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Doro Moritz hält nichts von Smartphone-Verbot an Schulen

Autor: 
Markus Fix
Lesezeit 7 Minuten
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11. August 2018
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©dpa

In Frankreich wurde vor Kurzem ein Smartphone-Verbot an Schulen beschlossen, weshalb das Thema auch in Deutschland diskutiert wurde. Die Mittelbadische Presse sprach darüber mit Doro Moritz, der Landeschefin der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW).

Frau Moritz, ich erreiche Sie gerade an Ihrem Smartphone. Schon praktisch, so ein Gerät, oder?
Doro Moritz: Ja, das Smartphone gehört zum Alltag sehr vieler Menschen dazu und es ist tatsächlich sehr praktisch.

In Frankreich soll es in Zukunft an Schulen nicht mehr zum Alltag gehören, zumindest für die jüngeren Schüler (siehe Kasten unten). Eine gute Idee?
Moritz: Mich haben die Pläne in Frankreich sehr überrascht und ich halte sie ganz und gar nicht für eine gute Idee. Es sind ja nicht nur die ganz jungen Kinder betroffen, sondern auch Schülerinnen und Schüler bis zu einem Alter von 15 Jahren. Und da sind die Smartphones doch inzwischen Teil des Alltags geworden, mit allen Vorteilen und Problemen. Deshalb muss Schule anders reagieren als nur mit Verboten von Smartphones, denn es ist doch sehr naiv zu glauben, man könnte Smartphones aus dem Alltag verbannen.

Wie könnte man denn reagieren?
Moritz: Frankreich hat sein Verbot ja unter anderem damit begründet, dass durch und mit Smartphones Mobbing stattfindet. Das sehen wir als Lehrerinnen und Lehrer natürlich auch in Deutschland. Die Antwort kann aber nicht sein, dass man versucht, von 8 bis 15 Uhr Mobbing durch Handys zu verhindern. Vielmehr muss durch eine verstärkte Medienbildung und durch Werte-Erziehung im Unterricht der Umgang mit digitalen Bildern und Nachrichten problematisiert und das Weiterschicken zum Zwecke des Mobbings  thematisiert und klar gemacht werden, wie verletzend und diskriminierend das ist und was es mit dem Mobbing-Opfer macht.

Sehen Sie eine Möglichkeit, Smartphones in den Unterricht zu integrieren?
Moritz: Das darf meiner Meinung nach nur gemacht werden, wenn Schülerinnen und Schüler, die kein Handy haben, nicht diskriminiert werden oder als diejenigen dastehen, die nicht mithalten können. Wenn eine Schule Medien einsetzt, dann muss die Schule auch sicherstellen, dass jede Schülerin und jeder Schüler Zugriff auf das Gerät hat, welches im Unterricht eingesetzt werden soll. 

Wäre es denn so schlimm, wenn das nicht der Fall wäre?
Moritz: Es kann nicht sein, dass einzelne Kinder, die noch kein Handy haben, nach Hause kommen und den Eltern sagen, sie brauchen für den Unterricht ein Smartphone. Das setzt die Eltern unter Druck, die aus finanziellen oder erzieherischen Gründen kein solches Gerät anschaffen wollen. Da lege ich schon großen Wert drauf, dass Schulen Unterrichtsmittel zur Verfügung stellen müssen. Und wenn das ein Handy ist und die Schule das nicht zur Verfügung stellen kann, dann darf es eben auch nicht eingesetzt werden.

Im Moment ist es ja so, dass jeder Lehrer oder jede Schule andere Regeln im Umgang mit Smartphones hat. Manchmal müssen sie abgegeben werden, manchmal nur lautlos gestellt werden, in der Tasche bleiben – was ist Ihre Vorstellung vom Umgang mit Smartphones?
Moritz: Wichtig ist, dass es klare Regeln gibt und dass Schülerinnen und Schüler ihre Handys während des Unterrichts nicht privat nutzen. Wenn das nicht eingehalten wird, muss es konsequent geahndet werden. Zum Beispiel muss man das Handy abgeben oder – im Wiederholungsfall – muss es schon zu Beginn des Unterrichts nach vorne auf das Pult gelegt werden.

