. „Ich bin der einzige im Dorf, der ein lebenslanges Amt innehat“, freute er sich, auch darüber, dass er der einzige Bacchus weit und breit ist. Im Gegensatz zur Weinkönigin, den zwei Weinprinzessinnen und zwei Bacchantinnen, die bei einer öffentliche Wahl während des Sommerfests des SV Sasbachwalden gewählt werden, wird der Bacchus quasi auf Lebenszeit vom jeweiligen Bürgermeister ernannt.

Seit 1993 ist er der „Bacchus“

Damals war es Bürgermeister Valentin Doll, der 1992 in das Amt gewählt wurde und einen Nachfolger für Karl-Heinz Bohnert suchte. Mehr bürgermeisterliche Worte als „Du bist jetzt der Bacchus“ brauchte es nicht: Josef Decker schlug 1993 ein, blieb dieser Aufgabe bis heute treu und durfte neun verschiedene Weinköniginnen und Weinhoheiten an seiner Seite haben. Nicht zu vergessen die Badische Weinkönigin und Deutsche Weinprinzessin Andrea Köninger oder die Ortenauer Weinprinzessin Victoria Lorenz, die noch mehr Glanz in das Gesicht des „Saschwaller Weingottes“ brachten. 

Charmant begleitet durch Weinhoheiten

Wenn es dann nach dem Erntedankgottesdienst ins große Zelt ging, das Badnerlied erschallte und der edle Ehrentrunk aus dem Keller des Alde Gott „angerollt“ wurde, dann war Josef Decker inmitten der hübschen Weinhoheiten in seinem Element. Dann konnte es sein, dass Josef Decker ein Selfie nach dem anderen mit sich machen ließ, der Weinrömer in froher Runde kreiste und „Bacchus“ 2000 Weinfreunden zurief: „Ich bin bei euch alle Tage.“ Auch für seine charmante Begleitung fand er stets nette Worte, fühlte sich als Hahn im Korb pudelwohl und freute sich, wenn die Weinhoheiten ihm liebevoll versicherten: „Gell Bacchus, wir passen schon auf dich auf.“ Denn bei so einem großen Weinrömer mit fünf Litern Fassungsvermögen kann es leicht sein, dass der Überblick verloren geht. Doch auch hier hat Josef Decker die Dinge fest im Griff.

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Für ihn und die Weinhoheiten ist es auch eine Ehrensache, dass sie im Erntedankgottesdienst mit Dirndl und Ornat ministrieren, Fürbitten vortragen und dem Schöpfer aller guten Gaben danken. Auch das hat in Sasbachwalden eine lange und gute Tradition und in den letzten Jahren unter den Weinhoheiten auch Mädchen, die Ministrantinnen sind. 

Weinseliges Selfiemotiv 

Das Erntedank- und Weinfest im „Goldenen Oktober“ ist der Höhepunkt des Jahres, zumal dann auch die Trauben geerntet und eingelagert sind und die Winzer allen Grund zum Feiern haben. Dabei darf der Weingott von Sasbachwalden nicht fehlen, doch in normalen Jahren ist er mit den Weinhoheiten zusätzlich bei vielen Festen in der Gemeinde, bei geselligen Weinproben mit Feriengästen oder bei offiziellen Anlässen der Gemeinde dabei. Dabei ist er das Fotomotiv schlechthin: Seelenruhig und mit einem verschmitzten Lächeln steht er da, erfüllt alle Wünsche, und wenn ihn jemand freundlich fragt, darf er auch aus seinem großen Weinrömer trinken.

Dabei darf ein freundliches Wort, ein humorvoller Weinspruch oder ein gut gemeinter Rat nicht fehlen. „Halten Sie die Hand über das Weinglas, sonst gibt es Schorle“, riet er einmal Gästen, die bei Regenwetter am Weinbrunnen standen. Dass er sich liebevoll um seine Gäste kümmert, war auch beim Pressetermin am Bildstöckel des „Alde Gott“ nicht zu übersehen. Mit einem Korb kam er an den Tisch und stellte einen guten Tropfen hin.

Mythologische Figur des altrömischen Weingottes

Dass viele Josef Decker auch außerhalb der hohen Zeit des Weines freundlich nur mit „Bacchus” anreden, macht ihm überhaupt nichts aus. Im Gegenteil, es ehrt ihn und es macht ihm ganz einfach Spaß, der „Weingott von Saschwalle“ zu sein und in der mythologischen Figur des altrömischen Gottes des Weines, des Genusses und der Lebensfreude den „Alde Gott” repräsentieren zu dürfen.

Denn er ist ein bodenständiger, ehrlicher und lebensfroher Mensch, der wie ein alter Rebstock ganz tief mit Sasbachwalden verwurzelt ist. Deshalb ist es auch nicht verwunderlich, dass er seinen Heimatort über alles liebt. „Hier ist meine Heimat, hier bin ich zu Hause, von hier gehe ich nicht weg.“ Eine schönere Liebeserklärung an Sasbachwalden gibt es nicht, und wenn die Lese der Trauben naht, dann ist auch bei Josef Decker „Goldener Oktober“. „Die Trauben stehen in diesem Jahr optimal da, sie sind kerngesund“, so Decker, der den Weinfreunden einen sehr guten Jahrgang 2020 in Aussicht stellt.

Der zehnte Bacchus seit 1949

Nach Recherchen des Ortshistorikers Markus Bruder ist Josef Decker der zehnte Bacchus seit 1949. Denn damals fand bereits ein Jahr nach der Gründung der Winzergenossenschaft das erste Erntedank- und Weinfest statt, um den Wein noch besser unter die Leute zu bringen.

Dass die Winzer dabei ihrer Zeit voraus waren, zeigt die Tatsache, dass sie mit Elisabeth Leppert die erste Weinkönigin von Sasbachwalden und von Baden krönten. Der erste Bacchus war Josef Huber, seit 1993 amtiert Josef Decker. Die 24. Weinkönigin ist Alina Bohnert, mit ihr repräsentieren die Weinprinzessinnen Annica Haaser und Lena Rosenacker sowie die Bacchantinnen Stefanie Rosenacker und Leonie Schnäckel den „Alde Gott“. Alle zusammen sind sie mit Josef Decker sehr traurig, dass das Erntedank- und Weinfest in der gewohnten Form nicht stattfinden kann. Aber es soll ein alternatives Fest mit Hygiene, Abstand und auf jeden Fall mit dem Bacchus und dem Alde Gott geben. 
 

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