Ortenau

Mit der Medaille über den Zaun

Autor: 
Rüber Rüdiger
Lesezeit 6 Minuten
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15. Mai 2012
Peter Heck - Siegfried Wentz bei der Arbeit: Der Chefarzt der Schlüsselbadklinik in Bad Peterstal begutachtet das Röntgenbild einer Hüfte.

Peter Heck - Siegfried Wentz bei der Arbeit: Der Chefarzt der Schlüsselbadklinik in Bad Peterstal begutachtet das Röntgenbild einer Hüfte.

Vom 27. Juli bis 12. August finden in London die Olympischen Sommerspiele 2012 statt. 20 Ortenauer Sportler waren schon bei Olympia dabei. In der Serie der Mittelbadischen Presse erinnern sie sich.

Wo viel Licht ist, gibt es Schatten. Das erlebte auch Siegfried Wentz, denn unmittelbar nach einem der Höhepunkte seiner sportlichen Karriere stand der ehemalige Zehnkämpfer im Dunkeln.

Rückblick – Olympia Los Angeles 1984. Siegfried Wentz, den damals ganz Deutschland nur Siggi nannte, hatte gerade nach zwei hammerharten Wettkampf-Tagen und einem bis an die Grenzen der körperlichen Belastbarkeit gehenden 1500-Meter-Lauf als Abschluss des olympischen Zehnkampfes Platz drei hinter dem Briten Daley Thompson und seinem deutschen Teamkollegen Jürgen Hingsen erkämpft und anschließend im gleißenden Flutlicht des mit 90 500 Zuschauern prall gefüllten Los Angeles Memorial Coliseums die olympische Bronzemedaille in Empfang genommen, als um 22 Uhr auch noch die obligatorische Doping-Kontrolle zu absolvieren war.

Doch dabei lief es nicht, wie es laufen sollte, und so dauerte das ganze Prozedere rund zwei Stunden. Als der Siggi Wentz dann kurz nach Mitternacht den Dopingbereich des Olympiastadions mit ein paar Kontrolleuren verlassen wollte, war’s im Coliseum stockdunkel. »Alle Lichter waren aus, kein Ordner war mehr da und alle Türen waren abgeschlossen. Die Situation war schon ein wenig gespenstisch«, erinnert sich der Modellathlet.

Und da es zur damaligen Zeit noch kein Handys gab, um Hilfe zu holen, packte Wentz seine schwere Sporttasche über die Schulter, kletterte verschwitzt und dreckig wie er war und mit der Medaille um den Hals über den Zaun und lief die zwei oder drei Kilometer zum olympischen Dorf zu Fuß.

An Olympia in Los Angeles hat der ehemalige Topathlet trotz dieses Missgeschicks aber keine schlechten Erinnerungen. »Das war eine super Veranstaltung mit einem riesigen olympischen Dorf, in dem Sportler aus verschiedenen Disziplinen zusammenkamen«, denkt Wentz gerne an die Spiele 1984 zurück. Damals wohnte er Tür an Tür mit den deutschen Handballern um Trainer Simon Schobel und Rechtsaußen Arnulf Meffle aus Hofweier, die Silber holten. Mit Torjäger Erhard Wunderlich zog Wentz durchs olympische Dorf und war live dabei als Michael Groß, der zweimal Gold und zweimal Silber gewann, zum Olympiasieg über 100 Meter Delfin in Weltrekordzeit schwamm. Die Sprechchöre »Flieg Albatross, flieg...« sind ihm immer noch präsent. Auch das erste amerikanische Basketball-Dreamteam mit Superstar Michael Jordan erlebte Siggi Wentz live. Schließlich öffnete der Athleten-Pass die Türen aller olympischen Sportstätten.

Chefarzt in Bad Peterstal

Unvergesslich ist ihm allerdings auch etwas Nicht-Sportliches. »Im olympischen Dorf konnte man Tag und Nacht futtern. Burger, Shrimps – es gab einfach alles. Damals war das noch etwas Besonderes«, erinnert sich der inzwischen 52-Jährige und strahlt auch 28 Jahre später noch beim Erzählen.

