Ortenau

Warum in der Ortenau mehr Winzergenossenschaften fusionieren

Autor: 
Dominik Kaltenbrunn
Lesezeit 8 Minuten
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13. Oktober 2018

(Bild 1/3) ©Hubert Grimmig

Die Wein-Experten Ansgar Horsthemke und Jürgen Oberhofer äußern sich zu den Ursachen von Winzergenossenschafts-Fusionen.  Wichtig dabei sei etwa die Miteinbeziehung der Genossenschaftsmitglieder. 

Warum sind in der Ortenau 75 Prozent der Winzer genossenschaftlich organisiert? In Rheinhessen, dem größten deutschen Weinanbaugebiet, gibt es fast keine Winzergenossenschaften.

Ansgar Horsthemke: Das ist nicht nur ein Kennzeichen für die Ortenau, sondern in ganz  Baden-Württemberg sind viele Winzer genossenschaftlich strukturiert. Das hängt mit der historischen Entwicklung zusammen. Speziell in der Ortenau gab es von alters her eine sehr kleinteilig organisierte Landwirtschaft, Stichwort Realteilungsgebiet. Dadurch entstanden Betriebsgrößen, die einfach nicht in der Lage waren, als Marktpartner mit größeren Mengen aufzutreten. Sie konnten kein entsprechendes finanzielles Polster und eine entsprechende Betriebsausstattung vorhalten. Da entstand dann der Zwang, sich zusammenzuschließen. Winzergenossenschaften gibt es seit etwa 150 Jahren, die parallel zu vielen anderen Genossenschaften in anderen Sektoren entstanden sind. Das hat bis heute dazu geführt, dass Baden-Württemberg das Bundesland mit der höchsten Dichte an Winzergenossenschaften ist, die dort etwa 70 bis 75% der Weinbaufläche repräsentieren und die entsprechenden Mengen vermarkten.

Warum fusionieren in den letzten Jahren immer mehr Winzergenossenschaften in der Ortenau?

Jürgen Oberhofer: Wir in der Pfalz haben die Fusionen von Winzergenossenschaften seit etwa der Jahrtausendwende schon weitestgehend hinter uns. Ein wesentlicher  Grund für die Fusionen sind Kostendegressionseffekte. In der Landwirtschaft hat sich generell ein extremer Strukturwandel vollzogen. Die kleinen Betriebe mit zehn Milchkühen sind nahezu alle  verschwunden. Es gibt fast nur noch größere Betriebe mit 70, 80  oder hundert Milchkühen. Das Gleiche haben wir im Prinzip bei den Winzergenossenschaften auch. Eine zu kleine Winzergenossenschaft hat einfach zu hohe Fixkosten. Und das nicht nur in Form von Materialien, also Geräten und Maschinen, sondern auch in Form von Personal, Verwaltung etc. In diesen Bereichen sind deutliche Kostendegressionseffekte erforderlich. Der wirtschaftliche Druck ist aus meiner Sichtweise der Hauptgrund für die Fusionen.

Ansagar Horsthemke: Die Fusionen sind kein Phänomen der letzten Jahre. Oft gehen Kooperationen den Fusionen voraus. Nehmen sie als Beispiel die Winzergenossenschaften (WGs) Hex vom Dasenstein und Oberkirch, die seit Jahren in Form einer Kooperation zusammenarbeiten. Nach den Analysen des Baden-Württembergischen Genossenschaftsverbands (BWGV) sind Gründe für Fusionen immer Marktzwänge oder auch eine Ergänzung von Sortimenten, damit man  besser am Markt auftreten kann, breiter aufgestellt ist. Wenn Winzergenossenschaften durch ihre Betriebsgröße an Grenzen stoßen, dann können sie die nächste Kostendegressionsstufe nur in größeren Einheiten erreichen. Da die Rebanbaufläche nun mal immer beschränkt ist, vergrößern sich die Winzergenossenschaften strukturell, etwa durch Fusionen, aber auch durch Teilbereichsauslagerungen oder Kooperationen.

Geht durch Fusionen nicht die Kundennähe vor Ort  verloren?

