Horst Sahrbacher, Chef der Arbeitsagentur Offenburg, geht

Trotz Kurzarbeit: Der Weg aus der Krise wird ein Marathonlauf - prev

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15. Mai 2021
Horst Sahrbacher (66) hat bis zum letzten Tag für seine Aufgabe gebrannt. Die letzten 14 Monate seiner Zeit als Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Offenburg steuerte er Kollegen und Kunden erfolgreich durch eine Pandemie. Als geschickter Netzwerker hat er bleibende Strukturen der regionalen Arbeitswelt geschaffen. 

Horst Sahrbacher (66) hat bis zum letzten Tag für seine Aufgabe gebrannt. Die letzten 14 Monate seiner Zeit als Geschäftsführer der Agentur für Arbeit Offenburg steuerte er Kollegen und Kunden erfolgreich durch eine Pandemie. Als geschickter Netzwerker hat er bleibende Strukturen der regionalen Arbeitswelt geschaffen.  ©ULRICH MARX

Wer für die Arbeitswelt der Ortenau so viel Verantwortung trägt wie Horst Sahrbacher, der ist auf ein gutes Team und viele Gleichgesinnte angewiesen . Der 66-jährige Geschäftsführer der Arbeitsagentur Offenburg war ein erfolgreicher Netzwerker. Nun geht er in Pension.

Die größte Herausforderung kam ganz zum Schluss: Kaum hatte sich Horst Sahrbacher, Geschäftsführer der Agentur für Arbeit in Offenburg entschlossen, noch 18 Monate dranzuhängen, brach die Corona-Pandemie aus. Der erfahrene Netzwerker lenkte sein Team, die Unternehmen und die Arbeitskräfte aber sehr gut durch diese Krise. Im großen Interview blickt Sahrbacher auf schwierige Herausforderungen, das Problem der Langzeitarbeitslosigkeit, aber auch auf positive Entwicklungen seiner Zeit in der Ortenau zurück.

Herr Sahrbacher, wenn wir jetzt anlässlich Ihrer Pensionierung mal zurückblicken: Sind Sie überrascht, wie gut der Ortenauer Arbeitsmarkt immer noch dasteht?

Horst Sahrbacher: Wenn ich meine Zeit seit 2005, die ich in der Ortenau bin, Revue passieren lasse, dann stand das Thema Massenarbeitslosigkeit oder auch hohe Arbeitslosigkeit im Vordergrund. Wir haben viele Menschen gehabt, die auf der Suche nach Arbeit waren. Wir haben dem gegenüber relativ wenige Stellenangebote gehabt. Das hat sich im Zeitraffer betrachtet sehr stark verändert.

Wodurch?

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Im Rahmen der Agenda 2010 sind auf dem Arbeitsmarkt neue Partner entstanden. Die Kommunale Arbeitsförderung (KOA) hat die Verantwortung für die Grundsicherung übernommen. In dieser Anfangsphase hatten wir mit der KOA den gemeinsamen Konsens, dass wir für die Menschen und für die Arbeitgeber in der Region das Beste erreichen wollen. Uns ist das über die Jahre betrachtet auch sehr gut gelungen. 2006, 2007 verbesserte sich der Arbeitsmarkt leicht. 2009, 2010 brachte die Wirtschafts- und Finanzkrise, noch mal massive Einschnitte. Dort, wie heute, hat das Instrument Kurzarbeit eine ganz, ganz wichtige Rolle gespielt.

Wie wichtig ist das Instrument Kurzarbeit in der Pandemie?

Wir hatten vor einem Jahr, als wir in diese Pandemie gestartet sind, deutliche größere Befürchtungen, was den Arbeitsmarkt angeht, als das, was sich jetzt tatsächlich zeigt. Die Kurzarbeit hat in einem noch nie dagewesenen Ausmaß in der Ortenau und auch bundesweit dazu beigetragen, dass Arbeitgeber ihre Beschäftigten halten konnten. Wir haben natürlich deutlich mehr arbeitslose Menschen als vor der Pandemie, aber wenn ich es jetzt bewerte, dann sind wir insgesamt mit einem blauen Auge durch diese Pandemie gekommen.

Besser als andere Kreise?

