Nachrichten
Dossier: 

Impfkommission: Astrazeneca weiter nur für Ältere

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
08. April 2021
Der Corona-Impfstoff Astrazeneca soll in Deutschland nur an Menschen ab 60 verimpft werden. Foto: Matthias Bein/dpa-Zentralbild/dpa

Der Corona-Impfstoff Astrazeneca soll in Deutschland nur an Menschen ab 60 verimpft werden. Foto: Matthias Bein/dpa-Zentralbild/dpa ©Foto: dpa

Der Nutzen ist höher zu bewerten als das Risiko - das sagt die EU-Arzneimittelbehörde zu Astrazeneca. Doch Deutschland lässt weiterhin lieber Vorsicht walten. Wie machen es die anderen EU-Länder?

Berlin/Brüssel - Trotz der Entscheidung der EU-Arzneimittelbehörde EMA zur uneingeschränkten Anwendung von Astrazeneca wird der Corona-Impfstoff in manchen Länder weiter nur älteren Bürgern geimpft - auch in Deutschland.

Was die EMA gemacht habe, könne man mit Sicherheit rechtfertigen, sagte der Infektionsimmunologe Christian Bogdan bei einer Online-Diskussion des Science Media Centers gestern Abend. "Aber das, was die Stiko gemacht hat, kann man sicherlich genauso rechtfertigen", meinte Bogdan, der Mitglied in der Ständigen Impfkommission (Stiko) ist.

Die Stiko hatte den Astrazeneca-Impfstoff zuletzt erst ab 60 Jahren empfohlen. Grund war unter anderem das Auftreten von Hirnvenenthrombosen bei 1 bis 2 unter 100.000 geimpften jüngeren Frauen in Deutschland. Es gab auch wenige Fälle bei Männern in Deutschland - jedoch wurden bisher bundesweit 2,5 Mal mehr Frauen das erste Mal mit Astrazeneca geimpft. Bogdan sagte, die EMA-Entscheidung werde sicher ein Thema in einer der nächsten Stiko-Sitzungen werden.

EU-Gesundheitskommissarin Stelle Kyriakides rief die EU-Staaten bei einer Videokonferenz der nationalen Gesundheitsminister am Mittwochabend zu einem abgestimmten Vorgehen auf, um das öffentliche Vertrauen zu stärken. "Unsere Entscheidungen sollten nun auf der wissenschaftlichen Arbeit der EMA beruhen, und einer gründlichen, fortlaufenden Bewertungen der Risiken und Vorteile." Auch der portugiesische Vorsitz der EU-Staaten forderte die Mitgliedsstaaten zu einer möglichst abgestimmten Position auf. Portugals Gesundheitsministerin Marta Temido sagte: "Das ist eine technische Entscheidung. Es ist keine politische Entscheidung." Man dürfe nicht vergessen, dass einzelne Entscheidungen sich auf alle auswirkten.

In den ersten Ländern wurden nach der EMA-Mitteilung von gestern Nachmittag bereits Entscheidungen zur weiteren Verwendung des Astrazeneca-Präparats getroffen. Italien änderte seine Richtlinien - Astrazeneca wird nun wie in Deutschland nur noch für über 60-Jährige empfohlen. Das gab der Präsident des obersten Gesundheitsinstituts (CTS), Franco Locatelli bekannt. In Österreich sprach sich das nationale Impfgremium dafür aus, der EMA-Empfehlung zu folgen.

Unterdessen zeigte sich der Virologe Hendrik Streeck überrascht über die Empfehlung der Stiko, Menschen in Deutschland nach einer Impfung mit Astrazeneca eine Zweitimpfung mit Biontech oder Moderna anzubieten. "Da sind die klinischen Studien noch nicht gelaufen. Ich hielte es für notwendig, sich an die Regeln zu halten und abzuwarten, ob die Studien erfolgreich sind", sagte er der "Fuldaer Zeitung" (Donnerstag). Er halte es aber für eine "nachvollziehbare" Entscheidung, Astrazeneca bei Menschen unter 60 Jahren nicht mehr zu impfen - auch wenn der Impfstoff an sich gut und sicher sei.

