Ortenau

Prozess in Offenburg um Totschlag in Legelshurster Wald

Autor: 
Thomas Reizel
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26. Juli 2016
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(Bild 1/2) ©Ulrich Marx

Die 8. Große Jugendkammer hat gestern den Prozess gegen einen Kehler fortgesetzt. Ihm wird vorgeworfen, seine Ex-Freundin in einem Wald im Hanauerland getötet zu haben.
 

Die Situation im Großen Sitzungssaal des Offenburger Landgerichts war gestern teilweise angespannt. Rund 30 Prozessbeobachter waren anwesend, als Nebenkläger treten die Eltern der getöteten 20-Jährigen auf. Ihnen saß der Angeklagte gegenüber, dem vorgeworfen wird, ihre Tochter am Fasentdienstag in einem Wald bei Willstätt-Legelshurst mit 43 Messerstichen getötet zu haben.

Erklärung angekündigt

Zur Sache hatte sich der heute 21-Jährige noch nicht geäußert, für den nächsten Verhandlungstag ist eine Erklärung angekündigt. Und so versuchte die 8. Große Jugendkammer des Landgerichts Offenburg, die als Schwurgerichtskammer unter dem Vorsitzenden Richter Heinz Walter tagt, anhand von Zeugenaussagen ein Bild von der Beziehung zu gewinnen. Einige Zeugen beschrieben den Angeklagten als höflich und sympathisch. »Es fällt mir schwer, das alles zu verstehen. So eine Tat hätte ich ihm nie zugetraut«, sagte ein Freund aus. Ähnlich äußerten sich weitere Zeugen, andere erklärten, sie hätten ihn zwar schon mal verbal aggressiv, aber nie handgreiflich erlebt. Auch sei die Beziehung harmonisch gewesen, eine junge Frau sprach sogar von einem »kleinen Traumpaar«.

Drogen und antriebslos

Doch es gab einen Schatten. Viele Zeugen hätten gewusst, dass der Angeklagte Cannabis geraucht hat, er selbst hatte angegeben, auch Amphetamine konsumiert zu haben. Und es gab Streit. Nach Zeugenaussagen habe das spätere Opfer gestört, dass ihr Freund antriebslos gewesen sei, dass sie oft alleine weggehen musste und er zu Hause blieb, vor allem aber, dass er sich nicht um eine Lehrstelle bemüht habe. Er hatte zwar eine, doch die brach er nur zwei Monate nach Antritt ab, weil er sich schlecht behandelt und ausgenutzt gefühlt habe, sagten einige Zeugen aus. Die Freundin hat nach eigenen Angaben am Fasentmontag vor der Tat eine Nachricht auf ihr Smartphone bekommen, dass die tags darauf Getötete die Beziehung beendet hat. Wirklich geglaubt habe sie das aber nicht, erklärte die Freundin.

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Die Spannung im Sitzungssaal war förmlich zu spüren, als die Mutter des Angeklagten im Zeugenstand Platz genommen hatte. Die Eltern der Getöteten wirkten sehr mitgenommen. Auf Frage des Vorsitzenden Richters Heinz Walter schilderte sie die Beziehung ihres Sohnes als sehr harmonisch. »Sie waren ein Herz und eine Seele, sie waren verlobt.« Sonntag und Montag hätten beide noch in seiner Wohnung übernachtet, die sich im Elternhaus befindet. »Am Dienstag hat er sie noch zur Fahrschule gebracht«, sagte die Mutter. Sie habe keinerlei Spannungen zwischen Sohn und Freundin wahrgenommen.

»Hallo, hier bin ich«

Gegen 17 Uhr sei er zurückgekommen, habe »Hallo, hier bin ich« gerufen und sei in seine Wohnung gegangen. Abends hätten Mutter und Sohn ferngesehen. »Danach ist er hoch­gegangen, ich habe ihn erst wieder am anderen Tag gesehen, als die Polizei zu uns kam«, sagte sie. Zuvor hatte ein Mann am Aschermittwoch die Leiche der jungen Frau in dem Waldstück bei Legelshurst gefunden.
Eine Erklärung für die Tat hatte die Mutter nicht, nur eine Vermutung: »Sie hat ja sein Innerstes gekannt. Vielleicht hat sie ihn so beleidigt, dass bei ihm alle Leuchten ausgegangen sind.« Sie besuche ihn jeden Donnerstag in der U-Haft: »Das ist mir wichtig.« Dass ihr Sohn Drogen konsumiere, habe sie gewusst, ihn auch zur Drogenberatung gebracht.

Gutachten folgen

Der Prozess geht am Mittwoch, 3. August, 8.30 Uhr, weiter. Dann wird unter anderem ein Gutachten erwartet, das nach Auskunft von Heinz Walter Aufschluss darüber geben soll, ob bei dem Angeklagten zur Tatzeit eine tiefgreifende Bewusstseinstörung vorgelegen hat. Erwartet werden auch Aussagen von Rechtsmedizin und Kriminalbeamten. Die Urteilsverkündiung ist nach derzeitigem Plan für Mittwoch,
10. August, vorgesehen.

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