Stellungnahme

Pflegekräfte schlagen Alarm – das sagt das Ortenau-Klinikum

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06. April 2021
Neun Mitarbeiter des Ortenau-Klinikums erheben Vorwürfe gegen den Klinikverbund. Es geht um die Arbeitsbelastung und das Arbeitsklima. Das Ortenau-Klinikum bezieht Stellung. 

Neun Mitarbeiter des Ortenau-Klinikums erheben Vorwürfe gegen den Klinikverbund. Es geht um die Arbeitsbelastung und das Arbeitsklima. Das Ortenau-Klinikum bezieht Stellung.  ©Archivfoto: Iris Rothe

Zu hohe Arbeitsbelastung, zu geringe Wertschätzung? Mitarbeiter des Ortenau-Klinikums üben Kritik an ihrem Arbeitgeber. Dieser bezieht gegenüber der Mittelbadischen Presse Stellung.

Kritik am unter ökonomischen Zwängen leidenden deutschen Gesundheitssystem ist nicht neu. „Personalmangel und Kostendruck gibt es überall“, meint eine von neun Pflegekräften des Ortenau-Klinikums, die sich am Montagabend zu einem Gespräch mit Pressevertretern eingefunden haben. Doch die Zustände am Ortenau-Klinikum mit seinen 5800 Beschäftigten, so der Tenor, seien besonders belastend. Hauptkritikpunkte sind eine angeblich fehlende Wertschätzung durch die Klinikleitung und Führungskräfte, häufige Stationswechsel und nicht ausreichende Einarbeitung in neue Tätigkeitsfelder. Die Kritik mündet in der Aussage, dass der momentane Zustand für Pflegekräfte schwer auszuhalten sei. „Wir können die Patienten nicht so versorgen, wie wir es gelernt haben und gerne möchten.“ In der Konsequenz komme es auch zu Behandlungsfehlern.

In einem Pressegespräch haben der Geschäftsführer des Ortenau-Klinikums, Christian Keller, Pflegedirektor Rick Pieger, Personalchef Constantin Schmidt und der Medizinische Direktor Peter Kraemer am Mittwochnachmittag Stellung zu den von Mitarbeitern erhobenen Vorwürfen bezogen.

Arbeitsbedingungen:

Die angebliche Überlastung und Personalmangel machen die Beschäftigten an einem Beispiel fest: Ein Patient mit Schluckstörungen hätte beim Essen alleine gelassen werden müssen und wäre in der Folge beinahe erstickt. Außerdem habe das Absauggerät Probleme bereitet, da es aus Zeitmangel vor Dienstbeginn nicht habe überprüft werden können. „Uns bleibt einfach keine Zeit mehr für die Patienten“, und vor diesem Hintergrund plane das Ortenau-Klinikum einen weiteren Personalabbau.

Personalmangel ist laut Personalchef Constantin Schmidt „leider ein ureigenes Krankenhausthema“, das aber auf die Rahmenbedingungen zurückzuführen sei. „Wir sehen bei unseren Rundgängen über die Stationen, dass die Kollegen völlig erschöpft sind“, räumt Pieger ein. „Das kann man nicht wegdiskutieren“. Jedoch: „Wir sparen lieber bei Sachkosten als bei Personalkosten“, meint Kraemer und verweist auf eine Online-Fortbildungsmöglichkeit, die Christian Keller zusätzlich zu zwei bereits etablierten Online-Tools eingeführt hatte (Kosten rund 70 000 Euro pro Jahr) und die jetzt wieder gestrichen wurde. Auch an der Abschaffung der Software hatten die Beschäftigten Kritik geübt. „Das ist eine freiwillige Leistung und in schlechten Zeiten müssen wir den Gürtel eben enger schnallen“, meint Keller. Sobald das Betriebsergebnis ausgeglichen sei, werde die Software wieder eingeführt.

Häufige Stationswechsel und fehlende Einarbeitung:

„Wir werden fast wöchentlich auf andere Stationen versetzt und jeder hat Angst, dass er auf seine angestammte Station nicht mehr zurück kann“, lautet ein Vorwurf der Beschäftigten. Das Wir-Gefühl auf einer Station und funktionierende Strukturen würden so bewusst zerstört. Die notwendige Einarbeitung gebe es kaum.