- Anzeige -

Die Stiko hatte empfohlen, dass Menschen unter 60 Jahren, die bereits eine erste Corona-Impfung mit dem Präparat von Astrazeneca erhalten haben, bei der zweiten Impfung auf ein anderes Mittel umsteigen sollen. Experten vermuten, dass das sehr geringe Risiko einer Hirnvenenthrombose jüngere Menschen betrifft. Die Stiko riet, als zweite Dosis einen mRNA-Impfstoff zu verabreichen. In Deutschland sind die mRNA-Impfstoffe von Biontech/Pfizer und Moderna zugelassen.

Bereits gestern wollte Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) mit seinen Länderkollegen eigentlich auch über die Zweitimpfungen für junge Leute beraten, die mit dem Wirkstoff von Astrazeneca geimpft wurden. Über ein Ergebnis wurde aber zunächt nichts bekannt.

Der Vorsitzende der Stiko, Thomas Mertens, sagte der "Rheinischen Post" (Donnerstag) zu der Empfehlung zur Zweitimpfung: "Der Schutz gegen Covid-19 nimmt bei einmaliger Astrazeneca-Impfung nach gewisser Zeit ab." Mertens meinte, dass es bei einer Zweitimpfung mit einem anderen Impfstoff sogar zu einer besseren Schutzwirkung kommen könne.

Die EU-Arzneimittelbehörde EMA empfahl gestern uneingeschränkt die Anwendung von Astrazeneca. Der Nutzen sei höher zu bewerten als die Risiken, erklärte die EMA in Amsterdam. Die britische Impfkommission änderte dagegen ihre Empfehlung: Das Präparat soll künftig möglichst nur noch über 30-Jährigen verabreicht werden.

Stiko-Chef Mertens sagte zudem der "Augsburger Allgemeinen", dass die Stiko und das Robert Koch-Institut Vorschläge prüfen wollten, für eine größere Anzahl an Erstimpfungen den Abstand zur Zweitimpfung bei Mitteln von Biontech und Moderna zu verlängern. "Stiko und RKI beschäftigen sich intensiv auch mit dieser Frage und wollen zu einer wissenschaftlich begründbaren Stellungnahme kommen."

Der Virologe Klaus Überla, der ebenfalls der Stiko angehört, zeigte sich allerdings skeptisch. "Hinweise auf eine nachlassende Wirksamkeit beginnend sechs Wochen nach einer Biontech mRNA Immunisierung sprechen aus meiner Sicht gegen diesen Vorschlag", sagte er der "Augsburger Allgemeinen". Die Stiko empfahl zuletzt einen Abstand von sechs Wochen bei Biontech und Moderna für die Zweitimpfung. Der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach und andere Wissenschaftler hatten am Osterwochenende einen Kurswechsel hin zu möglichst vielen kurzfristigen Erstimpfungen gefordert.

