Ortenau-Reportage

Spinnen aus Leidenschaft

Autor: 
Bettina Kühne
Lesezeit 6 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
02. Februar 2017
Bildergalerie ansehen
In der gemütlichen Stube surren die Spinnräder.

(Bild 1/2) In der gemütlichen Stube surren die Spinnräder. ©Stephan Hund

Iris Duffner aus Achern-Önsbach pflegt ein besonderes Hobby: Sie sitzt gern am Spinnrad und fertigt ihr eigenes Garn. Sie teilt ihre Begeisterung mit anderen Frauen. 

Die Füße treten gleichmäßig aufs Brett, die Räder surren: Langsam füllen sich die Spulen mit einem Faden. Geredet wird nicht ganz so viel beim freien Treffen in der »Schwarzwälder Spinnstube« in Achern-Önsbach, denn tatsächlich ist das Spinnen Konzentrationssache. Einige Frauen haben sich eingefunden, an ihren selbstgestrickten Pullovern kleben weiße Namensschilder. Man duzt sich – das ungewöhnliche Hobby verbindet.

Plätze gibt es auf gemauerten Bänken am Kachelofen oder am Fenster und auf Stühlen, die ein Kissen aus reiner Wolle bedeckt. »Als ich mein Spinnrad gekauft habe, war die Frau damals richtig froh, jemanden zu treffen, der auch spinnt; sie dachte, sie sei die Einzige«, berichtet Sandra. Die junge Mutter hat vor einem Jahr einen Kurs belegt, weil sie ihren Kindern Handwerkliches vermitteln möchte. Alle Kleidung für die Familie selbst herzustellen, nein, das schaffe sie nicht. Sie fertige mal eine Mütze oder einen Schal. Und dann warte noch der Fünfjährige mit seinem Webrahmen auf Garn-Nachschub. 

Interessiert wird der Neuzugang der Gruppe begutachtet: Und diesem zollen die Frauen gleich mal Respekt, denn das dunkle Spinnrad läuft flott für eine Anfängerin. »Ich habe mich daran schon gewöhnt«, sagt Sandra und lässt das Fädchen laufen. Das Spinnen sei angenehm, meint die junge Frau, weil man nicht nachdenken muss, wo man aufgehört hat. Faden ist Faden, Wolle ist Wolle. Sie lässt die Fasern durch ihre Hände gleiten, wo sie schnell zu einem stabilen Faden versponnen werden. Ein Prinzip, das bis heute seine Gültigkeit hat: In der Industrie werden weiterhin nach der gleichen Methode in Höchstgeschwindigkeit Garne für die Kleidung hergestellt, während es früher 14 Spinner brauchte, um nur einen einzigen Weber auszulasten. 

Solche Details weiß Iris Duffner. Sie hat die »Schwarzwälder Spinnstube« von ihrer Mutter zu Beginn des Jahres übernommen. Sie geht häufig auf Märkte, bietet dort Wolle oder Rohwolle an und hat dann zur Unterhaltung ihr Spinnrad dabei. »Meist geht es dann nicht lang, bis das Stichwort ›Dornröschen‹ fällt.« Aber: An einer Spindel könne man sich nicht verletzen, klärt Duffner auf. Überdies sei das Märchen gut 400 Jahre älter als das heute verwendete Spinnrad. Mit dessen Vorgänger – einer einfachen Handspindel – müht sich indessen Ryuko ab. Die Japanerin stößt die Spindel per Hand an – immer schön im Uhrzeigersinn. Auch dabei verdreht sich der Faden wie gewünscht, allerdings fehlt es Ryuko noch an Übung.
 
»Das wird nichts mehr«, zeigt die junge Frau auf eine Stelle, an der der Faden unversponnen geblieben ist. Sie zupft ihn ab und setzt mit der Wolle neu an. Noch mal. Dieses Mal funktioniert es besser, Ryuko kann den fertigen Faden auf die Spindel wickeln. Und noch mal versucht sie’s mit Schwung. Dabei rutscht ihr die grob bearbeitete Wolle von der Hand und verwickelt sich direkt mit der Spindel. Kater Oskar ist schon auf der Lauer gelegen. Er flitzt herbei, hier gibt es etwas zum Spielen! Ryuko lacht und lässt sich die Technik noch einmal zeigen. 

- Anzeige -

Roswitha Duffner-Feiler, deren selbst gemachte Textilarbeiten ihre langjährige Erfahrung widerspiegeln, verrät ihre Tricks. Und Ryuko bringt Ehrgeiz mit: »Ich möchte gern ein Kleidungsstück von Anfang an selbst herstellen.« Motivation bekommt sie durch die fertigen Stücke, die einige Spinnerinnen mitgebracht haben. Diese zeigen: Es geht! 

