Nachrichten

Das sind die deutschen Spitzenkandidaten für Europa

Autor: 
dpa
Lesezeit 8 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
26. Mai 2019
Wahlplakate con FDP, SPD und CDU zur Europawahl.

Wahlplakate con FDP, SPD und CDU zur Europawahl. ©dpa - Arne Dedert

Wer sind die Spitzenkandidaten aus Deutschland für die heutige Europawahl 2019? Wir stellen sie kurz vor.

MANFRED WEBER - Ehrgeiziger Strippenzieher mit leisen Tönen

Für sein größtes politisches Ziel in Brüssel war Manfred Weber (46) bereit für den größten Verzicht in Bayern: Als Horst Seehofer 2018 seinen Posten als CSU-Chef aufgab, überließ Weber kurzerhand Markus Söder den ersten Zugriff. Ausgerechnet Söder muss man sagen, denn Weber und er waren nie beste Freunde. So groß seine persönlichen Befindlichkeiten auch gewesen sein mögen, sein Ehrgeiz galt alleine einem Ziel: EU-Kommissionspräsident zu werden.

Diese Zielstrebigkeit ist - wie sein Talent als Strippenzieher im Hintergrund - eine von Webers besonderen Fähigkeiten. In der CSU hat der niederbayerische Katholik eine klassische Parteikarriere hinter sich. Von 2003 bis 2007 war er Chef der Jungen Union in Bayern, von 2008 bis 2016 niederbayerischer Bezirkschef - in der CSU-Hierarchie ein wichtiges Amt. 2002 zog er mit 29 Jahren in den bayerischen Landtag ein, bevor er 2004 erstmals ins EU-Parlament gewählt wurde. Seit 2015 ist Weber stellvertretender Parteichef, im EU-Parlament führt er die Fraktion der Europäischen Volkspartei (EVP).

KATARINA BARLEY (SPD) - Europäerin durch und durch

«Ich bin Europäerin durch und durch», versichert Katarina Barley auf ihrer Website. Kaum jemand kann das glaubhafter von sich behaupten als die gebürtige Kölnerin: Ihre Mutter ist Deutsche, ihr Vater Brite, studiert hat sie in Paris, und ihr Bundestagswahlkreis grenzt an Luxemburg. Augenzwinkernd bezeichnet sich die 50-Jährige schon mal als «Allzweckwaffe der SPD».

Die Juristin, die einige Jahre als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Bundesverfassungsgericht arbeitete, war bereits Generalsekretärin ihrer Partei, wechselte dann ins Amt der Familienministerin und fungiert seit der Neuauflage der großen Koalition als Bundesjustizministerin. Wenn es für die zweifache Mutter nun ins Europaparlament geht, dann zieht sie nicht alleine nach Brüssel. In einem Interview kündigte Barley an, dass ihr Ex-Mann und ihr jüngerer Sohn mitkommen werden: «Wir haben uns damals vorgenommen, als Eltern räumlich in der Nähe zu bleiben, bis die Kinder erwachsen sind.»

UDO BULLMANN - Der Mann der deutlichen Worte

Der 62-Jährige Udo Bullmann ist im SPD-Gespann mit Katarina Barley der Mann fürs Grobe. Bevor der Hesse 1999 ins Europaparlament einzog, dozierte er als Politikwissenschaftler in Gießen. In Straßburg und Brüssel hat er sich in den vergangenen 20 Jahren einen Ruf als Wirtschafts- und Finanzexperte erarbeitet. Seit gut einem Jahr führt Bullmann die sozialdemokratische Fraktion im Europaparlament als Vorsitzender an.

In Brüssel ist Bullmann deutlich bekannter als in Deutschland. Seine Europabegeisterung ist nach eigenen Angaben in jungen Jahren - mit den 68ern - gewachsen. Als Schüler habe er den «Geist der anti-autoritären Bewegung» inhaliert. Angesichts der zuletzt mageren Umfrageergebnisse für die Sozialdemokraten übte sich Bullmann mehrfach in Durchhalteparolen: «Lasst Euch nicht einreden, das ist alles so trübe mit den Sozialdemokraten in Europa. Wir kommen zurück.»

