Afghanistan

Blutiger Herbst in Afghanistan trotz Friedensgesprächen

Autor: 
dpa
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23. Februar 2021
Afghanisches Sicherheitspersonal inspiziert den Ort eines mutmaßlichen Bombenanschlags in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Foto: Rahmat Gul/AP/dpa

Afghanisches Sicherheitspersonal inspiziert den Ort eines mutmaßlichen Bombenanschlags in der afghanischen Hauptstadt Kabul. Foto: Rahmat Gul/AP/dpa ©Foto: dpa

2020 ist die Zahl der zivilen Opfer im Afghanistankrieg insgesamt zurückgegangen. Trotzdem schwindet die Hoffnung auf Frieden im Land. Die UN-Mission in Afghanistan registriert einen brutalen Herbst.

Kabul - Trotz der Aufnahme von Friedensgesprächen ist der Afghanistankonflikt im Herbst 2020 eskaliert.

Seit Beginn ihrer Aufzeichnungen registrierte die UN-Mission (Unama) keinen blutigeren November für Zivilisten im Land als jenen des Jahres 2020, wie aus einem am Dienstag veröffentlichten Jahresbericht hervorgeht.

"2020 hätte das Jahr des Friedens in Afghanistan werden können. Stattdessen starben Tausende afghanische Zivilisten durch den Konflikt", sagte Deborah Lyons, Sonderbeauftragte des UN-Generalsekretärs für Afghanistan.

Insgesamt sei die Zahl ziviler Opfer 2020 im Vorjahresvergleich zurückgegangen. Unama registrierte im vergangenen Jahr insgesamt 3035 getötete und 5785 verwundete Zivilisten im Afghanistankonflikt. Dies entspreche einem Rückgang von 15 Prozent im Vergleich zu 2019. Erstmals seit 2013 sei die Zahl der zivilen Opfer wieder unter 10 000 gefallen. Gleichzeitig verzeichnete die UN-Mission erstmals einen Anstieg der Gewalt im vierten Quartal im Vergleich zum dritten. Die Konfliktparteien hatten in den Jahren davor ihre Angriffe in der kalten Jahreszeit reduziert.

In Afghanistan bekämpfen die militant-islamistischen Taliban die vom Westen gestützte Regierung in Kabul. Außerdem ist seit einigen Jahren die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) in dem zentralasiatischen Land präsent. Die Taliban hatten Afghanistan zwischen 1996 und 2001 regiert. Eine von den USA angeführte Militärintervention nach den Al-Kaida-Anschlägen vom 11. September 2001 setzte ihrer Herrschaft ein Ende. Heute kontrollieren sie wieder weite Landesteile.

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Anfang 2020 hatten die USA mit den Taliban ein Abkommen unterzeichnet, das einen schrittweisen Abzug aller internationaler Streitkräfte vorsieht. Im Gegenzug verpflichtete sich die militante Gruppe zu Friedensgesprächen mit Afghanistans Regierung. Kritiker werfen den Taliban vor, andere Verpflichtungen im Abkommen zu verletzten. Die Nato-Staaten wollen daher ihren Einsatz in Afghanistan nun bis auf Weiteres fortführen.

Der blutigste Monat in 2020 war der UN-Mission zufolge der Oktober - also die Zeit nur wenige Wochen nach Beginn der afghanischen Friedensgespräche in der katarischen Hauptstadt Doha. Die Gespräche zwischen Unterhändlern der Republik und den militant-islamistischen Taliban kommen nur schleppend voran. Experten gehen davon aus, dass die Islamisten ihre militärische Stärke nutzen, um Druck am Verhandlungstisch auszuüben. Eine von der Regierung geforderte Waffenruhe lehnen die Taliban weiter ab.

Den Rückgang der Zahl der zivilen Opfer im vergangenen Jahr erklärt die UN-Mission unter anderem mit weniger großen Anschlägen. Seit ihrem Abkommen mit den USA Anfang 2020 hatten die Taliban in den Ballungszentren weitestgehend auf große Bombenanschläge verzichtet. Kritiker stellen eine Änderung ihrer Strategie fest und werfen den Taliban vor, ihre Gegner mit gezielten Tötungen zu ermorden. Überall macht sich im Land Hoffnungslosigkeit breit, die Angst vor einem neuen Bürgerkrieg nimmt zu. Viele junge Leute denken ans Auswandern.

Auch Unama beklagt gezielte Tötungen von Journalisten und Menschenrechtlern, deren Drahtzieher und Täter oft im Verborgenen bleiben. Für 62 Prozent der zivilen Opfer sind dem Bericht zufolge regierungsfeindliche Gruppen verantwortlich, die afghanische Armee für 22 Prozent. Internationale Streitkräfte hätten nur ein Prozent der getöteten oder verwundeten Zivilisten verursacht. Der Rest sei Opfer von Kreuzfeuer oder unbekannten Tätern geworden.

© dpa-infocom, dpa:210223-99-552950/3

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