Ortenau-Reportage
Dossier: 

Krötenwanderung am Lahrer Hohbergsee

Bettina Kühne
Lesezeit 5 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
07. April 2016

Achtung, liebestolle Amphibien! Vor allem nachts sind derzeit wieder vielerorts Erdkröten unterwegs, die allein oder im Doppelpack zu ihren Laichgewässern ziehen. ©Ulrich Marx

Zur Laichzeit haben Erdkrötenmännchen nicht nur das Problem, eine Partnerin zu finden – auch ist der Weg zu ihren Laichgewässern für die liebestollen Amphibien mitunter lebensgefährlich. Gut, wenn sie, wie etwa am Hohbergsee, menschliche Unterstützung erhalten.

Es klingt wie das Quietscheentchen im Bad. Etwas zarter vielleicht, aber unermüdlich. Auf die letzten Meter sollte es noch klappen mit dem Liebeswerben, sonst ist das Krötenmännchen umsonst den ganzen Weg gelaufen – zwei bis drei Kilometer bis zum Hohbergsee, wo er gerne seine Gene weitergeben möchte. Viele andere reisen da bequemer: Sie haben sich bereits ein Weibchen gesichert, an dem sie sich festklammern. Huckepack hat das viel größere Weibchen seinen Kavalier mit zum See gebracht. Für ihn war unterwegs nur eines wichtig: starke Arme und ein fester Tritt. Mit dem konnten die Nebenbuhler abgewehrt werden, die überall lauern.

»Auf ein Weibchen kommen etwa drei Männchen«, sagt Tanja Frey. So mancher wird also Single bleiben in dieser Saison, die die Helfer des Naturschutzbunds (Nabu) als gut bezeichnen. Schätzungsweise 15 000 Erdkröten haben sich auf den Weg zu ihrem Geburtsgewässer gemacht – somit ist das Lahrer Völkchen eine der größten Krötenpopula-tionen Südbadens.

Frey war früher schon dabei, als Schülerin. »Mit dem Rad musste ich morgens Slalom fahren«, erinnert sie sich. Wenn es nur genutzt hätte – die Kröten waren schon plattgefahren. Also half sie, die Tiere abzusammeln und in Sicherheit zu bringen. 
Heute funktioniert das an den meisten Stellen komfortabler: Seit den 1990er-Jahren gibt es im südlichen Bereich des Hohbergsees ein Wegenetz für die liebestollen Amphibien. Vom Wald her, wo die Tiere normalerweise leben und Insekten wie Würmer fressen, schirmen Zäune die Straße ab.

Wer an ihm entlangpilgert, wird in einen Schacht geleitet. Auch durch ihre Abdeckgitter klingt der Quietscheentchen-Sound. »Anfangs hat das wohlmeinende Menschen dazu verleitet, die vermeintlich abgestürzten Tiere zu befreien«, erinnert sich Frey. Aufklärung tat not, inzwischen haben die Krabbler ihre Ruhe, bis sie irgendwann den Durchgang finden. Der feuchte Betonkanal ist die letzte Hürde – Frey ist zufrieden, im Dämmerlicht machen sich die »Gespanne« und die Soloherren auf die letzte Etappe. Dann muss man nur noch unter dem Maschendrahtzaun hindurch.

Im Wasser sind die Tiere nicht nur sicher, sondern auch in ihrem Element, sobald sie aus dem Eimer entlassen werden. Platsch – blitzschnell schwimmt das Pärchen davon. »Laichdruck« sagt Sammlerin Frey, es war zu lange kalt, rund 14 Tage länger als sonst tragen die großen Weibchen die glasklaren Eier mit sich herum. »Wir haben schon befürchtet, dass es den Tieren aufgrund des warmen Winters und des kühlen Frühjahrs nicht gut geht.« 
 
Ganz weich und samtig fühlen sich die Kröten an. Frey verfrachtet eine weitere in ihren gelben  Eimer. Mit der bloßen Hand. »Sie sind schon schleimig«, meint Evelyn Welz. Je feuchter das Wetter, umso glitschiger werden die Tiere. Deshalb trug Michael Reckenfelderbäumer viele Jahre Handschuhe bei seinem Einsatz, den er seit seiner Nabu-Jugendzeit leistet. Inzwischen greift der 23-Jährige beherzt zu, wenn eine Kröte im Schein seiner Taschenlampe auftaucht. »Natürlich wird man manchmal belächelt«, sagt er. »Aber die Tiere sind nun mal auf Hilfe angewiesen.« Er konnte nun die gleichaltrige Welz für den Einsatz begeistern. Sie hat verwundert, dass von den rund 3000 Eiern eines Geleges nur drei Tiere groß werden und den See verlassen.