Nicht besser als alle anderen. Aber wir haben immer noch eine Arbeitslosenquote von 3,9 Prozent, die im Grunde genommen nicht Anlass zur Sorge gibt. Baden-Württemberg liegt höher. Und vor einem Jahr, also mit Beginn der Pandemie, waren wir bei 3,2 Prozent. Dabei ist der Bereich, den wir verantworten, also der Versicherungsbereich, sehr viel stärker von dieser Pandemie betroffen als der Grundsicherungsbereich. In unserem Bereich stieg die Quote von 1,8 Prozent vor der Pandemie auf 2,4. Die Grundsicherung stieg von 1,4 auf 1,5 Prozent. Das ist nicht verwunderlich, denn unser Bereich nimmt im Regelfall zunächst die Menschen auf, die relativ kurzfristig arbeitslos sind, während die Grundsicherung sich ja um Menschen kümmert, die entweder gar keine Beschäftigung hatten oder die langfristig arbeitslos sind.

Haben Sie denn damit gerechnet, dass die Kurzarbeit wieder so gut funktionieren würde?

Ja. Ich war sehr froh darüber, dass die Politik relativ schnell auch die Voraussetzungen angepasst hat, also zum Beispiel die Übernahme der vollen Kranken- und Rentenversicherungsbeiträge auch für die Ausfallzeit. Das war ja vor Corona nicht so. Mit Beginn der Pandemie im März 2020 haben wir zirka 5000 Telefonate in unserem Arbeitgeber-Service geführt, um mit dem Instrument Kurzarbeit Betriebe vertraut zu machen, die noch nie zuvor damit in Berührung gekommen waren. Friseure beispielsweise oder der Veranstaltungsbereich, ein prominentes Beispiel ist der Europa-Park. Diese Betriebe wurden ja vom Lockdown wirklich von heute auf morgen getroffen. Und mit Sicherheit konnten wir viele Arbeitsverhältnisse stabilisieren und die Betriebe in die Lage versetzen, das finanziell zu stemmen.

Sicher auch, um ein rares Gut, die Fachkräfte, zu halten?

Mir haben alle Betriebe, mit denen ich geredet habe, unisono gesagt: „Wir möchten unsere Fachkräfte halten, weil wir wissen, wir kriegen sie hinterher nie mehr wieder. Wir tun alles, und es ist gut, dass ihr uns mit Kurzarbeit helft.“ So hatte ich es auch vorher eingeschätzt, aber es war beeindruckend zu sehen, in welchem Umfang dieses Kurzarbeitergeld genutzt worden ist.

Der Hotel- und Gaststättenverband befürchtet, dass viele Angestellte in andere Branchen wechseln werden.

Wir nehmen diesen Trend bei uns noch nicht wahr. Aber es ist natürlich klar, dass der Hotel- und Gaststättenbereich extrem unter dieser Pandemie leidet. Es wird wesentlich davon abhängen, wie schnell es uns gelingt, mit der Impfstrategie voranzukommen, um dann auch gezielte Lockerungsschritte zu unternehmen. Der Lockdown macht natürlich auch ganz viele Dinge schwieriger. Wie bilde ich junge Menschen aus, wenn Hotels und Gastronomie geschlossen sind? Der Koch lernt das Kochen nicht in der Theorie. Da machen ganz viele Betriebe im gastronomischen Bereich viel für ihre Auszubildenden. Das müssen wir sehr aufmerksam beobachten, um helfen zu können.

Ist es gerade schwieriger, einen Ausbildungsplatz zu finden?

Als ich 2005 nach Offenburg gekommen bin, hatten wir etwas mehr als 4000 Jugendliche, die einen Ausbildungsplatz gesucht haben, dem standen gerade mal 2400 Ausbildungsplätze gegenüber. Ich habe erlebt, dass auch Schüler mit gutem Abschluss keinen Ausbildungsplatz gefunden haben, dass Jugendliche über die Bewerbungsphase nicht hinausgekommen sind und nie einen Ausbilder gesehen haben. Die Berufsinfomesse, die wir ja an diesem Wochenende wieder durchführen werden, ist als Plattform letztendlich auch in dieser Situation 2001 entstanden. Dort kann der Betrieb zumindest einen Eindruck vom Jugendlichen bekommen. Und kann dann vielleicht sagen: „Mensch, dem könnten wir eine Chance geben!“

Wie hat sich das dann verbessert über die Jahre?

