Tödlicher Streit in Legelshurst

Warum das Gericht auf Totschlag und nicht auf Mord entschied

Autor: 
Thomas Reizel
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
12. August 2016
Verknüpfte Artikel ansehen

©Mittelbadische Presse

Mit einer Haftstrafe von sechs Jahren und neun Monaten ist gestern in Offenburg der Prozess um Totschlag im Legelshurster Wald zu Ende gegangen. Für die Eltern des Opfers ist das Urteil viel zu milde ausgefallen. Entsprechend lautstark äußerten sie sich im Gerichtssaal.

Heinz Walter, Vorsitzender Richter der 8. Großen Jugendkammer des Offenburger Landgerichts, hatte gestern in der Urteilsbegründung viele Emotionen ausgelöst. Die Kammer sah es als erwiesen an, dass der Angeklagte am 9. Februar (Fasentdienstag) seine Ex-Freundin im Legelshurster Wald mit 43 Stichen getötet hat. Walter sprach das Urteil, sechs Jahre und neun Monate. Der Strafrahmen hätte sechs Monate bis zehn Jahre Haft ermöglicht. Der Leitende Oberstaatsanwalt Herwig Schäfer hatte acht Jahre, neun Monate beantragt, der Verteidiger Peter Ockenfels aus Freiburg eine Strafe, die »deutlich darunter liegt«.

Schmerz, Wut, Trauer

»In dem Prozess sind Schmerz, Leid, Trauer und Wut sichtbar und greifbar geworden«, sagte Walter. Er attestierte vor allem den Eltern des Opfers, ihrer Tochter eine Stimme in angemessener und würdiger Weise gegeben zu haben. Gleichzeitig erläuterte Walter aber, dass auch ein  Angeklagter Rechte hat, die selbst die schlimmste Tat nicht verwirken könne. Und diese Rechte habe Verteidiger Peter Ockenfels wahrgenommen.

Walter erklärte, dass der Angeklagte, als er ein Küchenmesser aus der Wohnung der Eltern des Opfers mitgenommen habe und bei der Fahrt in den Wald in einem affektiven Ausnahmezustand gewesen sein könnte. Ein Gefühlschaos aus Enttäuschung, Wut und Verzweiflung habe in ihm geherrscht, weil ihn seine Freundin verlassen und noch am Tattag zu einem anderen Mann wollte. Als Walter die Stiche und die Folgen schilderte, hielt es den Vater nicht mehr auf seinem Stuhl. »Sechs Jahre für Mord, das ist doch verrückt! Das was Sie bieten, ist eine Frechheit«, rief er Walter zu. Seine Frau zeigte sich ebenfalls tief verletzt, rief dem Angeklagten mit brüchiger Stimme zu: »Komm’ mir ja nie wieder unter die Augen!«

Richter Walter gelassen

- Anzeige -

Heinz Walter blieb gelassen, gestand den Eheleuten ihre Meinung zu, um dann in seiner Urteilsbegründung fortzufahren. »Dieser affektive Ausnahmezustand habe aber nicht zu einer tiefgreifenden Persönlichkeitstörung geführt«, führte er aus.

Doch warum ist kein Urteil wegen Mordes ergangen, etwa wegen Heimtücke? Das erklärte Walter so: Zwar sei die Frau von hinten erstochen worden und sie war wehrlos. Das Gericht gehe aber nicht davon aus, dass er es ausgenutzt hat, sie von hinten zu erstechen: »Es ist nicht vorstellbar, dass er anders gehandelt hätte, wenn sie ihm ihre Vorderseite zugewandt hätte.«

Erziehung als Ziel

Heinz Walter hatte zuvor dargelegt, dass das Jugendstrafrecht im Gegensatz zum Erwachsenen nicht die Bestrafung in den Vordergrund stellt, sondern den Erziehungsgedanken, um weitere Straftaten zu verhindern. Noch ist das Urteil nicht rechtskräftig, alle Prozessbeteiligten können noch Revision beim Bundesgerichtshof einlegen. Sollte es das werden, würde dies für den Verurteilten bedeuten, dass die Zeit der Untersuchungshaft seit 10. Februar von den sechs Jahren, neun Monaten abgezogen würde und er nach Verbüßung von 7/12 der Reststrafe zur Bewährung auf freien Fuß kommen könnte. Wahrscheinlich ist, dass er in der Jugendhaft eine Ausbildung erfolgreich abschließt.

Am Ende der Verhandlung kam es fast zu Tumulten im Saal, bei denen die Justizwachtmeister gefragt waren. Den meisten Prozessbeobachtern ist das Urteil viel zu milde ausgefallen, weshalb sie ihren Unmut lautstark kundtaten.

