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Ortenau-Reportage: Zuhause fremd

Autor: 
Bastian André
Lesezeit 7 Minuten
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18. Februar 2016

(Bild 1/2) ©Stephan Hund

16 Jahre lang haben Melli und Waldemar Neimann in ihrem Haus in Lahr gelebt. Dann veränderte ein Einbrecher alles. Was einst ihr Zuhause war, ist ein Ort der Angst geworden. So sehr, dass beide dort nicht bleiben wollen

Ein schrilles Geräusch reißt Melli und Waldemar Neimann aus dem Schlaf. Das Telefon plärrt durchs Haus, mitten in der Nacht, 4.20 Uhr. Draußen ist es stockfinster. Melli schrickt auf, läuft die Treppe hinunter, dem Läuten entgegen. Als sie im Erdgeschoss steht, verstummt es. Wieder Stille.Sie fühlt es. Etwas stimmt nicht.

Melli schaut sich um. Auf dem Wohnzimmerboden sind überall Cent-Münzen verstreut. Der Geldbeutel ihres Mannes liegt aufgeklappt auf dem Tisch. Leer. Im kleinen Wandregal im Flur fehlt der Schlüssel für den Toyota. Die Haustür steht offen. Aufgebrochen. »Waldemar!«, schreit sie. »Bei uns ist ein Einbrecher!«

Es ist die Nacht auf den 2. Mai 2015, die das Leben des Ehepaars aus Lahr verändert. Freitag auf Samstag. Sprechen will Melli Neimann darüber heute nicht mehr. Ihr Mann Waldemar schon. »Meine Frau möchte das Thema abschließen und fertig«, sagt er bedrückt. 

Der 53-Jährige sitzt an seinem Couchtisch. Die Hände zusammengefaltet, die Jacke noch an. Als wäre er auf dem Sprung. »Gibt viel zu tun momentan.« Er hat einen russischen Akzent. Ein wenig Euphorie schwingt in seiner Stimme. »Wir haben ein altes Haus gekauft und das renovieren wir jetzt.« Beinahe täglich ist er dort. Streicht. Montiert. Schraubt. Ein neues Zuhause für ihn und Melli soll es werden. Im jetzigen wollen sie nicht bleiben. Es ist ihnen fremd geworden. In jener Nacht.

»Wir waren an dem Abend noch bei unserer Tochter für Hochzeitsvorbereitungen«, erinnert sich Waldemar. Seine Augen leuchten. Es war ein schöner Abend. So fröhlich hat er angefangen. Sie lachen zusammen und träumen, vom großen Tag. Von der Hochzeit. Erst nach Mitternacht kommen die stolzen Eltern nach Hause. »Um 1.30 Uhr sind wir ins Bett«. Toll war’s. Schlaf gut, Liebling.

Waldemar erinnert sich. Erzählt, blickt verletzt. 4.20 Uhr. Ja, das weiß er noch genau. Das Telefon im Erdgeschoss klingelt. Melli läuft runter. Das Klingeln hört auf. Melli schreit seinen Namen.

Das Telefon läutet ein zweites Mal. Melli hebt ab. »Bei euch ist der Schwiegersohn«, sagt die aufgeregte Stimme am anderen Ende. »Er hat probiert, das Auto aus dem Hof zu schieben!« Die Nachbarstochter ist dran. 23 Jahre jung, kam gerade von der Disko. Hat alles gesehen. Verwirrung. Melli hat Angst.

Waldemar kommt zu ihr runter, geht zur Haustür. »Ich dachte, das kann man noch reparieren«, erzählt er. Stotternd. »War aber alles aufgebrochen. Das ganze Gestänge. Alles.« Waldemar geht weiter, vor das Haus, dann auf die Straße. Niemand da. In der Hofausfahrt entdeckt er den Toyota seiner Frau. Rückwärts rausgefahren, halb auf der Straße. Verlassen. Motor aus. Die linke Seite des Wagens ist verkratzt. Die Fahrertür steht auf. 

»Er ist nicht rausgekommen auf die Straße. Ist mit der Tür rangeknallt«, sagt Waldemar. An einen Pfosten. Waldemar denkt zurück, muss schmunzeln. »Ach, in dem blöden Toyota sieht man doch nix.« Zu kleine Fenster. Wie oft hat er sich selbst darüber geärgert. Seine Mimik wird wieder ernst. »Der Einbrecher hat das Telefon im Haus klingeln gehört. Dann ist er halt abgehauen.« Schulterzucken.

Zurück im Haus ruft Waldemar sofort die Polizei. Die Nacht ist wieder still geworden. Sein Herz klopft. 20 Minuten vergehen, ziehen sich. Ein Streifenwagen taucht auf. Erlösend.

Auf der Rückbank sitzt eine Gestalt. Festgenommen. Waldemar blickt in den Wagen, will wissen, wer in sein Leben gedrungen ist. Es ist nicht der Schwiegersohn. Aber ein junger Mann. Die Nachbarin erkennt ihn sofort wieder. 

