Rochester

Elektrostimulation bringt Gelähmten zum Gehen

Autor: 
dpa
Lesezeit 3 Minuten
Jetzt Artikel teilen:
25. September 2018
Jered Chinnock (3.v.l) seht mit seinem Therapieteam in der Mayo Clinic. Mittels elektrischer Rückenmarkstimulation und 43 Wochen Rehabilitationstherapie konnte der Patient mit 331 Schritten 102 Meter zurücklegen.

Jered Chinnock (3.v.l) seht mit seinem Therapieteam in der Mayo Clinic. Mittels elektrischer Rückenmarkstimulation und 43 Wochen Rehabilitationstherapie konnte der Patient mit 331 Schritten 102 Meter zurücklegen. ©dpa - Teresa Crawford/AP

Ein Gelähmter kann mit etwas Hilfe wieder einige Schritt gehen. Mittels elektrischer Rückenmarkstimulation und 43 Wochen Rehabilitationstherapie konnte der Patient mit 331 Schritten 102 Meter zurücklegen.

Das berichtet ein Forscherteam von der Mayo Clinic in Rochester (Minnesota, USA). Allerdings benötigte er dafür einen Rollator und eine Unterstützung an der Hüfte durch einen Therapeuten. Das Team um Kendall Lee und Kristin Zhao präsentiert seine Technik im Fachjournal «Nature Medicine». Unbeteiligte Mediziner reagierten skeptisch.

Bei einer Querschnittlähmung ist das Rückenmark des Patienten so stark beschädigt, dass die Signale aus dem Gehirn nicht mehr oder kaum noch an die Beine weitergeleitet werden. Mit der elektrischen Rückenmarkstimulation versuchen Mediziner, die verletzte Stelle zu überbrücken. In dem in der Studie beschriebenen Fall war das Rückenmark nicht vollständig durchtrennt. Deshalb wollten die Forscher herausfinden, wie weit sie mit einer Rückenmarkstimulation kommen würden.

Die Mediziner gaben Elektroimpulse in verschiedene Beinmuskeln. Dabei entdeckten sie, dass ein einzelnes Stimulationsmuster nicht ausreicht. Sie entwickelten zwei unterschiedliche Muster, die so miteinander verzahnt wurden, dass der Patient die verschiedenen Phasen eines Schritts meistern konnte.

«Nach unserem Wissen ist die Verwendung der elektrischen Rückenmarkstimulation während des aufgabenspezifischen Trainings, einschließlich Steh- und Schrittaktivitäten, neu», schreiben die Forscher. Erforderlich seien nun weitere Untersuchungen mit einer größeren Zahl von Probanden, um deren Gültigkeit und Wirksamkeit zu bestimmen.

- Anzeige -

Norbert Weidner, ärztlicher Direktor der Klinik für Paraplegiologie am Universitätsklinikum Heidelberg, hält die Studie prinzipiell für gut gemacht. Der beobachtete Effekt sei wissenschaftlich allemal interessant, aber auch mit den gezeigten Fortschritten könne der Patient nicht seinen Alltag meistern. Zudem sei es eher eine Fallbeschreibung, da nur ein Patient an der Studie beteiligt gewesen sei. «Es ist außerdem ein spezieller Patient, so dass fraglich ist, inwiefern andere querschnittgelähmte Patienten in gleicher Weise trainiert werden können», sagte er der Deutschen Presse-Agentur.

Problematisch sei auch, dass es keine Rückkopplung über die Stellung der Beine im Raum ans Gehirn gebe, was für das sichere Gehen notwendig sei. Bei nicht vollständig Gelähmten, die unterhalb der verletzten Stelle am Rückenmark zumindest noch Bewegungen ausführen können, sieht Weidner ein größeres Potenzial für diesen Heilungsansatz.

Auch Jocelyne Bloch vom Centre Hospitalier Universitaire Vaudois in Lausanne (Schweiz) ist vom Ergebnis der Studie nicht ganz überzeugt. «Er kann mit viel Hilfe ein paar Schritte gehen - aber es gab keine neurologische Heilung», sagte sie mit Blick auf den Patienten. «Doch im Labor einige Schritte zu tun, bedeutet nicht, dass das auch zu Hause und im Alltag klappt und das Leben verändert. Wir sollten also wortwörtlich einen Schritt zurücktreten und die Ergebnisse in der Realität betrachten.»

Weitere Hinweise auf die grundsätzlichen Möglichkeiten und Grenzen der Methode gibt eine Studie, die zeitgleich im Fachmagazin «New England Journal of Medicine» erscheint. Darin berichten US-Forscher um Susan Harkema von der University of Louisville (US-Staat Kentucky) von vier querschnittgelähmten Patienten, die ebenfalls mit Elektrostimulation behandelt worden waren. Zwei von ihnen konnten nach intensivem Training wieder einige Schritte gehen, alle vier konnten zumindest selbstständig stehen. Neben der elektrischen Stimulation und dem Training war der Wille der Patienten für das Gehvermögen entscheidend: Sie mussten sich fest vornehmen zu gehen - sobald sie die mentale Absicht einstellten, konnten sie ihre Beine nicht mehr bewegen, berichten die Wissenschaftler.