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Das wird manchen Schülerinnen und Schülern wie eine Amputation vorkommen ...
Moritz: Ich bin der Meinung, dass Schülerinnen und Schüler es aushalten und auch lernen müssen, während des Unterrichts das Handy nicht zu nutzen. Denn das ist es ja, was unseren Alltag so negativ verändert. Dass jede eingehende Nachricht sofort zur Kenntnis genommen werden muss und dies wichtiger ist als das direkte Gegenüber oder eben in der Schule die Lehrerin, der Lehrer, der Unterricht. Schüler müssen lernen, ihr Handy bei sich zu haben und es trotzdem nicht jede Minute zu nutzen.

Haben Sie Verständnis für die Forderung mancher Eltern, dass ihr Kind immer am Handy erreichbar sein soll, auch in der Schule?
Moritz: Es gibt Situationen, in denen ich Verständnis dafür habe. Ich nehme aber wahr, dass das Kontrollbedürfnis von Eltern in den vergangenen Jahrzehnten deutlich zugenommen hat. Vor 40 Jahren hat das Leben und die Erziehung doch auch funktioniert, obwohl die Eltern nicht immer genau wussten, wo ihre Kinder sind, und umgekehrt. Das hat auch Selbstständigkeit, Eigenverantwortung und Planungskompetenz gefördert. Dass heutzutage viele Eltern ihre Kinder intensiv kontrollieren, viel zu viele Vorschriften machen und ihnen zu wenig Freiraum lassen, halte ich für eine absolut negative Entwicklung.

Also gilt das Argument der Immer-erreichbar-sein- müssen nicht?
Moritz: Nein, das gilt in meinen Augen nicht. Wenn es wirklich etwas Wichtiges gibt, wenn ein Kind in der Schule erreicht werden muss, dann kann ein Elternteil im Rektorat anrufen und fragen, ob eine Nachricht übermittelt werden oder das Kind zurückrufen kann. Aber sein Kind in der Fünf-Minuten-Pause anzurufen, weil morgens vergessen wurde, irgendeine Information weiterzugeben, das muss nicht sein.

Fänden Sie es eigentlich gut, wenn es in Baden-Württemberg eine landesweit geltende Regelung für den Umgang mit Handys an Schulen geben würde, so wie jetzt in Frankreich für den ganzen Staat?
Moritz: Nein. Ich bin mir auch sicher, dass es in Frankreich schwierig sein wird, dieses Verbot durchzusetzen. Was wird die Konsequenz sein, wenn Schülerinnen und Schüler ihr Handy doch dabei haben? Droht dann ein Schulausschluss? Oder noch Schlimmeres? Wird versucht, die Strafe einheitlich zu regeln, oder wird mir an Schule X nur das Handy abgenommen und an Schule Y habe ich einen Tag Schulverbot? Auch da wird wieder die Gerechtigkeitsfrage aufkommen. 

Welche Lösung gibt es denn für die Frage der Bestrafung?
Moritz: Bei Regeln ist entscheidend, dass sowohl mit den Schülerinnen und Schülern im Gespräch der Sinn der Regel vermittelt als auch mit den Eltern das Thema intensiv angegangen wird. Auch sie müssen schließlich ein Interesse daran haben, dass ihr Kind einen vernünftigen Umgang mit dem Handy lernt, dass es die Chancen, die Gefahren, die Risiken kennt. Eine gute Erziehungspartnerschaft zwischen Schule und Elternhaus kann dazu beitragen, dass Regeln akzeptiert werden und nicht zu Diskussionen führen. 