Das war damals diese Phase, in der schon absehbar war, dass ein Fachkräftemangel in Zukunft wahrscheinlich ist – man brauchte sich einfach nur die demografische Entwicklung angucken. Wenn man das heute betrachtet, dann haben wir heute auch in Zeiten von Corona nach wie vor einen Bewerbermarkt. Das heißt, wir haben deutlich mehr Ausbildungsstellen als Bewerber. Das hat sich langsam so entwickelt. Vor ungefähr vier Jahren hatten wir zum ersten Mal mehr Ausbildungsstellen als Bewerber. 2019 hatten wir sogar deutlich mehr. Wenn wir den März 2021 nehmen, haben wir etwa 1600 freie Ausbildungsplätze und ungefähr 1100 Bewerber, die noch auf der Suche sind.

Was hat sich da durch die Pandemie geändert?

Am 1. Oktober 2020 hatten wir ungefähr zehn Prozent weniger Ausbildungsstellen. Aber das ist immer noch auf einem so hohen Niveau, dass wir auch in der Pandemie ein richtig gutes Angebot an Ausbildungsplätzen haben – auch wenn es im Hotel-, Veranstaltungs- und Gaststättenbereich, bei Friseuren und Reisebüros, um nur ein paar zu nennen, natürlich nach wie vor etwas verhalten zugeht. Das Reisebüro sagt mir: „Ja, ich bilde eigentlich jedes Jahr einen oder zwei aus, aber ich weiß ja noch gar nicht, ob wir überhaupt reisen können in diesem Jahr. Also schieben wir die Entscheidung lieber noch.“ Es gibt halt momentan Bereiche, in denen wir weniger Ausbildungsstellen haben als vor der Pandemie. Wir haben aber auch Bereiche, in denen wir gleich viel oder mehr haben, gerade im Pflege- und Gesundheitsbereich.

Gibt es zu wenige, die den Pflegeberuf erlernen wollen?

Ja, wir haben gerade im reinen Pflegebereich in jedem Fall einen deutlichen Überhang von Stellen. Bei den Arzt- und Praxishilfen ist der Bereich nahezu ausgeglichen. Aber das bedeutet dann ja nicht, dass auch die Kompetenzen des Bewerbers zu den Anforderungen der Stelle passen. Es ist nur eine rein statistische Zuordnung. Da steckt der Teufel natürlich im Detail, wenn es um Schulabschlüsse, Kompetenzen und Charaktereigenschaften geht.

In den Schulen hat sich in der Vergangenheit viel getan, was die Berufsorientierung angeht.

Ja, das ist auch im Lehrplan verankert. Unsere Berufsberaterinnen und Berufsberater haben an jeder Schule einen Tandempartner, einen Lehrer, der koordinierend abstimmt, welches Berufsorientierungskonzept gerade auch mit lokalen Kammern oder Firmen am besten umgesetzt werden kann. Corona hat uns vor große Probleme gestellt, weil die Schulen geschlossen waren. Wir haben aber viele digitale Angebote entwickelt, die aber noch nicht so stark angenommen wurden, wie wir uns das wünschen.

Wie hat die Agentur für Arbeit den Sprung ins Digitale geschafft?

Im März 2020 war das Thema Homeoffice ein zartes Pflänzchen. Mittlerweile sind in unserer Agentur bis zu 60 Prozent unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im Wechsel im Homeoffice. Es gelingt uns ganz gut, damit auch zurechtzukommen.

Und in der Arbeit mit den Kunden?

Im März 2020 war für uns klar, wir müssen für unsere Kunden erreichbar sein. Der Mensch, der arbeitslos wird, der hat ganz viele Fragen, der braucht vor allem Arbeitslosengeld, und zwar nicht irgendwann, sondern schnell. Und er braucht Orientierung. Und da können wir nicht einfach sagen, also jetzt ist Corona, wir sind nicht da. Also haben wir wirklich von heute auf morgen eine Telefon-Hotline aufgebaut. Und wir haben parallel damit begonnen, den digitalen Kanal auszubauen, etwa die elektronische Beantragung von Arbeitslosengeld.

Haben Ihre Mitarbeiter die Arbeitslosen auch schon vor 15 Jahren als Kunden betrachtet? Wie gelang dieser Kulturwechsel?

