Er lässt sich nicht unterkriegen
Dossier: 

"Mein Herz ist weit offen, für jeden": Eremit Bruder Otto im Porträt

Stephanie Baumbach
Lesezeit 8 Minuten
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14. April 2022

(Bild 1/3) Trotz seiner Krebserkrankung stehen die Türen bei Bruder Otto weit offen, der Terminkalender ist voll. „Wenn ich älter werde, dann werde ich mich mehr zurückziehen. Jetzt habe ich gerade einen Auftrag, jetzt will ich da sein für die Menschen.“ ©Iris Rothe

Seit Mai 2020 lebt der Eremit Jürgen Otto Stahl, besser bekannt als Bruder Otto, in der Wolfacher Klause St. Jakob. Letztes Jahr erkrankte er zum zweiten Mal an Covid, an Weihnachten wurde bei ihm Lungenkrebs festgestellt. Von einem, der trotz allem glaubt.

Fast genau ein Jahr ist es her, dass wir uns getroffen haben auf St. Jakob. Die schmale Straße zum Wolfacher Schnittplatz rauf, schwitzend, dass ja kein Gegenverkehr kommt. Eine scharfe Kurve und ein Schotterweg.Schließlich saß ich draußen auf der Bank vor der Kapelle, auf das Tal blickend und genoss die ersten warmen Sonnenstrahlen des Frühlings. Die Stille der Natur, unterbrochen nur durch Bruder Otto’s „Herrlich, ge?“, als er mit frisch gebrühtem Kaffee um die Ecke kommt. Der gelernte Buchdrucker erzählt von seiner Zeit in Freiburg, Stuttgart, quer durch die Republik ging es. Aber auch nach Japan, 2 3/4 Jahre im Zen-Kloster. Zurück in Deutschland übernimmt er mehrere Druckereien, baut sie wieder auf. Während andere Urlaub auf Gran Canaria machen, geht Otto irgendwann in Klöster, schließlich lässt er sich zum Franziskaner ausbilden. Er tritt später dem Lazarus-Orden bei, lässt sich mit 54 Jahren zum Altenpfleger umschulen, kommt schließlich bei den Eremiten an.

Sterbebegleitung geleistet

Der Anlass für den Besuch im April 2021 war ursprünglich, nachzuhorchen, wie sein erstes Jahr in Wolfach als Einsiedler gelaufen ist. Doch als im Brenzheim in Wolfach kurz vor dem ersten Impftermin der Heimbewohner die Pandemie ausbricht, leistet der dort als Altenpfleger tätige Bruder Otto Sterbebegleitung. Dass er sich selber dabei anstecken könnte, war ihm egal. Ihn erwischte es zum Schluss, er bekam kaum Luft, kippte um, wachte im Krankenhaus auf. Am Morgen vor unserem zweiten Treffen ein Jahr später schaue ich die Fernseh-Reportage, von der mir Bruder Otto beim letzten Besuch erzählt hat. Damals begleitete ihn ein Fernseh-Team, die Aufnahmen begannen ein paar Wochen, nachdem wir uns unterhalten hatten. Er berichtet darin aus seiner Zeit als Drucker, Model und Punk in Freiburg. Redet über seine Zeit im Kloster in Japan. Schaut mit seiner jüngeren Schwester Sabina alte Fotos an, musiziert mit Daniel Oliver Bachmann in der Kapelle.

Ein Kameraschnitt zeigt Otto auf einer weiten Wiese, er macht Atemübungen und singt. Damals glaubt er noch, er leide lediglich an Long Covid.
Jetzt bin ich wieder hier auf St. Jakob: Bei Bruder Otto wurde letztes Weihnachten Lungenkrebs festgestellt, Metastasen befinden sich im Kopf, in der Lunge und der Leber. Saharawolken färben den Himmel rot, als ich bei der Kapelle ankomme, die Sonne lässt sich heute nur erahnen. Ich klingle, Otto öffnet das Fenster im ersten Stock und schmeißt mir den Schlüssel herunter. Die Begrüßung ist herzlich, er fährt auf seinem Schreibtischstuhl sitzend ins Wohn-/Schlafzimmer, in dem er Besuch empfängt.

Für Besucher wird geheizt

Ein paar Kilos hat er verloren, aber er sieht gesund aus. Heute ganz Ton in Ton mit grauer Kopfbedeckung. Wir nehmen in den beiden Sesseln um den Couchtisch Platz, ich habe Nusszopf mitgebracht. Nicht ganz so ideal für seinen Speiseplan, aber Ausnahmen sind ok, sagt er zwinkernd. Für mich hat er die Heizung angemacht im Zimmer. Er selbst heizt nicht mehr, sobald die Wiese grün wird, wie er mir vor einem Jahr erzählte. Ab dem 6. November 2021 lag er einen Monat im Bett, konnte nicht gehen, er dachte, er hätte einen Hexenschuss. Im Krankenhaus in Lahr fanden sie nichts am Rücken, dafür aber die Metastasen in Kopf, Lunge und Leber, erzählt er. Seit sein Kopf bestrahlt wurde, geht es mit dem Laufen wieder. Trotzdem rollt er auf dem Stuhl durch die Wohnung, ganz weg sind die Beschwerden nicht. Die nächste Bestrahlung steht kurz bevor, dieses Mal sind Lunge und Leber dran.

