Benefizaktion "Leser helfen"

Wie Geschwistern krebskranker Kinder im Elternhaus geholfen wird

Autor: 
Viktoria Hof
Lesezeit 4 Minuten
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16. November 2019
Unbeschwertes Spielen, selbst auch mal im Mittelpunkt stehen, lachen: All das ist für Geschwister von krebskranken Kindern plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Im Elternhaus bekommt Luise (5) Aufmerksamkeit.

(Bild 1/2) Unbeschwertes Spielen, selbst auch mal im Mittelpunkt stehen, lachen: All das ist für Geschwister von krebskranken Kindern plötzlich nicht mehr selbstverständlich. Im Elternhaus bekommt Luise (5) Aufmerksamkeit. ©Förderverein für krebskranke Kinder

Im Freiburger Elternhaus kümmert man sich auch um die Geschwister krebskranker Kinder. Denn diese leiden meist stark unter der schwierigen Situation. „Leser helfen“ sammelt für den Neubau des Elternhauses, in dem es auch wieder eine Geschwisterspielstube geben wird.

Bücher, Bauklötze, selbstgemalte Bilder: Auf den ersten Blick handelt es sich bei der Geschwisterspielstube „Regenbogen“ um einen Kindergarten wie viele andere. Doch wer genauer hinsieht, erkennt: In der Geschwisterspielstube „Regenbogen“ im Freiburger Elternhaus ist man auf die Bedürfnisse von Kindern eingestellt, die unter extremer Belastung stehen. Hier spielen gesunde Geschwister von schwerstkranken Kindern. Vom Playmobil-Krankenhaus mit MRT-Gerät, über den Arztkoffer und den Infusionsständer bis hin zu Verkleidungskoffern und therapeutischen Handspielpuppen – in der Geschwisterspielstube versucht man, die Kinder aufzufangen und altersgemäß aufzuarbeiten, was sie so früh in ihrem Leben schon aushalten müssen. 

„Vielfältig und intensiv“

Die lebensbedrohliche Erkrankung und der lange Aufenthalt auf der Kinderkrebsstation stellt nämlich nicht nur für Eltern sondern auch für die Geschwister des kranken Kindes eine schwere Belastung dar. „Während sich die Sorge der Eltern zuerst auf das kranke Kind richtet, müssen die Geschwister notgedrungen mit weniger elterlicher Zuwendung zurechtkommen, obwohl auch sie gerade jetzt noch mehr Unterstützung und Verständnis bräuchten“, bringt es Sozialpädagogin Annetta Haigis auf den Punkt. 

Die auch als „Schattenkinder“ bezeichneten Geschwister fühlten sich häufig vernachlässigt und reagierten mit psychosomatischen Störungen. „Die extremen Belastungen sollte ein Kind nicht alleine bewältigen müssen“, so Haigis. Das ganze Jahr über werden Kinder und Jugendliche aller Altersstufen – vom vier Wochen alten Säugling bis etwa zum 16-Jährigen – von zwei Sozialarbeiterinnen/-pädagoginnen und einer Heilpädagogin sowie einer „Bufdeline“ nicht nur betreut. Vielmehr versucht man bewusst, die Kinder aufzufangen, ihnen Stabilität und Zuwendung zu geben. Verhaltensbeobachtungen durch Rollenspiele sowie intensive Einzelbetreuungen sollen helfen, die seelischen Nöte der gesunden Geschwister möglichst frühzeitig zu erkennen und pädagogisch gezielt aufzuarbeiten. 

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In Gesprächen werden Eltern für die Situation der gesunden Geschwister sensibilisiert, und ihnen ermöglicht, den Zusammenhang zwischen der schweren Erkrankung des einen und dem veränderten Verhalten der anderen Kinder zu verstehen. „Jedes Gefühl ist bei uns okay“, sagt Haigis. „Die Kinder sollen hier einen Ort vorfinden, wo sie sich wohlfühlen und alle Gefühle zulassen können.“ Und die Gefühle der Kinder sind vielfältig und intensiv. „Hier darf geweint und alles ausgesprochen werden“, erklärt Haigis. „Hier darf man auch laut lachen, schreien, fröhlich oder wütend sein.“ 

Die Pädagoginnen haben es auch viel mit Wut und Aggression zu tun. Denn viele Kinder haben unterschwellig auch Gefühle wie Eifersucht gegenüber ihren kranken Geschwistern, die alle Aufmerksamkeit der Eltern auf sich ziehen. Erfahrungsgemäß nähmen die Kinder außerdem viel Rücksicht auf ihre Eltern. Umso wichtiger sei es, dass sie in der Geschwisterspielstube keine Rolle einnehmen müssten. „Wir haben hier meistens eine Einzelbetreuung der Kinder, und es entwickelt sich schnell eine sehr enge Bindung“, berichtet Haigis. Schließlich sei das Team für die Kinder über Wochen und Monate hinweg eine Art Mama-und-Papa-Ersatz. „Der Kontakt hält oft noch jahrelang an, einige Kinder rufen uns regelmäßig an oder besuchen uns, auch wenn das Geschwisterchen längst wieder gesund ist“, erzählt die Pädagogin. 

