Eine Achterbahn der Gefühle

So sensibel geht ein Seelsorger mit Angehörigen herzkranker Kinder um

Christiane Agüera Oliver
Lesezeit 5 Minuten
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29. November 2022
Jens Terjung und eines seiner Herzkinder.

(Bild 1/2) Jens Terjung und eines seiner Herzkinder. ©Uniklinikum Freiburg

Benefizaktion "Leser helfen": Klinikseelsorger Jens Terjung leistet Menschen Beistand und steht bei allen Sorgen und Fragen zur Seite. Im Interview berichtet er über seine Arbeit.

Wenn das eigene Kind erkrankt ist, fühlen sich die Eltern oft hilflos. Jens Terjung ist evangelischer Klinikseelsorger und unterstützt herzkranke Kinder und deren Familien in der Klinik für angeborene Herzfehler und pädiatrischen Kardiologie im Universitätsklinikum Freiburg. Im Interview erklärt er auch, wie wichtig die Nähe der Familie zu ihrem herzkranken Kind und die Elterninitiative Herzklopfen sind. Die Aktion „Leser helfen“ möchte dazu beitragen, dass die Initiative ein neues Elternhaus verwirklichen kann.

Herr Terjung, wie kann man sich Ihre Arbeit vorstellen?

Wenn ich es ganz kurz ausdrücke: Ich leiste Menschen Beistand in einer schwierigen Situation ihres Lebens. Wenn das eigene Kind erkrankt ist, fühlen sich die meisten hilflos und überfordert. Die Eltern befinden sich in einem Ausnahmezustand. Da kann es guttun, wenn ihnen jemand für alle Sorgen, Gefühle und Fragen des Lebens und des Glaubens zur Seite steht.

Wie sieht das konkret aus?

Das geschieht auf ganz unterschiedliche Art und Weise. Ich führe viele vertrauliche Gespräche mit den Eltern der erkrankten Kinder. Dort können sie weinen, klagen, nach Worten suchen und vieles mehr. Das Aussprechen der Gedanken ist oft eine große Hilfe. Immer wieder führen wir auch gemeinsame Gespräche mit den Ärzten und dem Pflegepersonal, um den Familien ganz umfassend behilflich zu sein. Denn je besser Eltern informiert sind, desto mehr haben sie Vertrauen zu uns in dieser Situation. Es ist unser Anspruch, dass alle gut durch diese Zeit kommen – also neben den Patienten auch die Eltern und Geschwisterkinder. Weitere Beispiele aus meiner Arbeit: Manchmal nehme ich meine Gitarre mit und wir singen gemeinsam Lieder. Oder ich spreche für das Kind und die Eltern ein Gebet oder einen Segen oder wir feiern eine Taufe auf Station.

Das heißt, dass Sie nicht nur, aber auch für religiöse Fragen zuständig sind?

Ja, so ist es. Als Seelsorger bin ich bei der evangelischen Kirche angestellt und auch von ihr beauftragt; finanziert werde ich jedoch zu größten Teilen von der Klinik und vom Elternverein Herzklopfen. Die Menschen lernen mich als Seelsorger kennen und es gibt erfreulich wenig Berührungsängste. Die Eltern der herzkranken Kinder sind oft in großer Sorge um das Leben ihres Kindes, weil lebenswichtige Operationen anstehen – da brechen auch religiöse oder spirituelle Fragestellungen auf. Aber für mich gilt: alle anderen Fragen sind genauso wichtig.

Was bedeutet das für Ihren Kontakt zu den kleinen und großen Patienten?

Das ist abhängig vom Alter der Kinder. Selbst zu den ganz kleinen Kindern, die erst ein paar Wochen oder Monate alt sind, nehme ich Kontakt auf. Sie sollen wissen, dass es ihnen und ihren Eltern guttut, wenn ich zu Besuch komme. Wenn die Kinder dann älter werden, entwickelt sich ein eigenständiger Kontakt. Sie fragen nach mir, rufen meinen Namen über den Flur. Das ist ein schöner Vertrauensbeweis. Manchmal lese ich ihnen etwas vor, manchmal begleite ich sie zu einer Untersuchung, manchmal nehme ich sie in den Arm und tröste sie. Aber immer wieder machen wir auch zusammen Quatsch, lachen und freuen uns, trotz der Erkrankung, am Leben. Auch das ist Seelsorge. Jugendliche und junge Erwachsene teilen häufig Gedanken und Sorgen mit mir, weil sie Mama und Papa nicht belasten wollen.

Inwieweit haben Sie auch die Geschwisterkinder im Blick?

Da sind meine Möglichkeiten leider sehr begrenzt, da durch Corona die Besuchsregelungen für Geschwister sehr eingeschränkt sind. Aber ich weiß um sie, in der Regel kenne ich ihre Namen und ihr Alter und denke daran, dass sie nicht aus dem Blick geraten. Und manchmal finden wir auch Ausnahmen, sodass sie dann doch dabei sein können.

Wie gehen Sie in der Klinik mit der Sorge um, wenn einem Kind vielleicht nicht geholfen werden kann?

Wir reden immer ehrlich mit den Eltern. Wenn wir in Sorge um das Leben des Kindes sind, dann ist es das Recht der Eltern, dies ebenso zu erfahren. Anders gesagt: Wir sind nicht berechtigt, Eltern davor zu schützen. Wir können es ihnen auch nicht abnehmen. Vielmehr ist es meine und unsere gemeinsame Aufgabe, Eltern auf diesem Weg ganz individuell zu begleiten. Wenn ein Kind gestorben ist, kommt es auch vor, dass ich, wenn es dem Wunsch der Familie entspricht, die Trauerfeier für das Kind halte. Meist begleiten mich noch einige Mitarbeiter dabei.

Benötigen auch Menschen außerhalb der Familie wie unter anderem Freunde, Mediziner, Physiotherapeuten Ihren Beistand?

Das kommt immer wieder vor. Mitarbeiter wenden sich mit eigenen Fragestellungen an mich, in Bezug auf die Erlebnisse aus der Arbeit oder aus dem privaten Bereich. Das gehört auch zu meinen Aufgaben und das mache ich gerne.

Wie wichtig ist für Sie die Arbeit der Elterninitiative Herzklopfen?

In mehrfacher Hinsicht sehr wichtig! Nur durch die Mitfinanzierung meiner Stelle kann ich meine Arbeit so intensiv ausüben. Das kommt vor allem den Patienten und den Eltern, aber auch dem Personal zugute. Und zum anderen engagiert sich der Verein in so vielen anderen Bereichen wie der Elternwohnung und unterstützt damit diese Abteilung und ihre Patienten. Ohne Herzklopfen wäre vieles nicht möglich.

3. ORTENAUSEITE: Der Spendenzähler gibt Auskunft, wie viel Geld bereits für das Herzklopfen-Projekt zusammengekommen ist. Wer besondere Aktionen rund um die Benefizaktion „Leser helfen“ starten möchte, kann sich gerne an den Vorsitzenden von „Leser helfen“ wenden, Redaktionsleiter Wolfgang Kollmer. Kontakt: wolfgang.kollmer@reiff.de oder Telefon 0781/5043533.

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