Mehr zum Thema

Weitere Artikel aus der Kategorie: Ortenau

Prozess am Amtsgericht Emmendingen
vor 1 Stunde
Das Schöffengericht Emmendingen verhandelt nächsten Mittwoch, 9 Uhr, gegen einen 51-jährigen nigerianischen Staatsangehörigen. Diesem wird Vergewaltigung zur Last gelegt.
Archivfoto: Der Medienrummel war groß, als Felicitas Rohrer (links) im Dezember 2015 in Waldshut-Tiengen gegen Bayer vor Gericht zog. Sie ist überzeugt, dass die Anti-Baby-Pille »Yasminelle« von Bayer ihre doppelte Lungenembolie ausgelöst hat.
Interview mit Felicitas Rohrer
vor 3 Stunden
Felicitas Rohrer aus Willstätt hat einen langen Kampf hinter sich: Seit rund sieben Jahren klagt sie vor dem Landgericht Waldshut-Tiengen gegen den Pharmariesen Bayer wegen einer möglichen Gesundheitsgefahr durch die Anti-Baby-Pille. Sie fordert Schadenersatz sowie Schmerzensgeld in Höhe von...
Wohnungssuche
vor 6 Stunden
Vor einem Jahr hat der Ortenaukreis um Wohnraum für junge Flüchtlinge geworben. Diesen hätte die Obdachlosenunterkunft gedroht. Die Suche sei schwierig, hieß es damals, doch in Lahr, Kehl und Offenburg wäre kein Flüchtling obdachlos geworden. In unserer Serie »Nachgehakt« geht die Mittelbadische...
Netzwerk
vor 17 Stunden
Sterbebegleitung war am Samstag Schwerpunkt beim Palliativtag am Ortenau-Klinikum St. Josefsklinik. Haupt- und ehrenamtliche Mitarbeiter trafen sich, um neue Impulse mitzunehmen und sich auszutauschen. Klar wurde, dass sie ihre Netzwerke weiter vertiefen wollen.  
Haltingen
vor 18 Stunden
Weil es bei Haltingen eine Oberleitungsstörung gibt, haben auch Züge auf der Rheintalbahn Verspätung. Wann die Störung behoben ist, kann die Bahn noch nicht sagen.
Polizei gibt Tipps
vor 22 Stunden
Herbst oder Winter sind bekanntlich anfälliger für hohe Einbruchzahlen. In der Ortenau gab es seit Ende September mehr als 20 Einbrüche. Die Polizei gibt Tipps, auf was Bürger achten sollten.
Strafverfahren wegen Trunkenheit im Verkehr
16.10.2018
Die Polizei hat am Montagabend eine 55-jährige BMW-Fahrerin auf der A5 an der Anschlussstelle Ettenheim im Mahlberg angehalten. Eine Zeugin hat die Beamten auf das Auto hingewiesen. 
Unfallflucht in Appenweier
16.10.2018
Ein LKW-Fahrer hat am Dienstagmorgen einen Schaden von etwa 10.000 Euro auf einem Rastplatz der A5 in Appenweier zurückgelassen. Die Polizei ermittelt nun wegen Unfallflucht.
Weiß und Fechner
16.10.2018
Nach dem für die CSU und die SPD desaströsen Ergebnis der Landtagswahl in Bayern sieht der Christdemokrat Peter Weiß die Große Koalition in Berlin im Kern nicht gefährdet.
Prozessbeginn
15.10.2018
Zwei Männer deutscher Staatsangehörigkeit müssen sich vor Gericht verantworten: Ihnen wird vorgeworfen, in zwei Fällen je einen Bekannten ausgeraubt, bedroht und verprügelt zu haben. Einer der Angeklagten soll zudem mehrere Einbrüche begangen haben. 
Nachgefragt
15.10.2018
Die Oberbürgermeisterwahl in Offenburg ist vorbei, Marco Steffens ging als Sieger hervor. Wir haben Ortenauer Persönlichkeiten nach ihrer Meinung dazu gefragt.
Die »Armutswoche« soll für das Thema »Sozialer Wohnungsbau« sensibilisieren.
Aktionswoche in der Ortenau
15.10.2018
Die »Armutswoche« startet heute landesweit unter dem Motto »Teilhaben/Teilsein – Bildung, Arbeit, Wohnen sind Menschenrechte«. Bis Sonntag, 21. Oktober, sollen die Menschen durch verschiedene Aktionen speziell auf die Wohnungsnot aufmerksam gemacht werden.