Ortenau-Reportage

Tourist in der Todeszone

Autor: 
Christine Marklewitz
Lesezeit 5 Minuten
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22. Oktober 2015
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Der Vergnügungspark in Prypjat wurde nie eröffnet: Die Stadt wurde nach dem Super-GAU im Kernkraftwerk Tschernobyl evakuiert. Der Offenburg-Zunsweierer war in der Todeszone und hat starke Motive mitgebracht.

Der Vergnügungspark in Prypjat wurde nie eröffnet: Die Stadt wurde nach dem Super-GAU im Kernkraftwerk Tschernobyl evakuiert. Der Offenburg-Zunsweierer war in der Todeszone und hat starke Motive mitgebracht. ©Markus Kammerer

Das Leben ist im Jahr 1986 eingefroren: Nicht nur in den Aufnahmen von Markus Kammerer, sondern auch in der Realität. Der Offenburg-Zunsweierer ist in die Todeszone in der Nordukraine gereist, um in und ums havarierte Kernkraftwerk Tschernobyl zu fotografieren. Er hat verstörend-starke Motive mitgebracht.

April 1986: In Prypjat freuen sich die Menschen auf die Eröffnung des Vergnügungsparks am 1. Mai. Riesenrad und Scooter sind aufgebaut, doch es wird niemand mehr in die Boxautos steigen. Die Stadt wird evakuiert. Der 26. April wird zum Riss in der Zeit: Das Reaktorunglück in Tschernobyl ändert alles. Es nimmt den Menschen die Heimat, die Sicherheit. Heute regiert in der Geisterstadt der Zerfall: Im Scooter wächst Moos. Rost nagt am Gestänge des Riesenrads. Dieser verstörenden Atmosphäre ging Markus Kammerer auf die Spur.

Freiwillig in der Todeszone

Wie verrückt muss man sein, um freiwillig einen der wohl strahlendsten Flecken der Erde zu besuchen? Der 35-Jährige schmunzelt, gibt sich für die Antwort etwas Zeit. Der EDV-Fachmann ist drahtig, könnte als Langstreckensportler oder Kletterer durchgehen. Seine Passion ist aber das Fotografieren. Es sei mehr Zufall gewesen, meint er. »Ich war im Internet über die Fotoexpedition gestolpert und sofort neugierig.« Als »das alles in Tschernobyl passierte, war ich sechs Jahre alt«. Ihn habe es interessiert, wie es jetzt dort ausschaut.

Klar hätten gesundheitliche Risiken eine Rolle gespielt, räumt der Ortenauer ein. Doch wenn man die Sache nüchtern betrachte, »geht vom Besuch des Sperrgebiets nicht mehr Gefahr aus als von einem Interkontinentalflug«. Man müsse sich halt an die Regeln halten, stellt Kammerer lapidar fest. Jede Region habe ihre Regeln. 

Der Ortenauer buchte ein Bahnticket, das ihn Ende August nach Warschau (Polen) brachte. Der Startpunkt der siebentägigen Reise für ihn und neun weitere Deutsche. Herzstück seines Gepäcks war der zehn Kilo schwere Rucksack mit der Canon EOS 60D, Objektiven und Karten mit 100 Gigabyte Speicherkapazität.  Danach ging’s in die ukrainische Metropole Kiew. Dort erwartete den 35-Jährigen eine andere, martialische Welt: »Werbung für die Armee ist allgegenwärtig. Überall sieht man erbeutetes Kriegsgerät.« Wenige Tage später wieder Kontrastprogramm: Die Gruppe holperte mit dem Kleinbus ins Sperrgebiet 120 Kilometer nördlich von Kiew.

Eigener Tourismus

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Die »Todeszone« hat ihren eigenen Tourismus entwickelt. Einen sehr individuellen, wie Kammerer mit einem Lächeln betont. Denn frei bewegen dürfe man sich nicht. »Alles außerhalb des Hotels läuft mit einem Guide ab.« In Tschernobyl gibt es genau ein Hotel. Das Haus avancierte zum Basislager. Wichtigstes Accessoire und Eintrittskarte für das militärische Sperrgebiet ist neben den Passierscheinen, die der Veranstalter organisierte, ein Dosimeter. Das Messgerät warnt den Träger vor zu hoher Strahlung. Die Tageshöchstdosis liegt bei acht Millisievert.

