Pfarrerin und Seelsorgerin berichten

Weihnachten im Epilepsiezentrum: "Das ist mehr als eine Stimmung"

Christiane Agüera Oliver
Lesezeit 6 Minuten
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25. Dezember 2021
Die beiden Seelsorgerinnen Barbara Seigner-Beyer (links) und Henriette Gilbert unterstützen die Patienten und Angehörigen im Epilepsizentrum auf vielfältige Weise.

Die beiden Seelsorgerinnen Barbara Seigner-Beyer (links) und Henriette Gilbert unterstützen die Patienten und Angehörigen im Epilepsizentrum auf vielfältige Weise. ©Iris Rothe

Auch im Epilepsiezentrum Kork ist Weihnachten eine besondere Zeit, davon berichten eine evangelische Pfarrrerin und eine katholische Seelsorgerin. „Leser helfen“ sammelt Spenden für das Zentrum.

Die Benefizaktion „Leser Helfen“ der Mittelbadischen Presse sammelt Spenden für die Kinder- und Jugendklinik des Epilepsiezentrums Kork. „Ich kenne Sie“ – so wird Henriette Gilbert von Patienten und Angehörigen im Epilepsiezentrum manchmal begrüßt, denn die evangelische Pfarrerin der gesamten Diakonie Kork kennen diese vom Foto im Flyer, der auf die Seelsorge aufmerksam macht. „Es zeigt mir, dass die Menschen offen für den Glauben sind und sie hoffen vielleicht sogar, dass man zufällig vorbeikommt“, so Henriette Gilbert. Noch nie habe sie erlebt, dass jemand die Türe zumache, „sie stehen immer offen, ganz gleich, welcher Religion sie angehören“.

Krankenkommunion wünschen eher die Erwachsenen

„Natürlich sind die Menschen hier ein Spiegel der Gesellschaft“, ergänzt die katholische Seelsorgerin Barbara Seigner-Beyer. Es käme weniger vor, dass sie aufgrund von Glaubensfragen angesprochen werde. Eher auf der Erwachsenenstation sind es Patienten, die eine Krankenkommunion wünschen. Diese werde dann direkt auf dem Zimmer gefeiert. „Da kann ich bei den Gebeten ganz auf die Situation meines Gegenübers eingehen und ermutige den Patienten das auszusprechen, was ihn bewegt“, beschreibt sie. Die Menschen dürften dabei ihre „ganzen“ Gefühle vor Gott äußern. „Wir dürfen Gott gegenüber auch zornig sein“, so Barbara Seigner-Beyer.

Die katholische Seelsorgerin geht über die Stationen, stellt sich vor und kommt oft ins Gespräch. „Manchmal sprechen wir über die aktuelle Situation, wie der Alltag gemeistert wird und was als Nächstes ansteht.“ Ihr ist es wichtig, dass die Menschen wissen, „da ist jemand, der mir zuhört und wenn ein Tiefpunkt kommt, kann ich mich an jemanden wenden“.
Immer wieder würden sich Eltern melden und um ein längeres Gespräch bitten. Dafür steht dann ein Büro zur Verfügung, das einen „geschützten Rahmen“ im Gegensatz zum Zimmer auf der Station biete. „Hier darf alles sein, es dürfen Tränen fließen, Wut und Verzweiflung ausgesprochen werden“, unterstreicht Seigner-Beyer.

Andachten feiern

Auch Henriette Gilbert geht auf die Kinder mit ihren Eltern zu, hin zu den Erwachsenen oder den Angehörigen und Menschen mit schwersten und mehrfachen Behinderungen. „Die Themen geben meine Gesprächspartner vor.“ Sie bastelt mit den Kindern oder Eltern, feiert, wie die katholische Seelsorgerin, Andachten auf den Stationen, „und manchmal sitze ich plötzlich auf dem Boden und spiele einfach mit einem Kind, lache und freue mich mit ihm“.

"Eine ganz besondere Zeit"

Für beide Seelsorgerinnen ist die Weihnachtszeit eine ganz besondere. „Die Jahreszeiten spielen im Krankenhaus und in den Gesprächen immer eine Rolle – im Sommer denkt man an den Urlaub, ans Meer, im Winter eben an Weihnachten“, schmunzelt Henriette Gilbert. Es gibt Patienten, die dankbar sind, gerade in der Weihnachtszeit in der Klinik zu sein, denn daheim wären sie alleine. Hier wird geschmückt und sie sehen einen Weihnachtsbaum“, wird sie gleich wieder ernst. Viele würden aber lieber „einfach nach Hause“, gerade auch die Eltern, die noch andere Kinder haben.