Waldemar darf nicht zu ihm, erzählt er. Seine Stimme wird lauter: »Die Polizei hat den noch geschützt!« Er schüttelt den Kopf. »Ich hab zu ihm gerufen: Gib mir das Geld wieder, das du genommen hast!« Waldemar streckt die rechte Hand aus. Die Gestalt im Wagen habe nicht reagiert. »Er saß da, als hätt’ er nichts angerichtet.« Wenige Minuten noch bleibt die Streife mit ihrem unheimlichen Insassen stehen. Dann verschwindet sie in der Dunkelheit. An Schlaf war nicht mehr zu denken. Einige Polizisten bleiben im Haus. Spurensicherung. 

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Als es hell wird, geht Waldemar raus, nach hinten, in den Garten. Will sich ablenken. Draußen ist es kühl. Tau hat sich an die Grashalme geheftet.  Und braune, große Flecken. Klebrig. Fürchterlich stinkend.  Unerklärlich. Ihre Spur führt ins babyblau gestrichene Gartenhäuschen. Waldemar schaut hinein. Fasst es nicht. Spricht es aus, wie es war: »Er hat ins Häuschen geschissen.« Waldemar wird lauter. »Und dann ist er noch reingetappt. Zwei Mal!« 

Braune Spuren überall. Im Gras. Auf der Terrasse. »Da lagen zwei Teppiche, die musste ich wegschmeißen. Hat alles gestunken.« Waldemar spricht distanziert. Als wäre es einem anderen passiert. Den Ekel, die Schande will er nicht mehr fühlen. »Ich denke, der stand unter Drogen.« Anders kann er sich das Unerklärliche nicht erklären. Themenwechsel.

»Drei Monate später war die Gerichtsverhandlung«, holt Waldemar aus. Etwa 62 Euro hat der Einbrecher aus seinem Geldbeutel mitgenommen. Sonst nichts. Er und Melli sind als Zeugen geladen. »Der war wegen 600 Fällen angezeigt!«, sagt Waldemar aufgeregt. 20 Jahre jung sei der Einbrecher erst. »Vier Stunden sind wir da gesessen. Und der hat kein Wort gesagt. Nur gegrinst.«

Waldemar kneift die Augenbrauen zusammen. Er weiß nicht, warum der junge Mann bei ihm eingebrochen ist. »Vielleicht ist er von der Disko gekommen und hat ein Auto gebraucht.« Waldemar wird zornig, wenn er an die Verhandlung denkt. Ratlos. Noch vor der Urteilsverkündung sind er und Melli gegangen. Der Hohn war nicht mehr auszuhalten.  

Das Leben musste weitergehen, sagt Waldemar. Konnte es aber nicht. Gedanken kreisen. Heute noch. »Der Einbrecher hat unsere Tür mit einem Nageleisen aufgebrochen.« Er stand damit in ihrem Wohnzimmer. Was hätte nicht alles passieren können? 

Knapp 9000 Euro Schaden hat der junge Mann hinterlassen. Waldemars Versicherungsschutz hat nicht ausgereicht. Keiner wollte zahlen. »Bin ich drauf sitzengeblieben«, sagt er enttäuscht. Immerhin 1500 Euro hat er dann vom Hilfsverein »Weißer Ring« bekommen. »Ein Glück.«

Die seelischen Schäden sind größer. Melli war anschließend zwei Mal in Therapie. »Dann hat sie abgebrochen«, gesteht Waldemar ein. Rauer Tonfall. Es bringt ihr nichts, habe sie zu ihm gesagt. Genesung nicht in Sicht. »Meine Frau schläft nicht mehr so gut.« Waldemar ist Lokführer von Beruf. »Das macht es sehr schwierig.« Unregelmäßige Arbeitszeiten. Manchmal ist er nachts nicht da. »Wenn sie alleine ist, schließt sie komplett ab. Auch alle Zimmer.« 

Melli wurde klar: Sie will fort. Das ist nicht mehr ihr Haus. »Ja«, sagt Waldemar leise, »sie will hier nicht bleiben.« Pause. Aufgegeben. Es geht nicht mehr.

Waldemar hat seine Jacke noch an. Auf dem Sprung. Das Telefon klingelt. Er steht auf, geht zum Apparat, hebt den Hörer ab. »Ja?« Kurze Pause. Dann spricht er etwas auf Russisch. Legt wieder auf. Lacht. »Meine Frau hat heute Geburtstag«, verrät er und kommt zum Couchtisch zurück. »Ständig Anrufe. Viel zu tun heute!« 53 Jahre alt ist Melli geworden. So alt wie er.

Heute wird gefeiert. Das kann sie wieder. Und zum letzten Mal in dem Haus, das 16 Jahre lang ihr Heim war. Geborgen. Jetzt fremd. 

Der Einbrecher sitzt inzwischen im Gefängnis, weiß Waldemar. Alles hat er verändert. In jener Nacht.
 

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