Ich bin jetzt seit über 45 Jahren beim Arbeitsamt/bei der Arbeitsagentur, und dieser Wechsel, der war im Grunde genommen einfach und schwer zugleich. Einfach, weil jeder, der bei uns arbeitet, einen guten Job machen und demjenigen optimal helfen will, der in dieser Situation ist. Und wenn wir es nicht können, dann erklären wir ihm, warum es nicht geht. Und zwar wertschätzend und nicht mit Paragraf, Absatz, Ziffer. Das war ein Prozess, der mit Beginn dieser Hartz-Reformen Fahrt aufgenommen hat. Der ist jetzt auch von dem Bewusstsein geprägt, dass wir unsere Region nur dann zukunftsfähig aufstellen können, wenn es uns gelingt, Arbeitnehmer und Arbeitgeber entlang des gesamten beruflichen Werdegangs zu unterstützen.

Zum Beispiel?

Schon den Jugendlichen abholen und ihm klarmachen: keine Ausbildung ist keine Alternative. Ausbildung ist der erste Schritt, lebenslanges Lernen eine weitere Notwendigkeit, die Berufe werden sich weiter verändern: Digitalisierung, Klimaneutralität, Elektromobilität, Transformationsprozesse in der Automobilindustrie. Es werden ganz andere Kompetenzen gebraucht als die, die du jetzt hast. Aber du kannst sie erlernen, und wir helfen dir dabei, auch finanziell. Und die Arbeitgeber begleiten wir auch, gerade in einem schwierigen Fahrwasser wie in der Pandemie: Wenn ihr schon Kurzarbeit macht, dann qualifiziert eure Arbeitnehmer in dieser Zeit. Sonst brummt der Laden immer, alle haben zu tun, jetzt habt ihr Zeit, also macht’s! Die Betriebe machen das noch nicht in dem Umfang, in dem ich mir das wünschen würde. Aber das ist ein Prozess.

Die Flüchtlingskrise hatte auf die Arbeitslosenzahlen keine dramatischen Auswirkungen. Wie ist das gelungen?

Als wir damals in der Situation waren, dass Tausende Menschen zu uns kommen, haben wir mit der KOA das Zentrum für Integration von Flüchtlingen gegründet. Ziel war es, diesen Menschen so schnell wie möglich Kenntnisse der deutschen Sprache zu vermitteln – die Grundlage dafür, überhaupt irgendeine Arbeitsstelle zu finden. Wir mussten deren Kompetenzen erfassen, um vielleicht Ansatzpunkte zu finden. 2015, 2016 waren Fach- und Arbeitskräfte begehrt. Nach kurzer Zeit haben wir einige wirklich direkt in Arbeit vermittelt, meistens Helfertätigkeiten. Arbeitgeber, die sie dann weiter qualifizierten, denen halfen wir finanziell. Das war eine Strategie, die rückblickend betrachtet aufgegangen ist.

Speziell in der Ortenau.

Wenn ich jetzt zurückblicke, ist es ein wesentliches Erfolgsrezept der Ortenau, dass wir alle, die wir in irgendeiner Form Verantwortung tragen, miteinander gut zusammenarbeiten, Gemeinsamkeiten suchen und versuchen, dieses Netzwerk-Management wirklich zum Wohl der Region auszufahren. Und das ist in den Jahren, in denen ich hier war, gut gelungen. Und das ist auch ein Pfund, mit dem die Ortenauer wuchern kann.

Was ist, wenn ich mit 55 arbeitslos werde?

Man muss konstatieren, dass die Pandemie dazu beigetragen hat, dass die Langzeitarbeitslosigkeit deutlich angestiegen ist. Dazu zählen alle, die länger als zwölf Monate arbeitslos gemeldet sind. Der Arbeitsmarkt hat sich seit Beginn der Pandemie verändert, als er monatelang deutlich weniger aufnahmefähig war. Davor war es uns gelungen, auch Menschen, die zum Beispiel 58 waren, in Arbeit zu bringen. Die Langzeitarbeitslosigkeit ist jetzt wieder ein wirklich großes Thema geworden, auch in unserem Rechtskreis, weil der Markt diese Bewerber einfach aktuell nicht mehr aufnimmt.

Woran liegt es?

Na ja, es liegt daran, dass insgesamt weniger Nachfrage besteht und dass insgesamt das Angebot an Arbeitskräften natürlich auch größer ist. 70 Prozent unserer Langzeitarbeitslosen sind 50 und älter. Wir versuchen gezielt, diese Menschen am Markt zu platzieren. Menschen, die keine Ausbildung haben, versuchen wir durch Qualifizierung an den Markt heranzuführen.

Könnte die Politik da helfen?