Mit drei Worten bringt Kammerer die Eindrücke im Sperrgebiet auf den Punkt: groß, verwildert, vergammelt. Menschen dürften sich hier nicht ohne Erlaubnis aufhalten. Ausnahmen seien 400 Personen. »Sie heißen ›die Geduldeten‹ – ältere Leute, die nach dem GAU nirgends anders hin konnten. Und dann gibt es noch die 3600 Arbeiter, die im havarierten Atommeiler den neuen Sarkophag bauen. Der Kostenpunkt: 2,1 Milliarden Euro. Den alten Sarg hatte die enorme Strahlung zermürbt.

Angespannt sei er gewesen, als er mit der Gruppe das Atomkraftwerk Tschernobyl betreten habe, stellt der leidenschaftliche Fotograf fest. Doch dann habe die Faszination überwogen. »Surreal«, beschreibt der Ortenauer den Moment, als er Kontrollraum II betreten durfte. Von einem baugleichen Raum aus, nur wenige Meter weiter, waren die fatalen Befehle gegeben worden, die den Super-GAU ausgelöst hatten. »Das ist verrückt. Du stehst an der Stelle, die in die Geschichte eingegangen ist.« Zeit darüber nachzudenken hatten die Fotofans nicht. Zwei Stunden mussten reichen, um die Versehrtheit des Orts festzuhalten. Dem Unglücksreaktor durfte sich die Gruppe auf 70 Meter nähern. Hier entstand Kammerers Lieblingsmotiv: Der neue Sarkophag, der sich 110 Meter hoch über den ausgebrannten Reaktor spannt. 

Im weißen Kittel durch das Kernkraftwerk

In Anbetracht der enormen Strahlung rundherum scheint die Kleidung der Reaktorreisenden lächerlich unzureichend: Sie hatten neben Haube und Arztkittel Überschuhe ausgehändigt bekommen. »Die Strahlung setzt sich im Staub ab, der an der Kleidung haftet«, begründet der 35-Jährige. Zur eigenen Sicherheit mussten die Gruppenmitglieder während der Expedition lange Kleidung tragen. Es durfte im Freien weder geraucht, gegessen noch getrunken werden. Die Gefahr, so strahlenden Staub aufzunehmen, war zu groß.
Den Kontrast zwischen Prypjat, wo die Arbeiter des Kernkraftwerks bis 1986 lebten, und der wilden Natur rundherum kann Kammerer nur schwer in Worte fassen. Die Vorzeigestadt, die in den 1970-Jahren aus dem Boden gestampft worden war, schreit Tristesse und Vandalismus. Kammerer kann dem manchmal allzu glatten morbiden Look der Szenerie nicht ganz Glauben schenken. »Es wurden teilweise Motive von oder für die Fotografen arrangiert.« Die Patina des Orts sei trotz allem echt. In den verwitterten Wohnungen der Plattenbauten stehen die Bücher unter einer dicken Schmutzschicht im Regal. Wäsche hängt an der Leine. In Zimmer 426 des Hotels Polissja wächst eine Birke. Die Natur holt sich den Ort zurück. In der Kinderstation des Krankenhauses sind die Bettchen zu Skeletten verwittert. Im Keller schlummert das radioaktive Erbe der Retter: Schutzanzüge und Atemschutzgeräte. Hier ist Betreten verboten. Dasselbe gilt für die Straßen außerhalb des Zentrums. Sie sind noch kontaminiert. 

In der vitalen Natur und doch ist es totenstill

Im Wald ist es verstörend«, berichtet der Ortenauer. Er sei wild-wuchernd, aber tot. »Hier habe ich Stille kennengelernt«, sagt er gedämpft. Ob er unterschwellig die Gefahr registrierte? »Die Pflanzen  – besonders Moose – nehmen die Strahlung auf und halten sie.« Selten zeigten sich Adler, Bär, Luchs und Wildpferd. 
3500 Bilder hat Kammerer von seinem Trip mitgebracht. Bislang sei es ihm nur gelungen, die Fotos zu sichten. Das Bearbeiten dauert noch. Irgendwann will der Ortenauer wieder auf Reisen gehen: Baikonur – der russische Weltraumbahnhof – steht zumindest auf der Wunschliste.

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