Baden-Württemberg

Bürgermeister händeringend gesucht – Amt verliert Attraktivität

Autor: 
dpa
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02. Dezember 2019

Was, wenn im Sitzungssaal kein Bürgermeister sitzt? ©Archivfoto: Ulrich Marx

Lust, Bürgermeister zu werden? Viele geeignete Kandidaten und Kandidatinnen winken da ab. Laut einer neuen Studie büßt das Amt in Baden-Württemberg an Attraktivität ein. Woran liegt das?

Viel Arbeit, schwindendes Ansehen und zunehmende Anfeindungen im Netz: Im Südwesten hält sich die Bereitschaft, für das Amt des Bürgermeisters zu kandidieren, in Grenzen. Besonders in kleinen Kommunen mit weniger als 500 Einwohnern sieht der Politikwissenschaftler Vinzenz Huzel einen Bewerbermangel. Aber auch in größeren Gemeinden ist die Zahl der Kandidaten nach seinen Angaben oft überschaubar. Der Verband Baden-Württembergischer Bürgermeister forderte am Montag in Stuttgart eine bessere Bezahlung für die Bürgermeister in kleineren Orten. Verbandspräsident Michael Makurath (parteilos) beklagte aber auch einen zunehmend rüden Ton, den Bürger im Umgang mit dem Bürgermeister an den Tag legten.

„Kopf wird abgeschlagen“

«Das ist heute bei den jungen Menschen eine Frage, was sie sich und ihrer Familie zumuten wollen», sagte Makurath, der Oberbürgermeister in Ditzingen (Kreis Ludwigsburg) ist. «Es wird zunehmend erwartet, dass Sie, wenn Sie im Amt sind, auf allen denkbaren Kanälen erreichbar sind.» Und die Tonlage habe sich verändert. «Wenn Sie brieflich angeschrien werden oder bei WhatsApp angebrüllt werden, dann verursacht das eine neue Art von Stress, mit der Sie umgehen müssen.» Makurath befürchtete, dass es immer weniger geeignete Kandidaten für das Amt gibt - auch wegen des gesellschaftlichen Umgangs miteinander. «Wenn es so weitergeht, will keiner mehr den Kopf rausstrecken, weil ihm der gleich wieder abgeschlagen wird.»

Makurath verwies auf Elemente der direkten Demokratie auf kommunaler Ebene. In den Gemeinderäten gebe es eine große Verunsicherung. «Jede gegnerische Gruppe droht sofort mit Bürgerentscheid.» Zudem sei das Amt so, wie es heute oft ausgefüllt werde, nicht familienfreundlich. Das schrecke junge Frauen ab, obwohl ihr Anteil an den Absolventen der Hochschulen für Verwaltung mittlerweile sehr hoch liege. Die Frauen müssten sich das Amt zutrauen - und auch den Mut haben, es familienfreundlicher zu gestalten. Denn das ist für Makurath trotz aller Probleme auch klar: «Es gibt keinen schöneren und gestaltungsfreundlicheren Beruf als den des Bürgermeisters.»

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Seltener mit Verwaltungshintergrund

Der Wissenschaftler Huzel befragte im Jahr 2015 rund 530 Bürgermeister und wertete die Bürgermeisterwahlen zwischen 2008 und 2015 aus. Die Ergebnisse: Bürgermeister kommen zunehmend in höherem Alter ins Amt und haben seltener einen Verwaltungshintergrund. Der Anteil der Quereinsteiger ohne Verwaltungserfahrung nahm zwischen 1990 und 2015 von etwa 10 Prozent auf mehr als 35 Prozent zu. Der Frauenanteil im Bürgermeisteramt liegt immer noch unter 10 Prozent. Durchschnittlich gibt es bei Bürgermeisterwahlen zwei Bewerber. Nach Huzels und auch Makuraths Auffassung müssen sich die politischen Parteien stärker darum kümmern, geeignete Bewerber aufzubauen.

Bürgermeister sähen ihre politischen Gestaltungsmöglichkeiten und ihr Ansehen in der Öffentlichkeit schwinden. Hohe Arbeitszeiten, Stress und kaum Entwicklungsmöglichkeiten über das Amt des Bürgermeisters hinaus wurden laut Huzel als weitere negative Faktoren genannt.

Zu viele Bewerber gibt’s auch mal

Manchmal gibt es aber auch überraschend viele Bewerber: Zuletzt sorgte die Bürgermeisterwahl in Bad Herrenalb (Kreis Calw) für Wirbel, weil dort in diesem Herbst 35 Kandidaten antraten. Die meisten kamen allerdings von der Satirepartei Die Partei oder aus deren Umfeld. Makurath kritisierte, 35 Bewerber erschwerten den Ablauf - etwa bei der öffentlichen Vorstellung der Kandidaten. Zudem hätten alle zugelassenen Bewerber später das Recht, die Wahl anzufechten. Wahlanfechtungen verzögern den Amtsantritt eines gewählten Bürgermeisters. Makurath forderte, dass Kandidaten für das Bürgermeisteramt auch in Kommunen mit weniger als 20 000 Einwohnern zunächst Unterstützungsunterschriften sammeln sollten. Solche Unterschriften müssen schon in größeren Gemeinden vorgelegt werden. Das Gesetz solle geändert werden - zuständig dafür ist das Land.

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