Ortenau

Rheinau: Heftiger Schlagabtausch im Vorfeld des Volkstrauertags

Autor: 
Klaus Körnich
Lesezeit 5 Minuten
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15. November 2006
Seit vielen Jahren treffen sich ehemalige Kriegskameraden und NPD-Mitglieder am Volkstrauertag zum so genannten »Heldengedenken« am Ehrenmal »Panzergraben« in Rheinau. Bisher taten sie das fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Doch jetzt hat der DGB zu einer Gegenveranstaltung für Sonntag, 19. November, aufgerufen.
Rheinau. »Wir wollen ein Zeichen setzen«, sagt der Ortsvorsitzende des Deutschen Gewerkschafts Bundes (DGB) Kehl/Hanauerland, Andreas Kirchgeßner. Den Stein ins Rollen gebracht hatte der Rhei-nauer Liedermacher Martin Schütt. Vor einem Jahr hatte er zufällig beim Vorübergehen mitbekommen, dass sich etwa 60 Mann vor dem Ehrenmal versammelt hatten: »Es war eine Gesellschaft mit Hunden und Glatzen«, so erinnert sich Schütt heute. Die niedergelegten Kränze trugen nach seinen Angaben Aufschrifen wie »NPD KD Karlsruhe« und »Volksdeutsche Elsass-Lothringen«. Allerdings war dies bei weitem nicht das erste Treffen dieser Art in Rheinau: »Seit 1994 wird die Veranstaltung bei uns offiziell angemeldet«, bestätigt Michael Loritz, Ordnungsdezernent des Ortenaukreises auf Anfrage der Mittelbadischen Presse. Und auch für die Polizei ist die Versammlung nichts Neues. Sie stehe stets unter Beobachtung, betonte Emil Roth, Sprecher der Polizeidirektion Offenburg. Die Begnung vor einem Jahr war für Martin Schütt und den DGB-Ortsvorsitzenden Kirchgeßner jedenfalls Anlass genug, für dieses Jahr eine Gegenveranstaltung ins Leben zu rufen: »Die Zahl rechtsextremistischer Straftaten nimmt zu. Zudem erfahren wir aus den Schulen, dass immer mehr Jugendliche neofaschistische Ideen übernehmen«, begründet Kirchgeßner die Initiative. Die Gedenkveranstaltung sei ein »Nein zum Heldengedenktag«. Die Rechtsextremen würden den Volkstrauertag für »neofaschistische Propaganda« miss-brauchen. Deshalb stehe das in diesem Jahr gegründete Bündnis »Rheinau ist bunt statt braun« auch für Werte wie »Frieden, Toleranz und Völkerverständigung«. Am vergangenen Freitag hatten Unbekannte das Ehrenmal in Rheinau mit roter und grüner Farbe geschändet. Die Betonplatte mit den Namen derVerstorbenen und das Kreuz waren verschmiert. Die Polizei vermutet einen Zusammenhang mit den beiden Gedenkveranstaltungen. Schon vor wenigen Wochen war nach Polizeiangaben ein Hakenkreuz auf einer dazugehörigen Geschichtstafel eingeritzt. Seit drei Jahren nimmt Axel Borkmann aus Rheinau an der NPD-Veranstaltung teil, die vom Karlsruher Kreisverband der Partei organisiert wird. Bisher seien die Treffen immer friedlich verlaufen, betont der Beisitzer im Landesvorstand der NPD, vor allem viele ältere Herren, die den Krieg noch erlebt hätten, seien anwesend gewesen. Für den kommenden Sonntag erwartet er zwischen 50 und 150 Teilnehmer, neben NPD-Mitgliedern werden seinen Angaben zufolge auch zwei »Kameradschaften« aus der Umgebung sowie »Volksdeutsche aus Elsass und Lothringen« vor Ort sein. Im Zusammenhang mit dem DGB spricht Borkmann von »Propaganda« und »Hassparolen«. Der Gewerkschaftsbund würde »Antifaschisten« ansprechen und »indirekt« auch »Steinewerfer«, so Borkmann. Die Art und Weise, wie die »Sache« von Martin Schütt angegangen werde, würden ihn schlussfolgern lassen: »Die wollen, dass unsere Veranstaltung durch Chaoten gestört wird«. Die Ausdrucksweise