Wir haben ein gutes Instrumentarium, wie wir Betriebe unterstützen können. Insofern hoffe ich einfach, dass der Markt jetzt wieder anzieht. Erste Zeichen haben wir, die Nachfrage nach Arbeitskräften ist jetzt in den ersten drei Monaten des Jahres 2021 fast wieder auf Vorjahres-Niveau. Das gibt zumindest Hoffnung, aber das wird ein Marathonlauf.

Wie hat sich Ihre Arbeit durch die Corona-Pandemie verändert?

Für uns war ganz wichtig, dass wir auf der einen Seite das unterstützen, was Bundesregierung und Länder miteinander zur Kontaktreduzierung vereinbart haben. Wir versuchen, so viel wie möglich elektronisch und virtuell zu erledigen. Das ist uns gut gelungen. Und das halten wir auch bis zum heutigen Tag so. Unsere Kunden haben erkannt, dass viel mehr telefonisch und virtuell geht als man sich vor der Corona-Krise so gedacht hat. Und ich bin überzeugt davon, dass wir diese guten Erfahrungen nach Beendigung der Pandemie auch weiterhin nutzen können

Und sonst?

Außerdem haben wir Arbeitgeber in dieser ersten Phase massiv unterstützt, indem wir sie beraten haben, wie Kurzarbeit funktioniert. Das waren in den ersten zwei Monaten das beherrschende Thema in unserem Arbeitgeber-Service. Und gleichzeitig war klar, dass die, die jetzt in Kurzarbeit gehen, ihr Geld schnell und nicht irgendwann brauchen. Deshalb haben wir im Grunde genommen die Zahl der Mitarbeiter, die in diesem Bereich der Leistungsbewilligung und Leistungsbearbeitung beschäftigt sind, verzehnfacht, indem wir Mitarbeiter aus anderen Bereichen umgeschult haben.

Innerhalb welcher Zeit wurden die Gelder ausbezahlt?

Wir haben erreicht, dass wir Kurzarbeitergeld-Anzeigen oder Abrechnungen innerhalb von fünf bis zehn Arbeitstagen bearbeitet haben – da war das Geld auf dem Konto. Das hat massiv dazu beigetragen, dass die Unternehmen ihre Arbeiter behalten konnten. Das war die absolute Top-Prio, die wir im März, April letzten Jahres hatten. In der Zwischenzeit haben wir zusätzliches Personal akquiriert, so dass unsere Mitarbeiter sich wieder ihren ursprünglichen Aufgaben widmen konnten.

Wie haben Ihre Mitarbeiter reagiert?

Da muss ich jetzt ehrlich sagen, da bin ich wirklich stolz auf die Mannschaft, da hat es keinerlei Diskussionen gegeben. Da war klar: Krise, wir müssen, die Unternehmen brauchen uns, die arbeitslosen Kunden brauchen uns - auf geht‘s!

Wie lief die Zusammenarbeit mit den anderen Institutionen?

Wir haben mit der IHK, mit der Handwerkskammer, mit Südwestmetall, um mal nur drei zu nennen, zusammengearbeitet und haben gesagt, wenn ihr bei Betrieben unterwegs seid, vermittelt denen bitte: Kurzarbeit ist angesagt, nicht Entlassungen. Wir haben dann Informationen zur Verfügung gestellt, damit alle wussten, was ist Kurzarbeit und wie geht das. Dass macht mich rückblickend betrachtet wirklich stolz und zufrieden, weil es uns gelungen ist, in der Region das Ganze so beherrschbar zu halten, dass es nicht zu einer Riesenarbeitslosigkeit gekommen ist.

Gab es für Sie als Geschäftsführer eine Herzensangelegenheit?

Das ist unsere grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit unseren französischen Partnern. Wenn Sie sich das einmal auf der Zunge zergehen lassen, dass uns Zalando gesagt hat: „Ohne eure Unterstützung hätten wir uns nicht in Lahr angesiedelt.“ In den ersten Gesprächen, in die ich mit der Stadt Lahr eingebunden war, haben uns die Verantwortlichen von Zalando gesagt: „Was soll uns dazu bewegen, in Lahr so einen Standort aufzubauen? Bei euch ist Vollbeschäftigung, bei euch findet man keine Leute. Wie soll das gehen?“ Und wir haben dann gesagt: „Ja, stimmt, wir haben einen guten Arbeitsmarkt, aber wir haben eine 360-Grad-Perspektive, indem wir euch den elsässischen Arbeitsmarkt erschließen.“ Und wenn man sieht, wie hoch der Anteil der Elsässer ist, die dort arbeiten, dann hat es richtig gut funktioniert.