„Konfessionen unwichtig“

Wir sitzen wieder lange zusammen, heute über drei Stunden. Bruder Otto erzählt gerne, hört aber auch gerne zu. Und er schnoddert, im herrlichsten badischen Dialekt, wie ihm der Schnabel gewachsen ist: „Weisch, zu mir kann jeder kommen. Konfession ist völlig unwichtig, ge. Hier können die Leute einfach mal hochkommen und sich auskotzen, sich mal aussprechen.“ Immer wieder fährt sich Otto beim Erzählen durch den langen grauen Bart, einmal im Jahr stutzt er ihn. Wie es sein wird, wenn die Haare im Laufe der Chemotherapie ausfallen, ist kaum vorstellbar. Die Geste kommt häufig und unbewusst, mit was er sie wohl ersetzen wird?

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Ottos Sprech ist locker, jugendlich und manchmal mit Kraftausdrücken garniert. Halt und Zuversicht, sein Korsett, gewinnt er aus der Zen-Meditation und seinem Glauben. Sein Lebensmotto ist das der Franziskaner: „Ich will nie der Erste sein, sondern der Letzte.“ Anderen zu helfen steht für ihn im Vordergrund. Der Mann Anfang 60, der anderen so gerne hilft und zuhört und seit 30 Jahren Menschen beim Sterben zur Seite steht, musste plötzlich Sterbebegleitung bei sich selbst machen. Wie war das für ihn? „Genau am 24. Dezember hab’ ich die Hiobsbotschaft bekommen. In dem Moment, der Boden, wusch, weg. Freier Fall. Oh, da bin ich erst mal ins Schlucken gekommen. Aber mir war bewusst, dass ich nicht tiefer fallen kann als in Gottes Hände. Ich glaube, jetzt hab ich ein ganz anderes Grundempfinden für Menschen, und die spüren das auch.“

Zwei Covid-Varianten im Blut gefunden

Bei Untersuchungen haben die Ärzte in Ottos Blut zwei Covid-Varianten gefunden. Vermutlich hatte er sich im ambulanten Dienst in Bayern infiziert, symptomfrei. „Bei der ersten Endoskopie, da durfte ich zuschauen. Man siehts auch, in der Lunge sind kreisrunde Löcher drin, da meinte die Ärztin, ah ja, das ist Covid.“

Wir machen Kaffee und schneiden den Nusszopf an. Otto fährt auf dem rollenden Stuhl in die Küche, sagt, welchen Teller ich nehmen soll, durchs Fenster die Saharawolken. Während andere über den Dreck auf dem Auto schimpfen, freut sich der Franziskaner: „Ist das nicht toll, dass der Sand von der Sahara den Weg hierher findet?“ Während des Gesprächs wird nicht mehr so viel gelacht. Otto antwortet, es gäbe ja auch grad wenig zu lachen, mit Pandemie und Krieg. Und dann tun wir es doch, als er von seinen Todesängsten erzählt, als er bei seiner zweiten Covid-Erkrankung einen „Feuerball in der Brust“ sitzen hat.

Untersuchungen waren teils "echt brutal"

„Da hab ich am dritten Tag eine Stimme gehört, Otto, stell dich nicht so an, wir brauchen dich noch. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Gott jetzt nach einem halben Jahr kommt und sagt, falsch, Retour, da hab ich jetzt einen Fehler gemacht.“ Er lacht, das steckt an. MRT, CT, Endoskopie, die Untersuchungen waren „teilweise echt brutal“, sagt er. „Medikamente lehne ich zum größten Teil ab.“ Er hat mit Meditation versucht, sich herunterzufahren und auf Schmerzmittel verzichtet. Er fühle sich durch die Gebete seiner Bekannten mitgetragen. Er hat sein Essen umgestellt: „Ich kucke, dass ich meinen pH-Wert auf 7,5 bring, das mag der Krebs nicht.“ Seine Ärztin war vom letzten CT überrascht, der Krebs war zurückgegangen.

Als er Cortison-Tabletten nehmen muss, erschreckt ihn die Nebenwirkung: „Du, so fluchend und aggressiv bin ich noch nie im Auto gesessen. Jeder vor mir war nur noch ein Idiot. Das hat mir für die Empathie anderen gegenüber immens viel gebracht. Jetzt denk ich mir manchmal, da schau, der nimmt auch Cortison.“ Wieder ein herzliches Lachen. Ein Freund aus Regensburg ist Lungenfachmann, schaut auf Ottos medizinische Unterlagen, kann ihn beruhigen: „Otto, mach dir keine Sorgen, bis zu 20 Jahre kannst du damit noch leben.“

Krebs immer im Hinterkopf

Aber ja, den Krebs habe er „natürlich immer im Hinterkopf“. Er ist krankgeschrieben, darf nicht selbst mit dem Auto fahren, wegen seinem Gesundheitszustand. Lebt von 170 Euro im Monat, muss mit dem Taxi nach Offenburg zur Chemo fahren: „Ich muss halt schauen, wie ich über die Runden komme mit dem Scheiß.“ Den Krebs sieht er als Chance, er kann sich nun viel mehr in Leute einfühlen. Wie ist das mit dem Glauben? „Ich hinterfrage schon viel. Ich glaube, wenn wir unseren Körper ablegen und nur noch Geist sind, dann gehts erst richtig los. Ich frag mich oft, was ist das denn mit dieser Welt? Es muss immer etwas sterben, damit ich überleben kann.“

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