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Beide bieten gemeinsame Aktionen in der Kinderklinik an. Im Foyer hängt ein Sternenband, auf das alle ihre Wünsche, Träume und Hoffnungen schreiben können. Die Stationen sind liebevoll von Schwestern und Pädagogen geschmückt. Der Besuch des Nikolauses auf den Stationen kam gut an, „da strahlten selbst die Jugendlichen und Mitarbeiter“, so Gilbert. In diesem Jahr schlüpfte Barbara Seigner-Beyer selbst in den Nikolausmantel und besuchte die Stationen für Menschen mit Behinderung. „Ich war wohl der schrägste Nikolaus aller Zeiten. Mitra und Bart sind mir ständig runtergefallen“, lacht sie.

Rituale am 23. Dezember

Der gemeinsame Besuch in der gesamten Klinik mit einem Christbaum, an den jeder etwas hängen darf, gehört am 23. Dezember ebenso zu den Weihnachtsritualen. „Ich spüre eine große Freude“, beschreibt Barbara Seigner-Beyer. „Weihnachten ist mehr als eine Stimmung“, findet Henriette Gilbert. „Es ist das Wissen, dass sich unser Gott als Mensch auf Heu und auf Stroh legt – auf den Fußboden – uns zu Füßen. Wir brauchen den Kopf nicht in den Himmel heben – er schaut uns von unten an – er schaut alle an, ganz gleich, ob wir den Kopf heben können oder nicht. Manchmal erzähle ich davon.“

Die Gespräche, nicht nur zu Weihnachten, sind beiden Seelsorgerinnen sehr wichtig. „Zuerst einmal bin ich oft Empfangende. Ich habe so viele Gespräche im Kopf und im Herzen, in denen ich von den Eltern so viel gelernt habe. Es gibt Menschen, die haben ein Schicksal, das man sich kaum vorstellen kann. Und trotzdem sehen sie noch das Positive, können lachen und anderen Mut machen. Diese Eltern bewundere ich zutiefst und sie haben meinen ganzen Respekt“, sagt Barbara Seigner-Beyer.

Momente der Verzweiflung

Es würde auch Situationen geben, in denen die Patienten oder Eltern einfach nur verzweifelt sind und alleine sein möchten. Andere würden Kontakt suchen. Dann gelte es „einfach da zu sein und einen Raum zu geben, in dem alles Platz hat“.

Es dürfe ausgesprochen werden, was sonst keiner hören soll. „Nämlich, dass es ihnen so schwer fällt, dieses Kind, wie es jetzt ist, anzunehmen. Oder Geschwisterkinder, dass sie eine Wut auf das Kind haben, das immer die ganze Aufmerksamkeit bekommt. Oder einfach mal sagen können: Ich habe einfach keine Kraft mehr. Oder: Ich habe eine solche Wut!“, beschreibt die katholische Seelsorgerin und findet es wichtig, in solchen Momenten nicht mit „dem lieben Gott“ zu kommen. „Da hätte ich das Gefühl, mein Gegenüber nicht ernst zu nehmen.“

Das Schweigen aushalten

Das Wichtigste sei einfach da zu sein und einander anzuschauen. „Mit dem Blick, dass der andere auch ein Geschöpf Gottes ist – wertgeachtet ist und unter Gottes Segen steht“, findet Henriette Gilbert. Manches Mal sei es aber auch einfach ein gemeinsames Aushalten von Schweigen, weil es keine Antwort auf die Frage des Warums gebe.
„Und immer wieder merke ich, wie gerne ich meine Arbeit mache“, unterstreicht Barbara Seigner-Beyer und Henriette Gilbert stimmt dem lächelnd zu.

Info

"Leser helfen": Dafür sammeln wir

◼ für ein neues Therapiepferd für die Hippotherapie,
◼ einen mobilen Snoezelen-Wagen (Snoezelen ist eine Entspannungsmethode aus den Niederlanden),
◼ die erstmalige Anschaffung digitaler Aufklärungsmittel wie ­Videos für Betroffene und Angehörige,
◼ und die Existenz­sicherung der einzigen Epilepsieberatungsstelle in Baden-Württemberg.

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