Vom Partner geschlagen

"Leser helfen": So kam Derya ins Frauenhaus in Offenburg

Autor: 
Ursula Groß
Lesezeit 4 Minuten
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01. Dezember 2018

Die erste Offenburger »Frauen-Haus-Geburt« in 30 Jahren: Deryas Tochter Leyla (Name von der Redaktion geändert) hatte es besonders eilig, in einer sicheren Umgebung zur Welt zu kommen. Ihr gewalttätiger Vater kann ihrer Mutter im Frauenhaus nichts mehr antun. ©Frauenhaus

Wie wichtig das von der »Leser helfen«-Aktion unterstützte Frauenhaus für Hilfe suchende Frauen ist, zeigt die Geschichte von Derya. Sie flüchtete vor ihrem gewalttätigen Partner und fand Hilfe in Offenburg. Für ein zweites Frauenhaus benötigt der Trägerverein Frauen helfen Frauen Ortenau 150 000 Euro.

»Du bist im Frauenhaus in Offenburg auf die Welt gekommen«, wird Derya (40) ihrer acht Jahre alten Tochter einmal erklären. In einem Haus, wo die türkischstämmige Frau Fürsorge erfuhr, wo sie keine Angst mehr haben musste, ruhig schlafen konnte. Als Derya zum Gespräch ins Büro des Vereins »Frauen helfen Frauen« kommt, um ihr Schicksal für die Aktion »Leser helfen« zu schildern, gibt es herzliche Umarmungen. Alle erinnern sich noch, wie das im Februar 2013 war. Zum 30. Jubiläumsjahr »30 Jahre Frauenhaus Ortenau« gab es die erste Hausgeburt. 

»Die Sanitäter wollten mich noch ins Krankenhaus fahren, aber als ich vor der großen Treppe im Frauenhaus stand, wusste ich, das schaffe ich nicht mehr. In Betreuung von Notarzt, Sanitätern, Hebamme und den Mitarbeiterinnen vom Frauenhaus brachte ich meine Tochter zur Welt«. Die hochschwangere Frau war kurz zuvor aus einem anderen Bundesland ins Frauenhaus in Offenburg vermittelt worden. Überbelegung oder Ortswechsel, um Frauen und Kinder aus der gefährlichen Umgebung herauszubringen, sind Gründe von Verlegungen, erklären die Mitarbeiterinnen von »Frauen helfen Frauen«. 

»Eine Frau ist Besitz«

»Ja, ich habe vier Kinder (elf, acht, fünf und zwei Jahre alt) vom gleichen Partner«. Wie es kam, dass nach dem etwa einjährigen Aufenthalt im Frauenhaus das vierte Kind auf die Welt kam, das ist eine lange Geschichte. Mitleid kommt darin vor, Unsicherheit und Hoffnung, dass alles besser wird. Der leidvolle Weg von Derya begann schon in ihrer Kindheit. Im Elternhaus hatte ihr Vater die Mutter verächtlich behandelt. Nach außen Fassade, im Inneren der Familie Machtmissbrauch – »eine Frau ist Besitz«.

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Als Derya ihren Partner wählte, brach der Rückhalt von Eltern, Geschwistern, Freunden und Umfeld völlig weg. »Ich wurde ausgestoßen«. Eine Ursache, vermutet sie, war die Herkunft des Partners aus dem nichteuropäischen Raum. Er hatte selbst eine schwierige Kindheit, weiß Derya. Trotzdem: »Ich hatte immer gehofft, er würde seine Vaterrolle annehmen«. Doch die Hölle begann erst recht. Gewalttätigkeiten kamen bereits in der ersten Schwangerschaft vor. »Er trat mir in den Bauch«. Als das Kind da war, »schlug er mich beim Stillen«. 

Unvorstellbare Methoden der Gewalt prasselten in den nächsten Jahren auf die Frau ein. Etwa die »Foltermethode Schlafentzug«, sagt sie leise. »Mitten in der Nacht riss er meine Bettdecke weg, weil er das Sorgerecht für die Kinder wollte«. Schlagen, Kneifen, Einsperren, grundlos, unvermittelt – es fällt Derya schwer, darüber zu reden. Mehrere Male saß der Mann ein, er hat draußen wohl einige Dinge gedreht. Derya sagt, dass sie nichts davon wusste. Er sei sehr unregelmäßig bei der kleinen Familie aufgetaucht, keiner wusste, wo er sich herumtrieb. »Als er aus dem Gefängnis herauskam, da hatte ich Mitleid mit ihm«, schildert sie. Sie glaubte, ihm helfen zu müssen, auch um der gemeinsamen Kinder wegen. 

Die Situation verschlimmerte sich jedoch so heftig, dass sie an Selbstmord dachte. Nur die Sorge um ihre Kinder habe sie am Leben gehalten. Gleichzeitig wollte sie weg, wusste aber nicht wohin und wie sie das alles schaffen sollte. Mit letzter Kraft entschloss sie sich, die Beratungsstelle von »Frauen helfen Frauen« aufzusuchen. 

Das Netzwerk des Vereins mit sozialen, rechtlichen und therapeutischen Maßnahmen wurde in Gang gesetzt, um zu helfen. »Ich ging auch wegen der Kinder in das Frauenhaus«. Inzwischen hat der Mann Annäherungsverbot. Der Albtraum ist vorbei. Die Zeit im Frauenhaus mit ihrer vielfältigen Hilfe hat Derya stark gemacht. Die Kinder sind wohlauf und gedeihen gut, schmunzelt sie nun doch ein bisschen.

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