Oberhofer: Fusionen müssen nicht zwangsläufig auf Kosten der Kundennähe gehen. Die Winzergenossenschaften können trotz der Fusionen die lokalen Verkaufsstellen offen lassen. Das ist eher eine Frage der geschickten Gestaltung. Ob im Hintergrund zwei Geschäftsführer sitzen und ein oder zwei EDV-Mitarbeiter, das interessiert den Kunden vor Ort wenig. Eine kleine Genossenschaft, die alles selbst macht und einem extremen Kostenzwang unterliegt und dadurch den Verkauf nicht mehr optisch schön und zeitgemäß gestalten kann, die hat sicherlich weniger Kundennähe als eine WG, bei der die Verwaltung im Nachbarort sitzt und modern ist. Das merkt der Kunde im Endeffekt gar nicht. Die Kundennähe ist für mich nur eine Frage der Umsetzung und nicht der Fusionen. Kundennähe ist wichtiger denn je. Lokal einzukaufen ist momentan in Mode. Daher muss bei Fusionen darauf geachtet werden, dass lokale Verkaufsstellen erhalten bleiben. Das ist wichtig für die Kundenbeziehung.

Sind Fusionen das richtige Mittel, um den Marktzwängen zu begegnen?

Hosthemke: Ich möchte nicht den Fusionen das Wort reden. Das wurde vielleicht in den 1960er, 1970er Jahren gemacht. Wir sagen eher, dass das, was die Genossenschaften betriebswirtschaftlich, organisationsmäßig, strukturell weiterbringt, das Mittel der Wahl ist. Die Fusion ist eigentlich die letzte Form. Es gibt zuvor Kooperationen, und es gibt das Verbunddenken. Durch Zusammenschlüsse kann man etwa den Einkauf, die Marktbearbeitung oder das Marketing gemeinsam organisieren. Da gibt es verschiedene Formen und Ebenen der Zusammenarbeit. Das geht von losen Verbünden bis hin zur Aufgabe der rechtlichen Selbstständigkeit eines Partners. Das macht die Vielfalt aus, und das ist wichtig und unterstützen wir auch als Genossenschaftsverband.

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Können Fusionen auch Nachteile mit sich bringen?

Oberhofer: Probleme, die bei einer Fusion zu lösen sind, sehe ich auf der emotional-menschlichen Ebene. Wo viele Menschen zusammenkommen, wie es bei einer Genossenschaft der Fall ist, da gibt es unterschiedliche Ansichten und Meinungen. Wenn zwei WGs fusionieren, müssen sie wirklich zusammenwachsen. Wenn es da interne Widerstände von den Mitgliedern gibt, etwa Konkurrenz zwischen Nachbardörfern, dann ist das für mich das Hauptproblem. Davon hängt es maßgeblich ab, ob eine Fusion gelingt oder nicht. Eine Fusion darf keine Zwangsehe sein, sondern es muss eine Liebesheirat sein. Die Mitglieder müssen das von Herzen wollen, und nicht nur aus Zwang zustimmen.

Hosrsthemke: Es ist unsere  Aufgabe als Genossenschaftsverband, dass bei Fusionen auch die Mitglieder mitgenommen werden. Wichtig ist, dass die Fusion nicht nur ein rechtlicher Akt ist, sondern dass auch die Themen Unternehmenskultur, Zusammenführung von zwei bisher selbstständigen Unternehmen, Zusammenführung von Kundenstämmen, Abgabekanäle, Verkaufskanäle bearbeitet werden. Genau so auch die Zusammenlegung von zwei unterschiedlichen Mitgliedergruppen. Da kann es positive wie negative Entwicklungen geben. Wir als BWGV legen schon im Vorfeld einer Fusion wert darauf, diese Dinge mit einzubringen und den gesamten Prozess dann auch zu begleiten. Die Mitglieder müssen ausreichend informiert werden, damit sie den Mehrwert und den Vorteil einer Fusion verstehen und den Zusammenschluss dann mittragen und mitgehen. Wenn die Vorbereitung gut war, dann wird eine Fusion in den seltensten Fällen abgelehnt. Wenn Fusionsgespräche geführt werden und schon zu Beginn der Verhandlungen scheitern, taucht das aber oftmals nicht in den öffentlichen Statistiken auf.

Wird der Wein mit den Fusionen nicht zur Massenware mit  geringerer individueller Qualität?