Gehen wir mal von der Situation aus, dass alle Schüler ein Smartphone haben oder eins von der Schule für den Unterricht gestellt bekommen. Es gibt ja inzwischen tolle Apps, die durchaus sehr hilfreich sein können, in Mathe zum Beispiel. Ist das die Zukunft, dass mit solchen Medien im Unterricht gearbeitet wird?
Moritz: Die Zukunft wird sicherlich sein, dass einerseits der Umgang mit den Medien in der Schule vermittelt wird, und dass durch sie tatsächlich auch attraktive Lernmaterialien zur Verfügung stehen. Allerdings sehe ich das als eine noch sehr weit entfernte Zukunft. Denn einerseits ist die Beschaffung der Endgeräte alleine schon ein großer finanzieller Faktor, bei dem völlig unklar ist, wer ihn stemmen soll. Und andererseits macht ja die Digitalisierung nur sehr langsame Fortschritte, in vielen Gegenden ist der Investitionsstau sowohl im Gebäudebereich als auch ganz speziell im technischen Bereich enorm groß. In Stuttgart besagen die Pläne zum Beispiel,  dass erst in acht Jahren an allen Schulen nach Renovierungen die technischen Voraussetzungen für digitale Medien geschaffen sind. Von einer zukunftsfähigen Medienwelt an Schulen sind wir also noch sehr weit entfernt.

Aber das geht ja sehr an der Lebensrealität der Schüler vorbei, die Smartphone und Co. täglich nutzen. Acht Jahre sind da schon ein Armutszeugnis, oder?
Moritz: Ja, das ist sehr ärgerlich. Dabei habe ich den Eindruck, dass die Öffentlichkeit die unzureichende Ausstattung der Schulen im Falle der Digitalisierung sehr viel mehr wahrnimmt als in anderen Bereichen. In denen sieht es ja nicht besser aus. Mich hat vor zwei Jahren eine Mutter angesprochen, deren Kinder in der fünften Klasse an der gleichen Schule eingeschult wurden wie sie damals. In einem Schulbuch, das eines ihrer Kinder ausgehändigt bekam, stand im Ausleihzettel noch der Name der Mutter. Das macht deutlich, wie hoch der Nachholbedarf bei Investitionen an Schulen im sächlichen Bereich je nach Schulträger insgesamt noch ist, und dass die Bildungsinvestitionen insgesamt entschieden zu niedrig sind.

Hintergrund

Die französische Regelung und die Reaktionen in Deutschland

Das französische Parlament hat vor Kurzem ein erweitertes Handyverbot in Schulen beschlossen. Das Gesetz verbietet grundsätzlich die Nutzung von Mobiltelefonen in allen Vor- und Grundschulen sowie in der Sekundarstufe I.
Die Kultusministerin von Baden-Württemberg, Susanne Eisenmann (CDU), will die Schule nicht zur absoluten Tabuzone für Handys erklären. »Ein generelles Handyverbot halte ich für falsch« sagte die Ministerin der dpa. »Handys sind Teil unseres Lebens. Und es gibt ja bei Eltern durchaus das berechtigte Interesse, ihre Kinder vor und nach dem Unterricht zu erreichen.«
»Ich bin der Überzeugung, dass die Schulen selbst entscheiden sollten, ob es ein partielles oder ein generelles Verbot im eigenen Haus geben soll«, sagte der Präsident der Kultusministerkonferenz (KMK), Thüringens Ressortchef Helmut Holter (Linke).
Hamburgs SPD-Bildungssenator Ties Rabe hält das Vorgehen der Franzosen für »Quatsch«. Schleswig-Holsteins Bildungsministerin Karin Prien (CDU) betont: »So eine zentralstaatliche Vorgabe ist uns fremd.« 
Sachsen-Anhalts Bildungsminister Marco Tullner (CDU) sagt: »Die Schulleitungen entscheiden das ganz individuell, was erlaubt und was verboten wird.« Schulen, die Handys etwa für Recherchezwecke gezielt im Unterricht einbauen wollten, sollten auch die Möglichkeit dazu haben. 
Die rheinland-pfälzische Bildungsministerin Stefanie Hubig (SPD) sieht das genauso: »Die Schulleiterinnen und Schulleiter wissen am besten, wie sie vor Ort an ihrer Schule mit dieser Frage umgehen.«
Einig sind sich die meisten Bildungspolitiker und der Bundeselternrat darin, dass Handys keine Störungen im Unterricht verursachen dürften und die Schüler auch nicht vom Lehrstoff ablenken sollten. Doch ganz von den Schulen verbannt werden sollen die Mobiltelefone demnach eben auch nicht. Die Schulen seien technisch noch nicht gut genug ausgerüstet, um ganz auf Mobiltelefone zu verzichten, sagt Elternrats-Chef Stephan Wassmuth.   
 

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