Ursula Schoell, früher Lehrerin, ist mit 80 Jahren die älteste Teilnehmerin. Obwohl ihre Generation mit Handarbeiten groß geworden war, sei ihr das Spinnen nicht in die Wiege gelegt worden, stellt sie trocken fest. »Meine Mutter hatte als Witwe einen Kurs belegt und mir dann ihr Können weitergegeben«, erinnert sie sich. Mit ein paar Privatstunden hatte sie sich dann auf die Sprünge geholfen – und war begeistert. »Meine Wolle wasche und kämme ich selbst«, ist Schoell stolz. Schon beim Hantieren mit dem Rohstoff habe sie das fertige Handarbeitsstück vor Augen – etwa die warme Weste für den langen Freudenstädter Winter. Einen Teil der weißen Schafswolle und der braunen Alpakawolle hat Ursula Schoell zu Hause bereits versponnen. Als zweiter Schritt kommt jetzt das Zwirnen. Motiviert setzt sie eine leere Spule ein, dann tritt sie das Brett. Ein leises Surren ist zu hören und schon wickelt sich ein zweifarbiger Wollfaden auf.
Roswitha Duffner-Feiler sitzt am Spinnrad nebenan und freut sich schon auf den Frühling. »Mit Wolle kann man herrlich etwas ausdrücken und gestalten«, sagt sie. Sie legt sich einen luftigen Mix aus Wolle, Seide und Angora auf den Schoß, Teile der Schafswolle sind zart rot und grün eingefärbt. »Das Angorahaar stammt von unseren eigenen Kaninchen.« Die Tiere müssen zwei bis drei Mal pro Jahr von ihrer federleichten Haarpracht befreit werden, »damit das nicht verfilzt«.

Vorsichtig zupft Duffner-Feiler ein Strähnchen heraus und verbindet es mit dem Faden auf der Spindel. Dann nimmt das Spinnrad Geschwindigkeit auf. Mit der Linken portioniert die geübte Spinnerin das Material, mit der anderen Hand hält Duffner-Feiler ein bisschen dagegen, denn das Spinnrad hat ordentlich Zug. Es frisst ihr den Faden geradezu aus der Hand. Den dünnen Faden wird sie wahrscheinlich ein zweites Mal verzwirnen. 

Iris Duffner bleibt bei ihrer weißen Wolle. Die wird vielleicht mal ein Dekogarn oder ist für eine schnellgestrickte Weste. »Ich sitze mehrmals pro Woche hier«, sagt sie. Es habe etwas Entspannendes. Wenn man so routiniert ist, kann man neben dem Spinnen noch etwas anderes machen. Fernsehen beispielsweise, oder auch erzählen.

»Spinnen ist etwas für die Seele«, fasst eine Teilnehmerin zusammen. Sie sitze täglich am Spinnrad, sie könne sich ihre Zeit einteilen. Die tolle Wohlfühlatmosphäre locke sie in die »Spinnstube«. Neben der vollen Spule nehme sie immer viele Tipps mit nach Hause. Die Wolle werde verstrickt. Und wenn man in die fertige Handarbeit schlüpft, ist das besondere Gefühl da: »Man trägt ein Kleidungsstück, das von Anfang an selbst gemacht ist.«
 

Mehr zum Thema

Das könnte Sie auch interessieren

Anzeigen
  • 18.04.2019
    Ab Samstag
    In Kehl startet am Samstag wieder der beliebte Ostermarkt. Bis zum 28. April warten auf Besucher dort zahlreiche Attraktionen und ein vielfältiges Programm.
  • 17.04.2019
    500 Quadratmeter Fläche
    Der Obi Markt in Offenburg hat seine neue 500 Quadratmeter große »BBQ & Grillwelt« eröffnet – und ist damit die Top-Adresse für Grill-Fans. Kunden erwartet ein konkurrenzlos großes Angebot an Grills und Zubehör von Top-Marken. In den kommenden Wochen gibt es dazu ein sehenswertes Showprogramm.
  • 08.04.2019
    Was ist wichtig bei der Planung der perfekten Traumküche? Hier sind die 10 wichtigsten Fragen und Antworten!
  • 01.04.2019
    Lahr
    Wer auf der Suche nach einem Suzuki-Neuwagen oder einem Gebrauchten ist und gleichzeitig eine vertrauensvolle, persönliche Beratung möchte, dem kann geholfen werden: Das Suzuki-Autohaus Baral in Lahr ist genau die richtige Adresse für jegliches Anliegen rund um Suzuki. 