SKA KELLER - Sprachtalent vom linken Grünen-Parteiflügel

Die 37-Jährige führt nicht nur die deutschen Grünen in den Europa-Wahlkampf, sondern ist auch schon zum zweiten Mal Spitzenkandidatin der europäischen Grünen. Die studierte Islamwissenschaftlerin und Turkologin spricht Englisch, Französisch und Spanisch, Katalanisch und Türkisch. Verheiratet ist sie mit einem Finnen. Keller zog 2009 mit erst 27 Jahren erstmals ins EU-Parlament ein. Seit Ende 2016 ist sie Fraktionschefin der Grünen/EFA-Fraktion dort.

Bei den Grünen zählt Keller zum linken Parteiflügel. Sie engagiert sich besonders in der Migrations- und Handelspolitik und sitzt im Innenausschuss des EU-Parlaments. Sie wurde im brandenburgischen Guben an der polnischen Grenze geboren. «Als Ossi weiß ich, dass Demokratie erstritten werden muss. Und dass man sie immer wieder verteidigen muss», schrieb sie in ihrer Bewerbung für die deutsche Wahlliste. Sie wisse, «was es heißt, wenn Grenzen Menschen trennen und wie großartig es ist, wenn Europa sie zusammenbringt».

SVEN GIEGOLD - Attac-Mitbegründer mit «Stofftiertick»

Seine politischen Wurzeln hat der 49-Jährige Sven Giegold in der Jugend-Umweltbewegung. Er gründete den deutschen Ableger der globalisierungskritischen Organisation Attac mit. Seit 2009 sitzt Giegold für die Grünen im Europaparlament. Geboren wurde er auf Gran Canaria, aufgewachsen ist er in Hannover. Er ist verheiratet und hat zwei Söhne. Parteiintern ist er für einen «Stofftiertick» bekannt, wir er es selbst nennt.

- Anzeige -

Dem Thema Umwelt ist Giegold treu stets geblieben, obwohl er im EU-Parlament vor allem als Wirtschafts- und Finanzexperte arbeitet. Er zieht das Leben auf dem Land dem in der Großstadt eigentlich vor, wie er sagt, und baut gerade einen Hof im niedersächsischen Stedorf ökologisch um. Außerdem fährt er viel Fahrrad, einen Führerschein hat er gar nicht. Giegold will nach eigenen Worten den «Sonntagseuropäern» den Kampf ansagen, die sich proeuropäisch geben, wenn es nicht um die Beiträge der Nationalstaaten geht.

MARTIN SCHIRDEWAN - Der Mann aus dem Osten

Der 43-Jährige Berliner sitzt bereits seit 2017 im Europäischen Parlament. Dort ist er zuständig für Wirtschafts- und Währungsfragen, beschäftigt sich mit Finanzkriminalität und Steuerhinterziehung. Der promovierte Politikwissenschaftler ist auch Mitglied im Parteivorstand der Linken.

Für eine humane Flüchtlingspolitik und «gute Arbeit» sowie gegen Rechts setzt er sich auch außerparlamentarisch ein. Politik liegt Schirdewan quasi im Blut: Sein Großvater Karl Schirdewan war Politiker in der DDR. Zwischenzeitlich galt er als zweiter Mann hinter Walter Ulbricht, stand diesem aber kritisch gegenüber, trat für ein vereinigtes Deutschland ein und wurde aus der SED ausgeschlossen.

ÖZLEM ALEV DEMIREL - Gewerkschafterin mit Migrationshintergrund

Die 35-Jährige Özlem Alev Demirel ist Gewerkschaftssekretärin bei Verdi und war bis 2018 vier Jahre lang Landesvorsitzende der Linken in Nordrhein-Westfalen. Schon als Schülerin organisierte sie Anti-Nazi-Proteste und Bildungsstreiks und gründete Schülerinitiativen gegen Krieg.

Heute engagiert sich die Mutter zweier Kinder vor allem für Arbeits- und Sozialpolitik, kämpft für höhere Mindestlöhne und einen sozial-ökologischen Wandel. Ihr Migrationshintergrund - 1989 flüchtete ihre Familie aus politischen Gründen aus der Türkei - mache sie nicht automatisch zur Migrationspolitikerin, sagt Demirel. Doch er beeinflusse ihre politische Haltung.

