Ortenau-Reportage

Little Woodstock: Ein Hof wird zur Konzertarena

Autor: 
Christian Schellenberger
Lesezeit 4 Minuten
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11. September 2014
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Alle zwei Jahre verwandelt sich der Obere Schwärzenbachhof am Rande von Reichenbach in ein Konzertgelände. Vor dem Auftritt von BAP-Schlagzeuger Jürgen Zöller wird tagelang geschraubt, gehämmert, geackert. Das Landidyll weicht dem Trubel eines Rockkonzerts.

»Machen wir noch mal«, unterbricht Jürgen Zöller Sängerin Domenica Swoboda. Alles auf Anfang. Zurückgezogen in einem Schopf des Oberen Schwärzenbachhofs am Rande des Gengenbacher Ortsteils Reichenbach probt der ehemalige BAP-Schlagzeuger mit seiner Band für den großen Auftritt einen Tag später. Alle zwei Jahre verwandelt sich der idyllische Schwarzwaldhof der Familie Sester in eine Miniatur-Ausgabe des legendären Woodstock-Festivals.

Während das dumpfe Donnern des Schlagzeugs den Weg zur Bandprobe weist, glimmt am anderen Ende des Hofes bereits die Glut unter dem Ofen. Ein Duft von brennendem Holz füllt die kleine Backstube, in der das Brot für die hungrigen Konzertbesucher entsteht.
Es ist die dritte Ausgabe von »Rock auf’m Hof«, zu der Josef und Irene Sester einladen. Vor etwa vier Jahren zunächst als »verrückte Idee«, wie es Hofbäuerin Irene Sester ausdrückt, am Lagerfeuer entstanden, ist das Konzert am Ende des Schwärzenbachtals zum festen Termin im Kalender vieler Musikfans aus der Umgebung geworden. Dabei war der fünfköpfigen Familie lange Zeit gar nicht bewusst, welch hoher Besuch Jahr für Jahr zu Gast bei ihnen auf dem Hof ist. »Irgendwann kam raus, dass Jürgen Zöller der Schlagzeuger von BAP ist«, erinnert sich Irene Sester. Schlagzeuger jener populären
Kölschrock-Band, deren Alben regelmäßig die Top Ten der Charts erreichen. »Da bin ich fast auf die Knie gegangen«, fügt sie lachend hinzu. »Lasst uns doch mal etwas hier auf dem Hof machen« – das war der Gedanke, und Jürgen Zöller war sofort begeistert.

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Der Hof der Sesters ist ein klassischer Schwarzwaldhof, wie es ihn heute immer seltener gibt. Die Familie betreibt neben Forstwirtschaft etwas Viehhaltung, Imkerei und eine kleine Brennerei. Es ist ein Schauplatz, der  an die idyllische Welt der »Heidi«-Kinderbücher erinnert. Zwei kleine Kätzchen balgen sich in der Mittagssonne, von der Scheune her ist das Gackern der Hühner zu hören. Hündin Emmi beäugt neugierig jeden ankommenden Gast, empfängt ihn mit Gebell. Ihr wedelnder Schwanz zeigt an: Hey Fremder, schön, dass du uns besuchst.
Noch ein paar Akkorde tönen aus dem Schopf, dann ist die Probe beendet. Die Musiker packen fürs Erste zusammen – noch ein bisschen die Abendsonne genießen, die sich langsam hinter den Kinzigtäler Hügeln zu verstecken beginnt. Auch ein Huhn bahnt sich jetzt den Weg von der Scheune hinaus ins Grüne. Vorbei an den Kisten mit teurem technischen Gerät, die Tonmann »Kaili« gerade aus seinem Transporter rollt. »Vor zwei Jahren war die Soundanlage am Ende, weil deutlich mehr Leute kamen«, erzählt er und wuchtet die schweren Boxen aufeinander. Dieses Mal soll das nicht passieren. Deshalb hat er eine stärkere Anlage mitgebracht.

Die Sonne neigt sich langsam hinter die bewaldeten Hügel rund um das Schwärzenbachtal. Der Auftritt von Jürgen Zöller und seiner Band naht. Aber von Aufregung keine Spur. »Ein bisschen kribbelt es«, gibt er aber dann doch zu. Der Schlagzeuger ist Profi, mit BAP hat er regelmäßig große Hallen gefüllt. In Reichenbach genießt er nun das Flair des Kleinen. »Wenn abends die ganzen Lämpchen angehen, hat die Atmosphäre hier etwas von einem Hippie-Festival«, sagt er. Tatsächlich: Augenblicke später geben Lichterketten und Strahler eine mystische Stimmung. Noch bleibt Zeit für einen Schnappschuss mit den Kameraden der Feuerwehr, dann macht sich Zöller  auf den Weg zu der kleinen Bühne. »Rock auf’m Hof is open« – mit einer kurzen Ansprache eröffnet die Familie Sester das Konzert. Dann hat das von den Besuchern sehnsüchtig erwartete Donnern von Zöllers Schlagzeug das Sagen.

Mit Einbruch der Dunkelheit kann Hofherr Josef Sester etwas durchschnaufen. Die vergangenen fünf Tage waren ein Kraftakt. Ohne die Unterstützung von Verwandten und Freunden wäre das Ereignis nicht zu stemmen gewesen. »Jetzt läuft’s«, sagt der 66-Jährige erleichtert und lässt sich in einen Gartenstuhl hinter dem Haupthaus fallen. Hier ist der Jubel der Konzertbesucher ein wenig gedämpft zu hören. Mit »In My Life« von den Beatles verabschiedet sich die Band, die Besucher pilgern Richtung Dorf. Allmählich kehrt Ruhe ein auf dem Hof. Nun ist auch das sanfte Rauschen des Schwärzenbachs wieder zu hören.

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