Polizei zur Vergewaltigung

Fall Freiburg: Hauptverdächtiger war als gefährlich bekannt

Autor: 
dpa
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02. November 2018
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Polizeipräsident Bernhard Rotzinger spricht während der Pressekonferenz im Fall der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung einer 18-Jährigen zu den Journalisten. Sie stellen die Abläufe des Ermittlungsverfahrens dar. ©dpa

Nach der mutmaßlichen Gruppenvergewaltigung einer 18-Jährigen in Freiburg ist die Polizei in Erklärungsnot. Hauptbeschuldigter ist ein Mann, der als Intensivtäter galt und gegen den Haftbefehl bestand. Doch die Beamten konnten ihn nicht fassen.

Der Hauptbeschuldigte war den Ermittlern seit mehreren Monaten als Intensivtäter bekannt. Der Haftbefehl gegen den heute 22 Jahre alten Syrer war schon ausgestellt, die Verhaftung für Ende Oktober terminiert. Doch bevor die Handschellen klickten, wurde der Mann erneut zum Straftäter. Er soll Mitte Oktober, genau zehn Tage vor der von der Polizei geplanten Verhaftung, in Freiburg eine 18-Jährige nach einem Discobesuch vergewaltigt und danach andere Männer in der Disco zu Vergewaltigungen animiert haben - auch diese sollen sich an der jungen, wehrlosen Frau vergangen haben. Insgesamt acht Männer sitzen in Untersuchungshaft. Von zwei weiteren Männern, die allerdings unbekannt sind, hat die Polizei nun Körperspuren gefunden.

Ermittler in Erklärungsnot

In dem Fall, der überregional Schlagzeilen macht, sind die Ermittler in den vergangenen Tagen in Erklärungsnot geraten. Eine rasche Verhaftung des Syrers, sagte Kriminaldirektor Bernd Belle am Freitag in Freiburg bei einer Pressekonferenz, hätte die mutmaßliche Gruppenvergewaltigung verhindert. Doch dass sich eine solche Tat ereignen könnte, sei nicht abzusehen gewesen. In den Tagen vor dem Verbrechen sei eine Verhaftung nicht möglich gewesen. Der Mann, der nun Hauptbeschuldigter ist, war untergetaucht. Die Polizei habe ihn nicht finden können. Am 23. Oktober, so Belle, wollten die Polizisten erneut anrücken und dann auch die Wohnung des Mannes durchsuchen.

«Dann haben uns die Ereignisse überrollt», sagte der Beamte mit Blick auf die mutmaßliche Gruppenvergewaltigung, die sich in der Nacht vom 13. auf den 14. Oktober ereignete - also zehn Tage vor der geplanten Polizeiaktion. Nachdem sich das 18 Jahre alte Opfer am Morgen nach den mutmaßlichen sexuellen Übergriffen bei der Polizei gemeldet habe, sei dann aber alles sehr schnell gegangen.

Frau war wohl ein Zufallsopfer

Acht Verdächtige wurden innerhalb von fünf Tagen festgenommen. Sie sitzen in Untersuchungshaft - sieben Syrer im Alter von 19 Jahren bis 29 Jahren und ein 25 Jahre alter Deutscher. Die meisten von ihnen sind laut Oberstaatsanwalt Michael Mächtel vorbestraft. Die Syrer wohnten in Flüchtlingsunterkünften in und um Freiburg.

Im Fokus steht der mutmaßliche Haupttäter, der vor wenigen Tagen 22 Jahre alt wurde und der als Flüchtling in Freiburg lebte. Er soll der Frau, die er nicht näher kannte, in der Disco etwas ins Getränk gemischt haben. «Sie war ein Zufallsopfer», sagte Chefermittler Belle. Sie sei wehrlos gewesen - auch weil sie zuvor Drogen, vermutlich Ecstasy, konsumiert habe. Sie sei mit dem Mann nach draußen gegangen. Nachdem dieser sich dort nach Mitternacht in einem Gebüsch an der Frau vergangen habe, sei er zurück in die Disco gegangen und habe andere Männern dazu animiert, die Frau ebenfalls zu vergewaltigen.

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Spuren am Opfer und dessen Kleidung werden noch untersucht. Zwei der insgesamt acht Verhafteten seien durch solche DNA-Spuren überführt worden, die anderen durch Zeugenaussagen und weitere Beweise. Neben den acht Verhafteten soll es mindestens noch zwei weitere Täter geben - von ihnen wurden DNA-Spuren gefunden. Nach diesen zwei Unbekannten sucht die Polizei nun, wie die Ermittler am Freitag mitteilten.

Die junge Frau, sagte Ermittler Belle, «wirkt für uns stabil». Sie werde von einer Opferschutzorganisation betreut. Am Morgen nach der Tat war sie gemeinsam mit einer Freundin zur Polizei gegangen und hatte Anzeige erstattet. Die Polizei gründete die Ermittlungsgruppe «Club», die das Verbrechen aufklären soll.

Mehrere Ermittlungen gegen Hauptverdächtigen

Der 22 Jahre alte Syrer, der mutmaßliche Haupttäter, war den Angaben zufolge seit Monaten wegen mehrerer Verbrechen im Visier der Ermittler. Im Sommer vergangenen Jahres soll er eine Bekannte gemeinsam mit zwei weiteren Männern sexuell missbraucht haben. Zudem habe es seit diesem Sommer mehrere Ermittlungsverfahren gegen ihn wegen Gewalttaten gegeben, darunter drei Körperverletzungen. Auch habe er in großem Stil mit Drogen gehandelt, deshalb sei er zeitweise observiert worden.

Er galt der Justiz zufolge als Intensivtäter, deshalb sei am 10. Oktober Haftbefehl erlassen worden. Weil für eine solche Verhaftung jedoch extra genügend Beamte sowie Spezialkräfte angefordert werden müssten, sei diese Aktion für den 23. Oktober geplant worden.

Polizeipräsident: Keine Garantie auf komplette Sicherheit

Der Fall hat, vor allem wegen des zunächst nicht vollstreckten Haftbefehls, eine politische Dimension erreicht. Baden-Württembergs Innenminister Thomas Strobl (CDU) sieht sich mit Rücktrittsforderungen konfrontiert. Der Minister trage die politische Verantwortung und müsse daher von seinem Amt zurücktreten, sagte FDP-Landtagsfraktionschef Hans-Ulrich Rülke. CDU-Landesgeneralsekretär Manuel Hagel wies diese Forderung zurück.

In Freiburg wollen Polizei und Stadt nun mit mehr Polizisten das Sicherheitsgefühl der Bürger verbessern, wie Polizeipräsident Bernhard Rotzinger sagte. Rund zwei Jahre nach dem Sexualmord an einer Studentin, für den ein junger Flüchtling später vom Freiburger Landgericht verurteilt wurde, habe das Sicherheitsgefühl gelitten, sagte Rotzinger. Und warnt gleichzeitig vor Illusionen: In einer Stadt mit rund 230.000 Einwohnern, in die am Wochenende zusätzlich mehrere Tausend Party-Pendler aus dem Umland strömten, sei Sicherheit «im Sinne einer Vollkaskoversicherung» nicht immer zu garantieren.

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