JÖRG MEUTHEN - Europaskeptiker im EU-Parlament

Seinen Aufstieg an die Spitze der AfD hat Jörg Meuthen (57) dem Aufstand gegen Parteigründer Bernd Lucke zu verdanken. Nachdem Frauke Petry und ihre Verbündeten Lucke im Juli 2015 auf einem hitzigen Parteitag in Essen kaltgestellt hatten, wurde für den Co-Vorsitz ein Vertreter des wirtschaftsliberalen Parteiflügels gesucht. Da griff der Wirtschaftswissenschaftler zu. In den Jahren 2016 bis 2018 rückte Meuthen näher an den rechtsnationalen Parteiflügel um den Thüringer AfD-Landeschef Björn Höcke heran, der in dieser Zeit an Einfluss gewann. Meuthen besuchte das jährliche Kyffhäuser-Treffen der «Flügel»-Leute, schimpfte auf das «links-rot-grün verseuchte 68er-Deutschland» und behauptete, er sehe in seiner Heimatstadt «nur noch vereinzelt Deutsche».

An Spekulationen über einen Austritt Deutschlands aus der EU beteiligt er sich nicht. Im Februar zog er eine Grenze ein, als er auf einem Landesparteitag betonte, antisemitische und rassistische Positionen hätten in der AfD nichts verloren. Ärger bereitet ihm eine von der AfD nicht als Spende deklarierte Werbekampagne für seinen Landtagswahlkampf 2016, die von der Bundestagsverwaltung als illegal eingestuft wird. Meuthen hat fünf Kinder und ist in dritter Ehe verheiratet.

NICOLA BEER - Schon früh europäisch unterwegs

In ihrer kurzen Berliner Zeit spiegelt sich das Faible von Nicola Beer für Europa auf den ersten Blick nicht wider - in ihrem Lebenslauf schon. Die erst 2017 in den Bundestag gekommene Juristin sitzt hier im Bildungs- und im Kulturausschuss. Von 2009 bis 2012 war die heute 49-Jährige aber in der hessischen Landesregierung Staatssekretärin für Europaangelegenheiten. In dieser Zeit saß sie auch im Europäischen Ausschuss der Regionen, einem beratenden Gremium der EU.

Dass Beer 1989 in Frankfurt ein deutsch-französisches Abitur gemacht hat, kann in Brüssel und Straßburg auch nicht schaden. Ein «politisches Schwergewicht» nannte Parteichef Christian Lindner die Mutter von zwei Kindern nach ihrer Nominierung zur Spitzenkandidatin. Das muss Beer - bis zum 26. April Generalsekretärin ihrer Partei - noch unter Beweis stellen: Bei der Europawahl 2014 holte die FDP maue 3,4 Prozent und 3 Sitze. An griffigen Parolen («Europa ist zu wichtig, um es den Populisten zu überlassen.») fehlt es Beer nicht.

Mehr im Internet:

