"Leser helfen"

"Leser helfen" fürs Frauenhaus: Sabine hatte Todesangst

Autor: 
Ursula Groß
Lesezeit 4 Minuten
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07. November 2018

Die diesjährige »Leser helfen«-Benefizaktion soll ein dringend benötigtes zweites Frauenhaus in der Ortenau ermöglichen. Das Spendenziel von 150 000 Euro ist ehrgeizig, aber erreichbar – falls so viele Spender wie möglich mitmachen. ©Peter Steffen/dpa

Als er ihr drohte, sie an den Haaren in den Wald zu ziehen, kroch Todesangst in Sabine (32) auf. Dem häuslichen Martyrium durch ihren gewalttätigen Mann setzte sie ein Ende: Sie und ihr Kind flüchteten ins Ortenauer Frauenhaus, das Untersützung dringender denn je nötig hat. »Leser helfen« heißt deshalb das Gebot der Stunde.

Zu Beginn des Gesprächs wirkt Sabine (32, Name von der Redaktion geändert) offen und fröhlich. Sie berichtet, dass sie ihre Ausbildung als Erzieherin bald abschließen kann. Im Arm hält sie ihr zweites Kind, ein Junge, »er ist zehn Monate alt«. Alles sei gut, ihr jetziger Freund, Vater des Kleinen, sei liebevoll und fürsorglich. »Ich kenne ihn seit meiner Jugend«. Dann geht ihr Blick zu Monika Strauch, Geschäftsführerin im Vorstand des Vereins »Frauen für Frauen«. »Ohne eure Hilfe wüsste ich nicht, wo ich heute stehen würde«, sagt sie und Sabines Augen werden feucht. Nach leidvollen Jahren der körperlichen und seelischen Misshandlung durch ihren damaligen Mann hatte sie den Schritt ins Frauenhaus gewagt. 

Bruchstückhaft kommt heraus, was die junge Frau in dieser Beziehung erlebt hatte. »Ich war früh verheiratet, es war Liebe.« Keine finanziellen Sorgen, der Ehemann hatte Arbeit, Sabine lernte. Um das Glück zu vervollständigen, wurde sie mit 25 Jahren schwanger. »Mit der Geburt des ersten Sohnes fing alles an.« Der frischgebackene Vater, wesentlich älter als Sabine, veränderte sich zusehends. »Er schien auf das Kind eifersüchtig zu sein«, vermutet sie heute. Zunächst habe er geschimpft, an allem herumkritisiert. »Ich konnte es ihm nie recht machen, ich habe mich gewehrt. Aber ich wurde immer unsicherer.« Wenn es ganz schlimm kam, flüchtete sie mit dem Kleinen ins Kinderzimmer. Bis heute kann der nun Neunjährige nicht in einem solchen Zimmer spielen. Er hatte alles mitbekommen, sagt seine Mama. Der Junge lebt in einem heilpädagogisch orientierten Heim, um wieder gesund zu werden. 

Irgendwann kam es zu körperlichen Angriffen. »Ohrfeigen, manchmal hat er mich auf den Boden geworfen.« Sabine versucht, die Sache nicht so genau zu erklären. Er muss heftig zugeschlagen haben. Ist es Verdrängung, um die schlimmen Szenen nicht wieder in Gedanken durchleben zu müssen? Die Fakten sprechen eine andere Sprache. Denn die junge Frau war acht Wochen vollstationäre Patientin in einer Klinik für seelische Erkrankungen. Der kleine Sohn blieb beim Vater, »deshalb ging ich wieder zurück nach Hause«.  »Ich bin für dich da«, habe er ihr versprochen. Was aber kam, war die nächste Stufe der Gewalt. »Ich ziehe dich an den Haaren in den Wald, dort findet dich keiner mehr«, drohte er. »Ich hatte Todesangst.« »Gleichzeitig begann er mein Umfeld zu kontrollieren«, er hat versucht, seine Frau zu isolieren.

 
Sabine ist Halbwaise, sie verlor ihre Mutter mit neun Jahren. »Wenn er getrunken hatte, wurde es noch schlimmer«, entschuldigt sie fast das Geschehen. Eine ganz typische Situation, viele Frauen nehmen damit ihre Peiniger in Schutz. Vorgekommen ist, »dass ich mehrere Male den Krankenwagen holen musste, weil er stark alkoholisiert  war«. Die meisten der betroffenen Frauen hoffen oft jahrelang, dass »er nie wieder etwas tun« werde. Das hat er doch unter Tränen versprochen, sogar Blumen mitgebracht. 
Ein Trugschluss. 

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Wenn eine gewisse Hemmschwelle überschritten wird, steigert sich die Gewalt ins Uferlose, das wissen die Fachfrauen aus nahezu allen Frauenhausschicksalen. Sabine wusste vom Frauenhaus. Sie hatte Kontakt zu einer Mitarbeiterin der Beratungsstelle aufgenommen. Mit dem Kind und einer großen Tasche fuhr sie zu einem abgelegenen Parkplatz, wo sie von den Mitarbeitern des Frauenhauses abgeholt wurde. 

»Die meisten Frauen flüchten nicht von heute auf morgen«, erklären Geschäftsführerin Monika Strauch und Sozialarbeiterin Marie Glaser. Eine große Gefahr, vor der sich die Frauen fürchten, birgt der Augenblick, in dem sie ihren Mann verlassen. Dieser kann lebensgefährlich sein. In der Ortenau kam es dabei schon mehrfach zu Tötungsdelikten. 

 

Ziel sind 150.000 Euro: Benötigt werden die Spenden für Zimmereinrichtungen, Küchen, Spielgeräte, aber auch für zwei Fahrzeuge. Von denen ist ein Neunsitzerbus besonders wichtig.

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