- Anzeige -

»Die sollen dann nicht auch noch überfahren werden«, erklärt sie, weshalb sie abends mit auf Patrouille geht. Denn danach dauert es drei bis fünf Jahre, bis sie zum Teich zurückkehren und ihrerseits für Nachwuchs sorgen können. »Durch den Aufruf in der Zeitung haben wir auch noch weitere Verstärkung bekommen«, freut sich Frey. Denn vier Personen sollten die Strecke schon absuchen – immer aufgeteilt in Zweier-Teams. Einer schaut rechts, der andere sucht links den Straßenrand ab.

Zunächst tarnen sich die Kröten nämlich noch am Wegesrand, und dann spurten sie los. Naja, sie huschen eher wie eine Maus – im Gegensatz zum Frosch, der hüpft. Frey bringt die Sache in einen Größenvergleich: »Es ist so, als ob wir mit sieben Sprüngen von einem Fußballtor zum anderen gelangen.« 

Martina Schacht-Krämer ist schon länger dabei, sie kam durch ihre Kinder dazu. Doch wie es so ist: Die  Kinder sind erwachsen und längst verzogen – sie ist weiterhin draußen, um die Kröten zu ihrem Laichgewässer zu bringen. Ist ja eigentlich auch ganz nett, abends nochmal eine Stunde an der frischen Luft zu sein. Sie hat schon drei Tiere in ihren Eimer geladen, jetzt tut die Taschenlampe nicht mehr so richtig. Und ohne diese Lichtquelle geht es nicht: Sie holt die nächste Lampe hervor.

Da, am Rand bewegt sich was. Schacht-Krämer geht hin und wundert sich ein bisschen: »Das Weibchen sieht gar nicht so dick aus.« Tatsächlich, die anderen bestätigen ihre Vermutung: Die Kröte ist »leer«, sie hat keinen Laich mehr im Bauchraum. Das Männchen, das noch oben aufsitzt, wird abgepflückt, beide wieder auf die andere Seite gebracht: Für das Duo geht es schon wieder Richtung Wald. Dort wird noch ein letzter Zaun abgesucht, an dem sich auch eine winzige Kröte herumtreibt. »Du bist noch viel zu klein«, sagt Frey und »dreht« den Winzling wieder Richtung Bäume.

Wenn es dann ganz dunkel ist, lässt der Autoverkehr nach. Die Helfer gehen wieder nach Hause. Das meiste ist geschafft, die Hochzeitsreise der Kröten bald vorüber. Noch ein Wort zu den »Dienstplänen« für die kommenden Abende, dann wird es still rund um den Hohbergsee.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Ortenau