Weitere Artikel aus der Kategorie: Ortenau

vor 9 Stunden
Polizei gibt Tipps
Der Europa-Park in Rust verlost derzeit acht Karten, die zum freien Eintritt berechtigen. Das zumindest steht in einem Gewinnspiel, das derzeit im Internet kursiert. Der Park stellt nun aber klar: das Gewinnspiel ist eine Fälschung. 
vor 11 Stunden
Rammt geparktes Auto
In einem Lahrer Wohngebiet hat am Montag ein Wildschwein sein Unwesen getrieben. Mehrere besorgte Anwohner haben sich bei der Polizei gemeldet. Ein Mann beobachtete sogar, wie das Tier gegen sein geparktes Auto rannte.
vor 12 Stunden
Lörrach
Der Geschäftsführer eines Reinigungsunternehmens hat Sozialabgaben in Höhe von etwa 20.000 Euro hinterzogen. Über einen Zeitraum von zwei Jahren hat er Arbeitnehmer schwarz beschäftigt. Nun erwarten ihn eine Geldstrafe und Nachzahlungen.
Für mehr Sicherheit für Lkw soll in Achern ein überwachter und beschrankter Parkplatz sorgen.
vor 12 Stunden
Lkw nicht sicher
Ladungsdiebstähle sind ein Problem in der Ortenau. Immer wieder werden  auf Parkplätzen und Rasthöfen an der A 5 die Planen von Lkws aufgeschlitzt und teure Ware entwendet. Das haben Recherchen der Mittelbadischen Presse ergeben. 
vor 13 Stunden
Europawahl
Zur Europa-Wahl am 26. Mai haben die evangelischen Kirchen im Elsass, in Baden und in der Pfalz die Bürger beider Rheinseiten zum Urnengang aufgefordert. Treffpunkt war am Karsamstag die Kapelle der Begegnung (Chapelle de la Rencontre) im französischen Rheinhafen am Fuß der Europabrücke.  
vor 13 Stunden
Fotovoltaik
Die Stadt Kehl wirbt bei privaten und gewerblichen Gebäudeeigentümern für mehr Nutzung von Sonnenenergie. Dazu sind mehrere Veranstaltungen geplant.
Frisch gekürte Deutsche Meister: »2K.Up.« und »The K. Crew« sowie das Akrobatik-Trio »Bellini« der Talent-Akademie des Europa-Park.
22.04.2019
Qualifikation für WM im Sommer
Drei Tanzformationen der Talent-Akademie des Europa-Parks werden im Sommer bei der Endausscheidung des Tanzwettbewerbs »Dance World Cup« in Portugal teilnehmen. Möglich machte das der deutsche Meistertitel, den die Tänzer in Fürstenfeldbruck errangen.
22.04.2019
Neue Verbindungen am 2. Mai
Um die Lücke, die mit dem Fahrplanwechsel und der Einführung des Kehler Stadtbussystems zwischen Kehl und Rheinau entstanden war, zu schließen, erweitert die SWEG ab dem 2. Mai die Frequenz der Busfahrten der Linie 403. Das teilte der Anbieter mit.
22.04.2019
Willstätt
Die 69-jährige Beifahrerin im VW Golf, der am Freitag einen Frontalzusammenstoß auf der L90 zwischen Willstätt und Odelshofen verursacht haben soll, ist am Abend ihren Verletzungen erlegen. Das teilte die Polizei in der Nacht mit.
22.04.2019
Ortenau-Reportage
Früh morgens geht das Gegackere auf dem Schwarzwaldbauernhof S’Mattebure in Welschensteinach los.  Mit dem Hühnermobil geht es jede Woche auf neue Grasflächen. Auch die Eier sind mobil. Wie das funktioniert, haben wir uns vor Ort angeschaut.
21.04.2019
Forschung soll Kindern helfen
Der Förderverein für krebskranke Kinder hat in Freiburg seinen Forschungspreis an den Mediziner Friedrich Kapp verliehen. Er ging der Frage nach, wie Pigmentzellen vor UV-Licht geschützt werden können. 
21.04.2019
Kumulieren und panaschieren
Die Menschen in der Ortenau wählen am 26. Mai den Kreistag. Das Verfahren hat dabei seine Tücken. Deshalb beantwortet Baden Online alle wichtigen Fragen zum Prozedere und nennt die wichtigsten Fakten.