Wie hat sich die grenzüberschreitende Zusammenarbeit entwickelt?

Das ist über die Jahre hinweg entstanden. Und wir haben dann eine grenzüberschreitende Arbeitsvermittlung in Kehl gegründet. In unserer Geschäftsstelle in Kehl arbeiten drei französische und drei deutsche Arbeitsvermittler zusammen. Viele Arbeitnehmer, die im Elsass wohnen und in der Ortenau arbeiten wollen, werden beraten, wie eine Arbeitsaufnahme erfolgen kann. Ziel ist dabei, die Mobilität am Oberrhein zu fördern.

Umgekehrt auch?

Das kommt seltener vor. Das hat mit Rahmenbedingungen zu tun, die wir nicht beeinflussen können. Wenn ein französischer Arbeitnehmer hier bei uns arbeitet, hat er durch die steuerliche Gesetzgebung massive Vorteile gegenüber einer Tätigkeit in Frankreich. Und insofern ist dieser finanzielle Anreiz schon mal gegeben. Das ist bei deutschen Arbeitnehmern, die in Frankreich arbeiten, nicht so. Trotzdem gibt es auch Beispiele, wie es umgekehrt geht.

Wie wichtig war dabei das erwähne Netzwerk?

Dieses Netzwerk mit den Kammern und Betrieben ist dabei sehr wichtig. Und das sind dann für mich so wirklich Sternstunden, bei denen man merkt, dass die Partner alle am gleichen Strang ziehen, und zwar alle in die gleiche Richtung. Und dass jeder seine Kompetenz einbringt.

Wie ist denn das, wenn einem ein Jahr vor der Pensionierung noch so eine große Krise ereilt?

Also für mich war es eine Herausforderung, ganz eindeutig. Und ich bin eher ein Mensch, der sich auf Projekte freut als zu sagen, jetzt lasse ich das noch im letzten Jahr auslaufen. Das hätte mich eher belastet. Die Krise hätte niemand gebraucht, ich auch nicht. Aber ich denke, unsere Region hat das bisher mit einem blauen Auge überstanden.

Macht Ihnen die Aussicht auf den Ruhestand nicht auch ein bisschen Angst? Sie tragen viel Verantwortung, Ihre Tage sind durchgetaktet und plötzlich ist da nur noch Freizeit?

Ich habe mich schon drauf vorbereitet. Als ich vor anderthalb Jahren meinen Vertrag noch mal jetzt bis Ende Mai verlängert habe, war mir bewusst, das ist zwar noch eine lange Zeit, aber das geht schnell rum. Es gibt ganz viele Dinge, die bei mir auch beruflich bedingt zu kurz gekommen sind und auf die ich mich jetzt freue. Ich habe noch einige Reiseziele, die ich bereisen will, wenn es die Pandemie mal wieder zulässt. Und ich bin auch in der Region, in der ich wohne, gut vernetzt. Außerdem habe ich eine Reihe von ehrenamtlichen Funktionen, die in der Vergangenheit immer etwas zu kurz gekommen sind. Also mir wird nicht langweilig. Und ich bin mir sehr sicher, dass ich diese neue Phase genießen kann, unabhängig davon, dass mir diese Tätigkeit fehlen und vor allem der Kontakt zu meinen Kolleginnen und Kollegen fehlen wird.

Wie hält man so lange in einer Führungsposition durch?

Für mich war immer wichtig, das, was ich beeinflussen kann, aktiv zu beeinflussen. Und das, was ich nicht beeinflussen kann, zu akzeptieren und als Rahmenbedingung anzunehmen – nicht unnötig Kraft einzusetzen für Dinge, die ich nicht verändern kann. Und ich habe sehr gute Erfahrungen damit gemacht, bei Dingen, die man umsetzen will, die Menschen frühzeitig mitzunehmen. Also zu erklären, warum ich das jetzt mache, was der tiefere Sinn ist. Aber dann auch Verantwortung zu übertragen und zu sagen, okay, lasst uns mal gemeinsam überlegen, wie wir dieses Projekt jetzt auf die Schiene setzen. Da werden dann ganz viele Kreativitätspotenziale frei.

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