Ortenau-Reportage
Dossier: 

Ortenauer Bierbrauerinnen: Klare Frauensache

Anna Suckow
Lesezeit 7 Minuten
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15. September 2016
Bei Veronique Reynaert wird noch von Hand verkorkt. Das Hobby »Bierbrauen« ist längst eine Passion für die Wahl-Ortenauerin.

Bei Veronique Reynaert wird noch von Hand verkorkt. Das Hobby »Bierbrauen« ist längst eine Passion für die Wahl-Ortenauerin. ©Heidi Fößel

Bierbrauen gilt immer noch als Männerdomäne. Doch eine neue Riege an Brauerinnen mischt die Szene auf: Diese stellt Biere auf höchstem Niveau her – und das nicht gerade alkoholfrei.

Eine schwere Krankheit zwang Veronique Reynaert vor fünf Jahren, ihr Leben zu ändern. Der Liebe wegen zog die gebürtige Belgierin von West-Flandern in die Ortenau, brachte ihre große Leidenschaft Tanzen mit. Doch dann wurde ein Tumor am Stammhirn diagnostiziert. Nach der Operation verlor sie ihr Kurzzeitgedächtnis, musste einfachste Dinge neu lernen und kämpft seitdem mit chronischen Kopfschmerzen. An Tanzen war nicht mehr zu denken. Um sich von den Schmerzen abzulenken, musste ein neues Hobby her. Für den Genussmensch mit großer Heimatverbundenheit war schnell klar: Ich braue mein eigenes Bier!

»Das war in der schweren Zeit, die Erinnerung an mein Zuhause«, sagt Veronique Reynaert. In Belgien ließ sie sich von Brauern in das Handwerk einführen, brachte ein altes Rezept aus ihrem Heimatdorf in die Ortenau und setzte ihren ersten Sud auf dem heimischen Herd an. Wo andere ihre Nudeln kochen, braute sie Bier. So wie auch jetzt gerade in einem Nebenraum der Küche ein Bräu reift, das sie eigens für das Restaurant »Heckenrose« in Ringsheim kreiert. Es riecht nach Hopfen. Noch ist der Sud noch nicht genießbar, doch die Aromen steigen schon aus dem Fass empor. 

Fuchs als Marke

Ihre Biermarke nennt sie »Fox« und gibt so einen Hinweis auf die Brauerin, denn Reynaert heißt übersetzt »Reineke«, und dann sind wir wieder beim Fuchs. Auf allen Flaschen prangt das rothaarige Tier, auch in ihrer Wohnung ist es immer wieder zu sehen. An der Wand hängen Gemälde und Zeichnungen mit Porträts des schlauen Waldbewohners, auf einer alten Anrichte stehen aufgereiht Gläser mit Kerzen und Fuchs-Gravierungen. Der erste Sud des von ihr gebrauten Triple Blonde war schnell über den Freundeskreis hinaus bekannt. Um mit der gestiegenen Nachfrage mithalten zu können, verlagerte sie die Produktion in ein Brauhaus in Wittenweier. So kann sie größere Mengen produzieren.

Der Schritt war nicht leicht, denn nun liegt die Produktion nicht mehr allein in ihren Händen. Doch Veronique Reynaert weiß: »Man muss offen bleiben und auch mal einen Schritt nach vorn gehen.« Bierbrauen ist für sie Handwerkskunst. Im wahrsten Sinn, denn der Sud aus belgischem Bio-Hopfen ist so dickflüssig, dass er mit Hand gerührt werden muss. Vor der ersten Abfüllung war sie sehr aufgeregt – wird aus dem Traum Realität, das eigene Bier von Anfang an zu begleiten – von der Konzeption über Herstellung bis zum Endprodukt. Lachend erklärt sie: »Mit 47 Jahren bekommt man keine Kinder mehr, sondern Flaschen.« In Kleinstmengen wird das Starkbier in Flaschen gefüllt, mit Champagnerkorken verschlossen und gärt ein drittes Mal nach. Diese Arbeit hat ihren Preis – rund zwölf Euro kostet die 0,75-Liter-Flasche des Triple Blonde. Dafür erwartet den Konsumenten ein Bier abseits der Masse. Vom Rezept bis zum Etikett trägt alles Reynaerts Handschrift. 

Mehr als 90 Prozent der Brauer in Deutschland sind männlich. Es ist verblüffend, dass Bierbrauen heute noch als Männerdomäne gilt. Von der Antike bis ins Mittelalter war die Verarbeitung von Hopfen und Malz nämlich in der Hand der Frauen. Archäologische Funde belegen, dass Frauen schon vor 4000 Jahren im Zweistromland als alleinige Herrinnen über den Sudkessel wachten. Auch Luthers Ehefrau Katharina hatte noch den Brauerinnenberuf erlernt und bediente den trinkfreudigen Reformator mit eigenwilligen Rezepturen. Erst als die Klöster im Bierausschank eine lukrative Einnahmequelle entdeckten, verdrängten die Mönche die Brauerinnen zunehmend.

