Serie "Ortenauer Originale"
Dossier: 

Mit viel Ausdauer sehr weit gebracht

Von Michaela Gabriel
Lesezeit 6 Minuten
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07. Juli 2022
Der 82-jährige Gerhard Bär hat viele Talente, nicht nur im sportlichen Bereich als erfolgreicher Geher. Eine Leidenschaft ist etwa auch die Lokalgeschichte, Bär ist umtriebiger Heimatforscher. Für sein Engagement wurde ihm das Bundesverdienstkreuz verliehen.

(Bild 1/2) Der 82-jährige Gerhard Bär hat viele Talente, nicht nur im sportlichen Bereich als erfolgreicher Geher. ©Christoph Breithaupt

In unserer Serie „Ortenauer Originale“ porträtieren wir Menschen mit dem gewissen Etwas. Heute (96): Gerhard Bär (82), den begabten Geher aus Achern-Önsbach. Als Bürgermeister machte er die kleinste Gemeinde der Ortenau bis nach Japan bekannt.

Mit Ausdauer und Ehrgeiz hat es Gerhard Bär weit gebracht. Nach der Volksschule machte er eine Lehre bei der Post. Das war der Beginn seiner sportlichen und politischen Laufbahn als Vize-Weltmeister im Gehen, Bürgermeister, Kreisrat und Ortsvorsteher. Der Mann mit den vielen Talenten betätigt sich als 82-Jähriger noch rege als Heimatforscher. Zuerst habe er sich für untalentiert gehalten, denn bei Läufen in seiner Jugend sei er nie über einen Platz im Mittelfeld hinausgekommen, erzählt Bär. Bei einem Briefträger-Marsch in Uniform mit Umhängetasche entdeckte der junge Postler 1957 im jugendlichen Alter von 17 Jahren seine Paradedisziplin. Im „sportlichen Gehen“ wurde er Badischer Juniorenmeister. Bei den Leichtathleten des TV Önsbach trainierte er von da an hart, leitete die ganze Abteilung und gewann mit zwei Kameraden 1959 die Süddeutsche Mannschaftsmeisterschaft im 20-Kilometer-Gehen.

Beruflich wurde es ihm bei der Post zu eng. Er wurde Justizassistent beim Amtsgericht Achern und 1965 Verwaltungsbeamter in seiner Heimatgemeinde Önsbach unter Bürgermeister Felix Hodapp. Er bildete sich für den gehobenen Verwaltungsdienst weiter, heiratete, baute ein Haus und wurde Familienvater. Nach vier Jahren im Önsbacher Rathaus habe ihn das „Wechselfieber“ gepackt, steht in seiner Autobiografie „Spuren meines Lebens“, die er 2010 geschrieben hat. 1969 suchte der Nachbarort Fautenbach einen neuen Bürgermeister, Alfred Holler wurde gewählt. Auch in Seebach waren Bürgermeisterwahlen, doch keiner der Bewerber bekam genug Stimmen. Kurz entschlossen bewarb sich Gerhard Bär, ohne viel über die kleine Achertalgemeinde zu wissen. Sein Name stand nicht auf den Stimmzetteln, doch die Seebacher wollten einen Verwaltungsfachmann und wählten Gerhard Bär.

Seebach bekam unter seiner Ägide neben der Landwirtschaft und dem Gewerbe ein festes drittes Standbein: den Tourismus. Das Dorf wurde staatlich anerkannter Erholungsort, erhielt weitere touristische Auszeichnungen und zog internationales Publikum an. Gerhard Bär scharte ehrenamtlich engagierte Bürger um sich, traf sich mit ihnen genauso oft wie mit dem Gemeinderat. 

Es entstanden die Ideen, die alte Seebacher Tracht wieder zu tragen, einen Kurgarten anzulegen, den alten Erzstollen Silbergründle auszugraben und „Vollmers Mühle” wiederzubeleben. Mühlen-Abende mit einem singenden und tanzenden Bürgermeister in Seebacher Tracht wurden zur festen Einrichtung. Seebach präsentierte seine Tracht und seine Traditionen bei Touristik-Messen in Stuttgart, Frankfurt, Hannover bis nach Hamburg. 

Fernost-Euphorie

Eine Delegation aus Japan, die sich im Achertal nach der Förderung strukturschwacher Gemeinden erkundigte, löste eine wahre Fernost-Euphorie aus. 1991 folgte der erfolgreiche Bürgermeister einer Einladung nach Japan, wo er in Kochi von einem Fernsehteam begrüßt wurde. Bär referierte in Japan über seinen Ansatz, Zusammenhalt und Infrastruktur in kleinen Gemeinden zu stärken. Er und seine Tochter Heike ernteten überall Beifall, schüttelten Hände, verteilten Geschenke und tranken grünen Tee. „Dort habe ich gelernt, dass Japaner noch pünktlicher sind als Deutsche“, erinnert er sich. 

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Bis heute steht eine in einen Kimono gekleidete Puppe hinter Glas in Gerhard Bärs Wohnzimmer. Nach dieser Reise kamen innerhalb weniger Jahre mehr als 100 Reisegruppen aus Japan nach Seebach. Sie lernten den Mummelsee und die Seebacher Tracht als typisch für den Schwarzwald kennen.

