Ortenau

Panne beim Gemeinschaftskunde-Abi - Wo lag der Fehler?

Autor: 
dpa/lsw
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16. Mai 2019

©Michele Gerstl

In einer Abituraufgabe kommt ein Begriff vor, den zwei Drittel der Schüler überhaupt nicht im Unterricht hatten. Die Betroffenen dürfen die Prüfung nachholen - und sind trotzdem nicht unbedingt glücklich. Wie kam es zu dem Fehler?

Nach einer Abiturpanne im Fach Gemeinschaftskunde haben Lehrervertreter und das Kultusministerium Fehler von sich gewiesen. Das Ministerium hatte Schülern von etwa 130 Gymnasien kurzfristig die Möglichkeit angeboten, ihre Prüfungen in dem Fach zu wiederholen. „Im Bereich des Regierungspräsidiums Freiburg waren 30 von 46 Gymnasien betroffen“, sagte Behördensprecher Markus Adler. Das Ministerium habe den Schülern die Möglichkeit gegeben, die Prüfung mit neuen Fragen zu wiederholen. „Davon hat an elf Schulen eine niedrige zweistellige Zahl von Schülern Gebrauch gemacht“, so Adler weiter. Zuvor war klar geworden, dass ein in der Prüfung vorkommender Begriff im Unterricht gar nicht behandelt wurde.

Zwar steht das »Kategorienmodell« im Bildungsplan, viele Schüler hatten das Wort aber wohl noch nie gehört. Ein Ministeriumssprecher sagte, dass der Ausdruck möglicherweise nicht so gebräuchlich sei.

Vorwürfe zurückgewiesen

Der Vorsitzende des Philologenverbands Baden-Württemberg, Ralf Scholl, sagte, dass der Ausdruck von den Fachlehrern seit Jahren kritisiert werde, weil er zu undeutlich sei. Deswegen hätten Lehrer genauere Begriffe verwendet, die Schüler kannten also den Inhalt, nur das Wort Kategorienmodell nicht. »Wenn dieser Fehler an zwei Drittel der Schulen passiert ist, dann ist dies kein Zufall«, sagte Scholl.

Kultusministerin Susanne Eisenmann (CDU) sagte dem SWR: »Wir weisen darauf hin, dass es keine Frage ist, ob man Lust hat, das zu unterrichten - man muss es unterrichten.« Die Landesvorsitzende der Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft (GEW), Doro Moritz, entgegnete daraufhin am Donnerstag, dass das Kultusministerium versuche, die Schuld den eigenen Lehrern zuzuschieben. »Bei der GEW melden sich Lehrkräfte, die übereinstimmend berichten: Die Abi-Aufgabe war falsch formuliert.« Das Verhalten des Ministeriums sei eine Frechheit, teilte Moritz mit.

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Dort wies man die Vorwürfe zurück. Im Bildungsplan stehe, dass die Schüler die Struktur der internationalen Staatenwelt mithilfe eines Kategorienmodells beschreiben können müssen. In der Abiturteilaufgabe mussten die Prüflinge die Bedeutung der NATO für die Friedenssicherung anhand eines Kategorienmodells erklären. »Die gestellte Abituraufgabe entspricht somit vollständig den verpflichtenden Vorgaben und Anforderungen des Bildungsplans«, hieß es in einer Mitteilung.

Der Begriff Kategorienmodell gehört zum Schwerpunktthema Internationale Beziehungen, einem Teilbereich der Politikwissenschaften. »Es ist kein etablierter Begriff der internationalen Beziehungen«, sagte Diana Panke, Politikwissenschaftlerin an der Universität Freiburg. Zwei Professoren der Universität Tübingen teilten diese Einschätzung.

Nachprüfung am Freitag

Die Schüler hatten die Abi-Prüfungen in Gemeinschaftskunde am 6. Mai geschrieben. Nach Angaben des Ministeriums verdichteten sich nach und nach die Hinweise, dass der Begriff Kategorienmodell an vielen Schulen im Unterricht gar nicht vorkam - an etwa 130 von rund 200 nicht. Am Mittwoch entschied sich das Ministerium, den Betroffenen den Zugang zur Nachprüfung zu gewähren, die eigentlich für krankgeschriebene Jugendliche angeboten wird.

Die Schüler hatten ab Mittwochnachmittag 24 Stunden Zeit, zu entscheiden ob sie die Prüfung erneut schreiben wollen oder nicht - ohne ihre ursprüngliche Note überhaupt zu kennen. Die Nachprüfung wird bereits am Freitag stattfinden (17.5). Das sei laut einem Ministeriumssprecher nicht anders möglich, weil der Termin seit langem festgelegt ist und die Erstellung neuer Aufgaben zu lange dauern würde. »Die Zeit reicht einfach nicht, um den ganzen Stoff zu wiederholen«, sagte die Schülerin Melanie Alrachid aus Geislingen an der Steige. Sie selbst werde deshalb nicht nachschreiben. Die 17-Jährige hatte bereits am Tag der Prüfung eine Online-Petition gestartet und das Problem beschrieben.

Der Bildungsplan stammt aus dem Jahr 2004. Er wird in einem mehrjährigen Prozess erstellt, einbezogen werden unter anderem Wissenschaftler und Lehrkräfte. Die Abituraufgaben stellt eine Kommission für jedes Fach zusammen. Sie besteht aus Lehrern, die bereits langjährig und noch aktiv unterrichten und der Schulaufsicht.

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