Oberhofer: Ganz im Gegenteil, es bestehen sogar Chancen, dass die Weinqualität steigt. Ein größerer Betrieb kann sich etwa teurere moderne Geräte oder besseres Fachwissen einkaufen. Man denkt ja oft, auch in der Landwirtschaft, klein ist gleich gut, aber das ist bei Winzergenossenschaften nicht der Fall. Häufig gilt: Desto größer, desto professioneller, desto besser hat man die ganze Produktionskette im Griff. 

Bleiben die Kellermeister der einzelnen Betriebe trotz Fusionen im Amt?

Oberhofer: Das hängt vom Einzelfall ab. Wenn es dann mehrere Kellermeister pro Winzergenossenschaft gibt, und die sich gegenseitig austauschen können, kann das ein Vorteil sein.  Bei Problemfällen, etwa wenn ein Wein nicht richtig gärt, kann der Kollege dann sein Fachwissen miteinbringen und zu einer Lösung beitragen. Außerdem bleibt die individuelle Note und Stilistik der Weine einer kleinen Winzergenossenschaft so durch die Kellermeister trotz Fusion erhalten.
Gibt es Beispiele für WGs, die selbständig  bleiben und damit Erfolg haben?

Hosrthemke: Fusionen sind nicht der alleinige heilbringende Weg. Es gibt Beispiele von WGs, die genau diesen Weg nicht gehen. Wenn sich WGs eine Marktnische erarbeitet haben, in der sie erfolgreich sind, dann können diese durchaus bewusst kleine Betriebe bleiben. Das macht für die WGs dann Sinn. Hocherfolgreich ist etwa am Kaiserstuhl bei Freiburg die WG Sasbach. Das ist ein Unternehmen, das für sich entschieden hat, den Weg des Größenwachstums nicht mitzugehen. Die WG Sasbach hat sich Nischen in der Gastronomie, dem Einzelhandel und dem Privatkundengeschäft erarbeitet. Das funktioniert gut. Ein anderes Beispiel ist der Winzerverein auf der Insel Reichenau. Dort werden nur 14-16 Hektar Rebfläche verarbeitet. Mit dem touristischen Ziel Weltkulturerbe kann der Winzerverein seine Weine aber erstklassig vermarkten.  Eine Fusion käme unter diesen Umständen für den Winzerverein auf der Insel Reichenau niemals in Frage.

Gibt es Beispiele für WGs, die selbständig  bleiben?

Horsthemke: Fusionen sind nicht der alleinige heilbringende Weg. Es gibt Beispiele von WGs, die genau diesen Weg nicht gehen. Wenn sich WGs eine Marktnische erarbeitet haben, in der sie erfolgreich sind, dann können diese durchaus bewusst kleine Betriebe bleiben. Das macht für die WGs dann Sinn. Hocherfolgreich ist etwa am Kaiserstuhl bei Freiburg die WG Sasbach. Das ist ein Unternehmen, das für sich entschieden hat, den Weg des Größenwachstums nicht mitzugehen. Die WG Sasbach hat sich Nischen in der Gastronomie, dem Einzelhandel und dem Privatkundengeschäft erarbeitet. Das funktioniert gut. Ein anderes Beispiel ist der Winzerverein auf der Insel Reichenau, der seine Weine durch den  Weltkulturerbe-Tourismus erstklassig vermarkten kann.

Hintergrund

Weinmanufaktur Gengenbach-Offenburg

Die Weinmanufaktur Gengenbach-Offenburg ist eine Winzergenossenschaft, die in ihrer Firmengeschichte bereits mehrfach mit kleineren Winzergenossenschaften fusionierte (siehe Chronik). Ihr Geschäftsführer, Christian Gehring, nennt sich verändernde Marktentwicklungen als Ursache für die zunehmenden Fusionen in der Ortenau.

»Für unser Haus gesprochen war es die Erkenntnis, dass eine zunehmende Professionalisierung notwendig wird um auf dem Markt bestehen zu können«, sagt Gehring. Zum einen würden dabei die sich schnell verändernden Marktbedingungen eine Rolle spielen, zum anderen aber auch die zunehmende Bürokratisierung, welche insbesondere kleinen Betrieben immer mehr Sorgen bereiten würden. Als aktuelles Beispiel nennt Gehring etwa die 2018 neu eingeführte Datenschutzgrundverordnung (DSGVO).