Größere Gemeinden hätten ein Thema für ihn werden können, sagt der Senior heute. Mehrfach sei er gefragt worden, woanders als Bürgermeister zu kandidieren. Private Schicksalsschläge machten ihm das jedoch unmöglich. Nachdem sein Sohn Frank tödlich verunglückt war, wurde seine Frau Gerda sehr krank. Er war gezwungen, sein großes Engagement für Seebach zurückzufahren und bekam selbst gesundheitliche Probleme. Noch vor dem frühen Tod seiner Frau habe er beschlossen, nach 24 Jahren als Bürgermeister aufzuhören. Zum Abschied in Seebach sprach man von der „Epoche Bär“, die in der Geschichte Seebachs einen besonderen Stellenwert behalten würde.

Schäuble zu Fall gebracht

Einmal habe er Wolfgang Schäuble zu Fall gebracht - aber nicht politisch, sondern sportlich, erzählt der 82-Jährige. „Ich spielte mit der Mannschaft Ortenauer Bürgermeister in Bonn gegen die Mannschaft des Bundestags”, erinnert er sich. Sein Gegenspieler im Mittelfeld, Wolfgang Schäuble, sei „viel zu schnell für mich“ gewesen. Um ihn aufzuhalten, habe er ihm kurzerhand ein Bein gestellt. „Ich habe mich dafür entschuldigt, als er 75 wurde. Er hat sich noch erinnert!“

1990 machte der engagierte Bürgermeister unliebsame Schlagzeilen. Das Amtsgericht Achern verurteilte ihn und einen Seebacher Gastwirt wegen „gemeinschaftlichen Vergehens der fahrlässigen Gewässerverunreinigung” zu einer Geldstrafe. Grund waren abgemagerte Forellen in der Acher. Er habe den Wirt gebeten, die Fische zu füttern, so Bär. Das Wasserwirtschaftsamt habe die Speiseabfälle als Verunreinigung betrachtet. Nachdem er in Berufung gegangen sei, habe er sein Mitleid für die hungernden Forellen mit einem Bußgeld bezahlt, so der Bürgermeister a. D. Ein Unrechtsbewusstsein habe er in der Sache nicht entwickelt, wohl aber Ärger über eine „überbordende Bürokratie“.

1990 wurde Gerhard Bär auch wieder sportlich, trainierte viel und knüpfte an die Erfolge seiner Jugend als Geher an. „Mit 55 Jahren war ich so schnell wie nie zuvor in meinem Leben“, erzählt er stolz. Bis 2017 habe er rund 400 Wettkämpfe in der Seniorenklasse bestritten. Er sei zu Europa- und Weltmeisterschaften nach Budapest, Athen und Tokio gereist. Aus Buffalo/USA sei er als Vizeweltmeister im 5000-Meter-Bahnengehen in der Altersklasse M50 zurückgekehrt. 2017 sei er nochmal Deutscher Meister seiner Klasse geworden.

Einsatz für Ortsgeschichte

Inzwischen lässt Gerhard Bär es ruhiger angehen, steigt noch gern auf sein E-Bike und ansonsten am liebsten ins Önsbacher Gemeindearchiv. Unzählige Erkenntnisse, viele Aufsätze, Bücher und Vorträge über vergangene Jahrhunderte verdankt ihm der Verein für Ortsgeschichte Önsbach, den er mitinitiierte und dessen Ehrenvorsitzender er heute ist. Auf seinem Schreibtisch liegen sehr alte Bücher: „Die sind jetzt mein Leben.“ Zehn Jahre engagierte er sich nach seiner Zeit als Bürgermeister von Seebach noch als ehrenamtlicher Ortsvorsteher von Önsbach. Weitere ehrenamtliche Jahre investierte er in die Sanierung vom „Haus Hund“, das heute ein Heimatmuseum ist. Für alle seine Verdienste wurde er mit dem Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet. 

Ein Dossier zu dieser Serie
finden Sie unter:
www.bo.de/iloveortenau

Zur Person

Gerhard Bär

Geboren 1939, besuchte der Önsbacher die Volksschule und wurde erst Postschaffner und Justizassistent in Achern, danach Gemeindesekretär in Önsbach. 1965 heiratete er seine Frau Gerda, und die beiden bekamen 1966 eine Tochter und 1967 einen Sohn. 1969 wurde Gerhard Bär zum Bürgermeister von Seebach gewählt und blieb 24 Jahre bis Ende 1993 im Amt. 1988 starb sein Sohn nach einem Verkehrsunfall und 1989 seine Frau. Von 1979 bis 1999 war er für die CDU Mitglied des Kreistags und von 1994 bis 2004 Ortsvorsteher in Önsbach. Er ist Mitbegründer und Ehrenvorsitzender des Vereins für Ortsgeschichte Önsbach. Seine sportliche Leidenschaft, das Gehen, betrieb er von 1957 bis 1969 und dann wieder ab 1990 bis 2017 mit vielen Erfolgen. 

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