Halle/Saale

Eine Stadt im Ausnahmezustand - Angst und Entsetzen in Halle

Autor: 
dpa
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
09. Oktober 2019
Mehr zum Thema
Großeinsatz in Halle.

Großeinsatz in Halle. ©dpa - Sebastian Willnow/dpa-Zentralbild/dpa

Schwer bewaffnete Polizisten durchkämmen das beschauliche Paulusviertel im Norden von Halle. Etwa 30 Meter von einer Synagoge entfernt liegt eine Leiche, sie ist mit einer blauen Decke bedeckt. Daneben steht ein schwarzer Rucksack, an dessen Reißverschluss eine kleine Stoffente hängt.

Die Polizei hat das Gebiet weiträumig mit Flatterband abgesperrt. Am Himmel über der Innenstadt kreist ein Hubschrauber. Streifenwagen fahren mit Blaulicht durch das Villenviertel und fordern die Anwohner auf, Türen und Fenster geschlossen zu halten. Nach den Schüssen ist die Stadt mit knapp 239.000 Einwohnern im Ausnahmezustand. Die Situation ist am Mittwochmittag zunächst völlig unklar.

Die Polizei meldete, nach ersten Erkenntnissen seien zwei Menschen getötet worden. Mehrere bewaffnete Täter seien mit einem Auto auf der Flucht. Auch in Landsberg - rund 15 Kilometer von Halle entfernt - wurde geschossen, wie die Polizei bestätigt. Zu den näheren Umständen des Vorfalls in dem Ort im Saalekreis wollte sie zunächst nichts sagen. Augenzeugen berichteten, dass ein Täter in einen nahe gelegenen Döner-Imbiss geschossen habe.

Am frühen Nachmittag meldete die Polizei dann die Festnahme einer Person. «Bleiben Sie trotzdem weiterhin wachsam», twitterte die Polizei und rief die Bevölkerung auf, in ihren Wohnungen oder an ihrem Arbeitsplatz zu bleiben. Auch das mobile Warn- und Informationssystem Katwarn wendete sich mit einer «Gefahrendurchsage» an die Bevölkerung. «Gebäude und Wohnungen nicht verlassen. Von Fenster(n) und Türen fern bleiben!»

Im benachbarten Leipzig verschärfte die Polizei ihre Kräfte vor der Synagoge. Weitere Maßnahmen seien bislang noch nicht getroffen worden, hieß es von einem Polizeisprecher. Juden auf der ganzen Welt feiern derzeit den höchsten jüdischen Feiertag Jom Kippur.

- Anzeige -

In Halle harrten unterdessen nach Angaben des Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde, Max Privorotzki, Menschen in der Synagoge aus. Zum Zeitpunkt der tödlichen Schüsse sei das jüdische Gotteshaus voll besetzt gewesen, so Max Privorotzki zum «Spiegel». «Momentan sind 70 bis 80 Personen in der Synagoge», wurde Privorotzki zitiert.

Augenzeugen in Halle berichteten unterdessen von einem Täter, der einen Kampfanzug und eine Maschinenpistole getragen haben soll. Demnach soll es auch eine Explosion auf einem Friedhof gegeben haben.

Medien veröffentlichten Bilder des angeblichen Täters. Die in Halle erscheinende «Mitteldeutsche Zeitung» zeigte ein Foto, auf dem ein dunkel gekleideter Mann mit Helm und Stiefeln zu sehen ist, der ein Gewehr im Anschlag hat. Der Mitteldeutsche Rundfunk zeigte ein Video, auf dem womöglich derselbe Mann aus einem Auto aussteigt und mehrfach seine Waffe abfeuert.

Die Hintergründe der tödlichen Schüsse waren laut Bundesinnenministerium zunächst unklar. Die Bundesanwaltschaft übernahm die Ermittlungen, wie die Behörde in Karlsruhe auf Anfrage mitteilte. Sie ermittele wegen Mordes von besonderer Bedeutung. Ob es sich um eine antisemitische Tat handelt, sei noch unklar.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) brach seinen Besuch bei der EU in Brüssel ab. «Ich bin entsetzt über diese verabscheuenswürdige Tat», hieß es in einer Mitteilung. «Es wurden durch sie nicht nur Menschen aus unserer Mitte gerissen, sie ist auch ein feiger Anschlag auf das friedliche Zusammenleben in unserem Land. Mein Mitgefühl gilt den Angehörigen der Opfer.»