Die Fusionen in den vergangenen zwanzig Jahren seien für die Weinmanufaktur Gengenbach-Offenburg absolut vorteilhaft gewesen: »Wir haben uns gemeinsam einen Namen geschaffen, der über die Region hinaus für Qualität und Innovation steht. Dabei haben wir eine wirtschaftlich stabile Größe, die auch noch die notwendige Flexibilität möglich macht um schnell auf Entwicklungen reagieren zu können«, berichtet der Geschäftsführer. Hinter der genossenschaftlichen Idee stehe der Grundgedanke: Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele. Der Zusammenschluss der Winzer in einer Genossenschaft führe zu einer Bündelung der Kräfte, ebenso jetzt der Zusammenschluss einzelner Winzergenossenschaften, sagt Gehring. 

Eine Fusion berge wie jede unternehmerische Entscheidung Chancen und Risiken.  Diese werden durch die Geschäftsleitung abgewogen. Letzlich würden die  Genossenschafts-Mitglieder über eine Fusion entscheiden. Eine mangelnde Kundennähe durch die Fusionen kann Gehring nicht bestätigen. »Die Produktionskette beim Ortenauer Wein ist sehr transparent, die Weinbereitung findet innerhalb eines Radius von 20-30 Kilometern statt und die Weine sind entweder direkt beim Erzeuger oder im Handel um die Ecke erhältlich.

Bei einem Anteil ausländischer Weine am Weinkonsum von bereits über 50 Prozent bin ich der festen Überzeugung, dass im Vergleich zu der europäischen Konkurrenz alle Weinerzeuger aus der Ortenau eine maximale Kundennähe bieten, ob vor oder nach den durchgeführten und angedachten Verschmelzungen

Hintergrund

Oberkirch Winzer eG.

Die Oberkirch Winzer e.G. ist mit 481 Hektar und 510 Mitgliedswinzern die größte Winzergenossenschaft der Ortenau. Der geschäftsführende Vorstand, Markus Ell, hat mit der Mittelbadischen Presse über die Fusionspläne mit dem Winzerkeller Hex vom Dasenstein in Kappelrodeck und der Oberkircher Winzer e.G. (siehe Chronik) gesprochen. »Das oberste Ziel ist und bleibt die Existenzsicherung der Winzerbetriebe. Es geht darum, Ansätze für die Bündelung der Kräfte zu finden und Vorteile für Mitglieder und Kunden zu generieren«, sagt Ell. Grund für die zunehmenden Fusionen seien Kostensteigerungen und Marktzwänge. »Seit Jahren stagniert der Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland bei etwa 20,6 Litern Wein im Jahr. Der deutsche Wein hat dabei einen mengenmäßigen Marktanteil von 45 Prozent, der deutsche Weinmarkt ist also ein Importmarkt«, berichtet der Geschäftsführer.

Die Winzergenossenschaften würden sich in einem absoluten Verdrängungswettbewerb mit einem hohen Preisdruck aus dem Ausland befinden. Fusionen von Unternehmen seien zudem kein Phänomen der Weinbranche in der Ortenau, sondern im ganzen Bundesgebiet und vielen Branchen gängige Praxis. 

Der nun geplanten Fusion der Oberkircher Winzer e.G. mit dem Winzerkeller Hex vom Dasenstein in Kappelrodeck geht schon seit 2013 eine Kooperation in den Bereichen Abfüllung, Lager, Logistik und Vertrieb voraus. »Diese Kooperation funktioniert sehr gut und auf dem daraus entstandenen Vertrauen können wir gut aufbauen.

Vorteile entstehen durch die Optimierungen und Einsparungen durch eine leistungsfähigere und klarere Organisationsstruktur sowie durch Fixkostendegression«, bilanziert Ell die bisherige Zusammenarbeit der beiden Winzergenossenschaften. Trotz der geplanten Fusion soll der Weinausbau in den jeweiligen Betrieben erhalten bleiben, um den Weinen ihre Authentizität zu erhalten. Auch die beiden Kellermeister der zwei Winzergenossenschaften behalten ihre Funktionen, um die individuelle Note der einzelnen Weine weiterhin ausprägen zu können. 

 »Unsere Kunden können weiterhin ihren Wein genießen und beide Betriebe auch vor Ort erleben. Die Veranstaltungen wie auch die Vinotheken bleiben erhalten, die Veränderungen finden nur in den Organisationsabläufen statt«, berichtet der Geschäftsführer.

Überblick: Wann die Winzer in der Ortenau fusionierten

Entwicklungen bei den Fusionen der Winzergenossenschaften

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