Weitere Artikel aus der Kategorie: Nachrichten

Wirapol Sukphol, ehemaliger buddhistischer Mönch, zusammen mit Beamten der thailändischen Staatsanwaltschaft.
Bangkok
vor 7 Minuten
Ein in Thailand für seinen ausschweifenden Lebensstil bekannter Ex-Mönch ist wegen Vergewaltigung einer Minderjährigen zu 16 Jahren Haft verurteilt worden.
Ein Archäologe zeigt an einer Mauer in Pompeji die Kohle-Inschrift, die auf die Eruption des Vesuv im Jahr 79 verweist.
Rom
vor 37 Minuten
Der Vesuv ist womöglich später ausgebrochen als bisher gedacht und hätte damit auch Pompeji später verschüttet. Die Eruption des Vulkans bei Neapel könnte erst im Oktober 79 nach Christus passiert sein - und damit zwei Monate später als bisher angenommen.
Palästinensische Männer inspizieren am Ort des israelischen Luftangriffs die Schäden. 
Tel Aviv/Gaza
vor 1 Stunde
Bei israelischen Luftangriffen im Gazastreifen ist nach palästinensischen Angaben ein Mann getötet worden.
Der SPD-Landesvorsitzende Thorsten Schäfer-Gümbel zusammen mit dem hessischen Ministerpräsidenten Volker Bouffier.
Frankfurt/Main
vor 1 Stunde
Eineinhalb Wochen vor der Landtagswahl in Hessen treten Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU) und sein Herausforderer Thorsten Schäfer-Gümbel (SPD) zu einem TV-Duell im Hessischen Rundfunk an.
Männer arbeiten im Niger auf einem ausgedörrten Feld.
Berlin
vor 1 Stunde
Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen warnt vor einer Krise bislang ungeahnten Ausmaßes in der Sahelzone und deren Anrainerstaaten.
Ein Streifenwagen der Polizei am Hauptbahnhof in Köln.
Köln
vor 1 Stunde
Die Bundesanwaltschaft hat nach dem Brandanschlag und der Geiselnahme im Kölner Hauptbahnhof die Ermittlungen übernommen. Das bestätigte ein Sprecher der obersten deutschen Anklagebehörde.
Google ändert nach der Rekord-Wettbewerbsstrafe der EU-Kommission sein Geschäftsmodell beim Smartphone-Betriebssystem Android.
Mountain View
vor 1 Stunde
Google ändert nach der EU-Rekordstrafe sein Geschäftsmodell beim dominierenden Smartphone-Betriebssystem Android und lässt Hersteller erstmals für die Apps des Internet-Konzerns in Europa bezahlen.
Die Tower Bridge in London. Noch immer sind die Details des geplanten Brexit unklar.
Brüssel
vor 2 Stunden
Vor vier Wochen noch machte Donald Tusk eine strenge Ansage. «Die Stunde der Wahrheit in den Brexit-Verhandlungen wird der EU-Gipfel im Oktober», sagte der EU-Ratschef Mitte September nach einem mit Spannungen und Missverständnissen beladenen Treffen in Salzburg.
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder am Dienstag nach einer Sitzung der CSU-Landtagsfraktion in München.
München
vor 2 Stunden
Nur drei Tage nach der bayerischen Landtagswahl beginnen in München die ersten Sondierungsgespräche. Zunächst wollen Ministerpräsident Markus Söder und Parteichef Horst Seehofer im Landtag in München die Freien Wähler empfangen.
Ein Wachmann am Eingang des saudi-arabischen Konsulats in Istanbul.
Washington
vor 2 Stunden
Mehrere der von der Türkei identifizierten Verdächtigen im Fall des verschwundenen saudi-arabischen Journalisten Dschamal Chaschukdschi stammen einem Bericht zufolge aus dem direkten Umfeld des saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman.
Unwillkommene Post: Die Ankündigung einer Mieterhöhung. 
Karlsruhe
vor 4 Stunden
Ist eine Mieterhöhung rechtlich mit dem Abschluss eines Handy-Vertrags am Telefon vergleichbar? Der Bundesgerichtshof (BGH) befasst sich heute mit der Frage, ob ein Mieter seine Zustimmung zu einer Mieterhöhung widerrufen kann.
Nutzer in aller Welt hatten in der Nacht zu Mittwoch Probleme, YouTube-Videos abzurufen.
Berlin
vor 4 Stunden
Nutzer in aller Welt haben in der Nacht zu Mittwoch (MESZ) Probleme gehabt, Videos auf der Plattform Youtube abzurufen. So gab es unter anderem Störungsmeldungen aus Deutschland, Australien, Mexiko und den USA.