"Leser helfen"-Aktion

So handelt die Polizei bei häuslicher Gewalt

Autor: 
Ursula Groß
Lesezeit 3 Minuten
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07. Dezember 2018

(Bild 1/2) ©Symbolfoto: Africa Studio/shutterstock.com

Die erste Etappe bei der Aktion »Leser helfen« ist geschafft: Mehr als 56 000 Euro befindet sich bereits im Spendentopf für ein zweites Frauenhaus in Offenburg. Wie wichtig das für viele Frauen sein kann, zeigt der Bericht eines Polizei-Oberkommissars von seinen Einsätzen wegen häuslicher Gewalt.

 »An Wochenenden, Abenden oder Nächten häufen sich die Fälle«, schildert Polizei-Oberkommissar Manfred Walter (55) sein Einsatzfeld. Das Zuhause von Frauen und Kindern wird zu einem Tatort. »Drüben schreit eine Frau um Hilfe, wir hören lautes Weinen von Kindern, da stimmt was nicht«, haben Nachbarn einen Notruf abgesetzt. Ihre Vermutung ist leider meist berechtigt. So um die 50 Mal pro Jahr allein im Raum Kehl hat Walter derartige Einsätze. Er ist seit einem Jahrzehnt als hauptamtlicher Sachbearbeiter »Häusliche Gewalt und Stalking« innerhalb des Polizeireviers Kehl zuständig. 

In allen Polizeirevieren der Ortenau arbeiten solche Fachkräfte. Sie kennen die Anzeichen von häuslicher Gewalt. Da öffnet der größere Sohn die Tür, die Mutter liegt am Boden, ihr Arm scheint merkwürdig verdreht, sie wirkt völlig verstört. Am Küchentisch sitzt ein Mann mit einem Messer in der Hand. Erste Maßnahme innerhalb eines Polizeieinsatzes ist das Erfassen der Lage. Braucht die Frau ärztliche Versorgung? Wer ist in der Wohnung? 

Der Streifendienst wird alarmiert. Ein Polizisten-Team mit vier Beamten befasst sich mit dem mutmaßlichen Täter, der Geschädigten und den Kindern. Die Waffe werde sichergestellt, erklärt Walter den korrekten Handlungsablauf. Dann gelte es, die Beteiligten zu trennen. In dieser Phase könne ein sofortiger sogenannter Platzverweis (Wohnungsverweis) für maximal vier Werktage erfolgen, um weitere Gefahr abzuwenden. 

Oft werde ein Rettungswagen angefordert. Frauen mit Hämatomen, Schnittverletzungen, Knochenbrüchen seien keine Seltenheit bei häuslicher Gewalt. Sei das Kindeswohl gefährdet, und das sei es fast immer bei Fällen von häuslicher Gewalt, werde das Jugendamt informiert. 

Vielfältige Rechtsgrundlagen

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Das Vorgehen der Polizei bei einem solchen Einsatz unterliegt vielfältigen Rechtsgrundlagen. Wenn eine Frau sich entschließt, wegen Körperverletzung, Bedrohung, Freiheitsberaubung oder Sachbeschädigung eine Anzeige zu erstatten, wird ein Strafverfahren eingeleitet. »Der Verstoß gegen die Schutzanordnungen des Gewaltschutzgesetzes wird zum Strafverfahren«, erklärt Walter. Das bedeute einen erheblichen Eingriff in die Grundrechte und müsse daher richterlich angeordnet sein. 

»Es gibt vielfältige Hilfsmöglichkeiten, die ich dem Opfer aufzeige«, so Walter. »Zum Beispiel stelle ich den Kontakt zur Fachberatungsstelle von Frauen helfen Frauen Ortenau her. Dort können die Frauen beraten werden, die Gefährdungslage wird abgeklärt und die nächsten Schritte werden geplant.« Unter anderem könne auch die Unterbringung in das Frauenhaus notwendig sein. 

Anna Staiger und Gertrud Rose, Fachberaterinnen des Vereins Frauen helfen Frauen, erklären, dass alle Frauen, nachdem sie ausführlich aufgeklärt worden sind, befragt würden, ob sie im Frauenhaus Schutz suchen möchten. »Häufig müssen wir das Spielzimmer ausräumen, um eine Frau in Notlage dort einzuquartieren«, so die Fachfrauen Staiger und Rose. 

346 Fälle betreut

Das Frauenhaus hat derzeit nur sechs Plätze. Für weitere 20 Plätze setzt sich die »Leser helfen«-Aktion der Mittelbadischen Presse ein. Wenn Frauen den Kontakt zur Beratungsstelle des Vereins aufnehmen, wird mit ihnen eine Lösung entwickelt. Die Fachberatungsstelle hat im vergangenen Jahr 346 Fälle mit mehr als 400 betroffenen Kindern betreut. 

Was aber geschieht mit dem Täter? Es gelte auch der »Hilfsgedanke«, erklärt Walter. »Zum Beispiel weise ich einen Alkoholiker oder einen Spielsüchtigen auf die psychische Beratungsstelle, Sucht- oder Familienberatung hin.« Es sei immer eine Extremsituation, wenn die Polizei zu solchen Fällen gerufen werde. »Wenn man zu einer Familie kommt, wo so etwas passiert ist«, schildert Walter, dann könne das eine hochemotionale Belastung für die diensthabenden Beamten bedeuten. Es brauche Erfahrung, Handlungsvermögen – und letztlich Mitgefühl und Geduld. 

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