„Nicht immer reden“

Auch die älteren Kinder und Jugendlichen sollen im Elternhaus auf ihre Kosten kommen. Nachmittags können sie in der Geschwisterspielstube Hausaufgaben machen. Einige Schulkinder werden für die Zeit der Krebsbehandlung ihres Geschwisterchens in Freiburg eingeschult und müssen mit einem völlig veränderten Schulalltag, ohne Freunde oder das alte Zuhause zurechtkommen. Keine leichte Situation. Mit den Jugendlichen kommen die Pädagoginnen beispielsweise übers Billiardspielen oder den Tischkicker schnell in Kontakt. Und es kommt auch vor, dass man gemeinsam ins Kino oder einfach zum Shoppen in die Stadt geht. 

Mit den Geschwisterkindern wird allgemein viel über Kunst- und Spieltherapie aufgearbeitet. „Man muss nicht  immer reden“, sagt Haigis. Viel gehe von den Kindern aus. „Es kommt vor, dass sie eine Beerdigung nachspielen, Fotos vom Himmel malen oder Fragen zum Thema Tod haben“. Manche Kinder verhalten sich laut Haigis irgendwann auffällig oder verändern sich. Zum Beispiel beißen sie sich oder andere, hören auf zu sprechen, nässen wieder ein oder entwickeln Verlust-ängste. Manche Kinder seien auch extrem angepasst und introvertiert. „Da muss man genau hinsehen“, weiß Haigis. „Manchmal holt es diese Kinder nach überstandener Krankheit des Geschwisterchens plötzlich ein.“
Wenn Eltern fragen, wie viel die Kinder erfahren sollen und ertragen könnten, raten Haigis und ihre Kolleginnen immer zu Ehrlichkeit. „Nichts ist für Kinder schlimmer, als wenn die Krankheit des Geschwisterchens ein Tabuthema ist“, so Haigis. „Kinder haben so feine Antennen. Wenn sie keine Antworten auf ihre Fragen bekommen, setzt bei ihnen die Fantasie ein. Und die ist oft schlimmer, als die Realität“, weiß Haigis.

Hintergrund

Bereits 14.158 Euro gespendet

Leser helfen, die Weihnachtsaktion der Mittelbadischen Presse, nennt – wenn nicht anders vermerkt – jeden Spender.

Joachim Panduritsch, Eva-Maria Ritter, Theresia Baumann, Rudolf und Lieselotte Schmidt, Gerhard und Erika Heitzmann, Meinrad und Annerose Pfeffer, Elke Gebert, Sabine Hasler, Cornelia Lang, Tina Bohn, Christa Schmider, Karin Nassall, Erich Nelissen, Gaby Rund (Rheinau), Bruno Neininger, Anna Luise Dürrholder, Gerd-Jochen Walgarth, Marina Dobschat-Kühnel und Wolfgang Kühnel, Christel Huber-Fröhlich, Ingrid Ott, Gislinde Keller, Petra Kärcher, Ralph und Petra Schillinger, Christiane Kranz, Thomas und Karin Armbruster, Karin Hacker (Oberkirch), Fritz Urbach und Xenia Von Schäzler-Urbach, Jürgen Hauser, Rita Spinner, Rochus Mayer, Hubert und Irmgard Huber (Ortenberg), Dietmar Gebauer und Veronika Flassig (Oberharmersbach), Beate Gebhard-Wurz und Matthias Wurz, Helmut Spraul, Anna Schamm, Wolfgang und Angelika Gutmann, Jenny Zimmermann, Hans und Brigitte Neubauer (Offenburg), Gisela Schilling, Antonia Kaufmann, Günter und Martina Boschert, Johann und Ilse Schneider, Lioba Schmider, Hubert Siefert, Birgitt und Lorenz Gutmann, Marianne Restle (Berghaupten), Gisela und Herbert Nietsche, Erna Klehenz, Helga Aberle, Karin Paul, Willfried und Renate Walter, Wolfgang Schlosser, Ingeborg und Georg Conrad, Ottmar Jehle, Otmar und Daniela Spinner, Kurt und Gertrud Siehl, Dorothea Schwanke, Franz und Helga Semling, Thomas und Beate Emminger, Sandra Berger (Oberharmersbach), Helga Maus, Bernd und Beate Schwenk, Emil und Inge Heinzelmann, Eduard Pieczyk, Konrad Schott, Barbara Wust, Manfred Sauer, Bernd Worner und Maike Steffen, Ingeborg Rudolf-Hausner, Michel Industrieservice GmbH (Offenburg), Klaus und Brigitte Ritter, Dr. Bernd Geisler, Helena Moser, Anna Stockinger , Jakob Schechter (Durbach), Elke Sum (Offenburg).

Spendenbescheinigungen verschickt der Förderverein ab 200 Euro, sofern die komplette Anschrift vermerkt ist. Unter 200 Euro reicht beim Finanzamt der Kontoauszug oder der Einzahlungsbeleg.

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