Berlin/Halle

Die tödliche Gefahr aus dem 3D-Drucker

Autor: 
dpa
Lesezeit 4 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
11. Oktober 2019
Cody Wilson, Gründer von Defense Distributed, hält eine Kunststoff-Pistole aus einem 3D-Drucker mit der Bezeichnung «Liberator» in seinem Laden.

Cody Wilson, Gründer von Defense Distributed, hält eine Kunststoff-Pistole aus einem 3D-Drucker mit der Bezeichnung «Liberator» in seinem Laden. ©dpa - Eric Gay/AP/dpa

Die Waffen des Attentäters von Halle versagten immer wieder. Auf seinem Video, das Stephan B. live ins Internet streamte, hörte man ihn immer wieder laut fluchen. «Wasn falsch? Meine Fresse, Mann, lad! Ach, Scheiße.»

Hätten sich vor allem die beiden selbst gebauten Maschinenpistolen nicht immer wieder verhakt, wären bei der Bluttat von Halle mit hoher Wahrscheinlichkeit noch viel mehr Opfer zu beklagen gewesen.
In seinem Manifest, das der Täter auf der Website Kohlchan - dem deutschen Pendant der umstrittenen US-Plattform 8chan - hochgeladen hatte, beschrieb er detailliert sein Waffenarsenal. Darunter befanden sich zwei Maschinenpistolen nach Entwürfen des britischen Waffenaktivisten Philip Luty, der damit für den freien Besitz von Feuerwaffen demonstrieren wollte.

Während die «Luty SMG 9mm Parabellum» des Attentäters aus Halle komplett aus Metallteilen bestand, war die zweite Luty-Maschinenpistole auch mit Plastikteilen aus dem 3D-Drucker gebaut worden. Einen Drucker haben die Fahnder in den Wohnräumen von Stephan B. entdeckt. Der Täter setzte aber nicht nur auf Hightech, sondern auch auf ganz einfache Technik: Zu seiner Ausstattung gehörte eine sogenannte Slam-Bang-Shotgun, die im Kern nur aus zwei Rohren und einem simplen Auslöser besteht.

Waffen aus dem Drucker

Waffen aus dem 3D-Drucker sind seit Jahren ein Thema: 2013 stellte der Texaner Cody Wilson die Pläne für eine Waffe aus dem 3D-Drucker ins Netz. Der Waffennarr und Aktivist wurde dabei von der Waffenlobby-Organisation Second Amendment Foundation unterstützt. Seine einschüssige Plastikpistole «Liberator» (Befreier) löste weltweit große Befürchtungen aus: Nicht nur, weil sich mit den digitalen Bauplänen quasi jeder eine Waffe beschaffen kann, sondern auch, weil die Pistole aus Kunststoff von klassischen Metalldetektoren an Sicherheitsschleusen nicht erkannt wird.

Die 3D-Drucker-Technik macht es deutlich einfacher, Waffen selbst zu bauen. Im Vergleich zu den Selbstbauwaffen aus Blech und Stahl können Waffen aus dem 3D-Drucker auch ohne handwerkliches Geschick gebaut werden. Die Maschinen «drucken» die Waffenteile im Schichtdruckverfahren aus Kunststoff auf Zehntel- bis Hundertstelmillimeter genau, können also viel präziser arbeiten als Laien, die nicht über eine klassische Büchsenmacher-Ausbildung verfügen.

Bislang konnten die verwendeten Kunststoffe in der Regel nicht dem hohen Druck widerstehen, der beim Abfeuern einer Patrone entsteht. Deshalb setzte die Waffenbauerszene auf Hybridwaffen, die Metallteile für Lauf und Kammer mit Plastikteilen für das Magazin oder den Schaft der Waffe kombinieren. Auch bei der «Plastic Luty» des Halle-Attentäters handelte es sich um ein Hybrid-Modell aus Plastik und Metall.

- Anzeige -

Es ist allerdings absehbar, dass künftig auch komplexere Waffen komplett im 3D-Drucker gefertigt werden können. Die verwendeten Kunststoffe widerstehen immer höheren Temperaturen und halten auch größerem Druck stand als frühere Generationen. Baupläne und 3D-Druckvorlagen für die 3D-Drucker-Waffen kursieren im Internet. Interessenten müssen sich dazu nicht einmal unbedingt im «Darknet» bewegen, sondern werden auch im offenen Web fündig.

