Ortenauer Originale
Dossier: 

So hat Rüdiger Stadel vom VSAN das Brauchtum lieben gelernt

Autor: 
Florence-Anne Kälble
Lesezeit 6 Minuten
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04. März 2021
Rüdiger Stadel lebt das Brauchtum: Der Gengenbacher ist nicht nur Mitglied des Kulturellen Beirats der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte e.V. (VSAN), sondern auch offizielle Fotohexe der Landschaft Schwarzwald der VSAN und aktive Hexe der Gengenbacher Narrenzunft.

Rüdiger Stadel lebt das Brauchtum: Der Gengenbacher ist nicht nur Mitglied des Kulturellen Beirats der Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte e.V. (VSAN), sondern auch offizielle Fotohexe der Landschaft Schwarzwald der VSAN und aktive Hexe der Gengenbacher Narrenzunft. ©Tobias Künzle

In unserer Serie „Ortenauer Originale“ präsentieren wir Menschen mit dem gewissen Etwas. Diese Mal: Rüdiger Stadel aus Gengenbach, der die Werte und Traditionen der Fasnacht als Brauchtumspfleger der VSAN im Herzen trägt.

Als sich Rüdiger Stadel 1987 mit 18 Jahren dem Aufnahme-Ritual der Gengenbacher Hexen stellte, sprach er folgende Worte: „Mit euch renne mecht’i, nit nur vum Untere bis zum Obere Tor, sondern mit euch durchs ganze Narrejohr.“

Rückblickend könnte man sagen, dass dieser Textauszug Sinnbild seines Lebens geworden ist, denn Rüdiger Stadel lebt die Narretei, das Brauchtum und die Traditionen. „Sie sind Teil meiner Identität“, betont der 51-Jährige. Einen großen Teil seines Jahresurlaubs nimmt er in der „fünften Jahreszeit“. Ein Opfer ist das für den passionierten Brauchtumspfleger aber keineswegs: „Wenn man etwas richtig gerne macht und mit Herzblut dabei ist, verbringt man sehr gerne seine Zeit mit seiner Passion.“

Im Zeichen des Schalks

Heute ist Rüdiger Stadel nicht nur ein Teil des Kulturellen Beirats der Vereinigung Schwäbisch-Alemannische Narrenzünfte e.V. (VSAN), sondern auch Fotohexe der Landschaft Schwarzwald der VSAN und als Hexe aktives Mitglied der Narrenzunft Gengenbach. „Bräuche bleiben nur lebendig, wenn man sie pflegt, sie dürfen nicht verloren gehen, sondern müssen aktiv gelebt und von Generation zu Generation weitergetragen werden“, konstatiert der Brauchtumspfleger.

Um zu verstehen, warum Stadel einen großen Teil seines Lebens dem Erhalt von Brauchtum und Tradition widmet, muss man den Mann hinter der Larve und im Häs kennenlernen: Bereits von Geburt an steht sein Leben ganz im Zeichen des Gengenbacher Schalks: Seine Eltern sind aktive Mitglieder der Narrenzunft Gengenbach. „Noch bevor ich laufen konnte, war ich als kleines Hexchen in einer Chaise bei den Umzügen mit dabei und habe immer hautnah die Faszination, die die Fastnacht ausmacht, miterleben dürfen“, erzählt er begeistert. Seine Narrenkarriere war quasi vorgezeichnet: Mit fünf Jahren wurde er Mitglied bei den Klepperlisbuben, später sogar Klepperlismeister und ist bis heute Teil der Jury des Klepperliswettbewerbs. Bis zu seinem 14. Lebensjahr war er parallel Kinderhexe mit Maske und Klepperlisbub. Dann – wie es die Tradition der Gengenbacher Narrenzunft verlangt – musste er sich mit Vollendung des 18. Lebensjahres als Mitglied bei den aktiven Hexen bewerben.

Die zweite Liebe entdeckt

„Mit 16 Jahren entdeckte ich meine zweite Liebe – die Fotografie“, erinnert er sich. Sein bevorzugtes Motiv: die Fastnachtsbräuche seiner Heimatstadt Gengenbach. „Das Brauchtum der eigenen Heimat zu erleben, ist etwas ganz Besonderes“, erzählt Stadel und fährt fort, „denn da ist man mit Herz, Seele und Geist dabei“. Die heimischen Traditionen weckten in ihm das Bedürfnis, mehr über die Fastnacht, ihre Bräuche, ihre Larven und Häser zu erfahren. So zog er mit seiner Kamera los und fotografierte. „Die Geschehnisse an Fastnacht festzuhalten, übt bis heute einen ganz besonderen Reiz auf mich aus.“

Sein Bewegungsradius ist über die Jahre gewachsen: Zunächst hat er in der Schwäbisch-Alemannischen Vereinigung die verschiedenen Bräuche fotografisch festgehalten. „Und irgendwann bin ich weiter weggefahren, um mir spezielle Bräuche, originelle Fastnachten, teilweise auch einzigartige Fastnachten anzuschauen und zu fotografieren“, erzählt der 51-Jährige.

