Nach Facebook-Hit: Bauernfamilie berichtet aus ihrem Alltag

Autor: 
Christian Wagner
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08. August 2017

Ein Landwirt aus Unterharmersbach rückt nachts mit der Erntemaschine aus. Als eine Anwohnerin sich über die Ruhestörung beschwert, verteidigen sich er und seine Frau in einem Leserbrief – und lösen eine unglaubliche Welle der Solidarität aus. Auf Facebook erreicht der Leserbrief fast 900 000 Personen. 2400 Menschen drücken mit einem Like ihren großen Respekt vor der Arbeit der Landwirte aus.

Für Johannes Schwarz (41) ist es ein fast normaler Montag. Um 5 Uhr geht er in den Stall, bis 6.45 Uhr melkt und versorgt er die 30 Milchkühe. »Dann macht meine Frau fertig«, erzählt er. Denn der Neben­erwerbslandwirt muss um 7 Uhr an seinem Arbeitsplatz bei Landmaschinen Ritter in Zell a. H. sein. Um 16.30 Uhr hat er Feierabend, aber um 18 Uhr ruft schon wieder der Stall. 365 Tage im Jahr geht das für Schwarz so, nur seine Frau Corinna (36) gönnt sich mit den Kindern Daniel (9), Sonja (12) und Matthias (14) einmal im Jahr einen kleinen Urlaub.

An diesem Montag ist für Schwarz nach dem Stall das Tagwerk noch nicht getan. Gegen 20.30 Uhr kalbt eine Kuh – nach mühsamen anderthalb Stunden haben Corinna und Johannes Schwarz dem Kälbchen »Bob« auf die Welt geholfen. Es ist 22 Uhr. Weil der Mähdrescher seines Neffen kurzfristig verfügbar ist und für den nächsten Tag Gewitter und Regen vorausgesagt sind, startet Schwarz zum Ernteeinsatz in einem Feld, das an ein Wohngebiet angrenzt. Um 23 Uhr geht die Ernte los, eine halbe­ Stunde später ist der Weizen eingebracht, um Mitternacht liegt Schwarz erschöpft im Bett. Auch für den tatkräftigen Landwirt war dies ein harter Tag.

Anderntags erreicht die Bauersleute ein Facebook-Post, in dem sich eine Anwohnerin über den nächtlichen Mäheinsatz und die damit verbundene »Ruhestörung« beschwert. Diese Kritik trifft das Ehepaar. »Zum Ärgern sind wir bestimmt nicht noch nachts zum Ernten gefahren, sondern wir hatten einfach keine Wahl«, sagt Corinna Schwarz. Das Getreide dürfe keine Restfeuchte haben, sonst schimmle es beim Einlagern. Und Ehemann Johannes betont: »Es war nicht böse gemeint. In der Hochsaison musst du froh sein, wenn du einen Mähdrescher bekommst.«

Corinna Schwarz verschafft ihrem Ärger Luft und verfasst einen Leserbrief in der »Schwarzwälder Post«, der Lokalzeitung für das Harmersbachtal. Sie schildert die Geschehnisse aus ihrer Sicht und erntet schnell Schulterklopfen dafür: »Die Kunden im Hofladen haben mir zu dem tollen Leserbrief gratuliert.« Der Eigentümer, von dem das Ehepaar Schwarz das Weizenfeld gepachtet hat, ruft ebenfalls an und sichert volle Rückendeckung zu.

900.000 Personen erreicht

Die Mittelbadische Presse­ sichtet den Leserbrief und teilt ihn am Sonntag auf der Facebookseite – und dann geschieht Unglaubliches. Corinna Schwarz hat mit ihrem Leserbrief den Nerv der Menschen getroffen, Like für Like wird geklickt, bis Dienstagnachmittag haben rund 2400 Leute mit einem »Gefällt mir« ihren Respekt vor der Landwirtschaft und der Arbeit der Bauersfamilie bekundet. Sage und schreibe fast 900.000 Personen hat der Post erreicht. Das sind Werte, von denen selbst die großen Nachrichtenplattformen wie »Spiegel«, »Welt« oder »Focus« oft nur träumen können.

Was sagen die Eheleute­ Schwarz dazu, dass ihr Leserbrief auf Facebook so eingeschlagen hat? Beim Vor-Ort-Besuch auf ihrem majestätisch gelegenen Bilderbuch-Bauernhof im Hochstahl 3 in Unterharmersbach werkelt Altbäuerin Anna Schwarz (84) gerade im Gemüsegarten. Corinna und Johannes Schwarz sind im Stall, die Kinder Daniel, Sonja und Matthias springen auf dem Hof rum oder helfen mit. Matthias, der Älteste, hat sogar einen Imkerkurs gemacht, um die Bienen zu betreuen. Die Familie lebt und liebt ihren Bauersberuf. 

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»Die Wertschätzung, die uns entgegengebracht wird, gibt einem Kraft für die Arbeit«, strahlt Johannes Schwarz. Er nutzt den Besuch der Presse nicht, um über Politik, Verbraucher oder sonstige Erschwernisse zu klagen. »Natürlich könnte ich jammern, aber das bringt nichts«, sagt Schwarz. Er freut sich vielmehr, dass das Verständnis für die Landwirtschaft aus seiner Sicht immer größer wird. Er zeigt auf die umliegende Schwarzwaldlandschaft: »Alles ist so grün und offengehalten – das hängt von unserer Arbeit ab!« Er könne auch sagen »Wir hören auf« und die Landschaft zuwachsen lassen. Aber das kommt für die Familie Schwarz nicht infrage.

Er wünscht sich nur, dass es die Leute schätzen, »wenn sie am Wochenende in die Natur gehen können oder beim Frühstück gesunde Waren auf dem Tisch haben«. 

 

Kommentar

Schöne Botschaft!

Von Christian Wagner

In diesem Artikel geht es nicht darum, die Kritikerin des nächtlichen Ernteeinsatzes an den Pranger zu stellen. Denn jedem von uns ist sein Schlaf wichtig. Es geht vielmehr darum, das Positive aus dieser Geschichte herauszugreifen. Und das ist der unglaubliche Rückhalt und der große Respekt, den die Landwirte in der Bevölkerung haben. Das ist die schöne Botschaft dieser Geschichte! Es sollte den Landwirten Selbstvertrauen für ihre Arbeit geben und zugleich den Mut, mit Selbstvermarktungsprojekten auf die Verbraucher zuzugehen. Die Politik sollte daraus lernen, dass Landwirtschaft ein Thema ist, mit dem man Wähler begeistern kann. Und die User sollten es nicht nur beim »Gefällt mir«-Klick belassen, sondern die heimische Landwirtschaft gerne auch beim Einkaufen unterstützen.

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