Vier Männer im Alter von 36 bis 42 Jahren müssen sich seit Freitag wegen schweren Bandendiebstahls vor dem Landgericht Offenburg verantworten. Sie sollen aus dem Lager einer Offenburger Firma rund 20.000 Mobiltelefone im Wert von 3,75 Millionen Euro gestohlen haben.
vor 7 Stunden
Handys im Millionenwert verschwunden - Prozess begonnen
Vier Männer sollen rund 20.000 Handys im Wert von 3,75 Millionen Euro gestohlen haben. Vor Gericht räumen sie einige der Taten ein - und können nun Bewährungsstrafen entgegenblicken.
vor 8 Stunden
Friesenheim
In Friesenheim hat die Polizei am Freitagmorgen nach einem Mann gesucht, dafür war auch ein Helikopter in der Luft. Später folgte die Entwarnung – dem 29-Jährigen geht es gut.
vor 8 Stunden
Inzidenz und mehr
Wie entwickeln sich die Corona-Infektionszahlen im Ortenaukreis? Unsere Übersicht gibt den aktuellen Stand mit Zahlen vom Land und den Kommunen.
vor 8 Stunden
Willstätt
Ein 41-Jähriger hat sich am Freitag bei Willstätt mit seinem Motorrad überschlagen und ist dabei ums Leben gekommen. Die Polizei sperrte die Kreisstraße, auf der sich der Unfall ereignet hatte, mehrere Stunden.
vor 11 Stunden
Offenburg
Nach einer Serie von Zigarettenautomatendiebstählen im mittelbadischen Raum hat die Kriminalpolizei Offenburg nun einen Verdächtigen festgenommen. Die Staatsanwaltschaft Offenburg wirft dem 31-Jährigen vor, mindestens zwölf Automaten gestohlen zu haben. 
Teilnehmer eines Warnstreiks der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL).
vor 13 Stunden
Ortenau
Die Lokführergewerkschaft GDL hat weitere Arbeitskampfmaßnahmen bei der SWEG in Aussicht gestellt. Bei einer Urabstimmung habe es eine Zustimmung von 95,3 Prozent für weitere Streiks gegeben. Wie geht es nun weiter?
vor 14 Stunden
Offenburg
Das Landgericht Offenburg rüstet sich für einen spektakulären Prozess. Vier Männern wird vorgeworfen, aus einem Firmenlager Tausende Mobiltelefone entwendet zu haben.
Bei Unsicherheit zum Absender der Mail kann ein kurzes Telefonat helfen. ⇒Foto: Zacharie Scheurer/dpa
vor 16 Stunden
Ortenau
Die IHK warnt vor betrügerischen Nachrichten: E-Mails mit nachgeahmtem IHK-Logo täuschen aktuell vor, von service@ihk24.de versendet worden zu sein. Worauf Nutzer jetzt achten sollten.
Zahlreiche Informationen zum Breitbandausbau gibt es auf der überarbeiteten Homepage. ⇒Foto: Uwe Anspach/dpa
vor 16 Stunden
Ortenau
Die Breitband-Ortenau überarbeitet ihren Internet-Auftritt und bietet Bürgern zahlreiche Informationen an. Neuigkeiten gibt es auch zum Stand des Ausbaus im Landkreis.
Die Kosten für Energie machen bei den Badischen Stahlwerken Kehl (BSW) 40 Prozent an den Gesamtkosten aus. 
vor 16 Stunden
Badische Stahlwerke Kehl unter Druck
Der Druck auf energieintensive Unternehmen wächst. Die Badischen Stahlwerke mahnen eine zügige Umsetzung der Gas- und Strompreisbremse an. Sonst gehe die Wettbewerbsfähigkeit verloren.
Unter anderem mit Steckbriefen hatte die Linke Liste Ortenau (Lilo) Vertreter der Klinikreform Agenda 2030 ins Visier genommen. Nun erneuerte Lilo-Kreisrätin Jana Schwab die Kritik anlässlich des Rechtsformwechsels des Klinikums. ⇒Foto: Redaktion
vor 16 Stunden
„Sie flößen mir keine Angst ein“
Die Umwandlung des Ortenau-Klinikums in eine gemeinnützige Kommunalanstalt des öffentlichen Rechts rückt näher. Die Linke Liste Ortenau will sich damit nicht abfinden - und droht den Befürwortern.
Landrat Frank Scherer, Mitglieder des Kreistags, Rathauschefs und Tourismusakteure traten ebenfalls in die Pedale. ⇒Foto: Landratsamt Ortenaukreis
vor 17 Stunden
Offenburg
Aktion "Stadtradeln" 2022: Ortenauer radelten 40 Mal um den Äquator und sparten über 250 Tonnen CO2 ein. Die Stadt Offenburg ist in diesem Jahr erneut Spitzenreiter.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • JEAN D'ARCEL in Kehl-Bodersweier steht für exklusive Kosmetik. Der Fabrikverkauf wurde von Samstag, 8. Oktober, auf Samstag, 3. Dezember, verschoben. 
    06.10.2022
    Exklusiv Shoppen bei JEAN D'ARCEL in Kehl.Bodersweier
    Die Kosmetikmarke JEAN D’ARCEL hat weltweit einen exklusiven Ruf. Ursprünglich hatte das Unternehmen aus Kehl-Bodersweier am Samstag, 8. Oktober, einen Fabrikverkauf geplant, der jetzt aber kurzfristig wegen Krankheit auf 3. Dezember verschoben werden muss.
  • Weitsprung-Star Malaika Mihmabo ist Schirmherrin des ersten Tag des Mineralwassers. 
    06.10.2022
    111 Jahre natürliches Mineralwasser: Das feiern die Brunnen in Deutschland heute beim ersten Tag des Mineralwassers mit vielen Einzelaktionen. Die Ortenau gibt volle Power: Peterstaler, Griesbacher und Schwarzwald Sprudel packen den Aktionstag gemeinsam an.
  • Claudio Labianca lädt zum verkaufsoffenen Sonntag, 9. Oktober, in Offenburg zum Streifzug durch die modernisierten Räume in der Zährigerstraße ein. 
    30.09.2022
    Geschäfts- und Ausstellungsräume rundum modernisiert
    Das Klavierhaus Labianca in der Zährigerstraße in Offenburg präsentiert sich am verkaufsoffenen Sonntag, 9. Oktober, in neuem Glanz. Verkaufs- und Ausstellungsflächen wurden nach 17 Jahren von Grund auf modernisiert und neu strukturiert – es hat sich sichtbar gelohnt!
  • Das E5-Team vor dem Studio in der Offenburger Okenstraße 65. 
    30.09.2022
    Wendepunkt: Für mehr Effektivität und Wohlbefinden im Leben
    Egal ob Rückenprobleme oder einfach mehr körperliche Fitness – wer rasche Erfolge erzielen möchte, für den bietet sich das EMS-Training im Studio von Simone Metz in der Okenstraße 65 in Offenburg an.