Mehr zum Thema

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

24.01.2020
Nachrichten
Das neue Coronavirus hat sich in große Teile Asiens und in die USA ausgebreitet. Nun hat der Erreger Europa erreicht: In Frankreich wurden zwei Fälle der dadurch verursachten Lungenkrankheit bestätigt.
24.01.2020
Rot am See
Im Nordosten Baden-Württembergs soll ein Mann sechs Menschen getötet haben – offenbar ausschließlich Verwandte. Polizei und Öffentlichkeit rätseln über das Motiv. Laut Bild-Zeitung stammen einige Opfer aus dem Raum Offenburg, die Polizei machte dazu aber keine Angaben.
Rauch steigt aus dem zum Teil abgebrannten Dachstuhl des drei-Sterne-Restaurants "Schwarzwaldstube", einen Tag nach dem Brand am 6. Januar.
24.01.2020
Nachrichten
Die Zerstörung der „Schwarzwaldstube“ in Baiersbronn ist nach dem gewaltigen Feuer am 5. Januar so massiv, dass die Polizei nicht vollständig aufklären kann, wie es zu dem Brand kam.
24.01.2020
Baden-Württemberg
Nach der schrecklichen Bluttat in Rot am See werden weitere Hintergründe bekannt. So soll der mutmaßliche Täter Teil einer alteingesessenen Familie sein, die Opfer allesamt Angehörige.
24.01.2020
Baden-Württemberg
Im baden-württembergischen Rot am See sind am Freitagmittag Schüsse gefallen. Nach ersten Informationen sind sechs Menschen ums Leben gekommen. Ein Tatverdächtiger wurde festgenommen. 
24.01.2020
Baden-Württemberg
Handys korrigieren automatisch, Schreibprogramme markieren Fehler. Ist es also nicht mehr so wichtig, Rechtschreibung zu pauken? Dazu gibt es in der Regierungskoalition ganz unterschiedliche Meinungen.
24.01.2020
Nach Pleite
Gute Nachrichten für Passagiere und Beschäftigte der Condor: Der Ferienflieger kann sich aus der Insolvenz von Thomas Cook in die Hände eines neuen Eigentümers retten. Die polnische Fluggesellschaft LOT übernimmt den angeschlagenen Ferienflieger.
24.01.2020
Grenzüberschreitende Kooperation
Dieser Tage ist der deutsch-französische Ausschuss für grenzüberschreitende Zusammenarbeit zum ersten Mal zusammengekommen. Das Sekretariat soll nun in Kehl eingerichtet werden.  
23.01.2020
Gernsbach
Böse Folgen hat ein Scherz für zwei Schüler in Gernsbach: Die beiden lösten in einer Sporthalle den Notruf aus, meldeten dann aber keinen Notfall, sondern bestellten zum Spaß einen Döner. Keine gute Idee.
23.01.2020
Straßburg
Seit zwei Jahren dürfen französische Kommunen ihre Parkplätze von privaten Firmen verwalten lassen. Doch Autofahrer klagen immer häufiger über fragwürdige Praktiken der Kontrolleure, die auch schon einen Behindertenausweis einfach ignorierten.
21.01.2020
„Bastion Social“
Eine verbotene rechtsextreme Vereinigung erwacht offenbar bei Straßburg zu neuem Leben: „Vent’Est“, zu Deutsch „Ostwind“, engagiert sich nach eigenen Angaben „für dein Volk und deinen Boden“. Doch das sei nur der Deckmantel.
20.01.2020
Baden Airpark in Rheinmünster
Eine Transporter-Fahrerin hat am Montagmorgen auf dem Gelände des Flughafens Karlsruhe / Baden-Baden in Rheinmünster ein privates Flugzeug gerammt. Es entstand ein Schaden im sechsstelligen Bereich. Schuld war jedoch nicht nur ein Fahrfehler der Frau. 

Das könnte Sie auch interessieren

- Anzeige -