Üblich ist laut Pieger eine Einarbeitungszeit von vier bis sechs Monaten auf einer Intensivstation und die Hälfte davon für eine Normalstation. „Durch Corona ist das Gefüge verloren gegangen“, sagt Personalchef Schmidt. Ziel sei es, die Stammstationen zu erhalten, es sei aber auch normal, dass bei akutem Personalmangel Personal verschoben werde. „Seit einem Jahr ist das kein Krankenhausbetrieb mehr, wir sind eine Feuerwehr“, unterstreicht Pieger. Die Bereitschaft zu häufigen Wechseln sei in der dritten Welle verloren gegangen, es fehle die Perspektive, wann wieder der Normalzustand einkehre.

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Die häufigen Wechsel würden zur Unzufriedenheit beitragen, meint Kraemer. Gegensteuern will das Ortenau-Klinikum mit der Einrichtung eines Flex-Pools, ein Modell, das in den Niederlande bereits praktiziert wird. Wer bereit ist, an verschiedenen Standorten und Stationen flexibel eingesetzt zu werden, soll dafür besser entlohnt werden. „Wir wollen unseren Mitarbeitern damit ein lebensphasenadaptiertes Angebot machen“, erklärt Pieger. Für alle anderen Pflegekräfte soll der Flex-Pool wieder eine stärkere Routine gewährleisten.

Arbeitsklima:

„Es herrscht eine ganz miese Grundstimmung, jeder hastet ohne zu grüßen nur noch über die Gänge“, schildert eine Pflegekraft ihre Erfahrungen. Hinzu komme die Angst vor Vorgesetzten. Diese würden versuchen, Druck aufzubauen. Ein Vorwurf lautet zudem, IT-Mitarbeiter des Ortenau-Klinikums würden Angestellte in sozialen Netzwerken überwachen.

Für eine derartige Überwachung im Internet gebe es weder Personal noch Ressourcen, noch sei sie gewünscht, weist Geschäftsführer Keller die Vorwürfe zurück. Klar sei jedoch auch, dass wer sich in den sozialen Netzwerken abfällig und negativ über seinen Arbeitgeber äußere, auch zum Gespräch gebeten werde. Das sei ein normaler Vorgang. „Wir haben keine Stasi“, betont Keller. Denunzieren sei nicht die Kultur des Ortenau-Klinikums, „wir sprechen uns lieber hinter verschlossenen Türen aus“.

Als einer der wenigen Krankenhausverbünde habe das Ortenau-Klinikum Führungsleitlinien entwickelt, erklärt Pieger. „Daran wollen wir uns messen lassen und sind wild entschlossen, auch Sanktionen zu verhängen, wenn die Regeln nicht eingehalten werden.“ Durch regelmäßige Rundgänge über die Stationen und durch Abschlussgespräche mit ausscheidenden Mitarbeitern, wisse die Geschäftsführung über das Arbeitsklima Bescheid. „Es gibt Stationen, auf denen Glückseligkeit herrscht und solche, auf denen es Probleme gibt“, sagt Keller. Das Ortenau-Klinikum investiere unter anderem in Coaching, wenn es Probleme mit Mitarbeitern gebe, das sei ähnlich wie bei einer Eheberatung.

Corona-Pandemie:

„Zu Beginn der Corona-Pandemie mussten viele von uns zu Hause bleiben“, blickt eine Pflegekraft zurück. In dieser Zeit hätten sich immense Minusstunden angehäuft. Allerdings sei das kein Urlaub gewesen. „Wir sind ständig vor dem Telefon gesessen, es war eine Bereitschaft, weil wir nie wussten, wann wir gebraucht werden.“

Ein Drittel der Mitarbeiter sei zu Beginn der Pandemie nicht gebraucht worden, da der Fokus auf Intensivpflegern lag. Die nicht benötigten Mitarbeiter seien bei vollem Lohnausgleich inklusive Schichtzulagen zu Hause geblieben. das Ortenau-Klinikum habe sich bewusst gegen Kurzarbeit entschieden und gesagt „wir finden eine Lösung“, erinnert Schmidt. Die meisten Mitarbeiter hätten ihre Minusstunden inzwischen wieder abgebaut. Die noch verbliebenen Minusstunden sollen laut Personalchef in den nächsten Wochen von den Arbeitszeitkonten gelöscht werden.

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