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Doch das ändert sich jetzt, Frauen interessieren sich zunehmend wieder für das kühle Blonde. »Immer mehr entscheiden sich auch für den Brauberuf oder übernehmen gleich ganze Brauereien. Bier-Unis wie Weihenstephan und Berlin registrieren ein wachsendes Interesse von Bewerberinnen«, erläutert Expertin Mareike Hasenbeck, die auf ihrem Blog www.feinerhopfen.com über edle und ungewöhnliche Biere schreibt.
Auch die Craft-Bier-Szene mit ihrer enormen Geschmacksvielfalt hat vieles verändert: Frauen genießen wieder Bier. Die Bezeichnung Craft-Bier kommt nicht etwa von Kraft – auch wenn sie mehr als die üblichen fünf Prozent Alkohol enthalten und somit zu den Starkbieren zählen. Stattdessen kommt es von dem englischen Wort für Handarbeit. Die in kleiner Auflage hergestellten Starkbiere von Veronique Reynaert zählen auch zu diesem neuen Trend-Segment – und kamen auf dem Craft-Beer-Festival in Freiburg gut an. Das Bier ist in Getränkemärkten in der Region und über das Internet erhältlich. 

Mit Geschmack und Ellenbogen

Wie Reynaert entschließen sich in Deutschland immer mehr Frauen dazu, selbst Bier zu brauen. Vier fränkische Brauerinnen etwa haben eine Hopfenkaltschale extra für das weibliche Geschlecht auf den Markt gebracht, in Detmold führt die einst jüngste Braumeisterin ein Familienunternehmen in die Zukunft. Mit Witz, Geschmack und Ellenbogen erobern sich Frauen ein Stück der Brauereilandschaft zurück.

Wenn Jessica Görick vom Bierbrauen erzählt, leuchten ihre Augen. Sie war Auszubildende in der Brauerei Bauhöfer – und die erste Frau, die in der Familienbrauerei in Renchen-Ulm das Handwerk gelernt worden. Die roten Haare hat sie zu einem lockereren Pferdeschwanz gebunden. Nach dem Abitur fing sie zunächst ein Biologie-Studium an. »Ich habe nebenbei zwei Praktika in Brauereien gemacht und dann schnell gemerkt: Ich möchte eigentlich gar nicht studieren, ich möchte genau diesen Beruf ausüben, weil es mir so viel Spaß macht«, erzählt sie. Also brach sie ihr Studium ab und suchte sich einen Ausbildungsplatz. Schnell stand für sie die Ulmer Brauerei als Lehrstätte fest, da eine mittelständische Brauerei mehr Einblicke in die Produktionsabläufe garantiert. »Hier ist man überall im Einsatz.« Anfangs habe sie etwas Angst vor der Männerdomäne gehabt: »Es ist schon hartes Brot und die Arbeit ist auch körperlich anstrengend.« In Kapuzenpulli, Latzhose und Gummistiefeln führt Görick durch das Brauhaus. Hier wird überall mitangepackt. Jessica Görick nimmt wie ihre männlichen Kollegen auch mal Pumpen auseinander, erneuert Ventile und schleppt im Keller Fässer. Auffallend hell und sauber ist es beim Läuterbottich. Die Sonne scheint durch die großen Fenster auf die Edelstahltanks, in denen der Treber von der flüssigen Würze getrennt wird. Görick hat sich schon immer für den Gerstensaft interessiert, erzählt sie, während sie am Bildschirm die Temperaturen im Sudkessel kontrolliert. »Ich wollte auch immer herausfinden, wie was funktioniert.« Alle Vorgänge werden über den Computer kontrolliert, Tradition trifft hier auf moderne Technik. 

Zwischendurch wird neben Qualität und Alkoholgehalt auch der Geschmack kontrolliert. Der Winterbock strömt langsam ins Glas. Aus dem honigfarbenen Bier steigt ein süßlicher Duft hervor, der an Gewürze und Obst denken lässt. Es schmeckt leicht würzig und nicht zu bitter. Görick trinkt auch gern nach Feierabend ein Bier. »Ich möchte schon wissen, woher es kommt und wie es hergestellt wird.«
Dass gerade Frauen auch den Geschmack von feineren Starkbieren schätzen, überrascht Mareike Hasenbeck nicht. Denn: »Alkohol ist ein Geschmacksverstärker. Und Geschmack ist Frauensache.«
 

Hinweis: In der Ursprungsfassung des Textes hieß es, Jessica Görick, sei Auszubildende bei der Braurei Bauhöfer. Richtig ist, dass Jessica Görick die Ausbildung bereits abgeschlossen hat und nicht mehr für Bauhöfer tätig ist.. Wir bitten, den Fehler zu entschuldigen.

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