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Seine Neugierde wächst. Er will nicht nur fotografieren. Er will verstehen. Verstehen, wie der Brauch entstanden ist. Verstehen, was für Masken es gibt. Verstehen, warum die Tradition so gelebt wird. Verstehen, was eine Figur verkörpern soll. Verstehen, warum die Figuren die ausgewählten Utensilien bei sich tragen. „Mich interessiert die komplette Entstehungsgeschichte, das Historische“, erklärt er mit leuch­tenden Augen. Erst wenn er alle Puzzleteile zusammensetzen kann, ist für ihn das Bild komplett. Hierzu nutzt er nicht nur das närrische Gespräch, sondern setzt sich aktiv mit den Brauchtumspflegenden aus den verschiedenen Zünften zusammen. Für ihn ist immer auch die Frage nach Erneuerung des Brauchtums eine wichtige: Werden alte Traditionen gelebt? Oder sind es neue Gepflogenheiten? Oder ist das Brauchtum für die Neuzeit adaptiert worden? „Fastnacht kann sich nicht nur, sondern muss sich erneuern – gerade die diesjährige Fasend hat gezeigt, dass Streamen statt Schnurren und Schnaigen auch funktioniert, wenn es muss“, fügt er hinzu.

Kultureller Austausch

Über die Jahre hat Rüdiger Stadel so ein beachtliches Archiv an Fastnachts-Traditionen – fotografisch, filmisch und inhaltlich – zusammengetragen. „Ich stelle jeder Narrenzunft, von der ich Fotos mache, meine Bilder auch zur Verfügung. Das gehört für mich zum gelebten Brauchtum einfach dazu“, betont er.

2003 ist ihm eine große Ehre zuteilgeworden: Die VSAN hat eine neue Position in der Landschaft Schwarzwald für den passionierten Fotografen geschaffen – die der Fotohexe. „Ich bin der erste offizielle Fotograf der Landschaft“, freut sich Stadel. Er sieht diesen Titel als Würdigung seiner Verdienste fürs närrische Brauchtum an. „Bräuche verbinden, erhalten und stiften Gemeinschaft, und wenn man wie ich für etwas brennt, dann bringt der Austausch mit Gleichgesinnten einen absoluten Mehrwert“, so Stadel.

Dass er seit Januar 2020 auch Mitglied des Kulturellen Beirats der VSAN ist, kann als besonderer Erfolg gewertet werden: „Die Verantwortlichen der Gengenbacher Narrenzunft haben mich gefragt, ob ich mich nicht auf eine vakante Stelle im Beirat bewerben möchte, und mit so viel Rückhalt aus der eigenen Zunft fällt einem die Entscheidung leicht“. Das Bewerbungsverfahren meisterte er mit Bravour, setzte sich in geheimer Wahl durch und ist so Teil des neunköpfigen Gremiums geworden. „Bei der VSAN treffe ich auf Menschen, die sich genau wie ich für die Hintergründe der Fastnacht interessieren“, erzählt er. Hier kann er sich auf Augenhöhe mit Gleichgesinnten über die Historie von Zünften, Figuren und Traditionen austauschen.

Die Hauptaufgabe des Kulturellen Beirats ist die Beratung der Zünfte in Fragen des Brauchtums und der Kleidung. „Wir sind Ansprechpartner, beraten und helfen, wenn es beispielsweise um die Entwicklung alter Narrenfiguren geht“, erklärt Stadel. Die Zünfte wenden sich vor allem dann an den Beirat, wenn alte Bräuche aufleben sollen, oder verschollene Figuren entdeckt wurden. „Wir prüfen auch die Angaben, geben grundsätzlich die Zustimmung und helfen bei der Ausgestaltung von Häs, Zubehör und Larve“, fügt er hinzu. Hier sind das Fachwissen und die Kenntnisse des Brauchtums-Experten absolut gefragt. Er freut sich, dass er mit seiner Expertise helfen kann, dass Traditionen weiterleben und vor allem weitergegeben werden an die nächsten Generationen.

Keine Konkurrenz

Für ihn, als aktive Gengenbacher Hexe, stehen seine Aufgaben aber nicht in Konkurrenz zueinander. Sie ergänzen sich eher. „Ich kann die Fastnacht aktiv von beiden Seiten mitgestalten, und das ist für mich eine ganz spannende Erfahrung.“

Im Kern lebt Rüdiger Stadel die Gengenbacher Fasend mit Herz, Leib und Seele. „Aber, es gibt Tage, da genieße ich den Blick über den Tellerrand und reise in andere Hochburgen oder tausche mich mit meinen Kollegen des kulturellen Beirats aus“, gibt er zu und lacht.

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