Spendenaktion »Leser helfen«

Die Spirale der Gewalt wird für Frauen zur Lebensgefahr

Autor: 
Ursula Groß
Lesezeit 4 Minuten
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31. Oktober 2018
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Um der häuslichen Gewaltspirale zu entkommen, ist das Frauenhaus oft die einzige Rettung. ©dpa

Wie wichtig die »Leser helfen«-Spenden zugunsten eines zweiten Frauenhauses in der Ortenau ist, zeigt ein Blick auf die »Gewaltspirale«. So nennen die Fachleute das Martyrium, dem viele Frauen zu Hause ausgesetzt sind: Eifersucht, Kontrolle, Isolation, Demütigung, Gewalt, Drohungen – »Gewaltspirale« – das Eskalationsmuster ist immer dasselbe. In allen sozialen Schichten.

Dass Frauen jahrelanger häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, bevor sie Hilfe suchen, ist eine ständige Erfahrung, seit der Verein Frauen für Frauen Ortenau im Jahr 1982 gegründet wurde. Ziel war damals, betroffenen Frauen und ihren Kindern einen sicheren Platz zu ermöglichen.

Das Frauenhaus Ortenau öffnete im August 1983.  Das war eine kleine Sensation, denn Gewalt in der eigenen Familie, war ein lange verdrängtes Tabuthema. Gleichzeitig begann der Verein mit Beratung und Öffentlichkeitsarbeit. Häusliche Gewalt geht durch alle Bevölkerungsschichten. Bildung, Einkommen, Alter und Religionszugehörigkeit sind dabei bedeutungslos. 

Schleichender Beginn

Die Gewalt beginnt oft schleichend, bevor sie eine Eigendynamik entwickelt, die für Frauen lebensgefährlich werden kann. Eine Informationstafel »Die Gewaltspirale« wurde von den Fachfrauen des Vereins ausgearbeitet. »Man hat mir irgendwann diese Liste gegeben«, berichtet eine ehemalige Bewohnerin des Frauenhauses. »Ich hatte einen blauen Stift in der Hand, um zu unterstreichen, was zu mir passt. Und am Ende war alles blau, vom ersten bis zum letzten Punkt. Ich musste so sehr weinen.« 

In Phase 1 der Gewaltspirale stehen Eifersucht und Kontrolle. Der Ehemann oder Partner mag es nicht, wenn sie sich mit Freundinnen oder Familie trifft. Er beginnt zu kontrollieren, wo sie ist, was sie gerade macht. Die Isolierung der Frau (Phase 2) wird mit psychischer Gewalt betrieben. Das kann auf eine Weise geschehen, die Zuneigung vortäuscht. Eifersucht kann eben auch schmeicheln.

 

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Spirale dreht sich weiter

Die Spirale dreht sich weiter, nun bittet der Mann nicht mehr, er fordert (Phase 3). Mit Kritik, Demütigungen, Aufzeigen von Macht und Kontrolle über alle Lebensbereiche, wird die Partnerin verunsichert, ihr Selbstwertgefühl ist gebrochen.
Der erste Gewaltausbruch folgt:  Er schlägt zu (Phase 4). Vielleicht tut es ihm noch leid, »aber du hast provoziert«, schiebt er der Frau Verantwortung zu. Reue, Geschenke kommen sofort, er zeigt mehr denn je Zuneigung. Vielleicht war der Angriff nur ein Zufall, wiegt sich die Frau in Sicherheit. Man redet nicht über das, was passiert ist. Mit der Zeit entsteht ein großer Druck des Geheimhaltens. Oder »wir fangen noch einmal von vorne an«. 

Das kann neue Verliebtheit mit sich bringen. Doch die Erfahrung zeigt, dass die meisten Männer, die einmal zugeschlagen haben, es wieder tun. Je länger die Gewaltbeziehung existiert, desto kürzer werden die Abstände zwischen den einzelnen Gewalttaten. Meist ohne Rücksicht auf die Kinder wird zu Hause geschlagen, getreten, verbrüht, eingesperrt, die Waffe gezeigt. 

Die kritischste Stufe – die Phase 5 –  tritt ein, wenn die Frau die Situation ändern möchte. Damit, dass sie gehen will zum Beispiel. Nun wird massiv gedroht. »Ich bringe dich um. Du bekommst die Kinder nicht, ich bringe euch alle um.« Das sei ein absolutes Druckmittel, das viele in ihrer misslichen Lage ausharren lässt, erläutert Monika Strauch, Geschäftsführerin des Trägervereins des Frauenhauses. »Alle befragten Frauen haben uns im Gespräch mitgeteilt, dass sie Todesängste durchlitten haben.« 

Ausraster aus dem Nichts

Die Gewaltspirale verläuft nicht immer linear. Zu Beginn kann auch ein »Ausraster« stehen, der völlig aus dem Nichts zu kommen scheint. Viele Täter empfänden die Gewalttat laut Strauch als etwas, das sie nicht kontrollieren können. Daher suchten sie die Gründe nicht bei sich selbst, sondern in äußeren Umständen (Alkohol, Schwierigkeiten am Arbeitsplatz oder mit der Partnerin). Damit würden sie sich selbst entlasten und schieben dem Opfer die Schuld zu.

Hintergrund

Dafür wird das Geld benötigt

Vier Tage nach dem Start der Benefizaktion »Leser helfen« der Mittelbadischen Presse am Samstag, 27. Oktober sind die ersten Spenden eingegangen: 2874 Euro stehen bereits auf den Konten. Das ist erfreulich! Aber bis zu unserem ehrgeizigen Spendenziel von 150.000 Euro ist es noch ein weiter Weg. Die ersten Anfragen wegen möglicher Sachspenden, die natürlich auch möglich sind, gab es gestern übrigens auch schon.

Mit dem Spendengeld soll der Verein Frauen helfen Frauen Ortenau unterstützt werden, der ein dringend benötigtes zweites Frauenhaus in der Ortenau eröffnen will, weil die Nachfrage misshandelter Frauen – leider – enorm ist. Mit den Spenden sollen 20 Zimmer möbliert, außerdem Küchen, Büros, Spiel- und Aufenthaltsräume finanziert werden. Nicht zuletzt werden Spielgeräte für den Außenbereich und zwei Fahrzeuge, darunter ein Neunsitzer, für Aus- und Besorgungsfahrten benötigt. Wichtig zu erwähnen ist: Alle Spenden kommen zu 100 Prozent an.

Info

So spenden Sie

Volksbank in der Ortenau
IBAN DE03 664 900 00 000 2771403

Sparkasse Offenburg/Ortenau
IBAN DE89 664 500 50 0000 530700

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