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

vor 12 Stunden
Interview mit Energieökonomin
Droht nach den Drohnenangriffen auf zwei Ölanlagen in Saudi-Arabien ein neuer Ölpreisschock? Energieökonomin Claudia Kemfert rechnet im Interview mit Folgen für Verbraucher und die Wirtschaft – allerdings mit einer Einschränkung.
Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik in Bonn.
vor 15 Stunden
Berlin/Bonn
Vertrauliche Gespräche können Mitarbeiter von Behörden künftig mit einer Verschlüsselungs-App der Deutschen Telekom auch auf dem iPhone führen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) habe die Mobile Encryption App freigegeben, teilte die Telekom mit.
Sichergestellte Waffen und ein Schild der Neonazi-Gruppe «Combat 18» im schleswig-holsteinischen Landeskriminalamt.
vor 16 Stunden
Berlin
Der niedersächsische Innenminister Boris Pistorius (SPD) pocht auf ein Verbot der rechtsextremen Gruppierung «Combat 18». «Wenn wir "Combat 18" verfassungsfest verbieten können, sollten wir das so schnell wie möglich tun», sagte Pistorius der Zeitung «taz» (Montag).
Am Unfallort liegen Blumen zum Gedenken an die vier Toten.
vor 16 Stunden
Berlin
Nach dem Aufsehen erregenden tödlichen Autounfall mit einem SUV in Berlin ist die Wohnung des Fahrers von Polizei und Staatsanwaltschaft durchsucht worden.
Die Grafik veranschaulicht den Weg, den Sterne am Rand eines schwarzen Lochs nehmen.
vor 18 Stunden
Los Angeles
Das gigantische Schwarze Loch im Zentrum unserer Milchstraße gönnt sich derzeit ein ungewöhnlich reichhaltiges Mahl. Das schließen Astronomen aus einem plötzlichen Helligkeitsausbruch des Massemonsters: Es leuchtet so hell wie nie seit Beginn der Beobachtungen.
Weißhelme des syrischen Zivilschutzes tragen ein verletztes Kind aus den Trümmern eines zerstörten Gebäudes in der Provinz Idlib.
vor 18 Stunden
Damaskus
In wenigen Wochen beginnt für die Flüchtlinge in Syriens letztem großen Rebellengebiet Idlib wieder die Zeit, in der sie besonders leiden müssen.
Eine mathematische Formel: 42 = x³ + y³ + z³ - gelöst wurde sie erst vor kurzem und mit allerhand Aufwand.
vor 19 Stunden
Bristol/Cambridge
So schwierig sieht es doch nicht aus, gerade für eine mathematische Formel: 42 = x³ + y³ + z³ - doch gelöst wurde sie erst vor kurzem und mit allerhand Aufwand.
Karl-Heinz Brunner war der einzige Einzelbewerber auf den SPD-Parteivorsitz.
vor 19 Stunden
Berlin
Der SPD-Bundestagsabgeordnete Karl-Heinz Brunner zieht seine Kandidatur für den SPD-Vorsitz zurück.
Unterstützer des inhaftierten tunesischen Präsidentschaftskandidaten und Medienmoguls Nabil Karoui feiern nach den ersten Wahlergebnissen.
vor 19 Stunden
Tunis
Die Präsidentenwahl in Tunesien mit völlig offenem Ausgang hat bei den Wählern des nordafrikanischen Landes nur ein geringes Interesse hervorgerufen.
Ursula von der Leyen, zukünftige Präsidentin der Europäischen Kommission, hat Kritik für die Berufsbezeichnung ihres Vizepräsidenten geerntet.
vor 19 Stunden
Brüssel
Die künftige Kommissionschefin Ursula von der Leyen hat den umstrittenen Titel ihres designierten Vizepräsidenten zum «Schutz der europäischen Lebensweise» verteidigt.
Männer in einer Aufnahmeeinrichtung für Flüchtlinge.
vor 19 Stunden
Wiesbaden
Die Zahl der vom Staat unterstützten Asylbewerber ist in Deutschland im vergangenen Jahr erneut deutlich gesunken. Rund 411.000 Personen bezogen zum Jahresende 2018 Regelleistungen nach dem Asylbewerberleistungsgesetz, wie das Statistische Bundesamt mitteilte.
vor 19 Stunden
Baden-Baden
Unbekannte haben am Freitagnachmittag vor einem Einkaufsladen in der Rheinstraße in Baden-Baden einen angeleinte Hund gestohlen. Die Polizei ist nun auf Zeugenhinweise angewiesen.

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • 10.09.2019
    Feiern in Dirndl und Lederhose
    Fürs Oktoberfest nach München fahren? Das muss nicht sein! Denn die »Wunderbar« in Neuried-Altenheim holt das Event am 2. und 5. Oktober stilecht in die Ortenau – im beheizten Zelt mit Maßbier, Haxn und Live-Band.
  • 06.09.2019
    Die Edelbrennerei Wurth in Neuried-Altenheim feiert Mitte September ihr 100-jähriges Bestehen. 
  • Auch eine neue Brennerei wird am 14. September eingeweiht und vorgestellt.
    30.08.2019
    Am 14. und 15. September
    Die Edelbrennerei Wurth in Neuried-Altenheim feiert Mitte September ihr 100-jähriges Bestehen. Dafür öffnet Inhaber Markus Wurth ein Wochenende lang seine Tore und bietet außerdem exklusive Editionen seiner Kreationen an. 
  • 28.08.2019
    Relaxen und Genießen im Renchtal
    Das Ringhotel Sonnenhof in Lautenbach im Renchtal begrüßt seine Gäste mit einer einzigartigen Kulisse am Fuße des Schwarzwaldes. Ob im Restaurant, bei den Spa-Angeboten, für Tagungen oder Hochzeiten – der Sonnenhof ist die ideale Adresse zum Relaxen und Genießen.