Ein Asket war der gebürtige Franke, der im schwäbischen Lorch im Remstal, 40 km von Stuttgart, aufgewachsen ist, und seit zwölf Jahren in der Ortenau lebt, schließlich nie. Der Topathlet, der in seinen erfolgreichsten Jahren für den USC Mainz startete, quälte sich zwar im harten Zehnkampf-Training, hatte außer Leichtathletik aber auch anderes im Sinn. Er fand Abwechslung beim Motorradfahren und studierte seit 1982 Medizin in Mainz. »Ich brauchte einfach einen Ausgleich zum Sport«, erklärt Siegfried Wentz heute. Den Studienplatz hatte er per Los bekommen. Ein Glückslos wie sich herausstellte, auch weil er während des Studiums seine Frau Susanne kennenlernte.

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Die Medizin war es auch, weshalb der ehemalige Topathlet in die Ortenau kam. Als 2000 ein ärztlicher Leiter und Chefarzt für die Schlüsselbad-Klinik in Bad Peterstal gesucht wurde, bewarb sich Dr. med. Siegfried Wentz, Facharzt für Orthopädie und Unfallchirugie und damals Oberarzt in einem Krankenhaus in Frankfurt, auf die freie Stelle und wurde genommen. Seither leitet Wentz die Reha-Klinik mit 170 Betten und 100 Mitarbeitern. Die Bewerbung hat der ehemalige Leichtathlet nie bereut. »Ich fühle mich in der Ortenau wohl«, erzählt der 52-Jährige Klinikleiter, der mit seiner Familie in Oberkirch-Tiergarten wohnt.

Kontakt zur Leichtathletik hat Siegfried Wentz inzwischen nur noch über seine Kinder Jonas und Rabea und als ärztlicher Betreuer der Gruppe von Trainer Wilhelm Seigel bei der LG Offenburg. »Ich mache selbst nur noch Altherren-Sport, Schwimmen und Krafttraining«, erzählt Wentz schmunzelnd und fühlt sich sichtlich wohl in seiner Haut. Sportliche Siege und Niederlagen gibt es für ihn nur noch beim Pool-Billard zu Hause bei einem Glas Wein mit Freunden. Auch auf den Straßen mag es der frühere »Easy Rider« aus dem Remstal inzwischen ruhiger. Sein Motorrad hat er gegen ein Cabrio getauscht.

Zur Person: Siegfried Wentz

geboren: 7. März 1960 im fränkischen RöthenbachFamilie: verheiratet mit Susanne (51), drei Kinder (Jonas/24, Rabea/22, Jana/20)Beruf: Dr. med., Facharzt für Orthopädie, Unfallchirugie und Rheumatologie, Leiter der Schlüsselbad-Klinik in Bad PeterstalSportliche Erfolge als Zehnkämpfer: EM-Zweiter 1982, WM-Dritter 1983, Olympia-Bronze 1984, EM-Dritter 1986, WM-Zweiter 1987, Bestleistung von 8762 Punkte (10. der ewigen Weltbestenliste).

Ansichten: Siegfried Wentz über ...

...die totale Kommerzialisierung von Olympia: Heute ist alles kommerzialisiert – nicht nur der Sport. Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen.

...Doping – einst und heute: Ende der 80er-Jahre kam die Problematik mit dem Fall des kanadischen Sprinters Ben Johnson erst richtig hoch. Wir wusste, dass es in der DDR ein System gab, das Doping systematisch nutzte, ansonsten gab es nur vereinzelte Fälle. Mit dem Fall der Mauer 1989 haben wir im Zehnkampf versucht, das Problem in den Griff zu kriegen, indem wir einen Dopingpass einführten. Doch das Ganze ist wie Hase und Igel. Wenn einer betrügen will, schafft er das auch. Die Crux ist, man wird Doping nie in den Griff kriegen, legalisieren kann man es aber auch nicht. Heute wollte ich kein Top­athlet sein. Die müssen sich ständig an- und abmelden. Die laufen quasi mit einem Sender rum....Olympia in London: Ich bin nicht persönlich vor Ort. Ich gucke mir aber sicher das eine oder andere im Fernsehen an.

Hier finden Sie die Folge 1.

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