© dpa-infocom, dpa:210408-99-121667/2

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

Viele Deutschtürken sind Unternehmer und hängen konservativen Werten an.
13.04.2021
Vor der Bundestagswahl
Ginge es lediglich darum, Wähler türkischer Abstammung für sich zu gewinnen, könnten die deutschen Christdemokraten gelassen in die Zukunft blicken. Von der SPD wollen die Nachkommen der Gastarbeiter hingegen kaum noch etwas wissen.
Karlsruher Richter haben den europäischen Einigungsprozess in mehreren Entscheidungen begleitet.
12.04.2021
Europäpolitik
Die EU hat bis anhin keine Verschuldungs- oder Besteuerungskompetenz. Schon länger wird aber darüber diskutiert, ob eine europäische Fiskalpolitik den am stärksten von einer Krise betroffenen Mitgliedstaaten Unterstützung gewähren soll.
12.04.2021
Nachrichten
Das CDU-Präsidium hat sich einmütig hinter eine Kanzlerkandidatur von Parteichef Armin Laschet gestellt. Das bestätigte der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier am Montag nach einer Sitzung des Präsidiums in Berlin.
Es ist ein Missverständnis, dass Professoren medizinischer Fakultäten dazu berufen sein sollten, das große Ganze zu überblicken und zu dirigieren.
09.04.2021
Corona-Pandemie
Wissenschaftler dürfen nicht die Corona-Politik bestimmen. Aus der Laborperspektive sieht man die Welt anders.
Wohin mit den Kälbern, die als „Nebenprodukt“ der hochgepushten Milchindustrie anfallen?
08.04.2021
Tiertransporte in der Kritik
Nutztiere werden in der EU unter qualvollen Bedingungen kreuz und quer durch alle Länder transportiert. Damit muss endlich Schluss sein.
Zwingen, überzeugen oder Anreize setzen: Wie schafft es die Politik, dass sich möglichst viele Menschen impfen lassen?
06.04.2021
Corona-Pandemie
Noch wartet man sehnlichst auf genügend Impfstoffe. Sind diese einmal ausreichend vorhanden, wird sich die Frage stellen: Wie gehen wir mit Skeptikern um? Drei mögliche Wege.
Die sprichwörtliche deutsche Gründlichkeit neigt zur Übertreibung, womit sie von einer Tugend in das Laster der Bürokratie umschlagen kann. Dann beginnt die Lähmung.
02.04.2021
Corona-Pandemie
Deutschland genießt weltweit den Ruf eines gut organisierten, effizienten Landes mit tüchtigen Ingenieuren. Warum nur macht es in der Pandemie eine immer schlechtere Figur?
Wer seinen Plug-in-Hybridwagen so oft auflädt wie sein Handy, kann enorm Benzin sparen. In der Praxis aber sieht es anders aus.
31.03.2021
Elektromobilität
Die Autokonzerne preisen die Plug-in-Hybride als umweltschonend an. Dabei verbrennen diese ziemlich viel Benzin. Es ist, als hätten die Hersteller nichts aus dem Dieselskandal gelernt.
Ultrapragmatisch und deshalb sehr erfolgreich: Boris Johnson.
30.03.2021
Corona-Pandemie
Die nationalen Strategien gegen die Seuche unterscheiden sich stark. Die USA, Israel und Großbritannien glänzen mit ihrer Impfkampagne. Deutschland hängt im Lockdown fest. Das ist kein Zufall. Manche Regierungen agieren wie Unternehmer, andere wie Bürokraten.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • Patrick Kriegel ist Steuerberater und Geschäftsführer.
    14.04.2021
    Steuerberatungsgesellschaft Patrick Kriegel GmbH: Die aktiven Berater und Gestalter
    Die Kanzlei wurde vor 14 Jahren gegründet und besteht mittlerweile aus einem 25-köpfigen Team, das die Mandanten in allen Themen rund ums Steuerrecht und darüber hinaus unterstützt. Im Vordergrund stehen die individuelle Betreuung und Beratung der Mandanten. Dies ist die Philosophie der Kanzlei.
  • Sichern Sie sich Ihr Jeep-Teen-E-Bike zum Aktionspreis mit einer Ersparnis von 650 Euro
    07.04.2021
    Mit Rückenwind ins Frühjahr starten
    Was machen wir in den Ferien? Über dieser Frage grübeln aktuell wohl viele Familien. Eine spannende Alternative zum üblichen Reisen könnten in diesem Jahr Fahrradausflüge mit E-Bikes sein. Mit dem exklusiven Aktionspreis von Baden Online und der Elektro Mobile Deutschland GmbH sind auch die Teens...
  • Nur der Fachmann bietet Raumgestaltung aus einem Guss.
    27.03.2021
    Bester Service Ortenau, März 2021
    Wohnen und Leben bedeutet Individualität in allen Facetten, und das ist am schönsten in einem wertigen Umfeld. Die SCHORN MÖBEL GmbH in Fischerbach ist der ideale Partner fürs Wohnen und Arbeiten, denn der Experte für Holzverarbeitung bietet individuelle, nachhaltige und umweltfreundliche Möbel...
  • Urlaub zu Hause? Mit dem eigenen Pool kein Problem!
    27.03.2021
    Bester Service Ortenau, März 2021
    Machen Sie Ihr Zuhause zur Wellnessoase – mit eigenem Pool oder Whirlpool im Garten, einer Sauna oder Infrarotkabine in Wohnung oder Keller. Egal, welche Pläne Sie schmieden: Herfurth Pool & Co. in Appenweier ist der richtigen Partner.