Missbrauch nicht hinnehmen

Hersteller von 3D-Druckern wollen den Missbrauch ihrer Geräte durch Waffennarren und Extremisten nicht länger hinnehmen. So kämpft der führende französische Hersteller Dagoma mit manipulierten Bauplänen gegen die Fertigung von Schusswaffen. «Die von uns veränderten Waffendateien sehen genau wie das Original aus, die fertig gedruckten Produkte allerdings sind nicht brauchbar», sagte Dagoma-Mitbegründer Matthieu Régnier. Diese «falschen» Schusswaffenmodelle seien bereits 13.000 Mal heruntergeladen worden.

Der Szene dürfte es aber auch künftig gelingen, im Netz Baupläne für Waffen aus dem 3D-Drucker aufzuspüren, die nicht manipuliert wurden - auch weil es dem radikal-liberalen US-Waffennarr Cody Wilson immer wieder gelingt, sich gegen Verbotsanträge durchzusetzen. Im Juni 2018 schloss die US-Regierung unter Präsident Donald Trump einen Vergleich mit Wilson, der ein Verbot aus der Amtszeit von US-Präsident Barack Obama außer Kraft setzte. Allerdings versuchen verschiedene US-Bundesstaaten, die Verbreitung der 3D-Baupläne zu stoppen.

Wilson verkauft seit 2018 über eine separate Firma Bausätze, Software und eine spezielle CNC-Maschine für solche Waffen, die nicht aus dem Drucker kommen. Im Angebot ist ein Bausatz für ein halbautomatisches Sturmgewehr, das dem AR-15 nachempfunden ist. Mit dem AR-15 mordeten etwa die Todesschützen in Parkland und Las Vegas.

Der britische Waffen-Aktivist Philip Luty, der die Vorlagen für die Waffen in Halle geliefert hat, erlebte die 3D-Drucker-Ära nicht mehr. Er starb 2011 an den Folgen einer Krebserkrankung, kurz bevor er sich vor einem Gericht in Großbritannien wegen einer Terrorismusklage verantworten musste.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