von Borkmann mit Vokabeln wie »Hassparolen« spreche für sich selbst, entgegnet darauf Martin Schütt. DGB-Chef Kirchgeßner spricht von »haltlosen Behauptungen«. Beide distanzieren sich von jeder Form von Gewalt: »Bei unseren Vorbereitungen war sogar die Polizei mehrere Stunden anwesend«, berichtet Kirchgeßner. »Wir wollen in Würde eine Gedenkveranstaltung machen«. Im Rheinauer Rathaus sieht man dem Volkstrauertag am Sonntag mit gemischten Gefühlen entgegen. »Wenn sich der DGB genötigt sieht, was zu machen, dann steht das in seiner Entscheidungsgewalt. Es ist allerdings die Frage, inwieweit es notwendig ist, öffentlichkeitswirksam tätig zu werden«, gibt Hauptamtsleiter Reiner Ullrich zu bedenken, der diese Woche Bürgermeister Meinhard Oberle vertritt. »Es wurde von der Öffentlichkeit nie Notiz genommen, was dort stattfindet«. Eine Delegation der Stadt mit Bürgermeister Oberle an der Spitze werde jedenfalls – wie jedes Jahr – den Volkstrauertag mit einer Gedenkstunde auf dem Friedhof Freistett und einer Kranzniederlegung am Ehrenmal begehen. »Wir gehen davon aus, das alles friedlich bleibt«, so Ullrich. Um eine direkte Konfrontation zu vermeiden, wurden die Veranstaltungen zu unterschiedlichen Zeiten angesetzt. Während sich die Kriegsveteranen und NPD-Mitglieder um 9 Uhr treffen, beginnt die Veranstaltungen der Stadt um 11 Uhr und die des DGB nachmittags um 14 Uhr. Der Deutsche Gewerkschaftsbund plant in der Nähe des Ehrenmals nicht nur einige Ansprachen und Musik, sondern möchte vor allem eine Ausstellung zum Thema »Überfall der faschistischen Wehrmacht auf die Sowjetunion« zeigen. Das Ehrenmal »Panzergraben« liegt zwischen Freistett und Memprechtshofen an der B 36. Es handelt sich nicht nur um eine Gedenkstätte, sondern es befinden sich dort tatsächlich Gräber. Am 14. April 1945 kamen französische Truppen aus Gamshurst und nahmen kampflos Memprechts-hofen ein. Von dort versuchten sie den »Panzergraben«, eine Verteidigungslinie der Wehrmacht, einzunehmen, wobei sie auf heftigen militärischen Widerstand stießen. Nach Aussagen des späteren Ortskommandanten von Memprechtshofen gab es 49 Tote auf französischer und deutscher Seite. Unter den Gefallenen waren auch mehrere Angehörige von Zollgrenzschutzeinheiten. Sie wurden am 16. April am heutigen »Ehrenmal« beigesetzt. Ausgeladen: Ursprünglich war zur DGB-Gedenkveranstaltung am Sonntag auch Heinrich Fink eingeladen. Der ehemalige Bundestagsabgeordnete der PDS sollte in seiner Funktion als Bundesvorsitzender der »Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten« sprechen. Sein Name stand bereits auf der Einladung des DGB – sogar an erster Stelle. Doch dann recherchierte der Rheinauer Liedermacher Martin Schütt zur Vergangenheit des 71-Jährigen und erfuhr, dass bei der Birthler-Behörde in Berlin eine umfangreiche Akte über ihn vorliegt. Sie soll angeblich beweisen, dass Fink als »IM Heiner« für die Staatssicherheit tätig war, was dieser nach wie vor bestreitet. Martin Schütt wollte unter diesen Umständen jedoch nicht mehr auf der Veranstaltung des DGB auftreten. Auf Anfrage der Mittelbadischen Presse bestätigt der DGB-Ortsvorsitzende Andreas Kirchgeßner, zunächst nichts von den Vorwürfen gegen den PDS-Politiker gewußt zu haben. Als er jedoch von seiner Stasi-Akte erfahren habe, sei Fink am Wochenende wieder ausgeladen worden. Und so wird Martin Schütt doch am Sonntag in Rheinau singen.

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