Spendenaktion der Mittelbadischen Presse

Sexuelle Gewalt: 785 Beratungen in einem Jahr

Von Christiane Agüera Oliver
Lesezeit 4 Minuten
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16. November 2023
Zuhören, einen sicheren Ort schaffen, damit sich Vertrauen aufbauen kann, vielleicht neue Handlungsmöglichkeiten aufzeigen: Das ist die zentrale Aufgabe der "Aufschrei"-Fachberater, hier Manuel Tumino, im Gespräch mit Menschen, vor allem Kindern und Jugendlichen, die sexuelle Übergriffe erfahren haben. 

Zuhören, einen sicheren Ort schaffen, damit sich Vertrauen aufbauen kann, vielleicht neue Handlungsmöglichkeiten aufzeigen: Das ist die zentrale Aufgabe der "Aufschrei"-Fachberater, hier Manuel Tumino, im Gespräch mit Menschen, vor allem Kindern und Jugendlichen, die sexuelle Übergriffe erfahren haben.  ©Stephan Hund

Benefizaktion "Leser helfen" unterstützt den Verein "Aufschrei". Kein Betroffener soll nach einer solchen Erfahrung alleine bleiben müssen. Riesiger Beratungsbedarf.

Der Ortenauer Verein "Aufschrei" gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Erwachsenen steht im Mittelpunkt der Benefizaktion "Leser helfen" der Mittelbadischen Presse. Mit den Spendengeldern soll neben dem Ausbau der Prävention auch die Beratung intensiviert werden. Denn aufgrund zahlreich bekannt gewordener Missbrauchsfälle in den vergangenen Jahren ist gesellschaftlich eine höhere Sensibilisierung festzustellen. Außerdem hat die Corona-Pandemie zu einem großen Beratungsstau geführt. 

Egal ob Betroffene sexualisierte Gewalt in ihrer Kindheit, Jugendzeit oder aktuell erfahren, ermutigt sie "Aufschrei" nach einer solchen Erfahrung nicht alleine zu bleiben. Betroffene hätten mit den Folgen zu kämpfen, auch wenn sexuelle Gewalt schon lange vorbei ist. "Sexuelle Gewalt fängt nicht erst bei einer Vergewaltigung an", macht das Fachteam von "Aufschrei" deutlich. Angehörige und Vertrauenspersonen können sich ebenso beraten lassen, denn oftmals sei das Umfeld ebenfalls stark belastet und würde Unterstützung benötigen.

Beraten werden Mädchen und Jungen ab zwölf Jahren, Frauen und Männer. Dabei laufen die Beratungen ganz individuell ab. Eine kurze Krisenintervention mit einem einmaligen Gespräch, aber auch Termine über einen längeren Zeitraum sind möglich. Seit 2023 fallen keine Beratungsgebühren mehr an. "Betroffene kommen zu uns, die noch sehr am Anfang auf ihrem Weg der Aufarbeitung stehen", berichtet Sozialpädagogin Dagmar Stumpe-Blasel. Für viele sei es das erste Mal, bei "Aufschrei" über das Erlebte zu sprechen. "Das erfordert sehr viel Mut und Kraft," manchmal würden sogar mehrere Anläufe gebraucht, um sich zu melden. "Deshalb ist es auch wichtig, dass für die Betroffenen ihre Anonymität gewahrt bleibt", so Stumpe-Blasel.

Allein im Jahr 2022 gab es 785 Beratungskontakte, persönliche in den Beratungsräumen, per Online-Beratung, bis hin zum Telefongespräch. So waren von insgesamt 273 Klientinnen und Klienten, unter anderem 121 Opfer von sexuellem Missbrauch in Kindheit und Jugend, 71 Opfer von sexualisierter Gewalt im Erwachsenenalter, 22 von anderen Übergriffen wie Stalking, 21 Opfer von sexuellen Übergriffen unter Jugendlichen und 15 unter Kindern.

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47 Prozent der Betroffenen nahm die Beratung selbst in Anspruch, 21 Prozent waren Angehörige und 30 Prozent Institutionen. Davon lag der Prozentsatz bei Frauen mit 72 Prozent am höchsten, Männer waren es 17 Prozent. Die Jüngsten von Null bis 13 Jahren waren zum Zeitpunkt des Übergriffs am meisten betroffen, danach die 14- bis 17-Jährigen. Die Herkunft der Betroffenen war hauptsächlich aus Offenburg, gefolgt von Lahr und Achern.

Auch Thomas M.

Wie wichtig die Gespräche mit den Fachleuten beim "Aufschrei" sind, machte Thomas M. nur allzu deutlich. Er selbst wurde als Jugendlicher missbraucht (wir berichteten am Dienstag, 14. November) und meldete sich mehr als 30 Jahre später in der Beratungsstelle. Fachberater Manuel Tumino steht ihm seit zwei Jahren zur Seite, hört zu und hilft, das Geschehene zu verarbeiten. "Er kam aufgrund einer akuten Krisensituation", berichtet Tumino davon, wie sein Klient nach Konflikten zu Hause "sich an die Wand gedrückt fühlte", unter Panikattacken und Atemnot litt. "Viele Männer kommen erst, wenn es gar nicht mehr anders geht", so der Fachberater.

"Da sich die Beratung nach den Ratsuchenden richtet, ist die Vorgehensweise sehr unterschiedlich", erklärt Tumino. Manchmal gehe es mehr um Informationen und Vermittlung, beispielsweise bei Rechtsfragen, Hilfe zum Opferentschädigungsantrag oder zu einer passenden Therapie. Im Wesentlichen helfe es, als Fachberater präsent zu sein, einfach zuzuhören und einen sicheren Ort zu schaffen, damit sich Vertrauen aufbauen könne. Dabei gibt er Impulse und erweitert Handlungs- sowie Denkmöglichkeiten. "Das bedeutet viel Arbeit an Ressourcen, also an dem, was unterstützt und hilft."

Die sogenannte "Psychoedukation" spiele oft eine große Rolle, da die Dynamik eines Täter-Opfer-Systems oft weit über die eigentlichen Taten hinauswirke. Das bedeute, sich selbst zu verstehen, dass eigene Schuldgefühle Ausdruck dieses Systems sind, was einen "triggert", den Konflikt heute der Gewalterfahrung von früher gegenüber zu stellen und von der Ohnmacht ins Mitgestalten zu gelangen. Zudem würden Alternativen zur "festgefahrenen Dynamik" aufgezeigt. Thomas M. habe genug Vertrauen gewonnen, um sich zu öffnen und hinzuschauen. "Das alleine ist schon sehr viel wert", betont Tumino. Die akute Krise konnte bewältig werden, ihm gehe es besser.

"Das ist nicht leicht"

Doch leider könne nicht allen Betroffenen geholfen werden. "Viele kommen nicht bei uns an, manche suchen oder wollen gar keine Hilfe", so Tumino. Auch würden Beratungen aus verschiedensten Gründen wieder abgebrochen. Verdrängung würde als Strategie benutzt. "Aufschrei" unterstützt und begleitet Betroffene auf ihrem selbst bestimmten Weg, "Hilfe ist also nicht pauschal". Und eins stellt Manuel Tumino immer wieder fest: "Sich mit der eigenen Betroffenheit auseinanderzusetzen ist nicht leicht".

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