Bundesinnenminister Horst Seehofer: «Wir brauchen einen Neuanfang für die Migrationspolitik in Europa.».
vor 1 Stunde
Berlin
Bundesinnenminister Horst Seehofer will Pläne für eine grundsätzliche Reform des europäischen Asylsystems vorantreiben.
In Sacaba gehen bolivianische Sicherheitskräfte gegen Anhänger des ehemaligen Präsidenten Evo Morales vor.
vor 1 Stunde
La Paz
Im Machtkampf in Bolivien haben Anhänger des zurückgetretenen linksgerichteten Präsidenten Evo Morales die konservative Übergangspräsidentin Jeanine Áñez ultimativ zum Rücktritt binnen 48 Stunden aufgefordert.
Robert Habeck spricht beim Bundesparteitag der Grünen in Bielefeld.
vor 2 Stunden
Berlin
Der Grünen-Co-Vorsitzende Robert Habeck hat den Abschied seiner Partei von der schwarzen Null verteidigt. Im Licht einer schwächelnden Wirtschaft und größerer Investitionen der Nachbarländer müsse auch hier mehr investiert werden, sagte Habeck am Montag im Deutschlandfunk.
Einsatzfahrzeuge von Polizei und Feuerwehr am Tatort in Fresno.
vor 2 Stunden
Fresno
Vier Menschen sind im US-Staat Kalifornien in einem Garten von einem Unbekannten erschossen worden. Weitere sechs Personen seien nach ersten Ermittlungen durch Schüsse verletzt worden, teilt Polizei-Chef Michael Reed am Sonntagabend (Ortszeit) in der Stadt Fresno mit.
Unfallort in München: Auf der Flucht vor der Polizei missachtet ein Autofahrer mehrere rote Ampeln und rast in eine Gruppe Jugendlicher.
vor 2 Stunden
München
Der 34-Jährige Autofahrer, der bei seiner Flucht vor der Polizei in München in eine Gruppe Jugendlicher fuhr, ist in ein psychiatrisches Krankenhaus verlegt worden.
Bundeswehrsoldaten im Norden Malis.
vor 3 Stunden
Brüssel
Deutschland wird sich dem Zwei-Prozent-Ziel der Nato bei den Verteidigungsausgaben im kommenden Jahr deutlich annähern.
Schneeräumung in Kals am Großglockner: In Österreich wächst aufgrund der starken Regen- und Schneefälle die Sorge vor gefährlichen Hangrutschungen auch in Wohngebieten.
vor 3 Stunden
Klagenfurt
Wegen heftiger Schnee- und Regenfälle spitzt sich die Lage in den österreichischen Bundesländern Kärnten und Tirol zu.
Demonnstranten blockieren eine Straße in Isfahan: Im Iran sind Tausende Menschen gegen die Rationierung und Verteuerung von Benzin auf die Straße gegangen.
vor 4 Stunden
Berlin/Teheran
Der iranische Präsident Hassan Ruhani hat gewaltsame Proteste gegen die Verteuerung und Rationierung von Benzin verurteilt. Zugleich äußerte er Verständnis für den Ärger der Menschen über die Maßnahme der Regierung.
Vor der Polytechnischen Universität Hongkong prallen Demonstranten und Polizei aufeinander.
vor 4 Stunden
Hongkong
Bei der neuen Welle der Gewalt in Hongkong ist es in der Nacht zu Montag zu schweren Auseinandersetzungen zwischen Demonstranten und der Polizei gekommen. Eine unbekannte Zahl von Aktivisten wurde festgenommen.
Mobilfunkmast bei Meisenheim in Rheinland-Pfalz.
vor 4 Stunden
Meseberg
Angesichts von Vorbehalten vor Ort gegen den Bau neuer Mobilfunkmasten will die Bundesregierung in die Offensive gehen.
Gerät in den Impeachment-Ermittlungen zunehmend unter Druck: US-Präsident Trump.
vor 4 Stunden
Washington
US-Präsident Donald Trump hat sich auf Twitter abschätzig über eine weitere Zeugin in den Impeachment-Ermittlungen geäußert.
vor 5 Stunden
Gastbeitrag
Knapper Wohnraum, hohe Mieten und explodierende Immobilienpreise: Das Thema Wohnen ist auf der Prioritätenliste der Politik ganz nach oben gerückt. Reiner Holznagel, der Präsident des Steuerzahlerbundes, sieht trotz aller Maßnahmen den Staat selbst in der Verantwortung. „Unsere Politik hat das...

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -
  • vor 16 Stunden
    Mit Video
    Bei Juwelier Thüm in Kehl wird der Trauringkauf ab sofort zum Erlebnis. Das Familienunternehmen investierte in den vergangenen Monaten in die Neugestaltung einer Trauringwelt, welche in der Region einmalig ist. Hier im Video ist das Ergebnis zu bestaunen!
  • 15.11.2019
    Achern
    Kaminöfen spenden nicht nur wohltuende Wärme, sondern verwandeln das Wohnzimmer auch in einen gemütlichen und romantischen Ort. Bei Süd-West-Kachelofenbau in Achern wird der Kunde vom ersten Treffen bis zur Fertigstellung des Traumofens bestens betreut. 
  • 15.11.2019
    Der Experte in der Region
    Das Motto: von Meisterhand – auserlesen, erstklassig und geschmackvoll. Der Anspruch: der Ansprechpartner für Uhren und Schmuck in der Region zu sein. Das ist Juwelier Spinner in Offenburg. Mit Leidenschaft und Präzision dreht sich seit 1992 alles um die liebsten Schmuckstücke und wertvolle Uhren.
  • 15.11.2019
    Lampen, Deko und Geschenke
    Das Zuhause so einrichten, wie es nicht jeder hat – dafür ist „Fischer: Lampen, Deko, Geschenke“ in Achern die perfekte Adresse. Ob im Vintage-, Industrie- oder Landhaus-Look – hier lässt sich finden, was es sonst nirgendwo gibt. Auch jetzt zur Weihnachtszeit!