Zum bundesweiten Vorlesetag

Das Buch ist tot - oder doch nicht?

Autor: 
dpa
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15. November 2019

©© dpa - Oliver Berg

Unsere Kinder daddeln nur noch am Smartphone und Computer. Lesen ist ihnen zu langweilig. Das hört man immer wieder. Doch stimmt das überhaupt?

Gebannt blicken die Kinder auf eine Leinwand, wo Bilder aus Michael Endes Geschichte »Das Traumfresserchen« aufleuchten. Vorhänge schirmen sie vom Trubel in der Bibliothek ab. Im Dunkeln lauschen sie dem Text, den Erich Kriebel ihnen vorliest. In der Nürnberger Stadtbibliothek ist an diesem Tag Bilderbuchkino. Eins von vielen niedrigschwelligen Angeboten, um Kindern Bücher schmackhaft zu machen, wie Bibliotheksleiterin Elisabeth Sträter es nennt. »Das macht es Kindern, die nicht so leseaffin sind, leichter.«

Kinder und Jugendliche in Deutschland lesen heute zwar nicht weniger als früher. Die Zeit, die sie mit Büchern verbringen, hat sich in den letzten 20 Jahren nicht verändert. Trotz Smartphone. Trotz Computerspielen. Doch nur ein Drittel der Kinder und Jugendlichen liest täglich oder mehrmals die Woche. Vor allem Jungs interessieren sich weniger für Bücher - was negative Folgen in der Schule haben kann. Denn Lesen will gelernt sein. Und das fängt nicht erst in der Grundschule an, wie Experten im Vorfeld des bundesweiten Vorlesetag am 15. November betonen.

Eine ganz wichtige Rolle spielt der Umgang mit Büchern zuhause, da sind sich Fachleute einig. »Wir wissen, dass die sprachliche Anregung im Elternhaus einen wichtigen Einfluss hat«, sagt Sascha Schroeder, Professor für Pädagogische Psychologie an der Universität Göttingen. Vor allem beim Vorlesen förderten Eltern das Sprachvermögen und damit die spätere Lesekompetenz ihrer Kindern. »Wichtig ist nicht unbedingt der Inhalt der Bücher, sondern die Gespräche über das Gelesene, also der Umgang mit Sprache und die Reflexion.«

15 Minuten - so lange sollten Eltern ihren Kindern täglich vorlesen, empfiehlt die Stiftung Lesen. Doch davon sind wir in Deutschland weit entfernt. Fast ein Drittel der Eltern lese nie oder selten vor, sagt Simone Ehmig, Leiterin des Instituts für Lese- und Medienforschung der Stiftung Lesen. »Wenig vorgelesen wird vor allem in Familien, wo Eltern selbst nicht gut lesen können oder nicht gerne lesen. Die Kinder bringen eine Bildungsbenachteiligung in die Schule mit, die sie später schwer aufholen können.«

Einmal im Jahr, am dritten Freitag im November, richten die Stiftung Lesen, die Wochenzeitung »Die Zeit« und die Deutsche Bahn Stiftung deshalb den Vorlesetag aus. Damit wollen sie darauf aufmerksam machen, wie wichtig Vorlesen ist - und wie viel Freude Bücher machen können.

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Verschiedene Bildungsstudien zeigen, dass ein beträchtlicher Teil der Kinder, Jugendlichen, aber auch Erwachsenen nicht ausreichend lesen kann. »Das lässt vermuten, dass es Menschen gibt, die nie zum Lesen finden«, sagt Ehmig. Auch das Geschlecht spielt dabei eine Rolle. Der KIM-Studie 2018 zufolge, für die der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest 1200 Kinder im Alter von 6 bis 13 Jahren befragte, lesen fast 60 Prozent der Mädchen regelmäßig ein Buch, bei den Jungen sind es nur rund 40 Prozent.

»Anfangen tut das Ganze schon mit der Motivation, in der Freizeit ein Buch in die Hand zu nehmen«, sagt der Nürnberger Erziehungswissenschaftler Wolfgang Tischner. »Jungen lesen anders als Mädchen.« Während sich Mädchen gerne in Charaktere einfühlen, bevorzugen Jungen in der Regel Abenteuer- und Heldengeschichten mit viel Action. Auch Comics interessieren sie meist mehr als Romane, und Sachbücher, bei denen der Text mit Grafiken und Bildern aufgelockert ist. Bleiwüsten schrecken Jungs eher ab.

In Kitas und Schulen wird das oft kaum berücksichtigt: Dort dominierten Erzieherinnen und Lehrerinnen - und träfen unbewusst eine eher weibliche Bücherauswahl, erläutert Tischner. Der Erziehungswissenschaftler hat an der Technischen Hochschule Nürnberg viele Jahre zur Leseförderung für Jungen geforscht. Inzwischen ist er emeritiert, publiziert aber immer noch zum Thema. Seiner Erfahrung nach fehlt es den Jungen an Rollenvorbildern, denn auch zuhause lesen meist die Mütter vor. »Bei ihnen prägt sich ein: Lesen ist weiblich«, sagt Tischner.

Das bestätigt Erich Kriebel, bei der Nürnberger Stadtbibliothek stellvertretender Leiter der Kinderbibliothek. Dass er und ein anderer Kollege den Kindern beim Bilderbuchkino regelmäßig vorlesen könnten, sei ein seltener Glücksfall. »In der Schule, in der Buchhandlung, in der Bibliothek - überall, wo Jungs mit Büchern in Kontakt kommen, sind hauptsächlich Frauen.« Dabei bräuchten gerade sie Männer, die mit gutem Beispiel vorangingen.

»Etwa ein Drittel der Jungen sagt am Ende der Grundschule, dass Lesen langweilig ist und keinen Spaß macht«, sagt Kriebel. Ein Teufelskreis - denn gut lesen kann man vor allem dann, wenn man viel liest. Psychologe Schroeder sagt: »Das ist wie ein Muskel, der trainiert werden muss.«

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